Predigt 300 Jahre Villinger Votivbild in der Triberger Wallfahrtskirche 26.9.2015 (Josef Fischer)

Verehrte Bürgerinnen und Bürger aus Villingen und Triberg, liebe Wallfahrer,

vor 300 Jahren am 21. November 1715 brachte eine Abordnung Villinger Bürger eine großes Votivbild zur Wallfahrtskirche Maria in der Tanne nach Triberg.

Es ist wunderbar, dass sich manche an dieses Jubiläum erinnert haben und vor allem drei Männer – Herr Flöß, Herr Hermle und Herr Nagel

– die Initiative ergriffen haben, um zum Jubiläum die heutige Wallfahrt zu organisieren. Sie taten dies in Zusammenarbeit mit der Münstergemeinde in Villingen, mit dem Geschichts- und Heimatverein Villingen, mit dem Altenwerk unter der Leitung von Frau Hamann, in Zusammenarbeit mit Triberger Vereinen, Bürgerinnen und Bürgern und der Pfarrei Clemens Maria Hofbauer unter der Leitung von Pfarrer Andreas Treuer.

So sind wir aufgrund der Zusammenarbeit zahlreicher Gruppen heute hier in der Wallfahrtskirche versammelt, um dem Geschehen von damals zu gedenken.

300 Jahre sind eine lange Zeit.

Wenn wir das stattliche, große Votivbild sehen, dann könnten wir schon leicht entführt werden in die gute alte Zeit, da die Welt noch in Ordnung, das Recht noch gesichert, die Bürgerschaft einmütig und wehrhaft und die Heimat noch wirklich christlich war.

Aber Vorsicht!

Abb. 1: Tafelbild mit Tafel und 6 Kanonenkugeln darunter.

 

Schon wer genau auf unser Votivbild schaut, erkennt, dass eine Romantisierung der alten Zeit völlig unangebracht ist. Die Stadt, symbolisiert in einer großen, blau gekleideten Frauengestalt, verneigt sich ehrfürchtig dankend vor Maria, weil sie vom Leid des Krieges befreit wurde. Unten auf unserem Votivbild sieht man die belagerte Stadt, die Heerführer der feindlichen Truppen, die Kanonen auf dem Hubenloch und den brennenden Turm des Riettores.

Das war keine gute alte Zeit!

Schauen wir doch zurück, vielleicht lernen wir dann aufmerksamer und gelassener mit unserer heutigen Situation umzugehen.

Im Zuge des spanischen Erbfolgekrieges überschritt der französische Marschall Tallard am 1. Juli 1704 mit 29.000 Mann bei Kehl den Rhein und marschierte Richtung Hardt. Er hatte vor – sozusagen im Nebenbei – die vorderösterreichische Stadt Villingen zu erobern, um in der Stadt ein Hauptdepot für seine Operationen zu errichten.

Die Belagerung der Stadt begann am 16. Juli und dauerte bis zum 22. Juli. Den 29.000 Belagerern standen 900 waffenfähige Männer in der Stadt gegenüber. Trotz dieser aussichtslosen Situation leistete die Stadt Widerstand. Mit geistlicher Unterstützung der Priester und durch Stadtpfarrer Johann, Jakob Riegger verteidigten die Bürger ihre Stadt. Damit hatte Tallard nicht gerechnet. Er verlor kostbare Zeit, denn er war ja nur auf der

„Durchreise“. Schlechtes Wetter und das schnelle Vorrücken der vorderösterreichischen Truppen unter Prinz Eugen kamen hinzu. Tallard gab die Belagerung auf und zog ab. Villingen war gerettet. Der Krieg aber ging weiter.

Erst am 7. September 1714 – 10 Jahre später – wurde mit dem Frieden von Baden der spanische Erbfolgekrieg endgültig beendet. In Villingen erinnerte man sich an das Gelöbnis, das man in größter Not gegeben hatte und beschloss ein großes Dankgemälde für die Wallfahrtskirche Maria in der Tanne in Auftrag zu geben.

Am 21. November 1715 brachte man das Gemälde nach Triberg und übergab es in einem großen Gottesdienst mit einer sicherlich würdigen Predigt von Pfarrer Johann Jakob Riegger der Wallfahrtskirche. Danach wurde bestimmt kräftig gefeiert und irgendwann in der späten Nacht oder auch am nächsten Tag kehrte man nach Villingen zurück.

Warum erinnern wir uns 300 Jahre später an diese Ereignisse?

Seien wir zunächst ehrlich, ich sage das jetzt einfach mal so: Weil auch wir gerne feiern! Der Anlass für ein Jubiläum und ein Fest ist für uns immer herzlich willkommen, auch wenn es Jubiläen und Feste schon viele gibt. Darin unterscheiden wir uns überhaupt nicht von den Leuten damals. Gefeiert wurde auch damals schon ausgiebig, und jeder Anlass war dazu willkommen. Wir brauchen die Frömmigkeit unserer Vorfahren nicht in den Himmel zu heben.

Abb. 2: Detail Tafelbild: Die belagerte Stadt.

 

Der oftmals entscheidende Anlass, an einer Wallfahrt oder einer kirchlichen Feier teilzunehmen, war auch damals das Fest; also die ausgiebige, leibliche Feier davor und danach. Lasst uns das deshalb heute nicht kritisieren. Der Gottesdienst und das Fest gehörten zumindest in der katholischen Kirche schon immer zusammen. Vielleicht liegt darin ja ein Grund für die spärlichen Besucherzahlen der Gottessdienste unserer Zeit, weil wir den Gottesdienst nicht mehr mit einem Fest verbinden und das bei unseren vielen weltlichen Festen auch gar nicht mehr brauchen. Also: Wir erinnern uns heute weil wir gerne feiern, das ist der einfachste Grund.

Ein zweiter Grund: Wir sind noch immer stolz auf unsere Vorfahren.

Eine Bürgerschaft, eine Gemeinde lebt nicht nur in der Gegenwart, sie lebt auch aus ihrer Vergangenheit. Mir scheint, das war den Menschen damals viel mehr bewusst als uns heute. Die Erinnerung und die Vergegenwärtigung der Geschichte einer Stadt, eines Gemeinwesens, eines Landes, diese Gedächtniskultur war von großer Wichtigkeit. Heute ist das recht unwichtig geworden. Es sind, wie wir zugeben müssen, wenige Personen, die sich der Erinnerung annehmen und geschichtliche Ereignisse – so wie heute – in Erinnerung rufen. Wenn wir aber in unseren Gemeinwesen nur noch eine sehr magere Gedächtniskultur haben, dann hat das zwei große Nachteile.

Der erste: Wir verlieren unsere Wurzeln und damit auch die Wurzeln unseres Glaubens. Der zweite Nachteil: Unsere Bürgerschaften werden anfällig für Fundamentalismus und für die radikale Ideologie einiger weniger.

Dass zum Beispiel die rechtsbürgerlichen Strömungen in den östlichen Ländern einen solchen Erfolg haben, liegt meines Erachtens daran, dass über die Jahrzehnte der kommunistischen Diktatur ein Volk die Wurzeln seiner Vergangenheit verloren hat. Jetzt wird diese Vergangenheit wieder beschworen, aber nicht so, wie sie gewesen war, sondern so, wie man sie sich idealistisch erträumt. Auch wir in unserem Land stehen in dieser Gefahr. Die Rechten und die Radikalen fassen nicht dort Fuß, wo Bürger ein gutes Gedächtnis an ihre Vergangenheit pflegen, sondern sie haben dort Erfolg, wo Menschen die tatsächliche Geschichte ihrer Vorfahren vergessen. Warum ist das so?

Weil ein Mensch, der sich offen und ehrlich erinnert immer Licht und Schatten sieht. Wir zum Beispiel sehen mit dem Licht unseres Votivbildes immer zugleich auch den Schatten der in den Feuern des Krieges liegenden Stadt. Wenn wir uns trotzdem mit Stolz erinnern, dann deshalb weil unsere Vorfahren in gemeinsamer Anstrengung der Belagerung getrotzt und den Krieg überstanden haben, nicht weil sie ihn gewonnen haben. Wir sind stolz auf unsere Vorfahren, weil sie dem Unheil entgegen getreten sind und in gemeinsamer Anstrengung eine schwere Zeit überwunden haben.

Dies lehrt uns jede Geschichte, dass der Glanz der strahlenden Sieger schnell verrostet, dass aber die gemeinsame Arbeit der vom Schicksal herausgeforderten Menschen Früchte trägt, die bleiben. So feiern wir heute, weil wir stolz auf unsere Vorfahren sind.

Es gibt einen dritten Grund, warum wir hier sind.

Wir glauben, dass wir von unseren Vorfahren für unsere heutige Zeit lernen können. Das ist immer so. Wir sollen und können, ja wir müssen aus den Fehlern und aus den gelungenen Taten unserer Vorfahren lernen. Leider wird dies in der Überheblichkeit der modernen Zeit von vielen Menschen vergessen.

Es gibt viele Felder, auf denen wir von unseren Vorfahren lernen können.

Ein aktuelles Feld möchte ich herausgreifen: es ist das große Problem der Flüchtlinge. Mit den Erstaufnahmestellen und den Asyleinrichtungen in den Erbenlachen, in Maria Tann, in der Freiburger- und in der Obereschacherstraße sind das über 2.000 Menschen, die derzeit als Heimatlose bei uns sind. Das ist mitten im Frieden eine immense Herausforderung für unsere Gesellschaft und für unsere Stadt. Und genau auf diesem Feld können wir von unseren Vorfahren lernen.

Wie haben die damals 1704 ihre Herausforderung gemeistert? Wenn wir uns das anschauen, dann lernen wir von unseren Vorfahren, dass man in Zeiten der Herausforderung zusammen zu stehen hat und dass man sich nicht zerstreiten darf.

Wir lernen, dass, um eine große Aufgabe zu bewältigen, alle zusammenarbeiten müssen. Jeder ist aufgefordert, anzupacken und sich einzubringen. Wir lernen, dass es nicht sinnvoll ist, der Angst zu folgen. Wenn die Villinger damals ihrer Angst gefolgt wären – die hatten sie nämlich ganz bestimmt – und ihre Tore geöffnet hätten, wäre unsere Stadt heute vielleicht nicht mehr da. Angst ist gewiss wichtig, um nicht unüberlegt und leichtsinnig zu handeln. Aber Angst darf nicht über unser Handeln bestimmen. Unser Handeln muss geprägt sein von der Hoffnung, ja von der Überzeugung, dass wir eine schwere Aufgabe gemeinsam lösen werden. So haben die Villinger Bürger damals gehandelt. So sollten auch wir heute handeln.

Und noch einmal dürfen wir lernen.

Die Bürgerschaft damals ist in schwierigster Lage ihrer Grundüberzeugung treu geblieben. Die Stadt war vorderösterreichisch. Sie gehörte dem Kaiser. In objektiv aussichtloser Lage hat die Stadt ihre Zugehörigkeit und ihren Herrn nicht verraten, sondern dem Gegner Widerstand geleistet. Das soll auf neue Art auch für uns heute gelten.

Wir sind Bürger und Bürgerinnen in einem freien, demokratischen Staat und wir haben uns den Menschenrechten verschrieben. Wir sind aber nicht nur Bürger eines freien Staates, wir sind auch Christen. Als Christen aber haben wir uns durch unseren Glauben Jesus verschrieben. Er ist unser Herr. Zu ihm gehören wir.

Das bedeutet in unserer aktuellen Situation: Wir sind den Flüchtlingen gegenüber zur Hilfe verpflichtet. Wir sind verpflichtet, denen, die ohne Heimat zu uns kommen, neue Lebensmöglichkeiten zu eröffnen. Wenn wir diese Verpflichtung annehmen, gewiss mit Vernunft und gesundem Menschenverstand, wenn wir mit Tatkraft und Hoffnung miteinander arbeiten, dann werden eines Tages auch unsere Nachfahren auf uns stolz sein können, so wie wir auf unsere Vorfahren stolz sein dürfen.

Jetzt noch ein letzter, ein vierter Grund für unsere Erinnerung:

Wir erinnern uns, weil wir nicht wissen, wie eine Sache ausgehen wird. Die Menschen damals in Villingen haben mit Hoffnung die Verteidigung ihrer Stadt angepackt, aber sie konnten nicht wissen, wie es ausgehen wird. Aus diesem Grund haben sie Gott, der für uns Christen Vater, Sohn und Geist ist, um Hilfe angerufen. Und aus diesem Grund haben sie nach der Rettung der Stadt ein Gnadenbild gestiftet.

Wenn wir wissen, wie etwas ausgeht, brauchen wir Gott nicht. Wenn ich weiß, dass ich in irgendeiner Sache der Beste bin, warum sollte ich dann Gott bitten, mir zu helfen? Das brauche ich doch nicht, ich bin doch eh der Beste. Doch wir wissen aus unserer eigenen Geschichte, wie das ausgeht, wenn eine Gemeinschaft in großer Überheblichkeit meint, am besten von allen zu sein. Solches endet in der Gottlosigkeit und im Untergang. Alles was wir Menschen beginnen, fangen wir in eine offene Zukunft hinein an. Deshalb wissen wir nicht, wie es ausgehen wird und deshalb ist es wertvoll und wichtig, Gott um Hilfe zu bitten, um seinen Beistand und seine Unterstützung.

Ist das dann eine Rückversicherung, dass es immer gut ausgehen wird? Nein.

Unsere Vorfahren wussten sehr genau, was das bedeutet, Gott zu bitten. Sie wussten, dass man Gott um Hilfe bittet, nicht um Sicherheit zu gewinnen sondern um gestärkt zu werden.

Sie wussten, dass Gott niemals ein Besitz sein kann, sondern dass er ein Beistand ist.

Die damals wussten, dass man mit Gott gewinnen oder verlieren kann.

Aber sie wussten zugleich, dass sie niemals – auch in der Niederlage nicht – aus den Händen Gottes fallen würden. Darin liegt das entscheidende Geheimnis unseres Glaubens. Darin liegt seine tiefste Kraft und Hoffnung, dass wir auch im Scheitern von Gott gehalten werden. Dieses Geheimnis unseres Glaubens gibt uns noch heute die Fähigkeit, die Herausforderungen des Lebens anzupacken, den Weg in die Zukunft hinein zu wagen. In Treue zu den Grundlagen unserer freien, demokratischen Gesellschaft und in Treue zum Glauben an den lebendigen Gott.

Liebe Wallfahrtsgemeinde,

wenn wir in den Stunden der Herausforderung – wie auch immer diese Stunden aussehen werden – Jesus nicht verraten, sondern ihm und seinem Gebot des Friedens und der Nächstenliebe treu bleiben, dann können wir vielleicht verlieren, aber scheitern werden wir nie!

Anmerkungen für die Veröffentlichung:

1 Die historischen Ausführungen zu Beginn der Predigt verdanke ich vor allem Beiträgen von Hermann Colli und Konrad Flöß.

2 Die Zahl der Flüchtlinge und die Namen der Unterkünfte geben den Stand beim Verfassen der Predigt in der Woche vom 21.9. bis zum 26.9. 2015 wieder. Durch die sehr angespannte und nicht vorhersagbare Weiterentwicklung der Lage schwanken die Zahlen sehr stark. Zu bedenken ist zusätzlich, dass in den Erstaufnahmestellen die ankommenden Flüchtlinge nur für einige Wochen zur Erfassung und Registrierung untergebracht sind. Dies erschwert aber die Kontaktaufnahme. Zugleich sind die Erstaufnahmestellen durch ihre sehr dichte Belegung anfällig für Spannungen und führen bei den anliegenden Bewohnern zu nicht unberechtigten Ängsten.

3 Die These, dass eine Gesellschaft ohne Gedächtniskultur anfällig für Fundamentalismus ist, lässt sich gewiss sehr kontrovers diskutieren. Es ist deshalb wichtig, Gedächtniskultur in einem offenen und ehrlichen Sinn zu verstehen. Eine ideologisch gefärbte und für die eigenen Ziele verzweckte Erinnerung ist keine Gedächtniskultur.