Zerbombtes Stück Zeitgeschichte wieder lebendig gemacht (Hermann Colli)

Bickenkapelle nachgebaut

Spurensuche in Oberschwaben 

Meisterwerk von Dietmar Kempf

„Auferstanden aus Ruinen…“ singen die Menschen in den neuen Bundesländern schon lange nicht mehr. Aber die Villinger könnten eigentlich diese Melodie jetzt anstimmen, denn ein Stück lieb gewordener Stadtgeschichte, das vor fast 60 Jahren von Fliegerbomben in Schutt und Asche gelegt wurde, ist zu neuem Leben erwacht: Die Bickenkapelle. Leider nur als Modell, geschaffen von Dietmar Kempf.

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Kirchlein des Villinger Rentners und leidenschaftlichen Modellbauers, der zuvor über 40 Jahre bei der Firma Winkler schaffte, unter anderem als Konstrukteur und Ausbilder, ist ein Meisterwerk und eine Freude für heimat- und geschichtsbewusste Bürger.

Meisterhaft hat Dietmar Kempf das Innere der im Krieg zerstörten Villinger Bickenkapelle nachgebaut. Im Maßstab 1:25 ist das Gotteshaus neu entstanden.

 

Welche Wertschätzung die Bickenkapelle bei der Villinger Bevölkerung genießt, kam 1995 zum Ausdruck. Am 20. Februar, genau 50 Jahre nach dem Tag, als von dem barocken Kleinod frommen Bürgersinns nur noch eine qualmende Ruine übrig blieb, trafen sich viele Menschen aus der ganzen Stadt, Katholiken wie Protestanten zu einer Gedenkstunde im Münster.

Münsterpfarrer Dekan Kurt Müller stellte bei dieser Feier die geschichtliche und religiöse Bedeutung des Kirchleins heraus. Diese Kapelle, in der einst das über Jahrhunderte hinweg bis heute hoch verehrte Nägelinkreuz „zu Hause“ war, wurde noch kurz vor Kriegsende bei einem Bombenangriff auf das Bahnhofsviertel dem Erdboden gleichgemacht. Sie war den Villingern sehr ans Herz gewachsen. In ihr kamen die Bürger nicht nur zu Gottesdiensten und Andacht zusammen. Hier hatte auch in den Jahren nach 1933 die Villinger katholische Jugend ihren Treffpunkt, als die Nazis deren Arbeit weitgehend verboten hatten. Die Zerstörung machte die Villinger sehr betroffen. Übrigens nicht nur die Katholiken, denn auch die Menschen anderer Glaubensgemeinschaften sahen ihn ihr ein Stück Stein gewordener Religiosität und ein Zeugnis echter Volksfrömmigkeit ihrer Stadt.

Kreuz erinnert an Standort

Vielen war es unverständlich, dass die Kapelle nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurde. Sie musste Raum machen für eine neue Verkehrsführung. Auf Initiative der aus Villingen stammenden Geistlichen wurde im Mai 1976 auf dem Platz der ehemaligen Bickenkapelle ein Gedenkkreuz eingeweiht, das die Stadt Villingen-Schwenningen und Seelsorger der Münsterpfarrei finanzierten. Leonhard Eder aus Rheinfelden hat es aus weißem Kalkstein geschaffen.

Es erinnert an bleiches Gebein. Und das soll es auch, denn damit will der Künstler den Gedanken an das Elend und das Sterben in Kriegszeiten wach halten. Vor dem Kreuz ist auf einem mächtigen Steinwürfel eine Inschrift eingemeißelt: „Etwa seit dem Jahr 1400 stand hier eine Kapelle, Bickenkapelle genannt. Mehrmals zerstört, wurde sie zuletzt im Jahre 1660 erbaut. Bomben legten die Kapelle am 20. Februar 1945 in Schutt und Asche. Das Nägelinkreuz – in der Kapelle hoch verehrt – ist im Münster geborgen. Gekreuzigter Herr Jesus Christus, beschütze deine Stadt.“ In der besagten Gedenkfeier mahnte der Münsterpfarrer die Bürgerder Stadt, die Bickenkapelle nicht zu vergessen. Diese Mahnung fiel auf fruchtbaren Boden. 2000 machte sich Dietmar Kempf daran, die Kapelle als Modell nachzubauen. Dass er das konnte, hatte er zuvor schon bewiesen, als er zum Stadtjubiläum 1999 ein prächtiges Modell vom Alten Villinger Rathaus mit der Fassaden Bemalung von Karl Eydt aus dem Jahre 1895 ablieferte, das im Franziskaner Museum zahlreiche Bewunderer fand.

So einfach war die Sache mit dem Kirchenmodellbau dann aber doch nicht. Erstens hatte Kempf nur eine schwache Erinnerung an das Gotteshaus, das unweit seines Elternhauses gestanden hat und zerstört wurde als er gerade neun Jahre alt war, und zweitens hatte er nie einen Fuß hinein gesetzt, denn Dietmar Kempf ist evangelisch. Das hat ihn aber nie gehindert, mit katholischen Jungen und Mädchen seiner Heimatstadt eine herrliche gemeinsame Jugendzeit zu verbringen. Er war sogar viele Jahre in einer Gruppe der Münsterjugend sehr aktiv.

Was dem Modellbauer einige Probleme bereitete, waren die spärlichen Unterlagen, die über das Kirchlein vorhanden waren. Ein Bekannter besorgte einen Katasterplan, aus dem er die genauen Maße für den Grundriss errechnen und im Maßstab 1: 25 zu Papier bringen konnte: 21,06 m lang, 12,32 m breit war die Kirche und die Giebelhöhe maß etwa 15 Meter. Mit dem Bau des Äußeren wurde Kempf schnell fertig. Schon nach sechs Monaten Bauzeit konnte er seinen originalgetreuen Nachbau präsentieren.

Wie sah die Kirche innen aus?

Doch der Innenausbau gestaltete sich dann viel schwieriger. Es gab nur ein paar Zeichnungen und Fotos und eine sehr düstere Fotografie vom Inneren. Damals wandte sich Kempf an Zeitzeugen mit der Bitte, sie möchten ihm Informationen und eventuell Unterlagen über die Innenausstattung zur Verfügung stellen. Die Bitte fand Gehör, es kamen zahlreiche Hinweise, Anregungen und Tipps aus der Bevölkerung, die dem passionierten Bastler weiter halfen.

Mit welcher Präzision der Modellbauer zu Werke ging, zeigt ein Blick auf den nachgebauten Hochaltar, den Josef Anton Hops 1750 für das Villinger Kirchlein schuf.

 

Aus Büchern und Schriften, von alten Postkarten und Dokumenten aus Archiven, aber vor allem durch Gespräche mit Menschen, die sich noch an die Kapelle erinnerten, setzte Kempf ein Bild zusammen, das weitgehend dem des einstigen Kirchenraumes entspricht.

Aber zuvor machte sich der Modellbauer auf die Suche nach Spuren von Joseph Anton Hops, der 1750 den Hochaltar in der Bickenkapelle geschaffen hatte. Der Bildhauer, der 1748 das Villinger Bürgerrecht erhielt, stammte aus Mietingen im Oberschwäbischen, wo er am 2. Juni 1720 geboren wurde. Im benachbarten Schwendi fand Dietmar Kempf was er suchte: Einen Altar, an welchem unter anderen Johann Baptist Hops (1681-1747), der Vater von Joseph Anton Hops und einer der berühmtesten Barockkünstler Oberschwabens, Dominikus Hermenegild Herberger (1694 -1760) tätig waren.

Da Fähigkeiten und Kenntnisse zur damaligen Zeit kaum schriftlich festgehalten worden sind, sondern teilweise sogar als Familiengeheimnisse vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurden, ging Kempf davon aus, dass Joseph Anton Hops später vergleichbare Formen und Farben angewandt hat. Johann Baptist Hops war der Begründer einer Dynastie, die eine ganze Reihe von hervorragenden Künstlern hervorgebracht hat, wovon jedoch „unser“ Joseph Anton wohl der Bedeutendste war.

Arbeitsweise der Barockkünstler studiert

In Kirchen an verschiedenen Orten in Oberschwaben, wo die Hops-Sippe tätig war, machte sich Kempf ein Bild von deren Arbeitsweise, studierte Farbgebung, die Anordnung von Figuren und Ornamenten. Mit diesen gewonnenen Eindrücken gelang es ihm, aus den düsteren Schwarz- Weiß-Fotografien, auf denen Einzelheiten mehr zu erahnen als zu erkennen waren, ein lebendiges farbenfrohes Innenleben der Bickenkapelle zu gestalten.

Der Hops’sche Hochaltar mit dem Bild der „Verspottung Jesu“ und den Figuren von Zacharias und Elisabeth, den Eltern Johannes des Täufers, ist in Kempfs Kirchlein neu erstanden. Die Seitenaltäre, mit dem Nägelinkreuz und der Statue „Maria mit der Traube“ wurden detailgetreu modelliert.

Alles ist aus Holz und von Hand geschnitzt und bemalt, Putten und Ornamente in Blattgold gefasst, Altardecken und Läufer aus Stoffen geschneidert. Die Kirchenbänke füllen den Raum aus und geben jedem Betrachter den Eindruck, hier ein echtes Gotteshaus zu betreten. Und das alles im Miniformat 1: 25! Das Modell zeigt den Zustand der Kapelle nach der Restaurierung des Nägelinkreuzes im Jahre 1933. Dieses Aussehen blieb bis zu ihrer Zerstörung erhalten.

Kempf ist ein Perfektionist und selbst sein schärfster Kritiker. Wenn ihm auch nur ein kleines Detail nicht 100-prozentig gelingt, dann landet es im Abfallkübel. Fragt man ihn, was nötig ist um eine solche diffizile Arbeit zu schaffen, antwortet der Hobby-Baumeister spontan: „Drei Dinge: Geduld, Geduld und eine Frau, die auch Geduld hat.“ Aber er habe das Basteltalent auch von seinem Vater geerbt, der sich als junger Mann viel mit Schiffmodellbau befasst habe. Lehrmeister konnte er seinem Sohn Dietmar aber kaum noch werden, denn er kehrte aus dem Krieg nicht mehr heim.

Auch der Filius begann seine Modellbau-Karriere mit Schiffen. Alles was im Laufe der Jahrhunderte auf den Weltmeeren kreuzte, ist in Dietmar Kempfs Bastelstube entstanden. Der Allround Handwerker baute auch Uhren, malte Bilder, dekorierte Truhen. Kurzum: Er machte alles was sich ein leidenschaftlicher Hobby-Künstler so ausdenken kann.

Was der 66-jährige Industrie-Meister mit der Bickenkapelle in rund zweijähriger Bauzeit geschaffen hat – und das alles ganz allein! – ist ein sichtbarer und „handgreiflicher“ Beitrag zur Historie seiner Heimatstadt. Sein Werk trägt dazu bei, dass der Wunsch des Münsterpfarrers Kurt Müller, die altehrwürdige Bickenkapelle nicht zu vergessen, erfüllt wird.

Und wenn man bedenkt, dass ein evangelischer Christ ein Denkmal katholischer Kirchengeschichte neu belebt hat, dann darf das sicher auch als ein Stück gelungener Ökumene angesehen werden.

 

Maria mit der Traube.

 

 

Das hoch verehrte Nägelinkreuz.

 

Bilder und Skulpturen aus der Kapelle

Als Dietmar Kempf das Modell der Bickenkapelle zum erstem Mal der Öffentlichkeit vorführte, löste sein Werk große Bewunderung aus. Das geschah bei einer kleinen Feier im Münster-Gemeindezentrum, nachdem ein Team des Bildungszentrums Turmgasse, unter der Leitung von Siegfried Reith, die restaurierte Turmuhr der Benediktinerkirche an Dekan und Münsterpfarrer Kurt Müller übergeben hatte. Dabei hielt der Dekan einen Lichtbildervortrag über die Bickenkapelle und berichtete sehr anschaulich über deren wechselvolle Geschichte und die des Nägelinkreuzes. Das veranlasste Dietmar Kempf, die neu gewonnenen oder bestätigten Erkenntnisse aufzuzeichnen.

Das bekannteste und wertvollste Stück, das Nägelinkreuz, wird heute in der nördlichen Turmkapelle des Münsters aufbewahrt und verehrt. Der Lorbeerkranz, den man auf alten Fotografien am oberen Ende des Kreuzes findet, ist wohl eine Votivgabe.

Dietmar Kempf in seiner Bastelwerkstatt mit dem Modell der Bickenkapelle, die er im Miniformat detailgetreu nachgebaut hat.

 

 

Gute Bekannte, wie hier Karl Kratt (links), lässt der Modellbauer auch einen Blick hinter die Kulissen des kleinen Kunstwerkes werfen.

 

Das Schnitzwerk hat, nachdem es einige Jahre im Museum untergebracht war, inzwischen wieder seinen Platz beim Nägelinkreuz gefunden. Die beiden Hauptfiguren vom Hochaltar der Bickenkapelle, Elisabeth und Zacharias, sind im Chorraum der Benediktinerkirche aufgestellt. Ebenso befindet sich die Pieta vom Hochaltar und der heilige Wendelin, der auf der linken Seite unter den Triumphbogen der Bickenkapelle stand, in diesem Gotteshaus.

Der heilige Sebastian, der, St. Wendelin gegenüber, auf der anderen Seite unter dem Triumphbogen stand, wird jetzt im Münsterpfarrhaus aufbewahrt. Vom linken Seitenaltar der Kapelle stammt die Madonna mit dem Kind und der Traube, die jetzt auch beim Münsterpfarrer ihr neues Zuhause hat. Unterhalb des Nägelinkreuzes auf dem rechten Seitenaltar der Bickenkapelle stand eine kleine Barockfigur, ein so genannter Schmerzensmann, auch als Letzte Rast Christi“ oder „Erbärmbild“ bekannt. Diese Skulptur ist jetzt in einer, mit einem Renaissancegitter verschlossenen, kleinen Wandnische der Münstersakristei beheimatet.

Das große Giebelkreuz der Bickenkapelle, geschaffen von Dominikus Aggermann (1779 -1835), als Schemenschnitzer „Ölmüller“ bekannt, hängt heute im Treppenhaus des Münsterzentrums.

Auf einer alten Postkarte des Kirchenraumes der Bickenkapelle sind noch zwei weitere Figuren zu erkennen. Es handelt sich um einen heiligen Antonius von Padua und wahrscheinlich um eine barocke Madonna. Über deren genaues Aussehen und Verbleib ist jedoch bis heute nichts bekannt. Vorhanden sind außerdem noch Reste von zwei Putti aus dem Hochaltar, die Dekan Kurt Müller im Münsterpfarrhaus aufbewahrt.

An Bildern sind noch die Nothelfertafel, die im Chorraum der Bickenkapelle ihren Platz hatte, und ein Votivbild mit der Kapelle und dem darüber schwebenden Nägelinkreuz, das ebenfalls dort hing, vorhanden. Die 14 Nothelfer hängen jetzt im Sitzungszimmer des Pfarrhauses und das Votivbild ist im Besitz des städtischen Museums.

Das Hochaltarblatt mit der „Verspottung Christi“ ist wohl bei der Zerstörung der Kapelle verloren gegangen.