Die Luisenstraße in Villingen (Andreas Flöß)

Historie und Städtebau

In der Blütezeit des deutschen Kaiserreichs (1871–1918) entstanden zahlreiche Villen und Häuser im sogenannten historistischen Stil mit dem bewussten Rückgriff auf Schmuckelemente der deutschen Vergangenheit. Diese Formensprache verflocht sich dann mit dem floralen Jugendstil und brachte besonders filigrane und großzügige Bauten hervor. In Villingen entstanden so neue Quartiere außerhalb der Stadtmauer wie das Romäus Gymnasium und das Villinger Krankenhaus in der Herdstraße, (Friedrichkrankenhaus). Weitere bedeutende Stadterweiterungen in dieser Zeit fanden auch in der Mönchweilerstraße, Vöhrenbacher Straße, Schillerstraße und dem Beneditkinerring statt.

Das Haus Luisenstraße 4

Auch die Luisenstraße, an der Brigach gelegen und in nächster Nähe zum Bahnhof, ist trotz einiger kriegsbedingter Verluste noch immer vom Stil dieser Zeit geprägt. Für das Haus in der Luisenstraße 4 wurde am 6. Mai 1903 ein Bauantrag bei der Baurechtsbehörde Villingen eingereicht. Der Antragsteller war Herr Leopold Häring, welcher hier für seine Familie und sich ein Wohnhaus errichten wollte. Für die sich um die Jahrhundertwende merklich erweiternde Stadt war diese Lage eine bevorzugte Wohngegend geworden, nahe beim Bahnhof und vor den Toren der mittelalterlichen Umfassungsmauern. Der Formenschatz des ausgehenden Historismus wie auch Stilelemente aus dem Jugendstil werden am Gebäude augenfällig, wenngleich in spürbarer Zurückhaltung. Das Haus ist ein anschauliches Belegstück für die baugeschichtliche Entwicklung der Stadt und ihrer Erweiterung, sowie für die architektonische Formensprache dieser Zeit.

Ursprünglich war dem Gebäude ein Turm in der Genehmigungsplanung angefügt, welcher dann aber vermutlich im weiteren Bauablauf zu einem massiven Wohnturm umbzw. ausgebaut wurde. Der in Abb. 1 dargestellte Planauszug aus der Genehmigungsakte von 1903 zeigt einen einfachen Dachspitz mit aufgesetztem Dachreiter und einem Kuppeldach auf dem vorgelagerten Erker. Die tatsächliche Ausführung zeigt sich auf drei Postkarten, welche um das Jahr 1907 – 1920 entstanden sein müssten.

Abb.1: Luisenstraße 4, Genehmigungsplanung von 1903 mit Turmaufbau, welcher so nicht ausgeführt wurde.

 

In Abb. 2 zeigt die Darstellung, die Luisenstraße von Westen her gesehen. Gut zu erkennen am Haus Luisenstraße 4 der markante und massive Wohnturm. Auf der linken Bildseite Richtung Bahnhof, auf dem Gelände der heutigen Hauptpost, standen nochmals zwei ähnliches Villen, direkt an die Luisenstraße 4 angrenzend.

Abb. 2: Luisenstraße von Westen, 3. Haus v. li. ist die Luisenstraße 4.

 

Abb. 3: undatierte Postkarte, Luisenstraße von Süden.

 

Abb. 4: undatierte Postkarte, Luisenstraße von Süden.

 

In der Abb. 5 sieht man die ursprünglichen Lageplanfiguren der einzelnen Gebäude nebst deren Besitzer. Das Grundstück Luisenstraße 4, ganz links mit der Flurstücks Nr. 507K wurde ab 1903 von Leopold Häring bebaut. Links daneben das Haus des Herrn Schleicher/Werner und in rot eingefärbt ein weiteres des Kronenbrauereibesitzers Schilling. Im hinteren Bereich an der Bahnhofstraße angrenzend, das Gebäude des Chefarztes Maier, welcher im Villinger Friedrichskrankenhaus praktizierte.

Abb. 5: Lageplan mit Bebauung im Bereich der Luisenstraße/Bahnhofstraße.

 

Etwa zur gleichen Zeit, als das Haus Luisenstraße 4 gebaut wurde, kam ein junger Arzt namens Dr. Wilhelm Wilken aus Friesland nach Villingen. Dr. Wilken war Allgemeinmediziner und kaufte 1907 das Gebäude vom bisherigen Eigentümer Leopold Häring, um es seiner Frau als Hochzeitsgeschenk zu überlassen. Die Familie Dr. Wilken lebte fortan im Haus Luisenstraße 4 und Dr. Wilken betrieb im Erdgeschoss eine Praxis.

Nach dem Tod von Dr. Wilken 1939, übernahm sein Sohn, welcher ebenfalls Wilhelm hieß, mit seiner Frau und seinen drei Kindern, das Haus und die Praxis und führte diese fort. Dr. Wilhelm Wilken jun. war Facharzt für Kinderund Innere Medizin.

Abb. 6: Luisenstraße 4 mit Wohnturm vom bekannten Villiger Maler Schreiber.

 

Abb. 7: Schreiben an die Baurechtsbehörde zum Wiederaufbau der zerstörten Gebäudeteile.

Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, zerstörte eine Fliegerbombe die Gebäude Luisenstraße 2 und 3 und beschädigt am Haus Luisenstraße 4 den Nord – Ostflügel. Der Angriff hat mit großer Wahrscheinlichkeit dem Villiger Bahnhof gegolten. Während des Angriffs waren Personen im Luftschutzkeller des Hauses untergebracht, welche den Angriff überlebten. Am 1. August 1946 reicht Dr. Wilken einen Bauantrag ein. Der Grund hierfür sind Instandsetzungsarbeiten am zerstörten Nord Ostflügel und Wiederaufbauarbeiten im gesamten Haus.

Die Wiederherstellung der Bewohnbarkeit des Hauses zog sich bis in das Jahr 1949 hin, da es in dieser Zeit all überall an Fachkräften mangelte.

Dr. Wilken war infolge von Krieg und Internierungslager schwer erkrankt und verstarb 1954. Die Praxis wurde von Dr. Grünewald fortgeführt, während die Familie Wilken in den oberen Etagen diverse Umbaumaßnahmen durchführte, um dort weiterhin wohnen zu können.

Zwischen dem Gebäude Luisenstraße 4 und dem Villiger Bahnhof, klaffte aufgrund der Zerstörung der Fliegerbombe bis Anfang der sechziger Jahre eine große Lücke, welche durch die Neubebauung der Deutschen Post geschlossen wurde. In diesem Zusammenhang, sollte das Haus Luisenstraße 4 zu Abbruchzwecken an die Post verkauft werden, damit man ausreichend Parkplätze schaffen konnte. Ein Bauantrag hierzu wurde bei der Baurechtsbehörde Villingen eingereicht.

Frau Wilken war indes nicht gewillt, ihr Haus zu verkaufen, so dass eine Enteignung angedroht wurde. Es war dies aufgrund der hoheitlichen Aufgaben, welche ein Neubau einer Postdienststelle mit sich brachte, legitim. Der Verkauf wurde dennoch 1965 durchgeführt, allerdings entschloss sich die Deutsche Post, das Gebäude nicht abzubrechen, sondern selbst als Dienstsitz bis ins Jahr 1997 zu nutzen. Ab 1997 bis 2011 waren Wohnungen eingebaut.

Die Sanierung

Abb. 8: Gebäudezustand im Jahr 2011 vor der Sanierung und ohne Turm.

 

Mit viel Respekt vor der damaligen architektonischen Formensprache wurde das Gebäude in der Luisenstraße 4 durch die aufwändige Sanierung in den Urzustand zurückversetzt. Es stellte sich heraus, dass ein wichtiges Merkmal des Gebäudes fehlte: Der Turm, der auf alten Ansichtskarten und Plänen noch zu sehen war, wurde ab 1963/64 vom neuen Eigentümer, der Post, ersatzlos abgebrochen. Abb. 8 zeigt rechts im Bild den noch vorhandenen Erker über die beiden Etagen im Ober- und Dachgeschoss. Das Erkerdach geht ansatzlos in das Hauptdach über, an der Stelle, wo einst der Turm aus dem Dach ragte. Lediglich durch vorhandene Postkarten wurde der Turm nun weitgehend neu rekonstruiert und mit einer 2,80 Meter hohen Spitze versehen. Nur die Turmfenster im unteren Bereich des Turmschaftes wurden neu interpretiert. Gleichzeitig wurden Abstimmungsgespräche mit den Denkmalbehörden in Freiburg und der Stadt Villingen – Schwenningen geführt.

Abb. 9: Detailplanung von Turm und Turmschaft mit angesetzten Gaupen und aufgesetzter oberer Kuppel.

 

Abb. 10: Abbinden des Turmschaftes mit bereits seitlich angebautem Gaupendach.

 

Abb. 11: Fertig abgebundene Turmkuppel mit Grat- und Schiftersparren.

 

Abb. 12: Aufrichten des Turmschaftes.

 

Abb. 13: Turmschaft im Hauptdach noch ohne Turmkuppel.

 

Abb. 14: Montierte Kuppel auf dem Turmschafft und fertig eingelattetes Hauptdacht.

 

Außen wurden die Farben Weiß kontrastierend mit Grau und einem lichten Blau verwendet, damit die plastischen Holzschnitzereien ihre ganze optische Wirkung entfalten können.

Die Spitze des Turmes, von der man dank der Rundumfenster eine großartige Aussicht über die Villinger Innenstadt hat, ist heute wie damals nur über eine Sprossenleiter zu erreichen, die stilgerecht aus Holz erstellt wurde.

Abb. 15: Dachgeschoss mit Trapezgaupenfenster und Leiter in das Turmzimmer.

 

Abb. 16: Blick in das Turmzimmer mit Rautenschalungsdecke.

 

Abb. 17: Holzschnitzereien am Verandaanbau.

 

Innen war es notwendig, das ehemals herrschaftliche Treppenhaus (im Gegensatz zum immer noch vorhandenen Dienstbotentreppenhaus) so umzubauen, dass drei Wohn- bzw. Gewerbeeinheiten im Haus separat zu erreichen sind. Der immer noch großzügig wirkende Aufgang strahlt jetzt in puristischem Weiß und bekommt gedämpftes Licht von großen, bleigefassten Jugendstilfenstern, die allerdings aus anderen, alten Häusern stammen. Sie wurden von Hand gefertigt und für den neuen Einbau in die Luisenstraße restauriert. Auch der Eingangsbereich des Vorbaus, der früher offen war, wurde jetzt mit einer weiß gestrichenen Tür mit passender, aber neuer Holzschnitzerei versehen.

Am Tag der Architektur 2015 wurde das Gebäude der Öffentlichkeit vorgestellt und fand großes Interesse innerhalb der Bevölkerung. Heute befinden sich drei Büroeinheiten im Haus.

Aufgrund seiner Aussagekraft für die Architektur- und Stadtbaugeschichte Villingens ist das Haus aus wissenschaftlichen und vor allem aus baugeschichtlichen Gründen ein Kulturdenkmal.

„Gemäß § 2 DSchG liegt seine Erhaltung insbesondere wegen seines dokumentarischen und exemplarischen Wertes, im öffentlichen Interesse.“ 1

Abb. 18: Treppenhaus mit Bleiverglasten Fenstern.

 

Abb. 19: Detail Fenster mit Brüstungsvertäferung.

 

Im ganzen Gebäude dominieren nach der Sanierung edle Materialien. Moderne Eichendielen schmücken den Fußboden, neue Holzfenster, ganz nach dem alten Baustil durch filigrane Sprossen unterteilt, und ganz in weiß gehaltene Türen und Fenster strahlen Gediegenheit aus. Viele Bauteile wurden über einen historischen Baustoffhändler bezogen.

Abb. 20: Präsentationstafeln am Tag der Architektur 2015.

 

Abb. 21: Gesamtansicht von Süden nach der Fertigstellung.

 

Abb. 22: Architekt Andreas Flöß neben der 2,80 Meter hohen Turmspitze. Die größte der drei vergoldeten Kugeln hat einen Durchmesser von 35 cm und enthält Dokumente aus der Zeit der Errichtung im Jahr 2015.

Anmerkung:

1 Stadt Villingen-Schwenningen, Untere Denkmalschutzbehörde