Die Radmacherwette (Lambert Hermle, Albert Helmstädter)

Abb. 1: Der Radmacher auf dem Brunnen in der Rietstraß e ist ein Meisterwerk des Holzbildhauers Manfred Merz.

 

Vor 450 Jahren lebte in der alten Stadt Villingen ein junger Handwerker. Von Beruf war er Wagner, und diese gehörten – wie alle holzverarbeitenden Gewerbe – zur Zunft der Bauleute. Unter anderem fertigte er Räder für die vielen Heuwagen und anderen Transportfahrzeuge. Im Jahr 1562, in der Blütezeit des Villinger Zunftwesens, schloss eben dieser Wagnergeselle mit seinem Meister eine Wette. ,,Ich fertige ein großes Wagenrad aus Holz, mit 12 Speichen und einem Durchmesser von 1,30 m (altes Maß?)“, so sprach er, ,,nach dessen Fertigung reifle ich es nach Rottweil, verzehre dort den Wert des Rades und kehre (mit dem Rad) nach Villingen zurück. Dies alles schaffe ich an einem Tag.“

„Wenn dir dies kühne Vorhaben gelingt, dann sollst du meine Tochter zur Frau haben“, sagte der erstaunte Meister Gyxlin zu seinem Gesellen.

Gesagt, getan.

So machte sich der junge Geselle an die Arbeit, fertigte das Rad, trieb es nach Rottweil, verzehrte dort den Wert des Rades in einem Gasthaus und kehrte noch am selbigen Tage nach Villingen zurück. Das war eine wahre Meisterleistung. Wie versprochen bekam er die Tochter seines Meisters Gyxlin zur Frau. Somit ward und wird er heute noch „Gyxlin Tochtermann“ genannt. Das Hochzeitsfest wurde gefeiert und ein Brunnen in der Rietstraße, der „Radmacherbrunnen“, erinnert noch heute an diese außerordentliche Handwerkskunst und gewonnene Wette (Abb. 1).

Der Radmacher auf dem Brunnenstock wurde von dem Villinger Bildhauer Manfred Merz, das dazu gehörige Rad von dem Wagner Erwin Tritschler neu geschaffen.

Abb. 2: Alter Radmacherbrunnen vor der ehemaligen Drogerie Bottling in der Rietstraße.

Ursprünglich wurde der Radmacher auf dem Brunnen vor der Drogerie Bottling aufgestellt (Abb. 2). Später wurde der Standot näher zum Riettor hin verändert. Das alte Rad von „Gyxlin‘ s Tochtermann“ war übrigens der erste Gegenstand, er seinen Weg 1876 in die neugegründete Altertümersammlung im alten Rathaus fand. Dort kann man es noch heute bewundern.

Auch das in den Torbogen des Oberen Tores eingemeißelte Wagenrad kann als Erinnerung an diese Wette gedeutet werden (Abb. 3).

Abb. 3: Im Oberen Tor eingemeißelt und von den wenigsten Passanten beachtet erinnert ein Wagenrad an die Wette des Wagners „Gyxlin’s Tochtermann“ vor 450 Jahren.

 

Mit dieser Radmacherwette von 1562 beschäftigte sich in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts auch der Wagner Helmut Glatz aus Unterkirnach. Als er gefragt wurde, ob die heutige Generation auch noch in der Lage wäre, diese Wette zu halten, bejahte er dies. Somit kam es dazu, dass die Wette 400 Jahre später wiederholt wurde. Die Stadt Villingen zeigte sofort Interesse.

So konnte sich Helmut Glatz einer erneuten Wette nicht mehr entziehen.

Schon konnte man ihn mit einem Wagenrad im heimischen Wald beim „Reifeln“ antreffen (Abb. 4). Mit ausreichend er Kondition ging er diese Wiederholungswette ein, obwohl seine Frau und auch Kollegen ihm von diesem Vorhaben abrieten. Doch sein Lehrmeister, der Wagnermeister Karl Merz aus Vöhrenbach, war sich als einziger sicher, dass Glatz es schaffen werde.

Am 25. August 1962 begann Helmut Glatz um 18 Uhr im städtischen Werkhof, damals noch beim Hubenloch gelegen, mit der Fertigung des Rades. Aus Eschenholz wurden Speichen und Felgen mit dem Beil bearbeitet, die Zapfen mit der Handsäge angesägt und mit dem Ziehmesser zurecht geschnitten (Abb. 5).

Abb. 4: Zu diesem Bild aus seinem Album schreibt Helmut Glatz: ,,Mit einem alten Wagenrad von Vaters Heuwagen habe ich auf abgelegenen Waldwegen tüchtig geprobt“.

 

Abb. 5: „Die Speichen, von einem groben Eschenholzstück abgespalten, mit dem Beil zugehauen …“

Glatz durfte nur Handwerkszeug verwenden, das auch schon vor 400 Jahren üblich war. Er nahm Eschenholz, um das Absplittern beim Rollen des Rades so gering wie möglich zu halten. Das erschwerte die verschiedenen Arbeitsgänge zusätzlich. Eine Jury aus Handwerksmeistern beobachtete 24 Stunden alle Handgriffe und Schritte.

Musikalisch wurde Helmut Glatz von einer Abteilung der Villinger Stadtharmonie die ganze Nachtunterhalten, denn mit Musik geht alles besser. Auch das Fernsehen dokumentierte die ganze Zeit den Ablauf der Wiederholungswette. Um 5.30 Uhr legte Glatz Hammer und Beil zur Seite, das Rad war fertig.

Nach einem kräftigen Frühstück machte sich der Radmacher um 7.30 Uhr durch das Riet- und Obere Tor auf den Weg nach Rottweil. Böllerschüsse krachten und eine begeisterte Menschenmenge säumte die Straßen. Die Bürgerwehr und die Polizei regelten den Weg nach Rottweil, sperrten ab und lenkten den Verkehr um.

Von seinem Arbeitskollegen, dem „Riehle Seppl“ begleitet, rollte der stolze Radmacher Glatz unter den Klängen der Unterkirnacher Musikkamerraden sein Rad durch das „Schwarze Tor“ in Rottweil (Abb. 6).

Im Hotel „Paradies“, von der Villingerin Lena Englert, geb. Riesterer, bewirtet, löste Helmut Glatz den Wert des Rades ein, während draußen die Villinger Bürgerwehrsoldaten sein Rad bewachten. Seit Romäus die Stadttore geklaut hat, haben die Rottweiler ja noch eine Rechnung offen.

Genau um 14 Uhr trat er den Heimweg an. Um 17.30 Uhr erreichte der geräderte Wagner wieder die Außenbezirke von Villingen. Auf der Bertholdshöhe musste er eine Zwangspause von 30 Minuten einlegen: Der Schrankenwärter hielt die Schranken beim Lindenhof wegen der vielen Menschen geschlossen. Doch dann eilte der siegreiche und stolze Helmut Glanzmit seinem Rad der Stadt zu.

Abb. 6· Unter „Bewachung“ durch die Villinger Bürgerwehr und Stadtmusik marschiert Helmut Glatz stolz mit seinem Wagenrad durchs Rottweiler „Schwarze Tor“.

 

Abb. 7: Helmut Glatz sieht man hier die Freude über die erfolgreich vollbrachte Wiederholung der historischen Wette an. Hier beim „Einreifaln“ in den Villinger Stadtgarten.

 

Abb. 8: Eine große Schar Bürgerinnen und Bürger aus Villingen und Umgebung wollte im Stadtgarten zu Villingen bei der ,,Siegesfeier“ dabei sein. Viele kleideten sich in die historischen Festtagsgewänder und Trachten.

Umjubelt trieb er es durchs Obere Tor und der damalige Oberbürgermeister Severin Kern gratulierte ihm zur gewonnenen Wette. Bürgerkavallerie, Bürgerwehr, Stadtmusik, sowie seine „Kirnemer Musikkameraden“ machten ihm ihre Aufwartung. Die Stadt Villingen platzte aus allen Nähten und feierte ihren neuen Helden bis spät in die Nacht in ihrem damals noch bestehen­ den Stadtgarten in der Mönchweilerstraße.