Spurensuche:Der Bahnhof Kirnach-Villingen (Heinrich Maulhardt)

Der 2011 stattgefundene Tag des offenen Denkmals stand unter dem Motto „Romantik, Realismus, Revolution“. Damit widmete sich der Denkmaltag einer der stilistisch vielseitigsten und an technischen Neuerungen reichsten Epochen der Bau- und Kunstgeschichte . Darunter zählt für unsere Stadt und Region als das größte Bauwerk überhaupt die Schwarzwaldbahn mit ihren Gleis­ anlagen, Bahnhöfen, Tunnels u. a. Am 11. September stellten Barbara Eichholtz, Berthold Hettich und der Autor den Bahnhof Kirnach-Villingen vor (Abb.1 und 2), der im Jahr 2000 durch das Landesdenkmalamt Freiburg die Denkmaleigenschaft verliehen bekam. Die Sachgesamtheit Kirnacher Bahnhof umfasst das Bahnhofsgebäude, das zwei­ geschossige Eisenbahnwohngebäude sowie den Schuppen, der dem Wohngebäude gegenübersteht. An dem Erhalt der Sachgesamtheit besteht nach Meinung des Denkmalamtes aus verkehrs-, architektur- sowie aus wirtschafts- und sozialgeschichrlichen Gründen ein öffentliches Interesse. Die Resonanz an diesem Tag war großartig. An den zahlreichen Führungen nahmen rd. 100 Personen teil. Historische Grundlage der Führungen waren die im Stadtarchiv vorhandenen Pläne zum Bahnhofsensemble1 aus dem Zeitraum 1901 bis 1906, Gebäudeakten aus dem Bauaktenarchiv, Dokumente der Stadtchronik und Auskünfte von Zeitzeugen 2. Herr Hettich, der als Spediteur Eigentümer des Eisenbahnerwohngebäudes ist, stellte kenntnisreich das Gebäude und die Reste des ehemaligen Güterbahnhofs mit der Holzverladerampe vor, während Kunsthistorikerin Barbara Eichholtz und der Autor den Personenbahnhof präsentierten.

Abbildung 1: Tag des offenen Denkmals am 11. September 2011, Führung Stadtarchivar Dr. Heinrich Maulhardt.

 

Das Gebäudeensemble wurde an diesem Tag für die interessierte n Besucher noch ergänzt durch Ausstellungsstücke aus Privat­ besitz. So stellte der Villinger Eisenbahnclub e.V die alte Bahnhofsuhr aus dem Wartesaal und die Schelle der mittlerweile abgebauten Bahnschranke zur Verfügung. Und auch eine Fahrkarte von der letzten Fahrt nach Kirnach-Villingen war zu sehen.

Bau und Nutzung des Ensembles

Einen eindeutigen Hinweis auf das Baujahr des Bahnhofs bietet die Wetterfahne auf seinem Dach. Dort ist da s Jahr 1872 zu lesen. Von der Schwarzwaldbahn wurde im Jahre 1869 der Streckenabschnitt Villingen-Konstanz eröffnet. Der erste Zug von Hausach nach Villingen fuhr 1873. Der Bahnhof wurde also rechtzeitig zur Eröffnung der Bahnstrecke fertig.

Der Baustil ähnele dem von Triberg. Damals fuhren die Züge noch auf einer eingleisigen Strecke. Schon wenige Jahre später, 1887, wurde auch das zweite Gleis gebaut.3 Im Bereich des Bahnhofs erhöhte sich die Zahl der Gleise dann sogar auf vier 4, während heute das Gleisgeflecht wieder auf zwei Durchgangsgleise zurückgebaut wurde. Um die Bahntrasse von Villingen nach St. Georgen herzustellen, waren umfangreiche Erdbewegungen erforderlich. Zur Gewinnung eines gleichmäßigen Steigungswinkels wurde im Bereich des Bahnhofs Erdreich aufgeschüttet, das man im Groppertal und Germanswald abbaute. Im Bereich des Eisenbahnerwohngebäudes kann man gut das vor dem Bau der Schwarzwaldbahn niedriger liegende Bodenniveau im Gelände ablesen.

Der Bahnhof wenige Kilometer vor Villingen hatte den Zweck, die Transportbedürfnisse des Ortes Unterkirnach zu befriedigen und mit seiner Holzverladerampe den Erfordernissen der Waldwirtschaft zu dienen. Dabei war der Standort, der 3,5 Kilometer von Unterkirnach entfernt ist, umstritten. Auch eine Haltestelle beim Schotterwerk im Groppertal war im Gespräch, obwohl die Wegstrecke von dort nach Unterkirnach kaum kürzer ist. Als Alternative zum Streckenverlauf durchs Groppercal diskutierte man die Linie von Pecerzell über Schoren, Mönchweiler und verwarf sie schließlich. ,,Das Bezirksamt sprach sich für die Groppertallinie und die Station Kirnach aus, da den Schwarzwaldorten damit eine Stunde Weg bis zum Villinger Bahnhof erspart wurde.“5 Wenige Jahre nach Fertigstellung des Kirnacher Bahnhofs gab es im Jahre 1875 den Plan, von der Station Kirnach eine Eisenbahnverbindung über Vöhrenbach nach Furtwangen zu bauen. Dieser Plan wurde jedoch nicht realisierc.6 Die Entscheidung fiel zugunsten der Linie Furtwangen – Vöhrenbach – Wolterdingen – Bräunlingen – Donaueschingen (Bregtalbahn), die 1893 fertiggestellt wurde.

Die Bedeutung des Bahnhofs für die Stadtbevölkerung und den Tourismus

Die Station Kirnach diente bei ihrer Fertigstellung vor allem den Transportbedürfnissen von Unterkirnach und der Waldwirtschaft. Am Ende des 19. Jahrhunderts hob dann ein Streit um ihren Namen an. Der Villinger Oberbürgermeister Braunagel sprach sich in einem Schreiben an die Großherzogliche Bahnbetriebsinspektion 1905 für die Bezeichnung „Villingen-Waldbahnhof “ aus. Der Bahnhof in der Innenstadt sollte zukünftig den Namen Villingen-Hauptbahnhof tragen.7 Die Bezeichnung „Bahnhof Kirnach“ irritiere insbesondere die Gäste, da die Station auf Villinger Gemarkung liege und die unrichtige Vermutung hervorrufe, die Hotels lägen weitab von Villingen.

Abbildung 2: Spediteur Berthold Hettich stellt das Eisenbahnerwohngebäude und die Reste des ehemaligen Güterbahnhofi mit der Holzverladerampe vor.

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Dieser Vorstoß hatte folgende Gründe: Das in der Nähe des Bahnhofs liegende riesige Villinger Waldgebiet nutzte die Villinger Stadtbevölkerung immer mehr als Erholungsraum. Hintergrund dafür war die zunehmende Industrialisierung der Stadt und die damit einhergehende Veränderung der Stadtgesellschaft, wofür der Bahnanschluss mit seinen bisher ungeahnten Transportmöglichkeiten wiederum mitverantwortlich war. Zum andern zog es Erholungssuchende von weiter her, aus dem Rheingebiet und anderswo, in den schönen Schwarzwald. An erster Stelle der Erholungssuchenden ist hier sogar der Großherzog zu nennen, der Villingen als Sommerfrische entdeckte. Die Rahmenbedingungen für den Schwarzwaldtourismus 8 waren durch die Gründung des Schwarzwaldvereins als ersten deutschen Gebirgsverein, die Eröffnung der Bahnverbindungen der Schwarzwaldbahn 1873 und der Höllentalbahn 1887 und den vorhandenen 4.000 ha großen Stadtwald gegeben.

In Villingen gründeten Bürger 1881 den Verschönerungsverein. Er setzte sich die Anlage von Spazierwegen und Baumpflanzungen zum Ziel und hatte seinen Arbeitsschwerpunkt im Gegensatz zu vergleichbaren Vereinen in anderen Orten fast ausschließlich außerhalb der Stadtmauern. Die treibende Kraft der ersten Jahre war Hubert Ganter (1848-1895), der als Förster in Diensten der Stadt stand. Der Pionier und „Entdecker“ Villingens als Luftkurort sorgte für die Aufforstung ertragsloser Allmendflächen und die Verbindung des Stadt­ und Spitalwaldes mit der Stadt durch die Anlage von schattigen Spazierwegen.9

Abbildung 3: Lageplan Station Kirnach vom 17.07.1901 . Quelle: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS) Bestand 2.12 Kiste 8 Bahnhof Kirnach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch zum Bahnhof Kirnach war ein Weg geplant, der bereits 1882 teilweise fertiggestellt werden konnte. 10 Ganters Bemühungen wurden von dem Teil der Bevölkerung, der die bürgerlich-liberale Schicht repräsentierte, unterstützt , weniger jedoch von den traditionellen ackerbürgerlich geprägten Schichten, die auch den Gemeinderat der Stadt dominierten. Sie hatten wenig Verständnis für die Ideen Ganters . Unweit des Kirnacher Bahnhofs stehe noch heute sein Denkmal.

Abbildung 4: Postkarte Waldhotels Hermann Schlenker, ca. 1901 Quelle: SAVS Bestand 5.2.4 Nr. 1219.

 

Die Eröffnung des Waldhotels im Jahre 1900 in der Nähe des Bahnhofs markiert den Beginn des Tourismus und der Bahnstation als Reiseziel für Erholungssuchende in Villingen. Eine neue Spezies von Menschen steuerte den Bahnhof an. Das Waldhotel war in den ersten Jahren „von einem sehr vornehmen Publikum vollbesetzt“ 11. Es stellte sich als elegantes und mit allem Komfort der Neuzeit (elektrische Anlage, Centralheizung, Badeeinrichtung, Hochdruckwasserleitung in allen Stockwerken) ausgestattetes Haus der Öffentlichkeit vor. 12 Wiederhole hat sogar die Großherzogliehe Familie vor dem Besuch von St. Moritz (Engadin) sich dort erholt .13 Nach der Eröffnung des Waldhotels kam es zum Bau weiterer Hotels: Waldmühle, Burghotel, Kirneck und Waldblick. Die Stadt förderte diese Entwicklung . So erhielt das Forstamt bereits zur Grundsteinlegung des Waldhotels 1899 die Weisung, den Weg vom Hotel zum Kirnacher Bahnhof zu verbessern 14 und zwei Jahre später bekam der Bahnhof eine elektrische Leitung, vermutlich von der Feldner Mühle her, und konnte nun auch bei Dunkelheit erhelle werden.

1901 war auch schon der Weg vom Bahnhof zum Waldhotel elektrisch beleuchtet. Die Villinger Fremdenführer feierten den Aufstieg des Tourismus und seine örtlichen Bedingungen. Im Vorwort zum 1906 erschienenen Stadtführer ist die Rede von der ,,mächtig emporgeblühten Villinger Fremdenindustrie“ und Villingen wird als rasch aufstrebender Kurort mit seinen herrlichen Wäldern, die eine „Wunderwirkung auf Kraft und Gesundheit des Menschen“ ausüben, gepriesen. Das ganze Areal um den Bahnhof wurde geradezu als Paradies beschrieben. Selbst der „Herbst, die schönste Zeit auf unserer Höhe, erfreut durch wochenlang anhaltendes prächtiges Wetter mit hellstem Sonnenschein.“ 15 Die Jahrhundertwende bis zum 1. Weltkrieg war zweifellos die Hochzeit für den Bahnhof und seine Umgebung, die durch zahlreiche Wanderwege erschlossen worden war. Als Wanderziele schon damals wie heute sehr beliebt waren Burg Kirneck, Neuhäusle, Unterkirnach u. a. Zeitzeuge Rudolf Schäfer aus Schwenningen berichtete am Denkmaltag von seinen Ausflügen als Kind mit den Eltern Anfang der 1930er Jahre. Mit ein er Sonntagsrückfahrkarte für 70 Pfennige für Erwachsene kam die Familie im Bahnhof Kirnach an. Für Kinder zum halben Preis „war ich auf den Spazierwegen durch die Villinger Wälder zum Ganter-Denkmal an der Kirnach, zum Kloster Maria-Tann und zur Ruine Kirneck, zum Uhufelsen und zur Steinernen Sau und auch zum Gasthaus Forelle im Groppertal mit Begeisterung unterwegs, auch wenn mir die Forelle und die an schönen Wochenenden geöffneten Kioske im Kirnacher Bahnhöfle und später auch im Forsthaus Salvest verschlossen blieben, denn (… ) das Geld war nach wie vor knapp, und außerdem gab es für Kinder nur ‚Glickerlewasser ‚, eine Limonade, und Schneckennudeln. Dafür entschädigten aber die Heide!-, Preise!-, Erd-, Hirn- und Brombeeren und auch die Hagebutten und die Pilze, die zu Hause verarbeitet wurden.“16

Damit die Ausflügler den Wald gefahrenlos genießen konnten, wurden die im Germanswald lebenden und als Gefahrenquelle erkannten Kreuzottern rigoros bekämpft. Das Bahnhofs- und Forstamtspersonal wurde angewiesen, in der wärmeren Jahreszeit nach Kreuzottern zu fahnden. 17 Die Ausgaben für die Fangprämien und zusätzliche Belohnungen für die Spezialisten, meist pensionier­ te Eisenbahnbeamte, die die Aufenthaltsorte der Tiere kannten, schlagen sich in den Stadtrechnungen nieder. Selbst Lokführer, Lokheizer und der Bahnwart waren 1910 im Einsatz.

Abbildung 5: Anzeige Bahnhofswirtschaft Kirnach 1901. Quelle: Villingen. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebung. Bearbeitet von Karl Kretz. Freiburg 1901 , S. 4 1.

 

Die Bilanz konnte sich sehen lassen: 1907 beseitigte man 252 Schlangen, 1908 waren es 129 und 1909 insgesamt nur noch 116 Kreuzottern.

Im Jahre 1913 konnten selbst Briefe im Bahnhof zur Beförderung abgegeben werden und nach Unterkirnach bestand 2x täglich eine Postwagenverbindung I8.

In einem Flügel des Bahnhofs war von Anfang an eine Bahnhofswirtschaft untergebracht, die nicht nur Bahnreisende nutzten. Schon 1901 war im Stadtführer vom Bahnhöfle in seiner hübschen und günstigen Lage zu lesen, das wegen seiner guten Wirtschaft ein sehr beliebter Ausflugsort war. 19 Und 1906 wird dem „Restaurant am Kirnachbahnhof“ das Prädikat sehr gut erteilt. 20

Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg, Ende des Bahnhofs

Nach dem 2. Weltkrieg trat das Auto als Transportmittel seinen Siegeszug an. Im selben Maße schwand die Bedeutung der Eisenbahn ins­ besondere für den Personenverkehr. Daran konnte auch die Elektrifizierung der Schwarzwaldbahn im Jahre 1975 nichts ändern. Bereits 1954 zog die Spedition Kochtransport in einen Teil des Bahnhofs. Sie erweiterte in den nächsten Jahrzehnten ihre Lagergebäude, so dass es 1985 zum Abbruch des Güterbahnhofs kam, auf dessen Grundmauern, die heute noch zu sehen sind, dann eine neue Lagerhalle gebaut wurde. Der Personenbahnhof wurde zwar nicht abgebrochen, musste aber den­ noch mit der letzten Personenfahrt am 30. Mai 1981 schließen. Die Bahn verkaufte ihn an die bereits ansässige Speditionsfirma, die ihn 1999 an die Firma AST weiterverkaufte. In diesem Jahr zog sich Kochtransporte ganz aus dem Bahnhofsareal zurück. Die Lagergebäude erwarb die Spedition Hettich Transporte. Der letzte Eigentümerwechsel fand 2011 statt. Nach einem Zeitungsartikel soll jetzt das unter Denkmalschutz stehende Bahnhofsgebäude als Kampfsportzentrum genutzt wer­ den .21 Nach 109 Jahren war 1981 das Ende des Bahnhofs gekommen. Kein Bahnpersonal ist seit­ dem dort mehr tätig, keine Zugreisenden sind zu sehen, die Ausflügler kommen mit dem Auto oder dem Fahrrad und nutzen das Areal als Parkplatz.

Die Pläne des Bahnhofs 1901-1906 22

Der Lageplan (vergl. Abb . 3) zeigt den Bahnhof in seiner vollen Ausgestaltung. Das Ökonomiegebäude südöstlich des Empfangsgebäudes, von dem gerüchteweise behauptet wird, dass dort der Großherzog seinen kleinen Empfangsraum gehabt hätte, die Toilettenanlage (Abtritt), der Güterschuppen und der Holzverladeplatz sind nicht mehr vorhanden . Vom Güterschuppen und dem Holzverladeplatz stehen nur noch die Grundmauern. Die Gleisanlage wurde auf die zwei Durchgangsgleise zurückgebaut. Vor dem Bahnwärter-Wohngebäude ist auf dem Plan ein Bahnübergang zu sehen, der heute ebenfalls nicht mehr existiert. Das an der Brigach liegend e Hammerwerk mit Kohlenscheuer, später auch Sitz des Hotels Kirneck, ist verschwunden. Die Einzeichnungen am Empfangsgebäude lassen darauf schließen, dass das „Aufnahmsgebäude“ um das Jahr 1906 nach Nordwesten hin vergrößert werden sollte.

Der „Grundriss 1. Stock“ (Abb. 6) zeigt die damalige Nutzung der Erdgeschossebene und die geplanten Veränderungen. Danach gab es zwar einen gemeinsamen Eingang, nach einer „Vorhalle“ dann aber Wartesäle III. und II. Klasse sowie Wirtschaften III. und II. Klasse mit jeweils getrennten Ausgängen zum Bahnsteig. Diese Türen sind bis auf den Wartesaal II. Klasse heute alle zu Fenstern umgebaut worden. Die mit gelber Farbe ein getragenen Änderungen beinhalten die Zusammenlegung von Wartsaal und Wirtschaft der jeweiligen Klassen zugunsten der Wirtschaftsküche, einer Abfertigung und einer neuen Küche des Stationsaufsehers. Ob diese Planungen auch so realisiert wurden, dafür gibt es keine Belege. Die Einteilung der Wartesäle und der Gastronomie in Klassen spiegele die damalige Wilhelminische Gesellschaft, sie lässt den Betrachter dann aber auch nach der I. Klasse suchen, die sich im eigentlichen Bahnhofsgebäude offensichtlich nicht befand. Dem Ökonomiegebäude südöstlich wird diese Qualität gerüchteweise zugeschrieben, sie kann aber nicht bewiesen werden. Es gibt auch keinen Grund, dass die Reisenden I. Klasse, die im Waldhotel in einer Entfernung von wenigen hundert Metern wohnten, sich nach anstrengender Zugreise noch länger auf dem Bahnhof aufgehalten hätten. Einen Wartesaal mit Wirtschaft I. Klasse hat es m. E. nie gegeben, denn in diesem Bahnhof gab es dafür keinen Bedarf. Die kleine Gruppe der VIP begab sich nach Ankunft in das Waldhotel und blieb unter Ihresgleichen.

Die Einteilung der Räume im Erdgeschoss hat sich heute völlig verändert. Sie wurde den jeweiligen Nutzungsnotwendigkeiten nach Aufgabe des Bahnhofs angepasst.

Die Mauern des Gebäudes sind aus Fachwerk mit Holzständern. Im Innern sind fast nur noch die Treppenaufgänge aus der Anfangszeit erhalten. Die Pläne des 2. Stocks bestätigen, dass sic h im Nordwesten die Wohnung des Scacionsaufsehers befand und im Südosten diejenige des Bahnhofswirts.

Zusammenfassung

An der Geschichte des Bahnhofs lassen sich verschiedene Epochen des 19. und 20. Jahrhunderts ablesen. Der Bahnanschluss , mit dem der Bau des Gebäudeensembles 1872 verbunden ist, revolutionierte das Transportwesen und stellte einen mächtigen Impuls für die wirtschaftliche Entwicklung der Region dar.

Abbildung 6· Bahnhofgebäude Grundriss 1. Stock, 1905. Quelle: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen(SAVS) Bestand 2. 12 Kiste 8 Bahnhof Kirnach.

 

Abbildung 7: Postkarte Bahnhof Kirnach von der Bahnseite aus gesehen, 1906 Quelle: SAVS 5.2.4 Nr. 2961.

 

Abbildung 8: Postkarte Bahnhofwirtschaft Kirnach Villingen, 1926 Im Vordergrund: Hotel Kirneck. Quelle: SAVS Bestand 5.2.4 Nr. 3553.

 

Das Kirnacher Bahnhöfle ermöglichte der Gemeinde Unterkirnach den Anschluss an das große nationale und internationale Schienennetz und an der Wen e zum 20. Jahrhundert für Villingen die Entwicklung des Tourismus als Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Die touristische Entwicklung bedingte auch die Änderung des Namens in „Station Kirnach-Villingen“ und die Vergrößerung und Umgestaltung des Bahnhofsgebäudes im Jahre 1906. Die seit dem Bahnanschluss erfolgte Industrialisierung brachte neue Bevölkerungsschichten hervor.

Abbildung 9: Bahnhof Kirnach-Villingen, Fahrdienstleiter Wolfgang Heilmann, ca. 1973 , Foto: Bärbel Heilmann.

 

So wuchsen die Schichten der Lohnabhängigen, der Arbeiter und Angestellten, und überstiegen zahlenmäßig das bereits im Mittelalter ansässige Ackerbürgertum. Eine willkommene Abwechslung von der monotonen Fabrikarbeit bot diesen Klassen das Bahnhöfle und seine Umgebung, der Villinger Stadtwald. Selbst die oberste Klasse der Gesellschaft mit der Großherzoglichen Familie an der Spitze zog es mit der Bahn zur Erholung in das Waldhotel in Bahnhofsnähe. Nach dem 2. Weltkrieg schwand dann im Zuge der Motorisierung die Bedeutung der Bahnstation immer mehr. Das Ende des Personenbahnhofs kam im Jahre 1981 und wenig später auch die des Güterbahnhofs. Heute werden das Gelände und die noch vorhandenen Gebäude für Bahnzwecke nicht mehr genutzt. Für Erholungssuchende dient es allenfalls als Parkplatz, um von dort aus zu wandern oder zu skaten. Seine immer noch reizvolle Lage am Waldrand von Villingen hätte in der Vergangenheit eine Überlegung als Station des Ringzugs verdient gehabt, was leider nicht geschehen ist. Gemütlich zum Zielort anreisen und dann in Ruhe die Natur genießen, so wie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, ist auch heute wieder bzw. immer mehr gefragt.

Quellen:

Pläne Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS) Bestand 2.12 Kiste 8 Bahnhof Kirnach.

Bauaktenarchiv: Gebäudeakte Kirnacher Straße 46.

Literatur:

Eugen Bode: Wasserwerke in Villingen, in: Jahresheft XVII des Geschichts- und Heimatvereins Villinge n 1992 /93, S. 61-73 .

Meike Habicht: ,,… den Aufenthalt der fremden möglichst heimisch zu machen.. .“ Der Fremdenverkehr in Villingen vor 19 14, in: Schöne Aussichten – Beiträge zum Tourismus und zur kulturellen Identität in Villinge n und Schwenningen. Zwischen Kopfhörer und Trachtenhaube. Band 3.Villingen-Schwenningen 200 2, S. 8-24.

Klaus Maiwald u. a.: Unterkirn ach. Geschichte einer Schwarzwaldgemeinde. Herausgegeben von der Gemeinde Unterkirnach 1994.

Ulrich Rodenwaldt: Das Leben im alten Villingen. Teil II. Geschichte der Stadt im Spiegel der Ratsprotokolle des 19. und 20. Jahrhunderts. Villingen-Schwenningen 1990.

Villingen. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebung. Bearbeiter von Karl Kretz. Freiburg 1901.

Villingen im Schwarzwald. Ein Führer durch Villingen und seine Umgebung. Im Auftrage der Stadtverwaltung verfaßt von J. Heilmann. 1. Auflage 1906.

Villingen im Schwarzwald. Ein Führer durch Villingen und seine Umgebung. Im Auftrage der Stadtverwaltung verfaßt von J. Heilmann. 2. Auflage 1913.

Hubert Waldkircher: ,,Tannenhöhe“ – ein Haus im Wandel der Geschichte, in: Jahresheft XXIV des Geschichts- und Heimatvereins Villingen 2000, S. 75-77.

Zeitungsartikel:

Schwarzwälder Bore 29.04 . 1981 Artikel: ,,Schwarzwaldbahn: Weniger Züge, weniger Bahnhöfe. Kein Nahverkehrszug mehr im Fahrplan“.

Badische Zeitung 11./12.07.1981 Klaus Peter Karger: Bahnhof auf dem Abstellgleis. Beobachtungen am Kirnacher Bahnhöfle.

Südwestpresse 31.05 .1990, Artikel „Für 40 Pfennig mit der Dampflok ans Kirnacher Bahnhöfle“.

Schwarzwälder Bote 27.08.2011 Artikel „Bahnhöfle erwacht zu neuem Leben. In das denkmalgeschützte Gebäude zieht ein Kampfsportzentrum ein“.

Anmerkungen:

1 Pläne Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS) Bestand 2.1 2 Kiste 8 Bahnhof Kirnach; Bauaktenarchiv: Gebäudeakte Kirnacher Straße 46.

2 Dank an den Gebäudeeigentümer Dirk Hoffmann für die Außennutzung des Gebäudes sowie an die Zeitzeugen Wolfgang Heilmann, ehemaliger Aufsichtsbeamter Bahnhof Kirnach-Villingen, Farn. Hermann Colli, insbesondere Beate Sturm geb. Colli für die Leihe der letzten Fahrkarte sowie Wolfgang Riedel vom Eisenbahn -Club Villingen e.V. für zahlreiche Auskünfte und Leihe der Bahnhofsuhr und der Schrankensehelle. Dank auch an den Zeitzeugen Rudolf Schäfer.

3 Auskunft von Georg Schwach vom 13.09.2011: Als die Bahnstrecke zweigleisig gebaut wurde, errichtete man einen 400 m langen Stollen, durch den noch heute die Brigach fließt. Die an der eingleisig en Linie vorhandenen Brücken wurden abgebrochen und dafür wurde ein durchgehender Bahndamm geschaffen. Durch diese Maßnahme konnte Geld gespart werden.

4 Siehe Lageplan von 1901 , Anmerkung 1 .

5 Klaus Maiwald u. a.: Unterkirnach. Geschichte einer Schwarzwaldgemeinde. Hg. Gemeinde Unterkirnach 1 99 4, S.16 1.

6 Vgl. Ulrich Rodenwaldt: Das Leben im alten Villingen. Teil II. Geschichte der Stadt im Spiegel der Ratsprotokolle des 19. und 20. Jahrhunderts. Villingen-Schwenningen 1990, S. 270.

7 Vgl. Stadtarchiv Villingen-Schwenningen Bestand 2.2 Nr. 71 47.

8 Vgl. Meike Habicht: ,,… den Aufenthalt der Fremden möglichst heimisch zu machen… “ Der Fremdenverkehr in Villingen vor 1 9 14, in: Schöne Aussichten – Beiträge zum Tourismus und zur kulturellen Identität in Villingen und Schwenningen. Zwischen Kopfhörer und Trachrenhaube. Band 3. Villingen-Schwenningen 2002, S. 10.

9 Vgl. Habicht , S. 1 3.

10 Vgl. Habicht, S. 1 3.

11 Villingen im Schwarzwald. Ein Führer durch Villingen und seine Umgebung. Im Auftrage der Stadtverwaltung verfaßt von J. Heilmann. 1 . Auflage 1906 , S. 38.

12 Vgl. Huben Waldkircher: ,,Tannenhöhe“ – ein Haus im Wandel der Geschichte, in: Jahresheft XXIV des Geschichts- und Heimatverein s Villingen 2000, S. 75.

13 Villingen im Schwarzwald. Ein Führer durch Villingen und seine Umgebung. Im Auftrage der Stadtverwaltung verfaßt von J. Heilmann. 1. Auflage 1906, S. 39.

14 Vgl. Rodenwaldt, S. 360.

15 Villingen. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebung. Bearbeitet von Karl Krerz. Freiburg 190 1 , S. 52.

16 Mündlicher Bericht von Rudolf Schäfer aus Schwenningen am Denkmaltag 11.09.2011 (Auszug).

17 Vgl. Rodenwaldt, S. 361.

18 Villingen im Schwarzwald. Ein Führer durch Villingen und seine Umgebung. Im Auftrage der Stadtverwaltung verfaßt von J.Heilmann. 2. Auflage 1913 . S. 1 4.

19 Vgl. Villngen. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebung. Bearbeitet von Karl Kretz. Freiburg 1901 , S. 55.

20 Vgl. Villingen im Schwarzwald. Ein Führer durch Villingen und seine Umgebung. Im Auftrage der Stadtverwaltung verfaßt von J.Heilmann. 1. Auflage 1906 , S. 12.

21 Artikel Schwarzwälder Bote vom 27.08.20 1 1.

22 Pläne Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS) Bestand 2.12 Kiste 8 Bahnhof Kirnach.