Ewald Huth –Mutiger Mann und aufrechter Christ (Hermann Colli, Dr. August Kroneisen)

Villinger Widerstandskämpfer / Von den Nazis hingerichtet

 

Ewald Huth

 

Vor fast 60 Jahren ging der Villinger Chordirektor und Münsterorganist Ewald Huth als Opfer der Nazi-Diktatur in den Tod. An Allerheiligen 2001, wurde an dem Haus, in dem er 23 Jahre mit seiner Familie lebte, eine Gedenktafel enthüllt, die die Erinnerung an diesen mutigen Mann wach halten soll.

Es war eine schlichte Feier, die ganz dem Charakter von Ewald Huth entsprach, der um seine Person nie großes Aufsehen machte und nicht gern im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand. Dekan Kurt Müller hatte im Festamt im Münster auf das Er- eignis hingewiesen und die Gemeinde zur Enthül- lung der Tafel eingeladen.

In seiner Predigt beleuchtete er die große Zahl der Männer und Frauen, die als Heilige das Leben der Kirche wesentlich mit geprägt haben und den Gläubigen aller Zeiten als Vorbild dienten. Dabei ging er auch auf die Menschen ein, die in den Stürmen der Zeit mutig ihre Stimme erhoben und gegen viele Widerstände beeindruckende Glau- benszeugnisse abgaben. Mit der Gedenktafel am Kaplaneihaus wolle die Münsterpfarrei auf Ewald Huth aufmerksam machen, der für seine christliche Überzeugung in den Tod gegangen ist. „Wir wollen ihn nicht heilig sprechen, aber wir heiligen und pflegen sein Gedächtnis, weil er es verdient hat,“ sagte der Münsterpfarrer.

Vor dem Haus auf dem Münsterplatz, in dem heute Christian Schmitt mit seiner Frau Irmgard wohnt – einer von Huths Nachfolgern auf der Orgelbank – erlebte dann eine kleine Gemeinde die Feier, die der Münsterchor musikalisch um- rahmte. Dieses Randereignis stellt auch ein Stück Villinger Stadtgeschichte dar, weil sie an eine Zeit erinnert, die zu den dunkelsten in Deutschland gehört.

Dr. August Kroneisen, Schwiegersohn von Ewald Huth, erläuterte in einer kurzen Ansprache, wie es zu der Idee kam, eine solche Tafel anzubringen. Stephan Rommelspacher habe kurz vor seinem Weggang angeregt, das Haus durch einen Hinweis etwas mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rük- ken.

Die Familie Kroneisen nahm sich der Sache an und fand in Ewald Merkle und Dekan Kurt Müller die gewünschte Unterstützung. Der Text wurde ge- meinsam erstellt und Siegfried Reith, Chef des Bildungszentrums Winkler in der Turmgasse, er- klärte sich spontan bereit, mit seinem Team die Tafel zu schaffen.

Diese hat nun ihren Platz gefunden und soll, wie es der heute 88-jährige Dr. Kroneisen formulierte, „kommende Generationen an eine schreckliche Zeit mit aufrechten christlichen Menschen erin- nern.“ Er rief aber auch einige persönliche Er- innerungen an dieses Haus wach. Hier habe er 1944 seine Frau Gertrud, Tochter des Chordirek- tors, kennen gelernt und ein Jahr später geheiratet. Und hier eröffnete Dr. Kroneisen – der übrigens bis ins hohe Alter für den Geschichts- und Heimat- verein mit großem Engagement aktiv war! – 1945 auch seine erste Praxis.

Dr. Kroneisen erinnerte aber auch an einen ande- ren mutigen Mann, der in den Schicksalsjahren der Familie Huth wahre Solidarität bewies: Josef Maichle. Der Musiklehrer und Organist von St. Fi- delis übernahm spontan die Stelle als Münster- organist als Ewald Huth verhaftet worden war. Auf das Gehalt verzichtete der bescheidene Mann und übergab das Geld Maria Huth, der Ehefrau des inhaftierten Chordirektors.

An der Feier auf dem Münsterplatz nahmen auch die beiden Huth-Töchter Gertrud und Magarita mit ihren Familien teil. Der Münsterchor feierte das Ereignis mit einem kleinen Sektempfang im Haus ihres Chorleiters Christian Schmitt, das nun durch die Tafel noch mehr zu einem Anziehungs- punkt auf dem Münsterplatz geworden ist.

 

Der Text auf der Tafel:

Kaplaneihaus St. Spiritum

Erbaut 1634

Hier wohnte von 1921 bis 1944

Ewald Huth

Chordirektor am Villinger Münster ULF mit seiner Familie. Er wurde wegen

seines christlichen Widerstandes von den Nazis verhaftet und am

1. November 1944, 54 Jahre alt, in Stuttgart-Dornhalde erschossen.

 

Diese Tafel war längst überfällig. Sie würdigt die Verdienste dieses bescheidenen Mannes, der das kulturelle Leben dieser Stadt mitgeprägt hat.

 

Eine Gedenktafel wurde am Allerheiligentag 2001 am Kaplaneihaus der Münsterpfarrei enthüllt und durch Münsterpfarrer Kurt Müller (rechts) gesegnet. Sie erinnert an Chordirektor Ewald Huth, der hier 23 Jahre mit seiner Familie lebte. Am 1. November 1944 ging er als Opfer der Nazidiktatur für seine christliche Überzeugung in den Tod. An den Widerstandskämpfer erinnerte in einer Ansprache dessen Schwiegersohn Dr. August Kroneisen (Mitte).

Die Villinger haben ihn aber nie vergessen. Eine Straße wurde nach ihm benannt und im Münster- Gemeindezentrum gibt es einen Ewald-Huth-Saal. Auch ein Register der neuen Silbermann-Orgel- Rekonstruktion ist mit seinem Namen verbunden. In dem Buch „Villingen und Schwenningen“, vom Stadtarchiv aus Anlass des Stadtjubiläums „1000 Jahre Münz-, Markt- und Zollrecht“ im Jahre 1999 herausgegeben, wird Leben und Werk Huths ge- würdigt. Er ist auch einer der wenigen Laien, die in der von der Deutschen Bischofskonferenz heraus- gegenen Dokumentation „Zeugen für Christus“ – Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts (Band I, Seite 229) – vorgestellt wird.

Ein unbeugsamer Mann des Widerstandes Ewald Huth war ein Mann, „der sich der men- schenverachtenden Diktatur nicht beugen wollte …, der nicht wie die anderen reagierte, sondern gleich- sam das menschliche Gewissen einer Nation verkör- perte“; so charakterisierte ihn der ehemalige Land- tagspräsident Camill Wurz 1972 in einem Geleit- wort zur Broschüre der ehemaligen Musikschüler Ewald Huths.

Wer war Ewald Huth, der einen Großteil seines Lebens in Villingen verbrachte?

Er wurde am 11. Januar 1890 in Hersfeld/Hessen geboren. Nach der Volksschulzeit kam er an die Lehrerbildungsanstalten in Fritzlar, Fulda und Olpe, um Lehrer zu werden. Kurz vor dem Schluss- examen brach er das Studium ab, um sich dem Musikstudium, speziell der Kirchenmusik, zu- zuwenden. Nach anfänglich privatem Unterricht besuchte er die St.-Gregorius-Akademie der Bene- diktiner in Beuron, anschließend 1913/14 die Kirchenmusikschule in Regensburg, die er mit der Note „sehr gut“ abschloss.

Der 1. Weltkrieg begann. Wegen eines Sehfehlers wurde Ewald Huth nicht als Soldat eingezogen. Er meldete sich jedoch freiwillig als Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz und arbeitete in verschie- denen Lazaretten. Er erhielt die Rotkreuz-Medaille in Bronze und das österreichische Verdienstkreuz. Der 29jährige Ewald Huth wurde 1919 als Mu- siklehrer am Erziehungsinstitut der Benediktiner im bekannten Kloster Ettal angestellt. Während dieser Tätigkeit bildete er sich mit Fortbildungs- kursen in Nürnberg und Maria Laach in liturgisch- musikwissenschaftlichen Wochen weiter aus. Ende 1920 bewarb er sich auf die vakante Stelle eines Organisten und Chorleiters am Villinger Münster. Mit Telegramm vom 16. November 1920 wurde ihm vom damaligen Stadtpfarrer Wilhelm Kling mitgeteilt, dass er in die engere Wahl gekommen sei. In einem weiteren, noch erhaltenen Tele- gramm vom 17. Dezember 1920 ist zu lesen: „bitte sich sofort vorzustellen – fahrt dritter klasse wird bezahlt – pfarramt villingen“. Bereits zum 1. Januar 1921 wurde Ewald Huth als Chordirektor und Organist an das Villinger Münster berufen.

Dieses Amt hatte Ewald Huth 23 Jahre bis zu sei- ner Verhaftung 1944 inne. Er heiratete 1923 Maria Huth, geborene Gromann, aus dem damaligen Mu- sikhaus in der Färberstraße 7. Aus der Ehe gingen 3 Töchter hervor, von denen Antonie mit 4 Jahren an einer perforierten Blinddarmentzündung starb. Während seiner Tätigkeit am Villinger Münster wurden unter seiner Leitung größere Werke aufge- führt: 1926 das Oratorium „Odysseus“ von Max Bruch mit dem Münsterchor und dem Männer- chor, 1933 die „Missa laudete Dominum“ von Franz Philipp, an der Orgel als Gast war Franz Kaller aus Freiburg. Da Huth ein besonderer Ver- ehrer von Anton Bruckner war, kam 1936 die „e-Moll-Messe“ zur Aufführung. Bei der Weihe der neuen Orgel in der Benediktinerkirche, die nur mit Spendengeldern angeschafft werden konnte – frü- her war in der Kirche nur ein Harmonium –, wur- de 1939 das Werk „Sancta Elisabeth“ von Franz Philipp, in Gegenwart des Komponisten aufge- führt. Huth leitete auch weltliche Chöre, wie den Männerchor Villingen mit 120 Sängern, den Werkschor Vereinigte Aluminium Gießereien, den Liederkranz Trossingen, den Männergesangverein Frohsinn e.V. Schramberg, den Efka-Werkschor Fritz Kiehn Trossingen, den Männerchor des Arbei- terfortbildungsvereins St. Georgen und den Lieder- kranz St. Georgen.

Huth warnt vor dem Nationalsozialismus Schon nach der „Machtergreifung“ erkannte Ewald Huth, dass vom Nationalsozialismus große Gefahr ausging. Er versäumte es nicht, vor der Tyrannei, wo immer er konnte, zu warnen. Alle Tatsachen nannte er beim Namen und schwieg nicht. Sein Gerechtigkeitssinn und sein christlicher Glaube ließen ihn auch nicht um den Preis des Über- lebens seinen christlichen Idealen abschwören. Ständig wurde er und seine Familie bespitzelt und überwacht. So erfolgte – nach Denunziation von Nachbarn und eines Fahnenjunker-Feldwebels – am 19. Januar 1944 die Verhaftung und Einlie- ferung in das Gefängnis in Villingen. Zum Ver- hängnis wurde Huth, dass er am 13. September 1943 zur Gendarmerie eingezogen worden war, die der Gerichtsbarkeit der SS unterstand. Er wurde dann nach Stuttgart überführt, wo am 17. März 1944 die Anklageverfügung und der eigentliche Haftbefehl erfolgte. Ewald Huth war jetzt 54 Jahre alt. Das „Feldurteil im Namen des deutschen Vol- kes“ erging am 26. Mai 1944.

Ewald Huth wurde wegen „Zersetzung der Wehr- kraft“ zum Tode und zum Verlust der bürger- lichen Ehrenrechte auf Lebenszeit verurteilt. Mit diesem Wissen musste Huth noch über fünf Monate leben. In der Begründung des 10-seitigen Urteils des SS- und Polizeigerichts XI in Stuttgart, unter Vorsitz des SS-Obersturmbannführers Hoff- mann und vier weiteren Polizei- bzw. SS-Leuten, als Beisitzer warf man dem Angeklagten im Todesurteil vor: „über Jahre hinweg in der Öffent- lichkeit den Willen des deutschen Volkes zur wehr- haften Selbstbehauptung gelähmt und zersetzt zu haben … Der Angeklagte ist in einer geradezu verbrecherischen Weise kirchenhörig“. An anderer Stelle wird er als „schwarze Wühlmaus“ charakteri- siert und, „dass es sich bei dem Angeklagten um einen ganz gefährlichen Hetzer handelt, der bei jeder Gelegenheit sein Gift verspritzt“.

Ein Gnadengesuch über den Rechtsanwalt K. in Stuttgart wurde vom Reichsführer der SS in Mün- chen abgelehnt, wahrscheinlich auch als Folge des gescheiterten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944. Nach Bombenangriffen auf Stuttgart und der Zer- störung der Haftanstalt erfolgte im August 1944 die Verlegung nach Ludwigsburg und von dort nach Leonberg.

Wie ein Vater für die Mithäftlinge

Für die Mithäftlinge wurde „Papa Huth“, wie sie ihn nannten, aufgrund seiner religiösen Überzeu- gung zum Vorbild. Von einem Mitgefangenen liegt ein Brief an die Ehefrau Maria Huth vor, dort steht u. a.: „Papa Huth wird mir und allen, die je- ne schreckliche Zeit überlebt haben, unvergesslich sein. Wir hatten alle wirklich etwas auf dem Kerb- holz, so dass man jedem von uns sagen musste, irgendwie hast du das verdient. Papa Huth hatte jedoch nichts angestellt, nur seine Meinung gesagt. Als wir ihn beten sahen, da haben wir zuerst spöt- tisch gelächelt. Mehr und mehr ging uns jedoch auf, dass für ihn Gott wie eine Wirklichkeit war. Uns hat er dabei nie übersehen, hat uns stets Mut gemacht und zugeredet … Das letzte Stück Brot hat er weggegeben, wenn einer von uns jüngeren Hunger hatte. Er war uns wie eine Sonne in jenen dunklen Tagen. Nie habe ich einen solch über- zeugten Christen kennengelernt wie ihn“.

 

So sah ein französischer Mithäftling den Villinger Chordirektor, den er 3 Wochen vor dessen Hinrichtung im Gefängnis zeichnete.

 

Dazu ist zu bemerken, dass Huth stets mit mehreren Häftlingen in einer Zelle war und nur die letzte Nacht vor dem gewaltsamen Tod in einer Ein- zelzelle zubrachte.

Sein letzter Brief, den Ewald Huth einen Tag vor seiner Hinrichtung am 31. Oktober 1944 an sei- ne Angehörigen schrieb, ist ein einzigartiges Ver- mächtnis für seine Familie. Seine letzte Bitte lautet: „Betet für unsere Feinde und tragt nicht Groll im Herzen. Der liebe Gott mag ihnen allen gnädig sein, so wie er mir selbst gnädig sein mag, das ist mein Wunsch und Gebet für sie schon immer gewesen und auch heute im Angesicht des Todes, den sie mir geben.“

Am 1. November 1944, dem Allerheiligentag, wur- de er morgens um 7.10 Uhr in Stuttgart-Dornhalde erschossen. Die Grablegung auf dem Hauptfried- hof Stuttgart-Bad Cannstatt im Steinhaldenfeld geschah sofort nach der Erschießung um 8 Uhr, ohne Geistlichen, ohne Kreuz. Die Familie erfuhr erst am 3. November 1944 durch ein Telegramm des Rechtsanwalts von der Vollstreckung des Urteils.

 

Betet für unsere Feinde…, schrieb Ewald Huth im Abschiedsbrief an seine Familie.

 

Die Odyssee des toten Ewald Huth

Nach dem Ende des Dritten Reiches versuchte die Familie 1945, den Leichnam nach Villingen zu überführen. Dies stieß auf größte Schwierigkei- ten. Laut Friedhofsverwaltung Stuttgart waren Um- bettungen wegen Mangel an Arbeitskräften und Transportmittel (Benzin) nicht erlaubt. Erst am 17. Juli 1946 fuhr der Verfasser, nach langem Schriftverkehr, mit Fritz Maier sen. von der Firma Bernhard Maier mit einem Leichenwagen zur Exhumierung und Überführung nach Stuttgart- Bad Cannstatt. Der aus dem geöffneten Grab geho- bene Sarg war mit einem vergilbten Zettel verse- hen, auf dem sich die Aufschrift befand „Donny Jacques“. Es kamen Zweifel auf, ob Ewald Huth in diesem Sarg lag. Dieser wurde geöffnet, dabei erga- ben sich keinerlei Anhaltspunkte, dass die darin lie- gende Leiche die des Herrn Huth sein konnte. Der Friedhofsinspektor konnte den Sachverhalt aufklä- ren: Im Februar 1944 wurde die Leiche des eben- falls erschossenen belgischen Barons J. D., der in Brüssel wohnhaft war, beigesetzt. Am 22. Novem- ber 1945 durfte die Familie die Leiche des Barons ausgraben und in einem neuen Eichen- und Zink- sarg nach Brüssel überführen. Dort wurde er in einem Mausoleum bestattet. Infolge eines Irrtums (gleiche Grabnummer 287) war jedoch der Sarg von Ewald Huth gehoben und nach Brüssel über- führt worden. Dies geschah, obwohl bei der Ex- humierung der Bruder des Barons zugegen war und dieser den Sarg öffnen ließ.

Der Verfasser und Herr Fritz Maier mussten dem- nach im Juli 1946 mit leerem Leichenwagen nach Villingen zurückfahren.

Bis zur Auswechslung der beiden Leichen – die Witwe des Barons durfte von dem Irrtum nichts erfahren – wurden 64 Schriftstücke mit den ver- schiedensten Stellen in Deutschland und Belgien hin und her gewechselt. Erst am 6. August 1949 wurde durch einen belgischen Militärkonvoi die Leiche Ewald Huths kostenlos nach Villingen über- führt und vom Verfasser nach Öffnung des Sarges anhand der Beigaben identifiziert.

 

Ewald Huths Beerdigung auf dem Villinger Friedhof, wo seine Urne nach einer abenteuerlichen Odyssee beigesetzt wurde, fand am 8. August 1949 im engsten Familienkreis statt. Auf dem Bild von links: Pfarrer Karl Münch, Münsterpfarrer Dekan Max Weinmann und Münstermessner Rudolf Schmid; in der hinteren Reihe (von links). August Kroneisen sen., Dr. August Kroneisen, Maria Huth und Maria Oberle.

 

Im kleinsten Familienkreis wurde Ewald Huth am 8. August 1949, mit geistlichem Beistand vom frü- heren Orgelschüler des Verstorbenen, Pfarrer Karl Münch und Dekan und Münsterpfarrer Max Wein- mann beerdigt.

37 Jahre später – im Jahr 1986 – starb seine Ehe- frau Maria Huth im Alter von 85 Jahren. Sie wur- de bei ihrem Mann beigesetzt.

Die Stadt Villingen ehrte das Andenken an Ewald Huth 1972 durch die Umbenennung der Jahn- straße im Westen der Stadt in Ewald-Huth-Straße. Die Münsterpfarrei nannte zum 40jährigen To- destag den „Kleinen Saal“ im Gemeindezentrum – den Übungssaal des Münsterchores – zum Geden- ken an den aufrechten Christen in „Ewald-Huth- Saal“ um.

Mit Schreiben vom 14. und 30. Januar sowie vom 10. Februar 1947 an die Staatsanwaltschaft im Landgericht Konstanz wurde Antrag auf Aufhe- bung des Urteils des SS- und Polizeigerichts XI in Stuttgart gestellt. Durch Beschluss des Landge- richts Konstanz vom 22. 4. 1947 wurde das Urteil aufgehoben.

Maria Huth dokumentierte die Ereignisse einer schweren Zeit

Dass über Ewald Huth, und vor allem die Ereignisse nach seiner Verhaftung, viele Einzel- heiten bekannt und für die Nachwelt gesichert wurden, ist in großem Maße seiner Ehefrau, Maria Huth, zu verdanken, die den Angehörigen ihre Gedanken, Erlebnisse und Erfahrungen in einem umfangreichen Gedächtnisprotokoll hinterlassen hat. Auf mehr als einem Dutzend DIN A 4-Seiten hat sie in klarer und flüssiger Handschrift festge- halten, was sich in der Zeit zwischen Verhaftung, Hinrichtung und Beisetzung ereignet hat.

Aus diesem Brief, der auch ein Stück Vermächtnis für die Familie des Villinger Widerstandskämpfers ist, seien hier einige Sätze, die das Geschehen jener dramatischen Tage widerspiegeln, aufgeführt.

Als Ewald Huth ins Villinger Gefängnis gebracht worden war, suchte er, so gut es ging, mit seiner Familie Kontakt zu halten. Seine Frau schrieb: „Wir mussten jeden Tag zur selben Zeit am Ge- fängnis vorbei und an der Ecke stehen bleiben bis er mit dem Taschentuch winkte. So wusste er, dass es uns soweit gut ging. Eine Frau, die gegenüber vom Ge- fängnis wohnte, erlaubte mir von ihrem Fenster aus zu beobachten, wie mein Mann im Hof mit den anderen Gefangenen lief.“

Ein Ereignis aus dieser Zeit zeigte, dass es immer wieder Menschen gab, die der Familie Huth halfen und dabei oft ein großes persönliches Risiko ein- gingen. „Eines Abends läutete bei uns ein junger Mann und sagte er käme aus dem Gefängnis. Ich ließ ihn ein, er erzählte, er sei heute entlassen worden und solle Grüße von meinem Mann bestellen. Dann bat er um eine Schere und ging auf die Toilette. Ich erschrak. Aber als er heraus kam, gab er mir ein Bündel Briefe von Vater, die er in die Hose eingenäht hätte. Um Mitternacht gelang es ihm, Kuchen für meinen Mann ins Gefängnis zu schmuggeln. Es war uns schon un- heimlich einen fremden Menschen im Haus zu haben. Anderntags ging er heim ins Elsass, gottlob ohne von der Gestapo bemerkt zu werden.“

Bittere Tage durchlebte die Familie Huth, als der Chordirektor nach Stuttgart ins Gefängnis verlegt worden war, wo seine Frau ihn besuchen konnte.

„Da unser Vater, bewacht von zwei Gendarmen, elend und traurig, zerstochen von Wanzen. Ich trös- tete ihn und versprach ihm, ich bleibe dir treu und sorge für die Kinder. Das Gefängnis wurde kurz da- rauf von Bomben zerstört und ich wusste lange nichts von ihm. Bis ein Brief aus Ludwigsburg kam, wohin er gebracht worden war und mich bat, ich solle sofort kommen. Ich bin, trotz der dauernden Fliegerangriffe sofort hingefahren. Wie war der arme Mensch froh, als ich kam und frische Wäsche, Obst und Essen brachte. Neun Häftlinge waren in einem kleinen Raum und sie hatten nur ein Bett. Ein Wär- ter, der mich beobachtete, stand dabei am Fenster und weinte.“

Die Familie und einige Freunde setzten alle Hebel in Bewegung um ihrem Gnadengesuch zum Erfolg zu verhelfen. Aber alles blieb erfolglos. Am 26. Mai 1944, an Pfingsten, wurde er zum Tode verurteilt. „Als er die Todesnachricht bekam, bat er um eine Einzelzelle, in der er seinen letzten Brief an uns schrieb. Mit Gottes Hilfe ist er nicht zusammengebro- chen. Er ging aufrecht in den Tod. Ein Villinger, der sich dort befand, erfuhr von seiner Hinrichtung. Er ging hinter ein Haus und beobachtete wie er mit zwei anderen Häftlingen in den Hof geführt wurde. Die beiden anderen ließen sich die Augen verbinden, mein Mann nicht. Er stand aufrecht. Mit beiden Händen hatte er sich die Jacke aufgemacht. Der Mann der mir das erzählte, war Besitzer des Gasthauses ,Germania‘ von hier.“

 

Unter der Gedenktafel: Dr. August Kroneisen mit seiner Frau Gertrud, geborene Huth (links) und deren Schwester Marga Huth-Schneller.