Von Mist, Waschbären und seliger Erinnerung (EUGEN BODE)

Ende der 1920er Jahre eröffneten meine Eltern ihr Elektrogeschäft in der Oberen Straße, genauer, neben dem Haus Nr. 21, dem „Gasthaus zum Pfauen“. Ich war damals noch ein Junge und hielt mich immer wieder bei unseren Nachbarn auf. Davon will ich erzählen:

Die Fassade des Pfauen sah damals ein wenig anders aus. Im Erdgeschoß war an der südlichen Frontseite nur eine schmale gewöhnliche Haustüre. Daneben befanden sich im Erdgeschoß zwei Fenster, wie sie oben in der Stube und den andern Zimmern zur Straße hin noch heute zu sehen sind. Über dem Schriftband „Gasthaus zum Pfauen“, das über die ganze Fassade von links nach rechts lief, thronte auf einem aufgestellten Bierfass, flankiert von zwei liegenden, ein stolz gemalter Pfau, nicht wie heute, mit hängendem Schwanz, nein, mit königlich gestelltem Federfächer voll schillernden Farbaugen darin. Hinter den Fenstern im Erdgeschoß lag die Gaststube der Familie Risle — Emminger. (Die Wirtschaft bestand bis 1974) Durch die Haustür betrat man einen Flur, von dem es gleich rechts in die Gaststube ging. Sie war im Stile der Zeit bürgerlich eingerichtet, d.h. einfach aber urgemütlich. Nach hinten lag das stets dämmrige Nebenzimmer mit dem Geruch nach Zigarrenrauch.

Frontseite des Hauses Obere Straße 21, Gasthaus zum Pfauen, in den 1920er Jahren.

Das Haus war um das Jahr 1902 vom Vater des jetzigen Eigentümers, Eugen Risle, gekauft und als Gasthof ausgebaut worden, nachdem zuvor hier ein Bäcker residierte. Im Geburtsjahr Eugen Risles, 1910, starb Risle senior und später trieb Stiefvater Emminger die Wirtschaft um, bis Eugen sie 1937, in seinem Hochzeitsjahr, übernahm. Hinter dem Wohnhaus schloss sich ein kleiner enger Hof an. Dort stand der winzige Raum, in dem Vater Emminger zuckersüße Limonade, rote und weiße und grüne, fabrizierte. Soweit sie nicht in der eigenen Wirtschaft verkauft wurde, vertrieb man sie mittels eines Handwägelchens und manchmal gingen sogar ein paar Kasten mit dem Postauto nach Hintervillingen. Doch schließlich war man nicht nur Wirt, man war auch Ackerbürger. Den Abschluss bildete der Stall mit den zwei Kühen und einigen Schweinen, über dem sich die Heubühne befand. Auf den paar Quadratmetern freier Fläche zwischen Vorderhaus, „Limonadenfabrik“ und Stall gackerten ständig ein paar Hühner, die nach gelegtem Ei auf der Suche nach Körnern waren. Halt, dass ich es nicht vergesse:

Das ehemalige Gasthaus heute.

Die Besonderheit für uns Buben war natürlich die Menagerie des Eugen Risle, Zeitweilig hielt er bis zu sieben Waschbären im Gehege, daneben mit ihrem Glanz ganz verloren wirkende indische Pfauen, tibetanische Goldfasanen und sonstiges Getier. An sonnigen ragen führte seine Schwester, das Wirtstöchterlein, die sieben kleinen Bären an der Kette spazieren; eine Gaudi war’s sie zu begleiten. Eine kleine Sensation dagegen war es, wenn wieder einmal einer der flinken Kletterer sich aus dem Gehege über die meterhohe Mauer davon machte und bei uns im Höfle landete. Manchmal ging der Weg der Ausreißer aber auch über Dächer hinweg in benachbarte Wohnquartiere.

Unvergesslich wie einer vom Münsterplatz her plötzlich zur ebenen Erde in der Küche des Gasthauses Falken (heute Dresdner Bank) auftauchte, nach Leckerem Umschau haltend. Geschrei und geschwungene Besen trieben ihn zum Fenster hinaus, jedoch nicht, bevor er mit dem Porzellan der Küche ein übles Spiel getrieben hatte. Ein andermal tönte der durchdringende Schrei eines Pfauenmännchens über die Dächer. Schließlich sahen wir ihn ganz oben auf dem Münsterturm mit geschwungenem Rad. Noch heute ist es mir ein Rätsel, wie er wieder herunter kam.

Traurig verlief die Geschichte mit dem nur handgroßen Zwergäffchen, das in einem Vogelkäfig am Fenster der Wirtsstube seine Heimat hatte. Man hatte immer ein wenig Mitleid mit dem zarten Kleinen. An kalten Tagen nahm das Wirtstöchterlein es mit ins wärmende Bett. Doch an einem Wintermorgen lag es tot im Bett, seine Gastgeberin hatte es im Schlafe erdrückt. Es gab Tränen im Haus, und noch heute denke ich ans Äffchen.

Wenn die Zeit des Heuet oder des späten Öhmds kam, waren wir Nachbarsbuben gefragt. Der Leiterwagen kam von den Wiesen draußen im Goldenen Bühl oder bei der Roßwette durchs Obere Tor gefahren und hielt vor dem Haus. Die Kühe wurden ausgespannt. Auf dem Weg zum hinteren Stall hatte man für sie zur Überwindung der drei Treppenstufen eine schiefe Ebene aus Dielen gelegt, und so schritten sie denn gemächlich durch die enge Haustür ins Innere zum Stall. Inzwischen luden wir den Wagen ab und trugen, was unsere Arme fassen konnten, nach hinten, wo das Heu mit Gabeln zur Bühne hochgereicht wurde. Nach getaner Arbeit bekamen wir erwartungsvollen Kinder, fünf bis sechs an der Zahl, vom Wirt die ersehnte „Chabeso“, wie man damals zur Limonade sagte, spendiert. Manchmal durften wir wählen: rote oder grüne. Da waren wir sogar dabei, wenn der Mist abzufahren war, denn in dem winzigen Hof konnte er nicht bleiben. Für diesen Zweck gab es am Ende der Hafnergasse, gleich rechts an der Ringmauer, „im Stadtgraben“, dort wo sich heute der Spielplatz im Klosterring befindet, eine städtische „Miste“, eine von mehreren, die in Boxen unterteilt, dem „oberen Viertel“, d.h. der Hafnergasse, Bärengasse, Löwengasse (= Hans-Krautgasse) zur Verfügung stand, sofern man den Mist nicht gleich auf die eigenen Wiesen und Äcker brachte. Wir wetteiferten, wer auf dem Wagen die schönste Pyramide aus Mist bauen konnte. Dann begleiteten wir stolz das Gefährt auf seinem kurzen Weg zur Stadtmiste.

Dieser „Misttag“ war für die Nachbarn links und rechts, dem Wagner — Wittmer (man sagt Villingerisch „Wanger“) und dem Schmied — Kress ein Ärgernis. Ein Teil ihrer handwerklichen Tätigkeit spielte sich nämlich auf dem Gehsteig und am Straßenrand ab. Der eine zimmerte Wagen, solche für Stadt und Land, der andere brachte die Beschläge an und zog die eisernen Reifen auf die Räder. Manchmal standen die Karren vom Bierbrauer Faller an der einen Ecke bis zum Brillen — Singer an der anderen. Wollte man den Mist auf den Karren laden, musste er zuerst auf dem „Trottoir“ niedergelegt werden. Dann mussten die beiden Handwerker Platz machen. Da flogen hin und wieder zornige Worte. Uns Buben aber störte gar nichts. Es war die Welt, in der wir lebten und die wir bewahren.