Die große Schutzmantelmadonna im Villinger Münster (Kurt Müller)

Abb. 1: Wandbild Schutzmantelmadonna.

Die große Restauration und Wiedereinrichtung des Villinger Münsters 1905 bis 1909 beschäftigte neben den engagierten Stiftungsräten mit Pfarrer Josef Scherer die wichtigen Kunstwerkstätten der Erzdiözese Freiburg: Marmon in Sigmaringen, Moroder in Offenburg, viele Handwerker und Künstler und darunter besonders Martin Feuerstein, königlich-bayerischer Akademieprofessor aus München, der nach Villingen seine beiden Meisterschüler Theodor Bayerl und den Freiburger Franz Schilling (1879 – 1964) mitbrachte. Alle drei haben bis heute gültige Werke im Münster hinterlassen. Martin Feuerstein malte die vier großen Bilder der Seitenaltäre, Theodor Bayerl die Bilder im Mittelschiff zwischen den Apostelfiguren, die sieben Freuden und die sieben Schmerzen Mariens.

Franz Schilling entwarf die Fenster im Hochchor (nur teilweise erhalten), er malte auf den drehbaren Hochaltarflügeln die Bilder der vier Evangelisten und der vier abendländischen Kirchenväter. Sein größtes Werk in Villingen sind die beiden Wandbilder im unteren Chor: nach Norden das Jüngste Gericht und nach Süden die Schutzmantelmadonna. Für letztere Arbeit erhielt er von der Königlichen Akademie der Bildenden Kunst in München die große Medailie 1909. Weil das Bild an der Südseite des unteren Chores wenig beleuchtet ist, und weil es von der üblichen Blickrichtung in Richtung Hochaltar abweicht, wird es oftmals gar nicht bemerkt und nicht beachtet.

Abb. 2: Für die irdische Realität steht eine Darstellung des noch mittelalterlichen Villingen mit doppelter Ringmauer, Zugbrücke und Falltüre am Riettor. Tore, Türme und Befestigungen.

 

Mit dieser Beschreibung möchte ich verdeutlichen, dass eine genaue Betrachtung des Bildes hier im Jahresheft und erst recht im Original im Münster bei Villingern eigentlich nicht fehlen sollte.

Das große Bild ist aufgeteilt in zwei Sphären: die irdische und die himmlische. Für die irdische Realität steht eine Darstellung des noch mittelalterlichen Villingen mit doppelter Ringmauer, Zugbrücke und Falltüre am Riettor. Tore, Türme und Befestigungen stehen für Symbole von Gefahr, Unsicherheit, Krieg und Tod. Es fliegen glühende Kanonenkugeln in die Stadt und erinnern an die Not der Belagerungen. Ein mit Lanze bewehrter Schutzengel vertreibt das Totengerippe, das mit blutiger Sense von Pest und Seuchen die Stadt umrundet. Wo aber sind die Menschen?

Abb. 3: Die rettende hilfreiche Sphäre des Himmels.

 

Es ist niemand zu sehen, nur schemenhaft das Bild des Romäus am Turm. Die Menschen haben sich aus der gefährlichen irdischen Sphäre in die rettende hilfreiche Sphäre des Himmels begeben. Darum steht der Vers aus dem Gebet „Unter deinem Schutz und Schirm“ (sub umbra allarum tuarum protegenos) unter dem Bild. Auch im oberen Bildbereich sind feurige Kugeln zu sehen, die aber stehen für die leuchtenden Sterne, die Signale der Transzendenz, die Lichter am Himmel. Die Menschen in großer Zahl aller Altersgruppen und Stände suchen Schutz unter dem weit ausgebreiteten Mantel der Gottesmutter Maria. Dass dies keine heidnische Göttin in den Stadtfarben blauweiß sondern tatsächlich die Gottesmutter Maria ist, belegt die Mandorla, der Mandelkern den sie auf der Brust trägt mit der Figur des Gotteskindes Jesus Christus. Maria steht auf der Erdkugel, ihr Hermelin besetzter Schutzmantel ist weit gespannt und bietet allen Schutz, die ihn bei ihr suchen. Die gefährlichen Pfeile von Unglück, Unfall und Kriegsgefahr werden am Schutzmantel krumm gebogen, unschädlich gemacht. Die hilfesuchende Schar der Bürger unter dem Schutzmantel wird in ihrem Bittgebet unterstützt durch die Fürbitte der wichtigen Patrone der gläubigen Villinger, die dem Geschehen assistieren.

Abb. 4: Auf der linken Seite stehen unter anderem der heilige Fidelis von Sigmaringen, Johannes den Täufer und den heiligen Sebastian.

 

Das sind auf der rechten Seite der heilige Benedikt, dessen Söhne, die Benediktiner innerhalb der Mauern von Villingen selber Schutz gesucht und gefunden haben nach ihrer Vertreibung aus St. Georgen von 1536 bis 1806. Daneben steht der heilige Bischof Konrad von Konstanz, gest. 975, dessen Wunder mit der giftigen Spinne im Kelch ihn als wundermächtig ausgewiesen hat. Er ist Patron unserer Erzdiözese. Davor steht der heilge Franziskus. Sein Orden hat in unserer Stadt von 1268 bis 1797 wichtige Spuren hinterlassen. Seine Schwester Klara war die Patronin der Klarissen im Bickenkloster seit der Zeit von Ursula Haider 1480 bis 1783. Die anschließende Geschichte der Ursulinen endet leider in diesem Jahr. Auf der linken Seite stehen der heilige Fidelis von Sigmaringen, der am 7. Mai 1611 im Villinger Franziskanerkloster zum Dr.jur. promoviert wurde. Vor ihm treffen wir Johannes den Täufer. Er ist der ursprüngliche Patron des Villinger Münsters, das bis 1538 den Namen trug: „Leutkirche Johannes Baptista in der Stadt“. Neben dem Bickentor entstand ab 1257 bis 1806 die Johanniter Kommende mit der Johanneskirche, der heutigen evangelischen Stadtkirche. Im Vordergrund sehen wir den heilgen Sebastian, der von Pfeilen durchbohrt als Patron gegen die Pest und andere Seuchen gilt.

Abb. 5: Auf der rechten Seite stehen unter anderem der heilige Benedikt, dessen Söhne, der heilige Bischof Konrad von Konstanz, der heilige Franziskus und seine Schwester Klara.

 

Das ganze Geschehen von Bitte und Erhörung vor der Gottesmutter und anderen hilfreichen Heiligen ist bekrönt von einer zum Nachdenken einladenden Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit. Eine anbetende Engelsschar führt den Blick auf Vater, Sohn und Heiligen Geist. Die Bildelemente Schwert und Pfeile dürfen uns nicht an den heidnischen Gottvater Zeus erinnern, der mit seinen Zornpfeilen auf die Menschen zielt. Aber das Schwert in der Hand Gottvaters darf an die Gerechtigkeit erinnern, die auch etwas mit Ernst und Strafe zu tun haben kann. Jesus Christus, der Sohn, fährt dem erhobenen Richtschwert der Gerechtigkeit in die Parade und hält es zurück mit der rechten Hand. Zur Legitimationn seines Eingriffs verweist er mit seiner linken Hand auf das von der Lanze durchbohrte Herz, das Symbol seiner grenzenlosen Liebe und seines unbedingten Einsatzes für das Heil der Menschen. Darüber schwebt segnend die Taube des Heiligen Geistes.

Wir können dankbar sein für dieses vom Glauben geprägte Werk des damals noch jungen Künstlers Franz Schilling.

Anmerkungen

Bilder: Jochen Hahne, Villingen