Die Villinger Kantorei (Wolfgang Meinhardt)

Matthias Loges

Es war im Jahre 1987 – oder doch 1988? – als ich als frischgebackener Dipl.-Ing. in Villingen-Schwenningen meine Zelte aufstellte! Eine kleine Wohnung wurde meine Bleibe, und am Anfang war doch ein großes Stück Heimweh nach dem Ruhrgebiet, aus dem ich stamme, mein ewiger Begleiter. Meine Gitarre hatte ich mitgebracht, denn ohne die gehe ich sowieso nirgendwohin. Aber jeden Abend alleine in der Wohnung zu sitzen und Gitarre zu üben war mir denn doch nicht genug. Also machte ich mich auf die Suche nach einer Freizeitbeschäftigung, die mich ein wenig mehr in der hiesigen Kultur verankern sollte. Was lag näher als einen Chor zu suchen? Ich hatte schon jahrelang in einem Kirchenchor in Dortmund gesungen, verdiente auch so manche Mark mit meinen Kumpels als das „Emscher-Brücken-Sextett“, in dem wir viele Songs der Comedian Harmonists sangen! Vierstimmig! Zu Viert! So dachte ich wäre diese „Gesangsausbildung“ in Chor und Quartett vielleicht ausreichend, um in einem hiesigen Chor Aufnahme als Tenor zu finden. Und – es hat sich bis heute wohl nicht geändert — Tenöre sind gesucht! Ich schaute mich also in der Villinger Kulturszene um und stellte recht schnell den Kontakt zu Herrn Bernd Boie her, der die Villinger Kantorei gegründet hatte und auch leitete. Ich hatte ein wenig „Bammel“ vor der ersten Probe, denn ob ich wohl die hiesige „Fremdsprache“ verstehen würde, war mir noch nicht so ganz klar! Doch diese Bedenken waren schnell ausgeräumt, denn schnell wurde ich gewahr, dass es doch sehr viele „Neigschmeckte“ (sagt man das hier im Alemannischen nicht so?) in diesem Chor gab. Freudig wurde ich aufgenommen – wohl auch, weil Tenöre immer gesucht sind — und ich konnte mir auch gleich für das anstehende Projekt die Noten kaufen. Und was für ein Projekt war das! Welch ein Einstieg in diesen Chor! Benjamin Brittens „War Requiem“ wurde nämlich geprobt. Ich gebe zu, von diesem Stück hatte ich vorher noch nie etwas gehört, denn im Dortmunder Kirchenchor hatten wir doch eher kleinere Messen gesungen, keine Oratorien. Und so war der erste Eindruck dieses Requiems, nachdem ich es mir auf einer CD angehört hatte, überwältigend! Und so etwas sollte ich singen? Ob ich das schaffen würde? Mit Feuereifer machte ich mich also an die Proben — und stellte fest, dass es auch aufgrund der guten Anleitung durch Herrn Boie und die gekonnte Korrepetition durch Herrn Schinnerling gar nicht so schwer war, diese ungewohnten Klänge ins Ohr zu bekommen und auch selber singen zu können. Und natürlich war die Aussicht, ein solches Werk nicht nur im Villinger Franziskaner Konzerthaus, sondern auch noch im Freiburger Münster singen zu dürfen, ein weiterer Ansporn. Denn dieses Werk studierten wir zusammen mit dem Freiburger Oratorienchor ein! Also wir übten in Villingen, der Freiburger Oratorienchor in Freiburg, und alles zusammengesetzt wurde auf halbem Wege in Neustadt! Spannend, aufregend, und wunderbar für einen (noch halbwegs jungen) Kerl, der sich auf die Suche nach der Kultur in Villingen gemacht hatte.

Das Erlebnis der Aufführungen ist mir noch in sehr guter Erinnerung. Die Feuerprobe bestanden wir samstags im Villinger Franziskaner Konzerthaus, es klappte ganz gut, nicht alles war perfekt, aber auch für die Zuhörer so überwältigend, dass dieses Konzert sicherlich zu einem wirklich großen Erlebnis für alle Beteiligten wurde. Und dann die Aufführung in Freiburg. Tiefe Temperaturen draußen, auch im Münster war es erst nicht so richtig warm, aber mit allen Beteiligten vorne im Chorraum zu stehen, das Orchester dazu, wurde es uns doch sehr schnell recht warm. Für uns Villinger Chorsängerinnen und Chorsänger war diese Umgebung natürlich sehr ungewohnt. Wie immer, wenn man in einem akustisch unbekannten Raum singt, dauert es eine Zeit, bis man sich an die Gegebenheiten, insbesondere an die in jedem Raum andere Nachhallzeit, gewöhnt. Und selbst wenn dann die Proben recht gut klappen, so ist doch die Kirche oder der Konzertsaal dabei ohne Zuhörer. Im Konzert dann ist die Akustik wieder ganz anders, denn die vielen Menschen verkürzen die Nachhallzeit gewaltig. Aber das zusammen Musizieren, die absolute Konzentration auf den Dirigenten, all das machte die Aufführung in Freiburg für mich zu einem wirklichen „Highlight“. Als der letzte Akkord verklungen war herrschte Schweigen im Münster, die Glocke erklang und ließ die besondere Stimmung erst richtig Gestalt annehmen. Es war sehr berührend, das Erlebte noch einmal innerlich zu rekapitulieren, alle gehörten Klänge und Texte noch einmal kurz zu erinnern. Und dann fiel endlich die Anspannung von mir ab, und ich fühlte mich nur noch wohl und befreit. Dieses Erlebnis hat mich darin bestärkt, der Kantorei die Treue zu halten. Seitdem — also seit dem Jahr 1989 – bin ich nun als Tenor Sänger in der Villinger Kantorei. Und viele wunderbare Aufführungen folgten.

Daniela Müller

Die Freude an der Musik und der Spaß am Singen führten mich zur Villinger Kantorei.

Als ehemaliges Mitglied der Villinger Klosterspatzen saß ich im Jahr 2006 im Mozart Konzert der Kantorei – am Ende war mir klar: da will ich mitsingen! Das interessiert mich. So war ich nun jahrelang die Jüngste, bis zu dem Zeitpunkt, da die heranwachsenden Kinderchorkinder und Jugendlichen projektweise in unsere Aufführungen integriert wurden.

Unsere Zusammensetzung ist sehr interessant: vom Unternehmer, über den Ingenieur, der rund um den Globus arbeitet, bis hin zur Single- oder Hausfrau mit 7 Kindern – alle sind dabei, wenn es um Probenarbeit und Aufführungen geht. Wir verbringen regelmäßig einige Stunden in der Woche, sehr konzentriert, aber mit viel Humor. Wenn man ein Buch mit Chorwitzen veröffentlichen wollte, könnte das ebenso ein Jahrbuch werden, wie dieses Heft des Geschichts- und Heimatvereins!

Die Voraussetzungen zum Mitmachen?

Liebe zur Musik, Liebe zum Singen, Probenbesuch so häufig wie möglich und die Bereitschaft, sich mit unserer Chorleiterin zu Beginn mal zur Stimmbildung zu treffen.

Darauflegen wir nämlich Wert — selbst all diejenigen, die sich zu Beginn nichts darunter vorstellen können, werden mit der Zeit merken, wie sehr sich die Stimme entwickeln und entfalten kann. Mit einer hauptamtlichen A-Kirchenmusikerin als Leitung ist man dabei in den besten Händen. Man fühlt sich umsorgt und die Stimme macht, was sie will. Also, was die Chorleiterin will.

Auch die Stücke werden effektiv geprobt, klar, wenn man einen Takt zum 20. Mal singt, ist das auch anstrengend. Aber wenn es dann beim 21. Mal so klingt, wie es soll, dann sind alle glücklich und zufrieden. Von nichts kommt nichts. Da wird auch die eine oder andere Samstagsprobe gerne in Kauf genommen —.

Nach einem Konzert breitet sich neben dem Erfolgsgefühl auch gleich die Vorfreude auf das nächste Werk aus: Die Bestellliste für die neuen Klavierauszüge ist schnell gefüllt. Die werden dann später bei den unterschiedlichen Sängern sehr individuell gefüllt: manche sind so gefüllt mit Notizen und Zeichnungen, die an das Geprobte erinnern, dass man den Eindruck eines Kindermalbuches gewinnt — andere sind bis zur Aufführung jungfräulich rein. Daher neben Stimme und Note das drittwichtigste Instrument: der Bleistift. Wichtig, man kann ihn radieren, wenn sich wichtige Angaben der Leiterin ändern – und das kommt schon mal vor …

Wenn man nicht von der choreigenen Bleistiftsammlung auf dem Flügel abhängig sein möchte, schafft man sich sogar einen eigenen an.

Der Gründer der Kantorei Bern Boie

 

Sie werden verliehen, verschenkt, verloren, wiedergefunden – jeder hat seine eigene Geschichte, manche haben sogar ihre eigene Bleistifttasche. Kopfschütteln und mal eine strengere Ermahnung gibt es tatsächlich, wenn man nicht an dieses Chorutensil denkt, das ist so wichtig, wie die Probenteilnahme.So verschieden wir Mitglieder auch sind, beim Musizieren treffen wir alle denselben Nerv und das lässt eine wunderbare Gemeinschaft entstehen!

Wolfgang Meinhardt

Die Villinger Kantorei – wie sie wurde, was sie ist – die Geschichte

Die Villinger Kantorei hat sich seit ihrer Gründung vor mehr als dreißig Jahren zu einer der wichtigsten ständigen Einrichtungen im Kulturleben der Stadt Villingen-Schwenningen und ihrer Umgebung entwickelt. Ohne die Verdienste der anderen hier ansässigen Einrichtungen, die sich ebenfalls der Pflege der Oratorienliteratur verpflichtet fühlen, zu schmälern, soll hier die Entwicklung dieses Ensembles einmal nachvollzogen werden.

In den Sechziger- und beginnenden Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hatte es bereits sporadisch verdienstvolle Oratorien-Aufführungen (z.B. durch den Münsterchor, den Königsfelder Kirchenchor oder den Villinger „Singkreis“) gegeben. Als jedoch im Juli 1976 Bernd Boie sein Amt als Bezirkskantor des neuen evangelischen Kirchenbezirks Villingen antrat, machte sich für ihn und andere das Fehlen eines ständigen großen Chores für die Präsentation großer Oratorien deutlich bemerkbar.

So trafen sich im Januar 1977 Mitglieder der Kirchenchöre der Markus- und der Johanneskirche und öffentlich eingeladene Gastsänger und begannen unter Bernd Boies Leitung mit der Einstudierung von Händeis „Messias“. Das Pflänzlein gedieh und gedieh, das Städtische Kulturamt wurde aufmerksam und veröffentlichte ein Interview mit Bernd Boie, neue Mitwirkende, auch Mitglieder des „Motettenchors Villingen“ (Bernd Boies ehemaliger Bezirkschor Hornberg) fanden sich ein, und am 12. Juni 1977 fesselten über 80 Sängerinnen und Sänger mit namhaften Solisten und dem Badischen Kantatenorchester aus Karlsruhe die Zuhörer in der ausverkauften (noch nicht renovierten) Benediktinerkirche. Dass die Villinger Kantorei nicht als Konkurrenz, sondern als willkommene Ergänzung der bisher im Oberzentrum praktizierten Kirchenmusik aufgenommen wurde, zeigt unter anderem die Tatsache, dass bei dieser

Aufführung auch Hanspeter Stoll am Cembalo und der damalige Münsterorganist und katholische Bezirkskantor Eduard Wassmer an der Orgel mitwirkten.

Dieser große Erfolg machte Mut, das Konzept qualitativ hochwertiger Aufführungen großer kirchenmusikalischer Werke weiter zu verfolgen.

So konnte bereits im März 1978 Bachs „Matthäus-Passion“ in St. Marien in Donaueschingen und in der Villinger Benediktinerkirche (die eine Woche lang mit Gasbrennern aufgeheizt werden musste) zusammen mit dem Schulchor des Hoptbühl-Gymnasiums aufgeführt werden. Und schon am 2. Advent desselben Jahres erklangen Vivaldis „Magnificat“ und Bachs Kantate 110 „Unser Mund sei voll Lachens“ in der Markuskirche.

Ab jetzt wurden, vom evangelischen Kirchenbezirk tatkräftig gefördert, mindestens zwei große Konzerte pro Jahr zur Regel. Dass nicht immer alles ganz problemlos lief, beweist Bernd Boies Erinnerung an die Vorbereitung 1979 zu Bruckners großer Messe e-Moll für 8stimmigen Chor und Bläser: „Am 7. Juli fand nachmittags in Bad Dürrheim die Generalprobe statt. Alle Mitwirkenden waren pünktlich zur Stelle. Da stellte sich heraus, dass die Bläsernoten fehlten! Dr. Berweck hatte Beziehungen zum Hotel „Hänslehof‘, und ich hatte zum Glück zwei Partituren. Während nun die Partitur Seite um Seite kopiert, zurechtgeschnitten und auf Speisekarten geklebt wurde, konnten die Chöre geprobt werden. War ein Messe-Satz fertig für die Bläser, wurde dieser Satz geprobt …“

Auf alle Konzerte der Folgezeit einzugehen würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen; daher seien nur einzelne Höhepunkte herausgegriffen:

1979 und 1980 standen in der Adventszeit in der St.-Bruder-Klaus-Kirche die Teile I-III bzw. IV-VI von Bachs „Weihnachtsoratorium“ auf dem Programm. Dieses Werk sollte (wie auch die „Matthäuspassion“, der „Messias“ oder Haydns „Schöpfung“) fester Bestandteil des Standardrepertoires der Kantorei werden; hier wirkte nicht nur mehrmals das renommierte Trompetenensemble Edward H. Tarr mit, es gab auch dreimal alle sechs Kantaten ungekürzt an einem Nachmittag und Abend. Außerdem bereichert seitdem am 2. Weihnachtstag jeweils eine der Kantaten einen Kantatengottesdienst in der Johanneskirche, wobei auch Ehemalige und andere mit dem Werk Vertraute mitsingen können. Auch die Oratorien und Psalmvertonungen von Felix Mendelssohn Bartholdy prägten das Angebot des Chores; 1990/91 war im Rahmen eines Mendelssohn-Projekts außer „Elias“ und „Paulus“ auch als Erstaufführung das unvollendet gebliebene Oratorium „Christus“ zu hören.

1981 bekam die Kantorei für die Proben in Peter Schinnerling einen äußerst einfühlsamen Correpetitor, der auch bis 1997 bei allen Aufführungen die Continuogruppe sicher anführte.

Das Jahr 1982 bedeutete einen Markstein im Leben der Villinger Kantorei: Das Franziskaner Konzerthaus mit seiner hervorragenden Akustik wurde eingeweiht. Der Chor durfte nicht nur gemeinsam mit dem Schwenninger Bachchor (mit dem man auch sonst erfolgreich kooperiert) mit Teilen aus Händeis „Dettinger Te Deum“ am Festakt teilnehmen; im Rahmen der Eröffnungsveranstaltungen führte er auch die „Schöpfung“ auf und fand damit nach den Jahren der Wanderschaft durch verschiedene von den jeweiligen katholischen Gemeinden zur Verfügung gestellten Kirchen sein neues Zuhause in Villingen.

Ein Höhepunkt der Zusammenarbeit mit berühmten Künstlern war 1985 Bachs „h-Moll-Messe“ mit dem Trompetenensemble Ludwig Güttier, wie auch sonst immer wieder Solisten aus der damaligen DDR verpflichtet wurden.

Zu ihrem 10jährigen Bestehen schenkte sich die Villinger Kantorei unter anderem eine glanzvolle Aufführung des „Messias“ in der barocken Wallfahrtskirche Steinhausen, der „schönsten Dorfkirche der Welt“.

Bei seinem Bemühen, seine Sängerinnen und Sänger immer wieder auch an wenig oder gar nicht bekannte Werke heranzuführen, griff Bernd Boie nicht nur nach „großen“ Komponisten; den Abschluss der Landeskunstwochen 1988 bestritt der Chor mit der konzertanten Uraufführung des Opernfragments „Im Schatten Tallards“ des hiesigen Komponisten Paul Bär mit einer Handlung, die während der Belagerung Villingens im Jahre 1704 spielt; eine zweite, jetzt szenische Uraufführung des vom Komponisten weitergeführten Werks präsentierte die Kantorei dann unter Heike Hastedts Leitung anlässlich der 1000-Jahr-Feier des Villinger Marktrechts 1999.

Heike Hastedt

Ein für alle Beteiligten unvergessliches Erlebnis war 1989 das „War Requiem“ von Benjamin Britten, das zusammen mit dem Freiburger Ortorienchor und den Freiburger Domsingknaben zum Gedenken an die 50. Wiederkehr des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs aufgeführt wurde. Dieses zeitgenössische Werk stellte nicht nur an alle hohe Anforderungen, es ergriff Mitwirkende und Zuhörer gleichermaßen. Das zeigte sich schon bei der ersten Aufführung am 4. November im Franziskaner, mehr aber noch am darauf folgenden Abend im Freiburger Münster, das nicht alle fassen konnte, die zuhören wollten, so dass die Türenoffen blieben und viele Menschen auf dem Münsterplatz lauschten bis zum erschütternden Klang der großen „Hosanna“-Glocke am Ende.

Für die Villinger Choristen hatten diese Aufführungen noch ein spezielles Nachwehen: Der Bass-Solist war Gotthard Stier aus Leipzig, der regelmäßiger Teilnehmer der dortigen Montags-Demonstrationen gewesen war und davon berichtet hatte. Nach der Freiburger Aufführung war die traditionelle Konzert-Nachfeier nicht möglich; also verlegte man sie auf den nächsten Probenabend – es war der 9. November! In die Vorbereitungen platzte die Nachricht vom Fall der Berliner Mauer.

Sehr bald nach der „Wende“ knüpfte Bernd Boie musikalische Kontakte zur sächsischen Partnerstadt Zittau und der dortigen Kantorei mit dem Ergebnis, dass 1992 in der Zittauer Johanneskirche gemeinsam der „Messias“ aufgeführt werden konnte. Als im Oktober desselben Jahres die evangelische Kirchengemeinde Villingen ihr 100 jähriges Bestehen feierte, gestaltete die Kantorei das große Festkonzert mit Bruckners „Te Deum“ und dem Magnificat von Carl Philipp Emanuel Bach.

Immer wieder für Neues aufgeschlossen, fand 1993 Bernd Boie, als er zum ersten Mal Mozarts „Requiem“ aufführte, als ideale Ergänzung dazu die Erstaufführung der ein Jahr zuvor entstandenen ergreifenden Rhapsodie „Lux perpetua“ von Joachim Kleindt. Im Juli 1994 bot sich die Gelegenheit, das Eröffnungskonzert der Internationalen Sommerkonzerte im Dom St. Blasien zu gestalten; ausgewählt wurde dafür die „Schöpfung“, die auch in Tuttlingen, Villingen und Zittau (wieder zusammen mit der dortigen Kantorei) auf sehr beeindruckende Art aufgeführt wurde.

Auch in den letzten beiden Jahren als Bezirkskantor (inzwischen von der Landeskirche zum „Kirchenmusikdirektor“ – in Baden ein nur selten für besondere Verdienste verliehener Titelernannt) forderte Bernd Boie „seine“ Kantorei: 1995 Bachs „Johannespassion“, Arthur Honeggers „Totentanz“ und Gabriel Faures „Requiem“; 1996 „Messias“ und „Ein deutsches Requiem“ von Brahms – immer mit großem Erfolg.

Mit dem 31. Januar 1997, zwanzig Jahre nach ihrer Gründung, ging für die Villinger Kantorei die Ära Boie zu Ende, eine Zeit voller hoher künstlerischer Ansprüche und Leistungen, Suche nach Neuem und Pflege von Bewährtem, Kooperationsbereitschaft (vor allem auch auf ökumenischem Gebiet) und sozialem Engagement, z. B. Aufführungen als Benefizkonzerte für ein Schulprojekt des Villingen-Schwenninger Rotary-Clubs in Indien, alles aber auch im Sinne seines Auftrags als Kirchenmusiker, wie er am Ende seiner Amtszeit äußerte: „Für viele Menschen haben wir Trost und Freude spenden können. Diese therapeutische Wirkung hat mich stets fasziniert; sie war für mich eine Motivation.“

Wie sehr auch in der Badischen Landeskirche seine Tätigkeit anerkannt wurde, zeigt sich darin, dass mit seinem Ruhestand kein Tag der Vakanz eintrat — seine Nachfolgerin Heike Hastedt war bereits dabei, als er am 2. Februar offiziell mit einem Kantatengottesdienst (mit Bachs Kantate 191 und Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ aus dem „Elias“) und einer Feierstunde verabschiedet wurde.

Die neue Chefin wurde von Anfang an nicht geschont; ihr Vorgänger hatte ihr ein nicht leichtes Erbe hinterlassen: Es galt nicht nur die vielfältigen

Projektebor Carmina Burana.

 

Aufgaben einer Bezirkskantorin und Kantorin an der Villinger Johanneskirche weiterzuführen, sondern auch unter anderem die Villinger Kantorei zumindest auf ihrem hohen Niveau zu halten und ihre Stellung im regionalen Musikleben erfolgreich zu bewahren. Da hieß es „Volle Kraft voraus“, denn das fertig vorgeplante anspruchsvolle Programm für 1997 hieß „Paulus“ von Mendelssohn im Juli und das ganze „Weihnachtsoratorium“ von Bach im Dezember — schließlich hatte man ja auch noch „20 Jahre Villinger Kantorei“ zu feiern. Und mittendrin der „alte“ Kantor als „einfacher“ Kantorei-Sänger; so harmonisch lief der Übergang.

Heike Hastedts locker wirkende, aber konsequente Führung motivierte sofort den ganzen Chor und ließ auch das nicht weniger anspruchsvolle 1998er-Programm mit Strawinski, Mozart und Schubert fast entspannend wirken.

Villingens „Jubeljahr“ 1999 forderte seinen Tribut: neben der bereits erwähnten szenischen Uraufführung des Opern-Fragments „Im Schatten Tallards“ im Franziskaner-Komödiengarten ein eigenes Festkonzert mit Mendelssohns 2. Sinfonie „Lobgesang“ und der Uraufführung der Kantate „Wie lieblich sind deine Wohnungen“ von Burghard Schloemann. Mit der Aufführung von Bachs „h-Moll-Messe“, von der Presse als „absoluter Höhepunkt“ im „Bachjahr 2000 in VS“ gefeiert, begann eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Münchner Barockorchester „L’arpa festante“, die im Folgejahr mit Bachs „Johannespassion“ fortgesetzt wurde und bis heute andauert.

Für ihre Verdienste um die Kirchenmusik wurde auch Heike Hastedt im Mai 2011 von der Badischen Landeskirche als jüngste badische Kirchenmusikdirektorin ernannt.

Neben dem Wagnis des Neuen, wozu auch das verstärkte Einbeziehen bewährter Mitglieder ihres Kinder- und Jugendchores in Kantorei-Aufführungen gehört, versucht Heike Hastedt auch immer wieder an Initiativen ihres Vorgängers anzuknüpfen, wie die 2002 zum 25jährigen Jubiläum des Chores gemeinsam mit der Zittauer Kantorei unter ihrem damaligen Leiter Nikolaus Krause hier und in der Partnerstadt gestaltete „Schöpfung“ zeigte.

Das Bestreben der Chorleiterin, verstärkt nichtdeutsche Werke in der Sprache, für die sie komponiert sind, aufzuführen, machte Sänger und Publikum 2003 mit Händeis „Dettinger Te Deum“, 2006 seinem „Messias“ und 2008 seinem „Israel in Egypt“ in englischer Sprache, 2004 auf französisch mit „L’enfance du Christ“ von Hector Berlioz, 2008 mit John Rutters „Requiem“ auf englisch und lateinisch und 2007 mit Bernsteins „Chichester Psalms“ auf hebräisch bekannt.

Außer den zahlreichen Kontakten mit auswärtigen Ensembles pflegt Heike Hastedt aber auch sehr intensiv Kooperationen auf lokaler und regionaler Ebene, so z. B. mit den „Klosterspatzen St. Ursula“ unter Erkentrud Seitz (u.a. „Elias“ 2003), dem Sinfonieorchester Villingen-Schwenningen, der Musikhochschule in Trossingen (Brahms-Requiem 2005, Mahlers „Auferstehungs-Sinfonie“ 2007). Seit zum „Tag der deutschen Einheit“ 2009 die Kantorei mit dem Sinfonierorchester Villingen-Schwenningen und anderen Sängern aus der Region unter Jörg Iwer Beethovens „Neunte“ aufführte, bildet sie unter Heike Hastedts Leitung in Zusammenarbeit mit dem Amt für Kultur jeweils den Kern eines Projektchors, der bisher 2010 anlässlich der Landesgartenschau zweimal Orffs „Carmina Burana“ und 2011 Verdis „Requiem“ vorstellte.

Eine Überraschung bot die Zusammenarbeit mit dem Barockorchester „Larpa festante“ im Dezember 2009: Am Tag nach der Aufführung des ganzen Bachschen „Weihnachtsoratoriums“ gab es eine äußerst lebendig gestaltete Kurzfassung für Kinder; man muss sich vorstellen: Rund 900 Kinder lauschten mucksmäuschenstill und ohne zu zappeln über eine Stunde lang Bachs Musik und den spielerisch gestalteten Erläuterungen dazu.

Es gäbe noch vieles zu berichten, bemerkenswerte Aufführungen zu schildern, Solisten zu charakterisieren …

Der 2012 fünfunddreißig Jahre alten Villinger Kantorei bleibt zu wünschen, dass ihre Sängerinnen und Sänger in ihrer Begeisterung für die Musik und ihrem Eifer nicht nachlassen, dass ihre Kooperationspartner immer wieder gerne mit diesem Chor musizieren, dass das Publikum nicht nur bei den „Selbstläufern“, sondern auch bei schwierigen oder wenig bekannten Werken treu bleibt und dass Heike Hastedt mit Ideenreichtum, bleibender Energie, nicht nachlassendem Frohmut und musikalischem Feingefühl noch recht lange diesen Chor der Region als wichtiges Element des Musildebens erhält.