Auf Umwegen zur Malerei (Theo Leute)

Villinger Dächer

Eigentlich sollte ich Pfarrer werden. Meine Mutter hatte sich in den Kopf gesetzt, dass wenigstens einer von ihren vier Söhnen diesen geistlichen Stand ergreife.

Ich träumte jedoch von einer Malerkarriere. Mit Malen hatte ich mich als Schüler viel beschäftigt — schon mein Vater frönte diesem Hobby. Jedoch der Künstlerberufstand im Jahre 1955 nicht sonderlich hoch im Kurs. Diese Erfahrung konnte ich aus eigenem Erleben machen: Mein Vater hatte mit dem Maler Erich Rein eine Bekanntschaft aufgebaut, der von der Malerei nicht leben konnte und uns manchmal um Unterstützung für sein tägliches Leben bat. So entstand eine Beziehung „Brot gegen

Porträt oder Landschaft“. Das war keine erfolgversprechende Perspektive.

Also entschied ich mich für ein Studium der Ingenieur-Wissenschaften an der TH Karlsruhe, wo ich mein kreatives Talent ebenfalls nutzen konnte.

Als Dipl.-Ing. — inzwischen verheiratet und Familienvater – zog ich mit meiner Familie von Villingen weg. Ich folgte dem Ruf der besseren Berufschancen in der Industrie. So lebte ich als Villinger 31 Jahre „im Exil“. Mit meinem Berufsweg war ich zufrieden; er führte mich in der Industrie bis zum Technischen Leiter und Geschäftsführer.

Als Rentner zog es mich dann wieder in meine Heimatstadt Villingen. Allerdings wartete hier eine neue, nicht vorauszusehende Herausforderung auf mich: Die in Turbulenzen geratene Baugenossenschaft Villingen fragte bei mir an, ob ich kommissarisch den entlassenen Geschäftsführer für eine kurze Zeit ersetzen könnte. Ich stimmte dem zu und war für ein paar Jahre damit beschäftigt, Wohnungen zu gestalten bzw. zu erneuern, um der Genossenschaft wieder zu einer soliden wirtschaftlichen Basis zu verhelfen.

Nun war es aber genug — ich wurde endgültig Rentner. Noch immer lockte mein Jugendtraum: Die Malerei!

Es klopfte die Muse der Malerei energisch an meine Tür. Als ich dann zu meinem Geburtstag einen Aquarellkasten bekam, war dies die Initialzündung zu einem Neubeginn. Gerne ließ ich mich von dieser schönen Kunst vereinnahmen.

Da „Wollen“ und „Können“ einer Phase des Lernens bedarf, belegte ich bei der VHS entsprechende Kurse, in denen mir die ausgebildete Malerin Elena Pluto eine ausgezeichnete Lehrerin war.

Die Leichtigkeit im Umgang mit Aquarellfarben muss erlernt werden. Wasserfarben haben zwei ganz spezielle Eigenschaften, die sie von anderen Maltechniken abheben: Sie sind transparent und laufen — da wässrig — ineinander, ob gewollt oder ungewollt. Die Transparenz der Farben auf weißem Papier ist ideal, um den klaren Himmel, das Sonnenlicht auf dem Laub oder die kristallinen Schatten auf dem Schnee wiederzugeben. Durch das Verlaufen der Farben entstehen oft überraschende Ergebnisse, die man zum Improvisieren nutzen kann. Mit einiger Erfahrung kann man es aber auch steuern.

Die Zufriedenheit mit dem eigenen Aquarell stellt sich erst nach längerer intensiver Auseinandersetzung mit der jeweiligen Thematik ein.

Als nach 5 Jahren gemeinsamer Arbeit meine Lehrerin Elena ein gerade entstandenes Bild mit den Worten kommentierte, „das hätte ich nicht fertiggebracht“, jubelte ich innerlich; jetzt hatte ich meine Gesellenzeit hinter mir!

Von da an widmete ich mich ganz der Malerei von Landschaften – auch Stadtlandschaften. Vor allem die intensiven Farben solcher Landschaften faszinieren mich. Immer wenn ich mit meiner Frau Irene in bevorzugt südlich warme oder asiatische Länder reise, bringe ich von dort Eindrücke und Motive mit. Wieder in der Heimat reizt mich mancher Winkel des alten Villingens, wo ich in Aquarell bekannte Stadtbereiche aber auch noch manche mir bisher unbekannte Winkel entdecke. Meine Frau – inzwischen anerkannte Stadtführerin — unterstützt mich in zweierlei Hinsicht: wenn ich beim Malen mal wieder in einer anderen Welt bin, toleriert sie das nicht nur, sondern lässt mich auch ungestört weiter malen. Sie verzichtet dadurch auf manche gemeinsame Stunde und tröstet sich mit einem Gang ins „Städtle“, wo sie oft Bekannte zu einem Plausch beim Cappuccino trifft.

Ich hoffe, dass es mir vergönnt sein wird, noch einige Jahre mit und in dieser Kunst zu leben und meinen Jugendwunsch weiter zu erfüllen.

Kronengasse

 

Spitalgarten, Brunnen mit Elisabethenturm

 

Heny-Bogen
Romäusturm

 

Zehntscheuer