VILLINGER SAGEN UND LEGENDEN (Bearbeitet von Werner Huger)

Fortsetzungsreihe 2

Die Kreuzvögel

Im vorherigen Jahrhundert hatten die Villinger in der ganzen Umgegend den Spitznamen Kreuzvögel; dies verhielt sich wie folgt:

In den Wiesen vor dem Riedthore entdeckte man einst im Gehäge bei der Brunnenstube ein ungemein großes Ei. Die Anzeige wurde sogleich dem Magistrate gemacht und, als ein außergewöhnliches Phänomen, das Ei von demselben in höchsteigener Person erhoben und in die Stadt gebracht. Nun entstand die große Frage, was in dem Ei verborgen sein möchte und wie man den Inhalt herausbringen könne. Da man kein Thier kannte, welches fähig gewesen wäre, dasselbe aus­ zubrüten, so entschloss sich ein wohlweiser Rath, in höchsteigener Person sich diesem wichtigen Geschäfte zu unterziehen. Vom Rathsdiener an bis auf den Bürgermeister verlegten sich nun alle Herren auf das Ausbrüten des räthselhaften Ei’s. Durch die Kraftwärme des wohlbeleibten Konsuls beseelt, sprang endlich die Schale auf, und ein wunderschöner Kreuzvogel kam zum Vorschein. Der Magistrat hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als alle Stadtthore zusperren zu lassen, um das Entfliehen des Vogels zu verhindern.

Die Kreuzvögel zu Vilingen aus brieflicher Mitteilung des Herrn Chorregenten Dürr.

Anmerkung: Der Kreuzvogel, dt. Nam e: Kreuzschnabel (Fichten- und Kiefernkreuzschnabel, lat.: Loxia curvirostra) ist ein heimischer, 16,5 cm großer Jahresvogel. Er besitzt einen kräftigen Schnabel, dessen Spitzen überkreuzt sind, und mit deren Hilfe er u. a. Samen aus Baum zapfen herausholen kann.

Im Aberglauben ist er sowohl Orakeltier als auch von volksmedizinischer Bedeutung. So ist der Glaube verbreitet, dass ein Kreuzschnabel, im Hause gehalten, Krankheiten an sich ziehe. Mit Vorliebe verwendet man ihn gegen Krankheit der Kinder. Als eine Seltenheit ist für Villingen überliefert, dass der Kreuzschnabel Kinder bringe.

Diese Deutung im Aberglauben erklärt, weshalb der Magistrat Villingens, entsprechend der Legende, den Heilung und Segen bringenden Vogel innerhalb der Stadtmauern halten wollte.

Fichtenkreuzschnabel – Finken

 

Literatur:

Elard Hugo Meyer, Badisches Volksleben im 1 9. Jahrhundert, Ausgabe 1900, Reprint 1984 , Konrad T he iss Verlag Stuttgart, S. 1

ferner: Handwörterbuc h des deutschen Aberglaubens, de Gruyter