150. Jahrestag des ersten Villinger Stadtgärtners Karl Nüßle (Wolfgang Bräun)

Von Schillerdenkmal, Hubenloch und Eisweiher

Abb. 1: Nüßle um 1900.

 

Mit Beiträgen, Betrachtungen und Hintergründen zur Villinger Lokalgeschichte, mit Historie, mit Fakten und Anekdoten und manches mal auch mit lokalen Legenden kann man nicht nur die Leser mit hohem Bewusstsein zu örtlichen Ereignissen in früheren Jahrhunderten erfreuen, es regt auch jene an, die aufgrund ihrer Familienverhältnisse mit der Geschichte und den Geschichten rund um die Zähringerstadt verbunden sind.

Als im Februar 2015 die Villingerin Inge Haase zum Thema „Gestaltung der Ringanlagen – früher und heute“, zu Springbrunnen, Fasanenteich und der Bepflanzung des früheren Stadtgrabens um 1900 den Namen ihres Ur-Großvaters las, des ersten Villinger Stadtgärtners Karl Nüßle (geboren 1865), meldete sich die frühere Erzieherin mit großer Freude, denn: „Karl Nüßle war mein UrGroßvater, dem ich in meiner frühesten Kindheit noch oft auf dem Schoß gesessen bin.“

Und weil eben dieser Nüßle eigentlich als derjenige galt, der das „erste städtische Gartenamt“ leitete, das es im heutigen Sinne noch gar nicht gab, und Inge Haase in der Fotoschachtel kramte und bestes Bildmaterial hervor zog, soll das über Jahrzehnte bis heute beeindruckende Werk von Karl Nüßle ein wenig intensiver betrachtet werden. Was Hermann Alexander Neugart zu Nüßles 90. Geburtstag im Februar 1955 bereits lokal-geschichtlich im Südkurier lobte.

Abb. 2: Nüßle um 1918.

 

Abb. 3: Nüßle Gattin.

 

Als Nüßle 1955 am 20. Februar 90 Jahre alt wurde, gratulierte man dem Jubilar, dass er fast so alt sei, wie die riesigen kanadischen Pappeln in den Ringanlagen, für deren Bestand und die umliegende gärtnerische Gestaltung er jahrzehntelang gesorgt hatte, auch wenn diese Bäume in jenen Tagen wegen ihrer Größe und ihres Alters fallen mussten.

Nüßle wurde in Dachtel im Kreis Calw geboren und kam um 1890 nach Villingen, um das Amt des obersten Stadtgärtners zu übernehmen; zu einer Zeit, als sein Wirken mit dem Aufschwung der Stadt zusammenfiel und er 20 Jahre lang nicht nur sein Leben gestaltete, sondern er auch ein Stück Stadtgeschichte schrieb.

Nüßle war bis ins hohe Alter von 90 Jahren eine „markante Persönlichkeit mit überraschend rüstiger Gestalt“ und fiel in der Öffentlichkeit zeitlebens dadurch auf, dass „er ein Jägerhütchen und eine grüne Joppe trug“.

Abb. 4: Nüßles Tochter 1915/16.

 

Zu Nüßles Zeiten im Amt des Stadtgärtners, als Villingen als ‚feste Stadt‘ längst „aus dem vorderösterreichischen Landesverband herausgerissen war, man sich in das neu gebackene Land Baden eingliedern sollte und die einst bürgerliche Selbstherrschaft sich dem Prädikat einer späteren ‚Schwarzwald-Metropole‘ widmen sollte“, so H. A. Neugart 1955 als Chronist der Neuzeit, sollte auch neues Ansehen und neues Aussehen in der Stadt geschaffen werden.

Nüßles Arbeitsfeld war riesig und doch war er „nur“ Stadtgärtner, denn für 12 000 Einwohner fungierte Stadtbaumeister Dreher, wenn auch dessen Mittel knapp waren.

‚Sorgenkind‘ war damals der Zutritt in die Stadt vom Bahnhof her, die städtische Visitenkarte also. Hergerichtet wurde also der Bahnhofsvorplatz, man schuf nahe dem Paradies-Steg eine Felsengrotte mit Wasserfall und stellte einen lebensgroßen Hirsch auf. Es kam direkt gegenüber zu einem Schwanenteich mit Fasanenzucht und Grün- und Blumenflächen.

Abb. 5: Nüßles Enkel 1923 Kurt und Else Richter.

 

Nüßles Planungen wurden umgesetzt in der Friedrichstraße, vor dem Oberen Tor, am Eisweiher und in der Waldstraße bis hoch zum „Waldhotel“ (heute Tannenhöhe) und weiter bis zum GanterDenkmal am Zufluss der Kirnach in die Brigach. Um die Jahrhundertwende ließ Nüßle dann auch das erste Schillerdenkmal zwischen Riettor und Benediktiner-Turnhalle errichten (Bild), auf dem Hubenloch-Abhang wurden Obstbäume gepflanzt und ganz oben auf der Prioritäten-Liste stand der Romäusring bis zum „Bügeleisen mit dem GlockeHiesle“.

 

Abb. 6: Schillerdenkmal zwischen Riettor und Benediktiner – Turnhalle.

Hoch angerechnet wurden dem Stadtgärtner, der Startgärtnerei und der Gärtnervereinigung ‚Schwarzwald‘ die Arbeiten zur Gewerbeund Industrieausstellung im September 1907 auf dem Gelände des späteren Stadtgartens (später Binder/ Kendrion), der einstigen „Amtmannwiese“. Nach dem Besuch des Großherzogs Friedrich I. und auf Vorschlag des Preisrichter-Kollegiums gab man dem Festplatz die ehrende Bezeichnung „NüßleWiese“ und der Reichsbund der Bildenden Künste verlieh dem Namensträger das Diplom und den Titel eines Gartengestalters.

Gegen die „Unternehmung des Gewerbevereins und ein solches Wagnis“ unter der Leitung von den Vorständen Bender und Himmelsbach und der baulichen Planung von Architekt Nägele soll sich Bürgermeister Dr. Braunagel (Amtszeit von 1903 bis 1912; trotz vermeintlicher Verfehlungen während seiner Villinger Amtszeit wählten man ihn danach in Schwenningen zum Bürgermeister; er verstarb 1925 mit nur 53 Jahren) „mit Händen und Füßen“ gewehrt haben. Doch der Erfolg gab den Initiatoren schließlich recht.

Hoch zu würdigen war über Jahrzehnte auch Nüßles soziales Engagement: Führer der örtlichen Sanitäts-Kolonne, hierfür vom Großherzog geehrt mit dem ‚Luisenorden‘; Fahnenträger und Ehrenmitglied beim „Sängerbund Villingen“, Ehrenmitglied beim Badischen Gartenbauverband; treuer Helfer der Narrozunft Villingen beim Schmücken der Fasnet-Wagen, auch wenn letzteres zum Ärger des früheren Bürgermeisters Heinrich Osiander (im Amt von 1883 bis 1903) geschehen sein soll… Schließlich machte sich Nüßle 1910 mit einem Blumenladen und einem ‚Bureau für Gartentechnik‘ in der Oberen Straße (später Kürschnerei Künzle) selbständig, wofür ihn die Arbeiten sowohl in die gesamte Region wie auch bis Oberstdorf im Allgäu geführt hatten.

Während der Kriegszeiten 14/18 war Karl Nüßle Walzmeister bei der Wasser- und Straßenbau-Inspektion Donaueschingen, er leitete in den späten 1930er Jahren die Bepflanzung der Festungswerke des sogenannten Westwalls im Bezirk Kehl.

Karl Nüßle, der schon 1917 Witwer wurde, lebte als Rentner bis zu seinem Tode bei einem seiner Söhne in der Kirnacherstraße im Quartier „Westbahnhof „.