Das Neujahrsschießender Historischen Grenadiere von 1810 (Wolfgang Bräun)

Renaissance einer Tradition seit 1967

Die Feuerwaffen der mehreren hundert Württemberger Angreifer brachten einst mit dem 13. Januar des Jahres 1633 Bedrohung, Verwüstung und auch Tod über die Stadt Villingen. Am ersten Tag waren es 293 Kugeln, die vom Hubenloch auf die Stadt abgeschossen wurden, tags darauf waren es 487, die Granaten nicht gerechnet, und schließlich fielen 100 Kugeln und 32 Granaten in die Stadt, „ohne jedoch wunderbarerweise großen Schaden anzurichten. Zum großen Teil fielen die Granaten in die Wasserbäche und in den Stadtgraben, wo sie explodierten“, so die Überlieferung.Es waren der Feldmarschall Horn und der württembergische Hofmeister Pleikart von Helmstädt, die in jenen Tagen im Januar 1633 die Stadt erobern wollten. Der 30-jährige Krieg hatte damit auch den Ort Villingen mit seinen „676 Häusern, 102 Scheuern und 28 Gärtlin“ in schwere Drangsal gebracht.War auch der Ort stark befestigt mit zwei Gräben und zwei Mauern galt die Stadt aber auch dem Chronisten Pater Ungelehrt nicht gerade als lohnend reiches Ziel, sie wegen fetter Beute all zu lange zu belagern und zu unterwerfen: „Liegt siesonst in einem Lande, da ausser Thannenzapfen, Schlehen und Hagenbutzen wenig Obst wächst, aber ein gutes Korn“.

„Batterie Feuer!“

 

Damals befehligte der österreichische Obrist Hans Werner von Aescher die Besatzung von Villingen, deren 188 Pickeniere, 478 Musketiere und 40 Kanoniere er mit 520 eigenen Mann gegen die Angreifer unterstützte. Und weil die Villinger im eisigen Januar 1633 bis zum 24. des Monats so tapfer waren und schließlich der Feind abzog, weil Schneewetter, Sturm und Regenwind dafür sorgten, „dass dem Feind die Hosen nass, die Finger spitzig und der ganze Leib zittern wurde“, gelobten irgendwann später ledige Bürgersöhne der Stadt, dieser hehren Verteidigung der Stadt mit einem Böllerschießen jeweils am 1. Januar zu gedenken.

Ein historisch bestimmter Brauch also, den seit 1967 das Historische Grenadiercorps von 1810 mit 48 Salutschüssen jeweils am Neujahrstag zelebriert. Meist herrschte gute Stimmung am 1. Januar auf dem vorderen Hubenloch, wo die Mannen um Kommandant Kurt Kunle, der Oberbürgermeister und eine wechselnde Gästeschar an Stadträten, Vereinsvorständen und zwischen 70 und 100 Frühaufsteher das Neue Jahr begrüßen.

Zwischen ihnen und dem Dutzend privater und beruflicher Fotografen des stets motivstarken Ereignisses entdeckt man auch so manchen Historien- und Zeremonien-Fan und weitere zivile Getreue eines Ereignisses, das um diese frühe Stunde jedoch die ganz große Popularität nie so recht erfahren hat. So vollzieht sich – seit das Historische Grenadiercorps von 1810 den Brauch wieder aufgenommen hat – droben über der Stadt, das gleiche Ritual.

Ein wenig Trommelwirbel der braven Chargen, ein wortfester Offizier Rolf Hässler, ein treuer Hauptmann Wolfgang Kunle, ein kleines Feuer im Blechfass und dann auch schon mit dem Glockenschlag zur achten Stunde „Batterie Feuer!“

Aus vier Kanonen donnern die 12 Salven in Richtung Bickeberg bis Marbach über die Stadt, und bei jeder Salve bricht sich das Echo gleich zweimal von der „Wanne“ und dem Altstadtsteig zurück zum Hubenloch. Vier mal 12 Schuss zu Ehren der Stadtkirche, dem Münster „Unserer Lieben Frau“, der Häuser Baden und Fürstenberg, den Bürgern und den Bürgemeistern, den Gönnern und Freunden und natürlich den Hauptleuten des Corps.

In der Folge sind dies zugleich die Salutschüsse für die 12 Monate Hartung, Hornung, Lenzmond, Brachmond, Ostermond, Wonnemond, Heuert, Ernting, Scheiting, Gilbhard, Nebelung und Julmond.

Nach Pulverrauch und Böllerschmauch laden die Grenadiere um Hauptmann Kurt Kunle in die „Stadtwache“ ein, wo eine Krawazisuppe, ein Spielchen um die Neujahrsbrezel und einige Ehrungen bei den Grenadieren das erste Ereignis im Neuen Jahr bestimmen, wenn da nicht doch schon ein erster Erdenbürger im Krankenhaus zuvor zur Welt gekommen ist.

Salut fürs neue Jahrtausend: Zwei Grad Minus, trockene Kälte! Die Stadt Villingen schläft wie nur einmal im Jahr. Wach ist man aber auf dem vorderen Hubenloch. Der erste lautstarke Salut am frühen Morgen donnert über die Stadt. Begrüßt von rund 80 Bürgern, die das besondere Ereignis miterleben möchten.

Hey Chef! Hallo Manfred wird der Oberbürgermeister von zwei kecken Burschen aus der Menge begrüßt, als der Kommandant fünf vor acht schon auf die Uhr „schächelt“, weil er vielleicht ganz kurz daran zweifelte, ob der OB diesmal überhaupt kommt. Er kommt, wie jedes Jahr.

Weitere offiziell honorable oder lokalpolitisch prominente Personen waren an diesem frühen Morgen im neuen Jahrtausend nicht auszumachen. Eigentlich ein Neujahrsschießen wie eh und je, wie es 1967, vor 35 Jahren, als Renaissance einer Tradition vom Historischen Grenadier-Corps von 1810 aufgenommen wurde.

Wer es mit der ehrenden Bedeutung der Schüsse genau wissen will, wie im übrigen an diesem Morgen eine Gruppe ortsfremder Besucher der Stadt, dem macht die Geschichte aus der Urkunde, die wie immer feierlich verlesen wird, klar, was sich im Winter 1633 abgespielt haben mag.

Die Villinger trotzten als Belagerte tapfer und standhaft den Schweden und Württembergern. Und weil man sich erfolgreich zur Wehr gesetzt hatte und die Stadt nicht gefallen war, gelobten Bürgersöhne: „Jährlich 12 Schuss zu Ehren der

Stadt und der Region“ abzuschießen. Das ist inzwischen Tradition geworden. Und auch dieses: Kommandant Kurt Kunle wünscht den treuen Gästen des ersten Morgens in jedem neuen Jahr Gesundheit und Wohlergehen.

Und an den kommenden Neujahrsmorgen werden sie wieder aufmarschieren, die Grenadiere in ihren grünen Uniformen und ihren dicken Bärenfellmützen um das Neue Jahr traditionsgemäß und lautstark zu begrüßen.

Neujahrsmorgen auf dem Hubenloch.