Erzählung von Josef Glatz von Rietheim

Es mag ungefähr 300 Jahre oder noch mehr darüber sein, als der Bauer und Bürger Lorenz Meder zu Rietheim lebte, welches Geschlecht sich noch heutzutage fortpflanzt. Da lebte auch noch der Ritter vom Schloss Warenberg 1, der die Landleute und besonders den anwohnenden Lorenz Meder quälte und plagte. Als eines Tages der alte L. Meder mit 6 Pferden auf seinem Acker pflügte, so kam der Ritter zum Meder auf den Acker und verlangte, er solle ihm ein Pferd abspannen, indem er schnell wegreiten müsse. Aber da haben die Herren Ritter schon beinahe ihr Recht verloren gehabt und die meisten Schlösser waren schon zerstört von den Bauern, was Meder wohl wusste, deshalb weigerte er sich dem Ritter ein Pferd abzuspannen und tat es auch wirklich nicht, denn er merkte, dass der Ritter mit seinem Pferd die Flucht nehmen wollte. Aber der Ritter brauchte Gewalt, sprang vor Zorn an die zwei vorderen Pferde, und wie er im Begriff war, dem einen Pferd die Stränge abzulösen, so nahm der Bauer, der auch nicht links war, die Sege (Pflugmesser) vom Pflug, sprang auf den Ritter zu und schlug ihn mit der Sege ins Genick, dass er gleich tot zu Boden stürzte. Nach des Ritters Tod wurde gleich von den Bauern das Schloss geplündert und verbrannt, und der Ritter muss heutzutage noch als Geist im alten Schloss und auf den Gütern und im Walde wandeln und besonders in dem kleinen Eichenwäldchen. Da äfft er die Leute, nimmt mancherlei Gestalt an, wirft die Vorübergehenden vom Schloss herab mit Steinen und Prügeln, stell sic h ihnen in den Weg usw.

Auch ist schon Geld von altem Gepräge da gefunden worden. Auch gruben schon viele in den alten Gewölben und Gemäuern. So grub auf die Johannesnacht einer namens Peter A., der hätte aber bald sein Leben verloren. Er ging abends, sowie die Glocke 10 Uhr schlug, mit einer Hacke, Laterne, Strick und einem Sack versehen vom Dorf weg, um in dem alten Raubnest auf dem Berge sein Glück zu machen.

Als Peter A. an das alte Schloss Warenberg kam, so schlug die Glocke gerade 11 Uhr, denn der Berg ist ziemlich hoch und bei Nacht böse zu gehen. Peter setzte sich unter dem Schlossbogen auf einen Stein, machte Licht in seine Laterne, leuchtete dann um sich her, sah aber nichts in seiner Nähe, als das Gewölbe hinter dem halb zerfallenen Torbogen . Die Nacht war sehr schwül und die Schnaken stachen den Peter so sehr, dass er sein Pfeifchen anbrannte und so schmauchte, bis die Glocke 12 Uhr schlug. Da stand er auf, nahm seine Laterne, nebst Hacke und Strick auf den Buckel und ging so ohne Furcht in das Gewölbe hinein. Peter hat sich in seinem Leben nie gefürchtet, denn er ist in seiner frühen Jugend seinen Eltern weggelaufen und soll bei allen Herren als Reiter im 30 jährigen Kriege gedient haben. Im Gewölbe ist ein tiefer Brunnen, es hieß immer, in diesem Brunnen liegt der Hund begraben. Da Peter A. an den Brunnen kam, machte er Halt, leuchtete mit seiner Laterne hinunter in die Tiefe, dann wieder um sich. Über ihm lag ein langer runder Stein, um diesen band er seinen Strick und um den Leib band er den Sack und die Hacke, an den Hals hing er die Laterne, und so gerüstet ließ er sich an dem Strick in den Brunnen, der zum Glück nicht so tief war, hinunter. Der Brunnen war viereckig mit Backstein ausgemauert, als Peter so auf dem Boden des Brunnens stund und nach allen 4 Seiten mit seiner Laterne herumzündete , aber zu seinem Leidwesen an keiner Seite eine Öffnung fand, da dachte er bei sich selbst: diesmal hast du dein Glück auf Sand gebaut und vergebens die Nacht den Schlaf gebrochen und musste selbst dabei über sich lachen, wegen seiner Rüstung, die er bei sich trug und schlug so mit der Hand an die Hacke, die er wie einen Säbel an der linken Seite hängen hatte, zog sie voll Verdruss aus dem Strick heraus und schlug damit auf den Boden des Brunnens und stieß dabei die Worte aus: ,,Oh, hätte ich euch, ihr Lügenmäuler, die mich so anmachten, dass in diesem verdammten Loche hier Geld in einer Truhe stünd, so würde ich euch die Köpfe und Rippen damit einschlagen.“ Er nahm abermals die Hacke, schwang sie in die Höhe und wollte nochmals im Zorne auf den Boden schlagen, schlug aber fehl und schlug damit an die Wand, allwo sie abprallte, und fuhr ihm zurück an den Kopf, sodass er rükkwärts halb ohnmächtig zu Boden sank.

Wie aber Peter wieder zu sich selbst kam und seine Augen aufschlug, so erschrak er nicht wenig, er rieb sich die Augen, neben ihm stund ein kaum 3 Schuh hohes , kleines kropfiges und bucklichtes schwarzes Männchen, das große breite Zähne in dem Mund hatte. Peter sagte als uns Kindern, die Zähne wären je einen Zoll groß gewesen und so breit wie ein kleiner Finger. Der Zwerg hielt ihm einen Schwamm mit der rechten Hand, der sehr gut roch, unter die Nase und in der linken Hand ein Licht. Peter sprang bei dieser Erscheinung auf und wollte entlaufen, worüber der Kleine ganz entsetzlich zu lachen anfing, Peter erschrak noch mehr, doch fasste er wieder Mut, griff nach seiner Hacke und wollte damit den Zwerg zu Boden schlagen.

Aber der kleine Zwerg sagte ganz ruhig: ,,Du ungeladener Gast willst du mich mit solcher Münze hier in meinem Bereiche bezahlen“, stampfte mit seinem rechten Fuß auf den Boden, indem er mit seiner rechten Hand gegen die Wand deutete. Peter sah gegen die Wand hin und erschrak, denn es war ihm, als wenn sich die ganze Wand weggeschoben hätte, und alles ringsum wurde hohl und von allen Seiten her wurde er von lauter so kleinen pechschwarzem, bucklichtem Gesindel beiderlei Geschlechts umgeben. Sie kamen so dicht auf ihn gedrängt, sodass er glaubte, seine letzte Stunde nahe jetzt heran. Endlich schlugen sie ihre Hände zusammen, patschten und sangen dazu ein unverständlich Lied, sodass Peter glaubte, er sei in einer Judenschule. Nach Ende des Gemurmels gingen sie wieder auseinander bis auf den ersten, der ihn angestrichen hatte in der Ohnmacht. Nun wurde es dem Peter wieder leichter auf seiner Brust, er fasste Mut und sagte zu dem übriggebliebene Zwerge: ,,Höre guter Kleiner; was soll denn hier aus mir werden, und warum kamen so viele von den Deinigen auf mich so angedrängt?“ Ha, ha, ha, das sollst du wissen, du alter geldgieriger Peter, den wisse, ich bin der Besitzer dieses Schlosses gewesen und alle, die auf dich andrangen, waren meine Untergebenen und wir müssen alle wegen unserer Frevel und Greueltaten, die sie durch mich verübten, solange hier als Zwerge und Geister verbleiben, bis es dem Allmächtigen gefällt, uns zu sich zu rufen. Aber ich habe noch so viel Macht auch noch auf allen meinen Gütern, Wäldern und in diesem alten Felsnest zu hausen und die Menschheit zu ängstigen und zu drücken. Auch bewahre ich einen kleinen Schatz hier, dort in einem Kästchen. Deshalb komme, Peter, mit dorthin, ich will dich reichlich beschenken. Peter ging mit dem Zwerg, als sie zum Kästchen kamen, so berührte es der Zwerg mit seinen Fingerspitzen, es sprang der Deckel auf und Peter füllte dann so viel er tragen konnte in seinen Sack, eben wie er genug hatte, so schloss sich der Deckel wieder von selbst zu. Peter wollte den Sack auf seinen Rücken nehmen, allein er war viel zu schwer. Nun lachte der Zwerg und sagte: Komm, ich will dir den Sack tragen, nahm ihn auf seine Rücken, und sieh, als er ihn auf seinem Rücken hatte so verschwand das ganze Gewölbe auf einmal und Peter und der Zwerg standen jetzt in dem viereckigen Behälter, in den sich Peter herabgelassen hatte. Nun setzte sich Peter auf das Seil und der Zwerg setzte sich neben ihn, murmelte ein paar unverständliche Worte und pfeilschnell flogen beide hinauf in die Oberwelt. Als sie dort ankamen, da stellte der Zwerg den Sack auf den Boden und sprach: ,,Nun Peter, nimm den Sack auf deinen Rücken und gehe damit nach Haus. In 700 Jahren kann wieder ein Sack voll hier geholt werden, aber von dieser Zeit ist alle Sterblichen der Zugang zum Schatze versperret“.

Mit diesen letzten Worten verschwand der Zwerg dem Peter A. aus seinen Augen, der ging nach Haus und erzählte den Vorfall; doch sagte er nie wie viel Geld. er bekommen hatte ……

Ergänzende Interpretation:

Die volkstümlich Sagen (und Märchen) der Heimat, soweit sie, besonders im Laufe des 19. Jahrhunderts aufgeschrieben wurden, sind eine schlichte phantasiegegründete Dichtungsart, getragen von einer ihr dienenden Einbildungskraft.

„Weil sie aus treuerund frommer Seel heraus fragten, antworteten ihnen auch die Selle … der alten Quellen und noch Überlieferungen …“ (Prof. G.Fricke). Sie bewegen sich, auch noch während desgesamten 19. Jahrhunderts, in der romantischen Tradition, die als bedeutende literarische Leistung von den Gebrüdern Wilhelm und Jacob Grimm ausging und sich durch sie mit „dem verborgenen und allbelebenden Volksgeist“ fortsetzte. In dieses Bild fügt sich nahtlos auch die Sage „Vom Ritter zu Schloss Warenberg“. Auch sie ist eine zunächst auf mündlicher Überlieferung beruhende Erzählung, die mythologisch an zweifellos reale Gegebenheiten anknüpft, sie aber phantasievoll ausmalt und an bestehende Sagenkreise, in Form von Wandersagen, anknüpft. So erinnert z.B. die Gestalt des Ritters vom Warenberg an die zahlreichen Geschichten des Poppele vom Hohenkrähen, der als Spuckgeis im Hegau umgeht. Die Geschichten sind geradezu austauschbar, wenn es z. B. von unserem Warenburg-Ritterheißt, er „muss heutzutage noch als Geist im alten Schloss und auf den Gütern und im Walde wandeln und besonders in dem kleinen Eichenwäldchen. Da äfft er die Leute, nimmt mancherlei Gestalt an, wirft die Vorübergehenden vom Schloss herab mit Steinen und Prügeln, stellt sich ihnen in den Weg usw.“.

Frau Ute Schulze M.A. Sachgebietsleiterin Stadtarchiv VS, hat diesen Beitrag recherchiert und interpretiert. Der Geschichts- und Heimatverein bedankt sich herzlich dafür.

Anmerkung:

1 Warenberg, Burgruine im Läuble zu Villingen und Rietheim. Vgl. A. Krieger, topogr. Wtb. V. Baden, 2. Auflage., Sp. 1356.

Quelle zur Sage „vom Ritter zu Schloss Warenberg“

Die bibliographische Angabe lautet: Friedrich Pfaff, Badische Sagen, aus A. Birlingers Nachlass mitgeteilt. 6. Vom Ritter zu Schloss Warenberg, Amts Villingen im Schwarzwald. Erzählung von Josef Glatz von Rietheim, in: Alemannia 3. Folge, Bd. 1 (der ganzen Reihe 37) 1909, Seite 125 – 128.