Ein Stück Villinger Stadtgeschichte (Marga Schubert)

Das Baudenkmal Obere Straße 26 strahlt in neuem Glanz – Ehemaliger Wohnturm mit Jahrhunderte alter Geschichte

Wer heute das Haus Obere Straße 26 (Abb. 1) mit der neu in sattem Rot renovierten Fassade, dem weißen stilisierten Wappen der Familie Schilling an der Giebelseite und den markanten Eckquadern bewundert, der bewundert ein Kulturdenkmal Villingens. Denn das Haus hat eine Jahrhunderte alte interessante Geschichte. Das heutige Wohn­ und Geschäftshaus wurde 1992 in die Liste der Baudenkmale im Kernstadtbereich Villingens aufgenommen.

Wer sich dann näher mit der Geschichte befasst, der erfährt, dass dieses Haus, mit der auffallend quadratischen Grundfläche, das auch heute noch höher ist als alle umliegenden Häuser, früher ein sogenannter Wohnturm war, dem irgendwann einmal die Spitze gekappt wurde. Die bekannte Federzeichnung der Stadt Villingen von 1685-1695 bestätigt dies. Das Gebäude ist hier deutlich als Turm zu erkennen (Abb. 2).

Ihre Ursprünge als Wohntürme haben in Villingen auch die Gebäude Niedere Straße 10 und 28 ebenso das Haus Färberstraße 1. Villingen gehört damit in die Reihe der Städte, die diesen hochinteressanten Bautypus noch in ihren Mauern beherbergen.

Über die Entstehung des Hauses in der Oberen Straße und seine ersten Besitzer ist nichts überliefert. Im „Schwörbuch“ im Mittelalter wird der Turm auch „Wendelstein “ genannt, später „Kiliansturm“ und „Turm der Bollerin“. Offenbar war der „starke Turm“ in der Zähringerzeit bis 1218 der wehrhafte Abschlussturm der Zähringerstadt nach Norden. Erst später wurde die Stadt Villingen in der Stauferzeit unter Friedrich II ummauert.

Anno 1323 werden in historischen Überlieferungen erstmals detailliert Namen erwähnt. Danach überließ der Villinger Bürger Hermann der Bislinger 1323 dem bei Emmendingen gelegenen Ziegeldach „bi dem obern tor“, das fortan der Tennenbacher Pfleghof in Villingen war. Hier residierte der Pfleger oder „Schaffner“ des Klosters, wie er in den historischen Quellen zum eist genannt wird. Ihm oblag die Verwaltung des Klosterbesitzes im Kirnachtal, der Einzug der Abgaben von den hörigen Bauern, der Transport ihrer Produkte nach Villingen und deren Verkauf auf dem städtischen Markt. Zunächst waren dies gebildete und um sichtige Mönche, später dann sind in diesem verantwortungsvollen Pflegeamt die Namen von Villinger Bürgern überliefert wie 1420 Hans der Jäger, 1470 Hans Mock und Martin Hug, 1505 Heinrich Hug. Zwischen 1494 und 1500 taucht in der Geschichte ein Paulinus Stahel als letzter Klosterschaffner auf. Er war mit der Villingerin Verena Boiler verheiratet, zu deren Besitz auch ein Wohnturm gehörte, den sie um das Jahr 1500 herum dem Kloster Tennenbach schenkte. Diese Besitzübertragung macht für Geschichtsforscher nur Sinn als Abrundung des schon vorhandenen Immobilienbesitzes des Klosters (Pfleghof) „nahe dem Oberen Tor“. Also müsste das auch als „Bollerin-Turm “ bezeichnete Geschenk das heurige Haus Obere Straße 26 gewesen sein, das ja auch noch eindeutig die Merkmale eines Turmes nachweist.

Mit dem Verkauf seiner Liegenschaften in und um Villingen beendete das Kloster Tennenbach 1506 das lange und bedeutende Kapitel seiner Anwesenheit im Villinger Raum.

Erst 1544 konnte auch der Pfleghof samt Wohnturm an den Junker Konrad Ifflinger von Wellendingen verkauft werden, da bis dahin Paulinus Stahel und Verena Boiler noch darin wohnten. Die Freiherren von Ifflinger sind in Villingen bis ins 18. Jahrhundert nachweisbar.

Abb. 1: Haus Obere Straße 26.

 

Überlieferungen zufolge gehört das Anwesen um 1767 einem Junker Eichbeck, 1806 wird es als Kiliansturm bezeichnet. 1825 gehörte es dem Stadtrechner Anton Körner, 1842 erscheint als Eigentümer der Müller Dominikus Kaiser.

Das Geschlecht der Familie Schilling, der heutigen Besitzer, tauchte bereits 1841 in der Oberen Straße auf. Johann Evangelist Schilling betrieb mit seinem Sohn Wilhelm damals eine Trachtenbandweberei im Haus. In einer Zeitungsanzeige empfiehlt sich Johann Schilling als Posamentierer und Knopfmacher für alle einschlägige Artikel wie elastische und baumwollene Hosenträger, Knöpfe, Vorhand- und Kugel-Franzen, Chaisenborden, schwarze seidene und wollene runde Schnüre zum billigen Preis usw. Familie Schilling hat ebenfalls eine jahrhundertealte Geschichte und der ehemalige Wohnturm, jetzt Geschäfts- und Wohnhaus ist heute noch im Familienbesitz.

Abb. 2: Villingen in einer Federzeichnung aus dem 17 Jahrhundert.

 

(Michael Tocha hat die Geschichte des Hauses Obere Straße 26, die Martha Krauss, geborene Ermler ihrer zwischenzeitlich verstorbenen Kusine Mechthilde Schaumann, geborene Schilling zum 65. Geburtstag widmete, aus verschiedenen historischen Quellen zusammengetragen).

Was ist ein Wohnturm?

Wohntürme können wir heute noch in Städten erkennen, die im Mittelalter bedeutend waren und deren mittelalterliches Stadtbild durch neuzeitliche Um- und Neubauten nicht allzu stark verändert worden ist. In Deutschland wäre vor allem Regensburg zu nennen, ferner Esslingen, Schwäbisch Gmünd, Horb, Rottenburg, Schwäbisch Hall oder Konstanz. Nicht bewiesen ist die Ansicht, die Wohntürme von Regensburg hätten die Geschlechtertürme Italiens, wie die von Rom, Bologna, Florenz oder San Gimignano, zum Vorbild. Der deutsche Bautypus hat sich nach Ansicht der Historiker wohl eher eigenständig und zeitgleich mit italienischen Beispielen entwickelt. Wohntürme erinnern zwar an Verteidigungsbauten, sie bilden jedoch lediglich die Bauformen einer Adelsburg ab. Vielmehr waren sie lediglich Statussymbole der damaligen Zeit und dienten vor allem Wohnzwecken für die städtische Oberschicht, das Patriziat und den Stadtadel. Sie sind stets aus Stein gebaut und haben einen quadratischen oder rechteckigen Grundriss. Diese Steinbauten der Oberschicht waren aber immer Teil eines größeren Gebäudekomplexes innerhalb einer gehöftartigen Anlage. In jedem Fall gehörte zum Turm ein Anbau als Wohntrakt. Das gilt auch für Villingen und das Haus Schilling, das in den schriftlichen Zeugnissen stets als „huß und thurn“ bezeichnet wird.

Leben und Arbeiten im Turm

1874: Johann Evangelist Schilling kauft den ehemaligen Wohnturm Obere Straße 26. Mit seinem Sohn Wilhelm Schilling hatte er bereits zuvor die Trachtenbandweberei im Haus betrieben. Beide waren von Beruf Posamentier. Sie stellten Bänder für Trachten her, gleichzeitig auch sogenannte ,,Posamenten“,: Kordeln, Quasten, Pompons usw. Lange hieß der Betrieb am Oberen Tor im Volksmund der „Posamenten-Schilling“.

1879: Nach einem Umbau wurde im Erdgeschoss ein sogenanntes Detail-Geschäft eröffnet mit Kurzwaren, Weiss- und Wollwaren, samt der selbstgefertigten Bänder.

1900: Wilhelm Schilling führt mit seinem Sohn Ernst Schilling das Geschäft nach dem Tod seines Vaters weiter.

1910: Ernst Schilling übernahm den Geschäfts­ betrieb. Vater Wilhelm Schilling war noch in der Trachtenbandweberei tätig. Nach einem Umbau erweiterte sich das Detailgeschäft in ein Geschäft mit Kurzwaren, Stoffen, Wollwaren, Wäsche- und Trachtenartikeln.

1943: Die Nazis schlossen den Webereibetrieb, da der Inhaber tätiger Katholik war.

Abb. 3 : Alte Bausubstanz am denkmalgeschützten Haus.

 

1948/49: Nach dem Krieg wurde die Trachtenbandweberei verkauft. Der Betrieb lohnt sich nicht mehr. Tochter Mechthilde Schaumann, geborene Schilling und deren Mann Gerhard Schaumann führten das Einzelhandelsgeschäft mit den Eltern weiter.

1954 übernahm Mechthilde Schaumann die Geschäftsführung, die sie 1993 an Sohn Bernhard Schaumann übergab, der mit den Jahren und nach einem Umbau 1998 das Angebot immer mehr dem Zeitgeist anpasste. Hieß das Geschäft bis in die 50er/60er Jahre noch Modehaus Schilling, in dem vom Knopf bis zum Wintermantel alles zu haben war, heißt es heute „Schilling, Wäsche + mehr“.

Wichtig für das Stadtbild

Alte Bausubstanz im Städtle wieder sichtbar machen, das findet Bernhard Schaumann wichtig (Abb. 3). ,,Das war immer mein Ziel“, erklärt der Bauherr der Sanierung des geschichtsträchtigen Hauses Obere Straße 26. Er erfülle damit auch ein Vermächtnis seiner Mutter Mechrhilde Schaumann geborene Schilling, die leidenschaftlich für das Geschäft Wäsche Schilling und das geschichtsträchtige Haus lebte. Sie starb 2009. “ Das Versprechen, die Geschichte des Hauses hochzuhalten, zu pflegen, und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat mir meine Mutter immer abverlange“, erinnere sich Bernhard Schaumann und er weiß, wie bedeutungsvoll und wichtig dieses Vermächtnis für das Villinger Stadtbild ist, das er gerne erfülle. Er freue sich, dass die Bossenquaderung an allen vier Ecken des Hauses so gut erhalten ist. ,,Am liebsten würde ich den Turm wieder aufbauen“, lache er, doch das übersteige weit sein Budget und auch seine Zeit. Schließlich hat er noch ein Geschäft zu führen, in dem heute topmodische und nicht alltägliche Tag- und Nachtwäsche im Sortiment zu finden ist. Seit 1996 ist auch Tochter Yvonne mit im Geschäft, und Schaumann hofft, dass er ihr irgendwann einen gesunden, stabilen Betrieb übergeben kann.