„Die Unbestechlichen – Kienzle Registriergeräte für die Automobilisierung“ (Michael Kopp)

Uhrenindustriemuseum Villingen-Schwenningen e.V.

Sonderausstellung: 12. Oktober 2001 bis 31. März 2003

Die industrielle Fertigung begann in Schwenningen im Jahre 1855 mit einer Kontrolluhr, der Nachtwächterkontrolluhr, die Johannes Bürk erfand und wofür er die erste Fabrik errichtete. In einem Teil dieser Fabrik ist heute das 1994 eröffnete Uhrenindustriemuseum untergebracht. Hier wird die Geschichte der Uhrenindustrie in der Region mit allen produktiven und sozialen Facetten dokumentiert und lebendig gemacht, denn alle Maschinen sind funktionstüchtig und werden von Museumsbediensteten vorgeführt und von ehrenamtlichen Mitarbeitern restauriert und gewartet. Sie fertigen auch einen Museumswecker, der käuflich erworben werden kann.Damit Besucher die Industriegeschichte des Raumes besser begreifen lernen und die Funktionen einer mechanischen Uhr verstehen, wurde das Museum im Jahre 2000 um ein Besucherlaboratorium erweitert. Es lädt ein zum aktiven Erfahren von den in der Uhr wirkenden Kräften und der subjektiven Zeiterfahrung. Das Publikum ist aufgefordert, selbst die Geräte zu bedienen: die Uhrfeder, das Uhrgewicht, die Hemmung, die Unruh, das Pendel, das Zeigergetriebe und angebaute Mechanismen. Den modernen „hands-on“- Geräten gegenüber steht eine Anzahl historischer Schaumodelle von Uhrwerks-Prinzipien, von denen manche fast 150 Jahre alt sind.

 

Die erste große Sonderausstellung im Uhrenindustriemuseum wurde am 12. Oktober 2001 eröffnet. Die Stadt Villingen-Schwenningen erhielt im Jahr 2000 die Sammlung der Firma Kienzle Apparate von der Rechtsnachfolgerin Mannesmann VDO geschenkt. Nun wird ein Ausschnitt daraus der Öffentlichkeit vorgestellt. Der aus Schwenningen stammende Herbert Kienzle baute in Villingen eine Weltfirma auf. Die Produkte werden im Uhrenindustriemuseum in Schwenningen in der Sonderausstellung gezeigt. Ehemalige Mitarbeiter der Firma Kienzle gaben die notwendigen technischen Informationen.

Die Wurzeln unserer „Automobilgesellschaft“ liegen in den letzten zwei Jahrzehnten den 19. Jahrhunderts, als beispielsweise mit der Erfindung der „Benzinkutsche“ durch Karl Benz im Jahr 1885 wichtige Neuerungsschritte gemacht wurden. Im Sinne des Individualverkehrs und des Transportwesens jedoch gehen die Wurzeln sehr viel tiefer in die Vergangenheit zurück. Auch die Geschichte der Geräte, mit denen versucht wird, die Probleme dieses neuen Verkehrs zu messen und zu kontrollieren, hat ihre Anfänge bereits tief im sogenannten Kutschenzeitalter. Nicht nur, dass die geeigneten Messprinzipien zum Teil bereits im 17. und 18. Jahrhundert erfunden worden waren, auch fand beispielsweise beim Taxameter ein erster Einsatz in großer Stückzahl nicht in Automobilen, sondern an Pferdedroschken statt. Für das 20. Jahrhundert kann die Geschichte des Verkehrs und der Verkehrsmittel dank ihrer dynamischen, phasenweise boomhaften Expansion dickste Bücher füllen.

Die Belegstücke-Sammlung der Firma Kienzle Apparate zeigt ein Randsegment dieser Entwicklung: die Mess-, Kontroll- und Dokumentationsgeräte aus feinmechanischer Produktion für verschiedenste Bereiche des Sektors „Verkehr“ seit etwa 1900 bis in die 1990er Jahre. Diesem Aspekt will sich deshalb auch die Ausstellung schwerpunktmäßig widmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mess-, Kontroll- und Dokumentationsgeräte sind für den Konfliktfall gemacht. Ihnen ist die Eigenschaft zugeschrieben, unbestechlich, neutral und rund um die Uhr zuverlässig zu sein. Sich auf die Angaben eines technischen Gerätes verlassen zu können, war bereits den Käufern der ersten dieser Kontrollapparate viel Geld wert. Sie waren Droschkenbesitzer und der auf dem Kutschbock montierte Taxameter brachte ihnen zweierlei: als Unternehmer die Kontrolle über die Arbeit der angestellten Kutscher und gegenüber den Fahrgästen galten nur mit Taxametern ausgestattete Droschken als seriös. Den Nutzern der ersten Fahrtenschreiber steckte Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts neben der Idee der Überwachung der Arbeitszeit ihrer Omnibus- und Lastkraftwagenfahrer auch die Verlängerung der Lebensdauer ihrer Fahrzeuge im Hinterkopf. Die Gesetzgeber aller Länder setzten zu guter Letzt auf den Fahrtenschreiber als Instrument der Überwachung von Fahrzeiten, Pausen und Geschwindigkeitsgrenzen.

Parkuhren waren zunächst in den USA entwickelt worden, die Probleme des städtischen Individualverkehrs hatten sich dort früh bemerkbar gemacht. Kienzle Apparate stellte Parkuhren seit den 1950er Jahren her und genau diese Art von Uhren war es, die den Namen Kienzle in der ganzen Bundesrepublik und noch weit darüber hinaus zum Begriff machten. Parkuhren standen plötzlich überall deutlich mit dem Kienzle-Schriftzug versehen. Versteckter fand man das Kienzle-Logo an den Tankstellen. Dort trat der Hersteller des Preis- Liter-Rechners, eingebaut in jede Zapfsäule, weit in den Hintergrund. Wichtiger waren die Logos der Benzin-Markenartikler. Kienzle Apparate baute nicht die einfachen Dinge. Die Firma, allen voraus Dr. Herbert Kienzle, suchte – so scheint es – die Herausforderung der etwas komplizierten Aufgabenstellung.

Das Uhrenindustriemuseum wird finanziell unterstützt von der Stadt Villingen-Schwenningen, dem Schwarzwald-Baar-Kreis, dem Förderkreis lebendiges Uhrenindustriemuseum und von Firmen aus der Region. Über die zahlreichen Spender und Helfer kann der Besucher sich im „Ehrenbuch“ einen Überblick verschaffen, denn dort sind sie verzeichnet.

Die Abbildungen auf den vorstehenden Seiten geben einen Einblick in die Gestaltung der Sonderausstellung.

Das Uhrenindustriemuseum, Bürkstraße 39,

78054 VS-Schwenningen ist geöffnet

von Dienstag bis Sonntag von 10 -12 Uhr und von 14 -18 Uhr.

Kontakt: Tel. 0 77 20/3 8044, Fax 0 77 20/82 2377