Die Erker in Villingen – einst und heute (Lambert Hermle)

Eine Ergänzung des Beitrags von Traugott Wöhrlin im Jahresheft 1/1973

Fotos: Albert Helmstädter

Das Gesicht einer mittelalterlichen Stadt wird bekanntlich nicht allein durch Kirchen, Rathäuser und andere repräsentative Gebäude geprägt. Auch die bürgerlichen Wohnhäuser sind sehr wesentlich an der Gestaltung des Stadtbildes beteilige. Während die großen kirchlichen und profanen Gebäude zusammen mit der Stadtanlage mehr das Einmalige – man möchte fast sagen die „persönliche Note“ – der Stadt herausheben, sagen die Bürgerhäuser immer etwas über die Eigenart, die Beschäftigung und nicht zuletzt über den Reichtum der Stadtbewohner aus und sind somit vielleicht eher ein Charakteristikum des Volkes oder der Landschaft als das der jeweiligen Stadt.

Es ist also leicht zu verstehen, wenn die Bürgerhäuser unserer alemannischen Städte zwar nicht alle einander gleichen, aber doch sehr viel Gemeinsames aufweisen. Vor allem in den ehemaligen Ackerbürgerstädten wie Villingen, wo die Einwohner neben ihrem Gewerbe noch irgendeine Form der Landwirtschaft betrieben, finden wir fast immer den Typus des „gestelzten Hauses“.

Bei dem rauen Klima unserer Heimat ist es nicht verwunderlich, dass überall die Wohnstube, die bei diesem Haustypus ihren Platz stets im Obergeschoß an der Straßenseite hat, von jeher mit besonderer Sorgfalt ausgestattet wurde. Großes Interesse fand hier die Gestaltung der Fenster, die aneinandergereiht, fast immer die ganze Straßenseite der guten Stube einnehmen. Bei vielen Villinger Häusern sind diese zusammengekuppelten Fenster, die mit dem ganzen Haustypus vom Holzbau übernommenen sog. Fenstererker, der einzige Schmuck . Bei den meisten vornehmen Häusern jedoch sind diese Fenstererker in vielfach sehr reizvoller Weise ausgekragt, und durch alle Seilperioden hindurch wird dieses Erkerthema in teilweise recht interessanten Formen variiert. Hier einige Beispiele der unterschiedlichen Erkerformen (Abb. 1 bis 3).

Woher nun diese Idee, ein Fenster aus einer Wand vorzukragen, letztlich kommt, lässt sich wohl nicht eindeutig ergründen. Man nimmt an, dass die Kreuzfahrer den Erker als Bauelement vom Orient in unsere Heimat gebracht und zunächst vor allem an Befestigungsbauten in Form von Pechnasen u. dgl. verwendet haben.

 

Abb. 1: Niedere Straße Haus Nr. 26
Abb. 2: Niedere Straße Haus Nr. 6

 

Abb. 3: Bickenstraße Haus Nr. 13

 

Hausvorsprünge mit „Guckfensterchen“

Abb. 4: Rietstraße Haus Nr. 1.

 

Abb. 5: Brunnenstraße Haus Nr. 48.

 

Aber offensichtlich hat dieser Erker mit dem des bürgerlichen Wohnhauses wenig Gemeinsames. Viel wahrscheinlicher ist die Ursache für dieses in ganz Süddeutschland, Österreich und vor allem der Schweiz verbreitete Bauglied die natürliche Schaulust des Hausbewohners und schließlich auch noch ein wenig das Geltungsbedürfnis des Erbauers. Dabei war das Interesse an den Vorgängen auf der Straße wohl der ursprünglichere Grund; denn wo es möglich war, sich mit einfacheren Mitteln eine gute Aussicht auf die Straße zu verschaffen, verzichtete man vielfach auf einen Erker. Man stellte z.B. das Haus zur Straßenflucht etwas schräg, so dass an der einen Giebelseite ein kleiner Vorsprung entstand, in dem man, auch wenn er noch so klein war, stets ein Guckfensterchen anbrachte. Gerade diese Hausvorsprünge sind es, die dem Straßenraum seine Eigenart, sein „Gesicht“ geben (Rietstraße/Brunnenstraße, Abb. 4 und 5). Man kann in Villingen die Beobachtung machen, dass diese Hausvorsprünge mit Vorliebe dort angelegt wurden, wo ein möglichst großes Straßenstück überschaut werden konnte.

Aber auch die anderen Fenster der Wohnstube haben wir uns im ganzen Mittelalter mit einer Sitzbank an der Brüstung vorzustellen, die das Hinausschauen zu einer angenehmen, müßigen Beschäftigung werden ließ. Bei vielen Häusern findet sich diese Bank heute noch.

Besonders in der späten Gotik und auch während der Renaissance werden gerne reich verzierte Säulen verwendet, um den durch das Zusammen­ kuppeln mehrerer Fenster sehr langen Sturz noch ein- oder zweimal zu unterstützen. Wir finden die­ se stets reizvolle Lösung noch heure im Rathaussaal, im Nebenzimmer des Saales, in dem zum neuen Rathaus umgebauten alten Pfarrhof und in einem Haus in der Kanzleigasse. Diese interessante Anordnung ist ja auch in vielen anderen Städten Südwestdeutschlands anzutreffen.

Abb. 6· Obere Straße Haus Nr. 28.

Die ältesten Villinger Erker aus dem 16. Jahrh. sind ohne Zweifel Weiterentwicklungen dieser Fensterform: Von den meist drei zusammengekuppelten Fenstern wird eines – gewöhnlich das mittlere – in Form eines halben Sechsecks ausgekragt (Abb. 6).

Die Fensterbank und die Sitzbank an der Brüstung machen diese Ausbuchtung mit. Auf die­ se Weise entsteht der einfache Sitzerker als Grundform für die späteren „Erkerformulierungen“. An der Außenseite fängt stets ein kleiner, oft reich verzierter Konsolstein den schrägen Anlauf des Erkers auf. Meist wird dieser Erker, den die Villinger bezeichnenderweise „Ausstoß“ nennen, von einem sanft geschwungenen, spitz oder trapezförmig ansteigenden Pultdach gedeckt. Besonders in Konstanz und Schaffhausen sind für diese Erkerform einige besonders treffende Bei­ spiele zu finden. Aber auch in Villingen sind heute noch sehr schöne Erker dieser Art in der Josefsgasse 16 (Abb. 7), Gerberstraße 48 (Abb. 8), Bickenstraße 14 (Abb. 9) oder Obere Straße 4 (Abb. 10).

Abb. 7: Josefsgasse 16

 

Abb. 7: Josefsgasse 16

Eine große Anzahl solcher Erker hat nur äußerlich diese Form bewahrt, während bei Umbauten die Säulen im Innern entweder entfernt oder eingemauert wurden. Aber für das Straßenbild sind sie auch so nicht weniger wertvoll. Vor allem in der Zeit der Renaissance sind hier sehr schöne Formen entstanden: Das Blechdach wurde zur Zwiebelhaube ausgebaucht und die Profilierung reicher und vielgestaltiger.

Auch besonders reizvolle Wasserspeier finden sich aus dieser Zeit, wie z.B. am Haus Ackermann am Markt, Obere Straße 1 (Abb. 11).

In der späten Renaissance dehnte sich der Erker schließlich auch über zwei Stockwerke aus. Ein besonders schönes Beispiel dieser Art ist am Marktplatz Niedere Straße 2 erhalten (Abb. 12).

Abb. 8: Gerberstraße 48.

 

Abb. 9: Bickenstraße 14.
Abb. 11: Haus Ackermann am Markt, Obere Straße 1.

 

Abb. 10: Obere Straße 4.
Abb. 10: Obere Straße 4.
Abb. 12: Niedere Straße 2
Abb. 12: Niedere Straße 2

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Abb. 14: Rietstraße37 (Osianderhaus).

 

Abb. 15: Gerberstraße 4.

Jetzt war er nicht mehr nur Sitzerker, jetzt konnte man darin auch an der Fensterbrüstung stehen, denn der schräge Anlauf war ja nun nur noch im unteren Geschoß, und auch da wurde er so weit nach unten geschoben, dass der Fußboden des Zimmers bis zur Brüstung des „Ausstoßfensters“ vorgeschoben werden konnte. Dennoch hatte sich bis jetzt noch nichts daran geändert, dass der Erker nichts weiter war als ein an einer Stelle nach außen ,,gestoßenes“ Fensterband.

Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. beginnt man auch Erker zu bauen, die ganz für sich allein in der Wand sitzen, also selbständige Gebilde sind. Auch der schräge Anlauf wird jetzt zur geraden Brüstung, so dass man also nicht unbedingt gezwungen ist, ihn innen als Sitzerker auszubilden. Er ruht jetzt entweder auf Kragsteinen oder, wenn er aus Holz ausgeführt ist, sitzt er einfach auf den herausragenden Decken- oder Stichbalken (Abb. 13 und 14).

Abb. 13: Josefsgasse 7.
Abb. 13: Josefsgasse 7.

 

Überhaupt kommt jetzt der Holzerker mehr und mehr auf – eine Erscheinung, die sicher im Zusammenhang mit dem beginnenden wirtschaftlichen Niedergang der Stadt zu sehen ist. So sind die wenigen barocken Erker Holzkonstruktionen und teilweise nur an den spärlichen Schnitzereien und Profilierungen als solche kenntlich (Abb. 15). Bei einigen wenigen bringt dagegen die lebhafte Verkröpfung des Gesimses den lebendigen Geist des Barock noch etwas deutlicher zum Ausdruck, Rietstraße 38 (Abb. 16), allein auch sie sind nicht annähernd so ausgestattet, dass sie etwa mit den barocken Erkern Rottweils oder gar denen der Erkerstadt Schaffhausen konkurrieren könnten.

Abb. 16: Rietstraße 38.

Lediglich das ausgehende 18. Jahrh. bringt noch einmal zwei schöne Erker hervor in den schon etwas klassizistischeren Formen des Stils Louis

XVI. Beide sind wieder in Stein ausgeführt, einer davon sogar zweistöckig. Es ist bemerkenswert, dass gerade diese Erker wieder als Sitzerker ausgebildet sind. (Abb. 17 und 18).

Abb. 17: Bickenstraße 13.
Abb. 17: Bickenstraße 13.
Abb. 18: Niedere Straße 10.
Abb. 18: Niedere Straße 10.

 

Abb. 19: Niedere Straße 7.

 

Abb. 20: Brunnenstraße 26

 

Abb. 21: Rietstraße 23.

 

Aus derselben Zeit stammen ebenfalls einige zweistöckige hölzerne Erker, die wie alle Holzerker wieder auf ausgekragten Deckenbalken ruhen (Abb. 19, 20 und 21). Wie in anderen Städten Südwestdeutschlands, so verlor sich auch in Villingen in der sparsamen Zeit des Biedermeier die Lust am Erkerbau, wenngleich das Interesse an den Vorgängen auf der Straße wohl das gleiche geblieben ist. Ein ganz bescheidenes Hilfsmittel, diese Vorgänge auch ohne Erker ungesehen beobachten zu können, war ein an einer Stange befestigter dreikantiger Spiegel, der sog. ,,Spion“, der noch vor einigen Jahr en in Villingen verschiedentlich zu finden war.

Wenn auch in der Zeit um die Jahrhundertwende und vorher sicher sehr viele, schöne Erker verschwunden sind, so geben die übriggebliebenen doch noch ein beredtes Zeugnis von Zeiten des Wohlstandes oder auch von der Armut des Bürgerstandes und damit der ganzen Stadt. Die schönsten und zahlreichsten Villinger Erker stammen nicht umsonst aus dem 16. Jahrh., wo die Stadt auf dem Höhepunkt ihrer Bedeutung angelangt war. Wenn in anderen Städten, wie z. B. in Rottweil oder den zahlreichen nordschweizerischen Städten – allen voran Schaffhausen, aber auch Stein am Rhein und St. Gallen, die meisten und schönsten Erker dem Barock entstammen, das in Villingen nur sehr anspruchslose Erker hervorbrachte, so deshalb, weil jene Städte in dieser Zeit ihren Glanz noch nicht verloren hatten, während Villingen gerade damals seinem tiefsten Punkt entgegen ging. Damit sind also die Erker nicht nur eine wertvolle Bereicherung des Stadtbildes, sondern in gewissem Sinne sogar ein Spiegelbild der Stadtgeschichte.

Literatur

Prof. O. Gruber: „Deutsche Bauern- und Ackerbürgerhäuser“, Karlsruhe 1926.

Dr. F. Hirsch: “ Konstanzer Häuserbuch“, 1 , Heidelberg, 1906.

W. Müller: „Die Erker in Schaffhausen“, Schaffhauser Beiträge zur vaterländischen Geschichte, 1 9 42, S. 1 38- 16 4.

Beichterker, Obere Straße 23, Haus Nr. 109

Nach Erzählung von Karl Kaiser, Zimmermeister, Großvater von Martin Kaiser, ebenfalls Zimmermeister, wohnte in diesem Haus ein Pfarrer. Dieser hörte im Erker für Schwerhörige die Beichte und schaute dabei zum Fenster hinaus.

Nach meinen Erinnerungen war im Hause Obere Str. 23 als wir einzogen ein Durchgang zum Abort im 1. OG. mit Spitzbogen. Auf der Gegenseite im Hinterhaus befand sich eine Türe der Brauerei Faller (Gambrinus), wo Steinkonsolen entlang dem Brauerei-Gebäude (Gärkeller) z. T. noch sichtbar waren, vermutlich ein Verbindungsgang zur Kaplanei. Nach Einbau der Wasserspülung wurde aus dem Durchgang ein Fenster mit Spitzbogen, das heute noch sichtbar ist.

Eugen Bode ()