Die Herrenkramersche-Krippe (Dr. Winfried Hecht)

Rottweil ist eine Stadt mit Krippentradition. Unter ihren Kirchenkrippen fällt in der Kapellenkirche die Altarkrippe des Asam-Schülers Joseph Firtmair mit ein Meter hohen Brettfiguren von etwa 1730 ins Auge. Noch vor 100 Jahren gab es auch in jedem alten Rottweiler Stadtviertel zwei oder drei Krippen in Bürgerhäusern, die in der Weihnachtszeit zum Besuch einluden. Die wichtigste und „volkskundlich interessanteste“ unter ihnen ist sicher die „Herrenkramersche Krippe“.

Der Herrenkramer und seine Krippe

Die im Kern barocke Herrenkramersche Krippe ist heute benannt nach ihrem ersten nachweisbaren Besitzer, nach Franz Joseph Kramer (1813- 1873). Kramer stammte aus kinderreicher Familie und wurde im Rottweiler Lorenz-Ort groß.

Als Schuhmachergeselle lernte er auf der Walz die Schweiz, Bayern, Böhmen, Sachsen, Norddeutschland, das Rheinland und Italien kennen. Nach dem Militärdienst bei einem Esslinger Reiterregiment ließ er sich 1839 in seiner Vaterstadt nieder und heiratete. 1850 wurde er Spitalverwalter, musste dieses Amt jedoch nach Schwierigkeiten mit den Spital-Schwestern 1858 aufgeben. Danach ging es ihm nicht eben glänzend – als Mitglied des Feldgerichts, als Aufseher des städtischen Hopfengartens und als Agent einer englischen Feuerversicherung, bis er 1869 zum städtischen Polizeiwachtmeister gewählt wurde. 1872 kaufte er das oberste Stockwerk des Hauses Hauptstraße 58, nachdem er zuvor mit seiner Familie in einem sehr bescheidenen Haus in der Badgasse gewohnt hatte. Schon im folgenden Jahr starb er.

 

Gesamtansicht der Herrenkramerschen Krippe.

 

Von seinen fünf Kindern übernahm der älteste Sohn Viktor den Namen „Herrenkramer“ und das Herrenkramersche Haus. In seiner Wanderzeit hatte der „Herrenkramer“ zweierlei gelernt. Der demokratisch denkende, freisinnige Mann, der 1849 in den Rottweiler Bürgerausschuss gewählt wurde, wusste, wie man mit „besseren“ Leuten sprach, mit ihnen umging, wie man sich unter ihnen bewegte, und erhielt so seinen Zunamen. Dass seine Bildung sich jedoch nicht im Beherrschen von Konventionen erschöpfte, zeigen seine Interessen und seine Liebhabereien. Der „Herrenkramer“ schrieb über seine Gesellenzeit ein Wandertagebuch, er gehörte 1844 wohl zum „Verein der narrenlustigen Brüder“ und baute einen Fundus alter Rottweiler Narrenkleider und Larven auf, als dies noch nicht „in“ war. Schließlich machte er nachweislich seit 1865 jene Spielkrippe „lebig“, die seinen Namen erhielt und bis heute behalten sollte.

Zur Geschichte der Herrenkramerschen Krippe Das Aufstellen von Krippen brachten im Barock vermutlich die Jesuiten aus Bayern ins Schwäbische. Im oberschwäbischen Gutenzell wurde die Krippe um 1700 zur stehenden Bühne mit wechselnden Bildern. Die Franziskaner und die einzelnen Zweige ihres Ordens sorgten für die Verbreitung der Krippenfrömmigkeit in den Häusern und Familien. In Rottweil ließen sich die Jesuiten 1652 für 20 Jahre und 1692 endgültig nieder. Ihr Kolleg befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Badgasse, wo die Herrenkramersche Krippe erstmals nachweislich gespielt wurde. – 1627 gründeten die Kapuziner in Rottweil ihr Kloster, in ihrer Kirche ist für 1768 eine Krippe belegt. Die in der Herrenkramerschen Krippe gesprochenen Texte erinnern an Krippenspiele mit dem Thema „die christlichen Stände kommen nach Bethlehem“ in österreichischen Kapuzinerklöstern (Steyr, Graz u. a.). Außerdem ist der „arme Kapuziner“ eine besonders wichtige Figur der Rottweiler Krippe. – Schließlich könnte man an Hand der Beliebtheit der Herrenkramerschen Krippe bei Kindern und Alten zusammen mit der 8-jährigen Dienstzeit F.J.Kramers im Spital annehmen, dass sie von daher stammt und im frühen 19. Jahrhundert dort aufbe wahrt und „lebig“ gemacht wurde. 1865 schrieb der Herrenkramer seine Krippe zum Verkauf aus.

 

 

Vor der Einsiedelei des Armen Kapuziners, die an den Vorgängerbau von Ruhe Christi denken lässt.

 

 

Herrenkramers Krippe auf einer kolorierten Fotografie von etwa 1880, der frühesten bekannten Aufnahme des Rottweiler Kripples.

 

Dazu kam es nicht. Die Krippe zog mit Kramers Familie um in die untere Hauptstraße und blieb noch nach dem Tod des „Herrenkramers“ in dessen Haus unterhalb vom Spital in der Weihnachtszeit allgemein zugänglich. Ein koloriertes Foto von ihr aus der Zeit um 1880 hat sich erhalten. 1939 beschrieb August Steinhauser die Krippe erstmals. Ihr neuer Besitzer Joseph Baier verlegte sie in die Flöttlinstorstraße, wo sie bis 1970 von Paul und Miriam Hetzinger und ihrem Sohn betreut wurde. 1954 wurde sie im Stuttgarter Alten Schloss ausgestellt. Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem das Kripple nicht „lebig“ gemacht wurde, kaufte sie das Land Baden- Württemberg für das Rottweiler Stadtmuseum. Hier wurde sie wieder aufgebaut und in der Weihnachtszeit wieder zugänglich.

Die Krippe und ihre Figuren

Das Alter der Herrenkramerschen Krippe lässt sich nicht einheitlich für alle ihre Teile festlegen. Die Figur des Bärentreibers trägt die Jahreszahl 1759. Der Kapellenturm ist im Rahmen der Kulisse der Krippe noch mit der Zwiebelhaube zu sehen, die er 1762 wieder verlor. Die Predigerkirche trägt bereits einen barocken Dachreiter, den sie 1753 erhalten haben könnte. So wird die Krippe im wesentlichen um 1760 entstanden sein. Schwieriger sind die Figuren zu datieren: Die in Textil gekleideten Figuren dürften noch aus dem 18. Jahrhundert stammen, jünger scheinen jene aus Ton. Auch dieser Bestand wurde im 19. Jahrhundert ergänzt: Die Laterne des „kühnen Asiaten“ ist inschriftlich auf 1847 datiert. Der Typ des betenden Kapuziners mit dem beweglichen Kopf wurde um die gleiche Zeit in der Rhön hergestellt und auf Jahrmärkten verkauft. Der Herrenkramer hätte demnach den Figurenbestand planmäßig erweitert.

Auch der Spieltext der Herrenkramerschen Krippe weist spätere Ergänzungen auf. Der Brand im Kreuz (s’Kreiz brennt!) ereignete sich nachweislich im Dezember 1829 und das entsprechende Gebäude erinnert eher an die einstige Linde und könnte ursprünglich im Zusammenhang mit einer Herbergssuche eine Rolle gespielt haben. Das dem Küfer in den Mund gelegte „s’Kübele rinnt, s’Kübele rinnt“ wurde 1887 in Rottweils Schwarzwälder Bürgerzeitung veröffentlicht. Bis in die Gegenwart ist es beim Kripple-Lebigmachen üblich gewesen, Textzusätze zu improvisieren und auf anwesende Personen einzugehen. Nachweisen lässt sich auch an Hand des Figurenbestandes, dass neben den heute noch üblichen Szenen der Geburt Christi, der Ankunft der Dreikönige und der Hochzeit zu Kana weitere Szenen der Weihnachtsgeschichte gestellt wurden wie die Beschneidung Christi.

Von der Rückseite des Krippenberges aus werden Figuren mit Drahtführungen bewegt.

 

Das Lebigmachen der Herrenkramerschen Krippe Die am Krippenspiel beteiligten Figuren der Herrenkramerschen Krippe werden durch Führungsrinnen an Drahtstäben von der Rückseite des Krippenberges bewegt. Es sind dies der Kreuzwirt und s’Annamaregle, der Kemichfeger, der Doktor Eisenbart, der kühne Asiate, der Kauder, die Hexe von Rheinau, der Nachtwächter, der Jäger von Kurpfalz, der Küfer, der Büttel, der Bergmann im Stollen, das Jaköble und die Kathrin, ein Bürgersmann, der Holzhacker und natürlich der arme Kapuziner.

 

 

Vor dem Wirtshaus zum Kreuz: Der Kreuzwirt, das Annemaregle, der Kemichfeger und der Büttel.

 

 

Die Hochzeit zu Kana ist eine der eindrucksvollsten Szenen der Rottweiler Krippe. Hier kann man eine gewisse Parallele zu der Darstellung des gleichen Themas erkennen, die im Villinger Kloster St. Ursula zu finden ist.

 

 

Wenn sonntags die Krippe lebig gemacht wird, dann kommen die Besucher oft von weit her. Auch bei den Villingern ist ein Besuch im Rottweiler Heimatmuseum schon lange kein Geheimtipp mehr.

 

Die ihnen in den Mund gelegten Texte werden von den 3 bis 6 „Kripplesbuben“ hinter der Krippe gesprochen, wobei auf absolute Texttreue kein Wert gelegt wird, sondern eher Improvisationsfähigkeit erwünscht ist. Nicht ganz ungefährliche Höhepunkte des Ganzen sind der realistisch vorgeführte Brand im Kreuz und der Brand der Traglast des Kaudermannes. Die Zuschauer sind ins Krippenspiel dadurch einbezogen, dass sie ein Weihnachtslied singen und mit guten Wünschen für eine glükkselige Fasnet entlassen werden. Für den Kapuziner bringen die Kinder ein paar Münzen mit, sie erhielten umgekehrt früher beim Gehen ein winziges Brötle, das vorher die Hochzeitstafel von Kana in der Krippe bereichert haben konnte.

Die Herrenkramersche Krippe wird sonn- und feiertags vom Stephanstag bis Lichtmess um 14, 15, und 16 Uhr lebig gemacht, und zwar für jeweils höchstens 50 Besucher. Für auswärtige Besuchergruppen sind Termine dienstag- und samstagnachmittags nach Absprache möglich. Besichtigungstermine für die Krippe an Sonntagen werden jeweils in der Rottweiler Presse bekanntgegeben.

Känsterle und Fatschenkinder

Gegenüber dem Prager oder dem Salzburger Jesulein war die Darstellung des Christkinds als „Fatschenkindle“ in einem „Känsterle“, die bei einfachen Bürgern und auch auf dem Land bis weit ins 19. Jahrhundert verbreitete Vorstufe der Krippe mit mehreren Figuren, die es aber auch in Kirchen gab. Die Fatschenkindle wurden in der Regel aus Wachs und in einem Frauenkloster oder bei den seit 1697 in Rottweil tätigen Wachsmachern hergestellt.

Glaskänsterle mit gefatschtem Jesuskind aus der Umgebung von Rottweil (Schörzingen?).

 

Mit spitzen- und glassteinbesetzten Textilien waren sie bis zum Hals in der damals bei Säuglingen üblichen Art umwickelt und „gefatscht“; das Wort „fatschen“ oder „pfätschen“ ist dabei vom lateinischen „fascia“ (Binde) abgeleitet. Die wenigstens optisch kostbare Ausstattung des Christkinds stellt es auch als Fatschenkindle wiederum als kleinen Himmelskönig dar. Von ihrer Form her können die Fatschenkindle durchaus in der bis weit in die spätmittelalterliche Mystik reichenden Tradition des weihnachtlichen „Kindleinwiegens“ stehen.

Mit seinem Steckkissen lag das Christkind so im „Känsterle“ aus Glas, das nach klösterlichen Vorbildern in Handwerkerstuben und auf Bauernhöfen gebastelt wurde. Das Känsterle wurde mit buntem Papier ausgeklebt und mit Blumen, Vögeln und Ornamenten aus Pappmaché, Gips, Holz oder Wachs ausgestattet, die mit Flittergold und ähnlichen Materialien noch mehr herausgeputzt sein konnten. Ähnliche Känsterle verwendete man auch bei der Darstellung von Themen aus der Passion Christi. Das Wort „Känsterle“ kommt wieder aus dem Lateinischen von „canistrum“ (Korb, Behältnis). Eine Vorform der gläsernen Känsterle ist in entsprechend verwendeten Spanschachteln zu sehen.

Das Prager Jesulein

Besonders beliebt war im Barock zur Weihnachtszeit die Darstellung des Jesuskindes in Gestalt eines kleinen königlichen Prinzen nach dem Vorbild der „Prager Jesulein“. Das Original dieser in kostbare Textilien gekleideten Wachsplastik hatte die spanische Adelige Maria Maximiliana Manriques de Lara von der Mystikerin S. Teresa de Jesus von Avila (1515 -1582) erhalten und bei ihrer Heirat nach Prag gebracht. Ihre Tochter Polyxena schenkte es 1628 an die Prager Karmeliten, die es in ihrer Kirche S. Maria della Vittoria auf der Kleinseite der Hauptstadt Böhmens aufstellten.

Das wundertätige Prager Kind – Prazské milostné Jezulátko – erlebte bald und bis heute einen ungeheuren Zulauf aus allen katholischen Ländern Europas und Südamerikas. 1743 besuchte Kaiserin Maria Theresia das Gnadenbild und verehrte ihm ein kostbares, selbstbesticktes Gewand. Bald wurden Nachbildungen des Prager Jesulein angefertigt und fanden zur Weihnachtszeit Eingang in zahllose Kirchen, Schlösser und wohlhabendere Bürgerhäuser. Dies gilt auch für Rottweil, wo das „Prager Jesulein“ beispielsweise in St. Pelagius ebenso wie im Haushalt der Freiherren Bletz von Rotenstein schon im 18. Jahrhundert nachzuweisen ist. Ähnlich dargestellt wurde das Christkind um die gleiche Zeit als „Salzburger Loreto-Kindl“, als „Augustinerkindl“ in München und in der Schweiz als „Sarner Christkind“. In Rom wird in der Weihnachtszeit „II Santo bambino“ in der Kirche von Araceli öffentlich verehrt, eine Figur aus Olivenholz von Gethsemani. All diesen Darstellungen liegt der auch in der barocken Musik (J. S. Bach) formulierte Gedanke zugrunde, dass das Christkind als Gottessohn bei seiner Geburt in Bethlehem in sein Reich kam und in seiner kindlichen Schwäche alle Macht des Erlösers besaß.

Prager Jesulein (Mitte 18. Jh.) im Stadtmuseum Rottweil.