Gedenken an Marian Lewicki (1918 – 1942) in Polen (Dr. Heinrich Maulhardt)

Dieser Artikel ist ein Zwischenbericht über meine Forschungen zum Leben und Sterben von Marian Lewicki (Marian) in Villingen. Er ist eine Zusammenfassung meines Vortrags am 24. April 2015 im Villinger Fidelisheim. Meine Recherchen, insbesondere was seine Ermordung anbetrifft, sind noch nicht abgeschlossen. Ich beabsichtige nach Abschluss der Forschungen eine größere Publikation vorzulegen. Die nachfolgende Darstellung nutzt zum ersten Mal Quellen, die bisher verschlossen waren. Sie beinhalten vor allem zeitgenössische Dokumente, die beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen archiviert sind 1, sowie Aussagen der nächsten Angehörigen, die ich ausfindig machen konnte. Der ITS ist ein Zentrum für Dokumentation, Information

Abb. 1: Marian Lewicki im Alter von 21 Jahren beim Antritt seines Militärdienstes, September 1939. Foto: Bartkowiak.

 

Der ITS ist ein Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung, Zwangsarbeit, den Holocaust sowie die Überlebenden nach dem Ende des Dritten Reichs. Ein Datum muss vor allem korrigiert werden: Der Todestag von Marian ist der 5. März 1942. 2 Auf dem Sühnekreuz steht fälschlicherweise 1943. Aber auch die Gestapoakten enthalten Fehler: So wird in diesen Unterlagen das Geburtsjahr mit 1908 angegeben, was mich beim Anblick des Fotos (Abb. 1), auf dem Marian als Soldat zu sehen ist, irritiert hat. Tatsache ist, dass er am 29. April 1918 geboren wurde. 3

Ich werde zunächst kurz die Villinger Episode von Marian wiedergeben und referieren, in welcher Weise unsere Stadt ihn und sein Schicksal bisher erinnert hat. Der Hauptteil meines Beitrags befasst sich mit den Eindrücken, die ich bei einem Besuch der polnischen Heimat von Marian vom 7. – 10. September 2014 gewann.

Marian Lewicki in Villingen

Marian wurde 1918 in Borzykowo, das damals zur preußischen Provinz Posen 4 gehörte, geboren. 5 Beim Angriff Deutschlands auf Polen (1. – 18.09.1939) meldete er sich als 21-jähriger freiwillig zum Militärdienst und muss wohl bereits im September 1939 von der Wehrmacht gefangengenommen worden sein. Er war groß und kräftig und hatte vom Vater das Handwerk des Schmieds gelernt. Diese Qualifikation war in Deutschland gefragt, wo viele Männer zum Militär eingezogen worden waren und ein akuter Arbeitskräftemangel herrschte. Seit November 1940 taucht Marian in den Quellen als polnischer Zwangsarbeiter in Villingen auf, der in der Oberen Straße 19 wohnte und ein Zimmer im Hinterhaus hatte. Er musste bei der Firma Görlacher in der Oberen Straße 16 arbeiten, nicht weit von seinem Wohnhaus entfernt. Marian war nicht der einzige Ausländer, der als Kriegsgefangener, Zwangsverschleppter und Arbeiter damals in Villingen tätig war. Am Ende des 2. Weltkrieges lebten 2384 Ausländer in Villingen 6, das waren rund 15 Prozent der Bevölkerung, darunter befanden sich 236 Polen. Marian und seine Schicksalsgenossen hielten mit ihrer Arbeit die deutsche Wirtschaft und vor allem die Produktion von Waffen für den Krieg in den Villinger Betrieben aufrecht. In der Oberen Straße 19 befand sich das Hutmachergeschäft Anton Schweiner, in dem auch die 19 Jahre alte Modistin Lina Hildegard Springmann arbeitete. Sie wohnte ganz in der Nähe in der Bärengasse 8. Ihre Wege kreuzten sich zwangsläufig aufgrund der Nähe ihres Wohn- und Arbeitsplatzes, und eines Tages verliebten sie sich. Eine solche Beziehung war unter den damaligen Rassegesetzen der Nationalsozialisten verboten. 7 Einem polnischen „Ostarbeiter“ drohte die Todesstrafe und einer Deutschen mindestens eine Zuchthausstrafe. Das in Villingen erscheinende Schwarzwälder Tagblatt schrieb im Januar 1941 über die ausländischen Arbeitskräfte und Kriegsgefangenen 8: „Besonders haben wir die sogenannten Zivilpersonen im Auge, die durch ein aufgenähtes P (= Pole) an jedem Kleidungsstück kenntlich gemacht worden sind. Die nationale Würde verbietet uns hier jede Annäherung, die über das Maß hinausgeht, das der Fertigstellung der Arbeit dient ‚Feind bleibt Feind! Volksgenosse! Behandelt die Kriegsgefangenen mit völliger Mißachtung'“. Die Liebesbeziehung fiel, je länger sie anhielt Menschen auf, mit denen die beiden täglich zu tun hatten. Eine Person aus dem Umfeld zeigte das Verhältnis den örtlichen Nationalsozialisten an. Dadurch wurde eine erbarmungslose Bürokratie in Gang gesetzt, deren Treibstoff der nationalsozialistische Rassenwahn war.

Am 9. September 1941 wurde das Liebespaar verhaftet. 9 Es war der letzte Tag, an dem sie sich sahen. Das Mädchen kam wenige Tage später nach Konstanz ins Gefängnis und anschließend am 5. Februar 1942 in das Konzentrationslager Ravensbrück 10, wurde jedoch später wieder entlassen. Marian wurde nach einem verbrecherischen Verfahren der Staatsanwaltschaft Konstanz zum Tode verurteilt. Am 5. März 1942 wurde er am Ast einer Eiche im Gewann Tannhörnle vor Villingen mit dem Strang hingerichtet. 11 Die Nationalsozialisten pflegten wie auch in diesem Fall bei solchen Hinrichtungen andere Zwangsarbeiter als Zuschauer zum Zwecke der „Abschreckung“ zur Teilnahme zu verpflichten. Nach der schriftlichen Aussage von Polizeihauptmann Anton Eisenring vom 20.12.1945, der bei der Hinrichtung anwesend war, wurde der Leichnam in eine Kiste gelegt und nach Freiburg überführt. 12

Villingen-Schwenningen erinnert

Im März 1946 wandte sich der Obmann der polnischen Zwangsarbeiter an die Stadt Villingen mit der Bitte, einen Gedenkstein für Marian aufzustellen. 13 Daraufhin hat die Stadt beim französischen Gouverneur um die Erlaubnis zur Aufstellung eines Gedenksteins angefragt, was dieser jedoch verweigerte. Dagegen wurde in Schiltach im Januar 1946 ein Gedenkstein für den Polen Bernard Perzynski errichtet, der am 13.01.1942 ebenfalls wegen eines Liebesverhältnisses mit einer Deutschen ermordet wurde. 14

Am 16. März 1988, 46 Jahre nach dem aus heutiger Sicht unfassbaren Geschehen, setzten Vertreter des Vorstandes des Geschichts- und Heimatvereins Villingen am Ort der Hinrichtung, unter der Eiche ein Sühnekreuz aus Buntsandstein zum Gedenken an den wegen seiner Liebe zu einer Villingerin ermordeten Marian. Villinger Schülerinnen und Schüler begleiteten die Zeremonie und sangen ein Friedenslied. Die Initiatoren des Sühnekreuzes waren Werner Huger und Wolf Hockenjos. 15

Während dieser 46 Jahre erinnerten die Betroffenen das Verbrechen. Sie teilten die Erinnerung nicht mit der Öffentlichkeit.

Eine große Rolle spiel(t)en Arbeitsgemeinschaften des Gymnasiums am Hoptbühl unter der Leitung von Hartmut Danneck. Er hatte 2004 die Idee Schüler mit dem Thema bekannt zu machen. Die Literaturwerkstatt des Gymnasiums am Hoptbühl unter der Leitung von Hartmut Danneck verfasste 2007 das Theaterstück „Das Lieben und Sterben des Marian Lewicki“, das beim bundesweiten „Denktag“– Wettbewerb 2008 den achten Platz erreichte. Die ehemaligen Hoptbühl–Schüler Felix Faißt und Adrian Copitzky drehten auf der Grundlage des Theaterstücks den Film „Die Poleneiche“, der im Kommunalen Kino Villingen-Schwenningen mit großem Erfolg lief und 2007 den Jugendfilmpreis des Landes Baden-Württemberg erhielt. Die Filmemacher nahmen Kontakt zu polnischen Stellen auf und gründeten den Polnisch–Deutschen Filmverein Villingen-Schwenningen e. V. Sie luden junge Polen nach Villingen-Schwenningen ein, ließen den Film an der Universität Lodz übersetzen und zeigten ihn in Polen.

Zum Bildband der Stadt Villingen-Schwenningen, der im Jahre 2010 erschien, habe ich den Artikel „Liebe wird mit dem Tode bestraft“ beigetragen.

Suche in Archiven, Ermittlung der Angehörigen, Begegnungen

Durch das Wiederaufleben der Erinnerungsarbeit insbesondere durch Schülerprojekte hat mich immer wieder die Frage nach dem Heimatort von Marian beschäftigt und wer seine Angehörigen sind. Da ich in den Beständen des Stadtarchivs keine Hinweise fand, habe ich an zwei Archive geschrieben in der Hoffnung einen Schritt weiterzukommen: zum einen an das Archiv der Französischen Besatzungsmacht in Colmar und zum andern an das Archiv des ITS in Bad Arolsen. In der Vergangenheit war es nicht möglich, Informationen vom ITS zu erhalten. Das änderte sich erst 2007, als sich der Suchdienst ITS zu einem Archiv wandelte. Aus Frankreich erhielt ich keine Hinweise, dafür wurde ich beim ITS fündig. In diesen Dokumenten stand der Heimatort von Marian, nämlich Borzykowo bei Posen (Poznan) in Polen.

Ich richtete im April 2011 ein auf Polnisch verfasstes Schreiben an die Gemeindeverwaltung und erhielt zwei Wochen später eine Antwort. So konnte der Kontakt zu den Angehörigen (Großnichte Justyna Bartkowiak, letzte noch lebende Schwester Kalina Przewozna geb. Lewicka) hergestellt werden.

Die Angehörigen erfuhren erst durch meinen Brief vom tragischen Tod ihres Angehörigen in Villingen. Oberbürgermeister Dr. Kubon lud die Familie 2011 zu einem Besuch in Villingen-Schwenningen ein und kam damit dem Wunsch der Familie, Marian am Ort seiner letzten Lebensjahre zu gedenken, nach. Es sollte ein Zeichen dafür sein, dass alle in der schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus in unserer Stadt Verfolgten und Ermordeten nicht vergessen sind. Zum Aufenthaltsprogramm der Familie gehörten eine Stadtführung mit Werner Huger und am 4. März 2012 eine gemeinsame öffentliche Veranstaltung von Stadtarchiv und Geschichts- und Heimatverein Villingen e. V. zum Thema „Die Geschichte des polnischen Zwangsarbeiters Marian Lewicki“. Familie Bartkowiak (Justyna, Slawomir, Pawel) zeigte ein Video 16, das sie wenige Wochen zuvor am Heimatort gedreht hatte, in dem das Dorf Borzykowo vorgestellt und mit Laienschauspielern der Abschied Marians als Soldat von seinen Angehörigen nachgestellt wurde.

Abb. 2: Empfang durch Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon, von links: Pawel Bartkowiak, Slawomir Bartkowiak, Justyna Bartkowiak, Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon, Dr. Heinrich Maulhardt, Werner Huger.

 

Die Veranstaltung war im Theater am Ring mit rd. 120 Teilnehmer / innen bis auf den letzten Platz gefüllt. Am 5. März, dem 70. Jahrestag der Hinrichtung, empfing Dr. Kubon die Gäste (Abb. 2) und fuhr mit ihnen anschließend zum Sühnekreuz im Tannhörnle, wo der Ermordung von Marian gedacht wurde (Abb. 3). Dekan Josef Fischer von der Villinger Münsterpfarrei gedachte während des Abendgottesdienstes am 4. März in Anwesenheit der polnischen Gäste dem Schicksal von Marian. Die Familie und ihr Heimatort waren überrascht über den freundlichen und herzlichen Empfang und Aufenthalt in Villingen-Schwenningen.

Abb. 3: Pawel, Justyna und Slawomir Bartkowiak am Sühnekreuz im Tannhörnle am 70. Jahrestag der Ermordung von Marian, 5. März 2012.

 

Die Veranstaltung war im Theater am Ring mit rd. 120 Teilnehmer / innen bis auf den letzten Platz gefüllt. Am 5. März, dem 70. Jahrestag der Hinrichtung, empfing Dr. Kubon die Gäste (Abb. 2) und ihrer Rückkehr nach Polen bedankten sie sich für alles, was sie in Deutschland erlebt hatten.

Der Besuch der Gäste erbrachte eine ganze Reihe neuer Informationen aus der Bevölkerung zum Leben und der Hinrichtung von Marian, die ich in meiner geplanten Publikation veröffentlichen werde.

Mein Besuch der Heimat von Marian vom 7. – 10.09.2014

Mein Besuch überschnitt sich zeitlich mit einem Negativjubiläum, was mir aber erst nach Ankunft in Polen bewusst wurde: 75 Jahre Angriff Deutschlands auf Polen und Besetzung des Landes (01. – 18.09.1939). Die 1918 an Polen abgetretenen Gebiete (Reichsgaue Danzig-Westpreußen, Wartheland) und dazu gehörte der Heimatort von Marian, wurden in das Deutsche Reich einverleibt. Ziel der NS-Politik war die Versklavung der Polen: Schließung der Schulen und Universitäten, Vernichtung der Intelligenz, Zwangsarbeit, Rücksiedlung der Volksdeutschen. Zum geschichtlichen Hintergrund der Heimat von Marian gehört auch die Tatsache, dass Polen 1772 – 95 aufgeteilt wurde und am Ende nicht mehr existierte. Borzykowo kam 1793 an Preußen und diese Zugehörigkeit endete erst im Januar 1920. Da Deutsch in der Provinz Posen Unterrichtssprache in den Volksschulen war, ist davon auszugehen, dass Marian Deutsch sprach, auch wenn in seiner Schulzeit Borzykowo schon zur Polnischen Republik gehörte.

Meine polnischen Gastgeber Justyna und Slawomir Bartkowiak hatten für mich ein perfektes Besuchsprogramm arrangiert und auch Peter Mocek als Übersetzer gewonnen. Am ersten Tag besuchten wir das Grab der Eltern von Marian auf dem Friedhof in Kolaczkowo, anschließend fuhren wir zum Rathaus, wo eine öffentliche Gedenkfeier zu Ehren von Marian stattfand. Anwesend waren Bürgermeister Wojciech Majchrzak, der Landrat des Landkreises Wrzesnia Dioniszy Jasniewicz und die jüngste Schwester von Marian, Kalina Przewozna geborene Lewicka sowie viele Schüler und Erwachsene. Insgesamt ca. 70 Personen verfolgten den Film „Die Poleneiche“ mit polnischen Untertiteln von Felix Faißt und Adrian Copitzky 17. Nach dem Film gab es Kurzansprachen von Bürgermeister, Landrat, Frau Bartkowiak und von mir. Die Schüler hatten dann die Gelegenheit, Fragen zu stellen und ihre Meinung mitzuteilen, was einzelne auch taten. Es war ein sehr herzlicher Empfang, der sich anschließend mit einem Imbiss beim Bürgermeister fortsetzte. (Abb. 4).

Abb. 4: Im Büro des Bürgermeisters von Kolaczkowo, von links: der Landrat des Landkreises Wrzesnia Dioniszy Jasniewicz, Justyna Bartkowiak; Kalina Przewozna geborene Lewicka, jüngste Schwester von Marian; Heinrich Maulhardt; die Sekretärin von Bürgermeister Wojciech Majchrzak, der Bürgermeister selbst, der Vorsitzende des Geschichtsvereins.

 

Abb. 5: Gedenkstele in Borzykowo, von links: Bürgermeister Wojciech Majchrzak, Stanislaw Debicki, Heinrich Maulhardt, Kalina Przewozna, ein Bewohner von Borzykowo.

 

Abb. 6: Gedenkstätte im Gymnasium Nr. 1 in Sroda, von links vor der Gedenktafel für Marian: Jaroslaw Wietlicki, Heinrich Maulhardt, Justyna Bartkowiak, Slawomir Bartkowiak.

 

 

Nach dem Besuch des Heimatmuseums in Kolaczkowo fuhren wir zur Gedenkstätte ins nahegelegene Borzykowo, dem Heimatdorf von Marian. Initiator der dortigen Gedenkstätte war Stanislaw Debicki. Auf der Gedenkstele (Abb. 5) sind mehrere Tafeln angebracht: eine für Marian, eine weitere für Opfer aus Borzykowo des 1940 stattgefundenen Massakers von Katyn 18 und eine für Opfer des sowjetisch-polnischen Kriegs von 1919 – 1921. Herr Debicki erzählte mir, wie er als Kind unter der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg beinahe in das Konzentrationslager Dachau gekommen wäre, in letzter Minute aber sein Abtransport von Posen dorthin verhindert wurde.

Am zweiten Tag besuchten wir eine Gedenkstätte im Gebäude des Gymnasiums Nr. 1 in Sroda, das etwa 35 km von Posen und 31 km von Borzykowo entfernt liegt. Diese Gedenkstätte geht auf die Initiative des Mitglieds der polnischen Untergrundarmee (Heimatarmee, Armija Krajowa) im 2. Weltkrieg Jaroslaw Wietlicki (geb. 1925) zurück, die im Krieg gegen die deutschen Besatzer kämpfte und deren Angehörige nach dem Krieg bis 1989 von der sowjetischen Armee und den polnischen Behörden verfolgt wurden. (Abb. 6 + 7). In dieser Gedenkstätte befindet sich auch eine Gedenktafel für Marian.

In einem großen Saal war eine Dokumentation mit zahlreichen Fotos zu sehen, die über den Widerstand der Heimatarmee gegen die deutschen Besatzer informierte. Es werden dort nicht nur einzelne Widerstandskämpfer abgebildet, die Ereignisse werden auch durch Karten und Inszenierungen mit Objekten veranschaulicht. Die Dokumentation wird durch Tondokumente unterstützt. Bei dem Treffen waren neben dem Initiator die Schulleiterin Jadwiga Wieland, ein Zeitungsredakteur und viele Schüler anwesend. Die Schüler stellten Fragen zum Krieg. Die Presse berichtete im Internet und in Zeitungen über die Veranstaltungen in der Schule, im Rathaus von Kolaczkowo sowie an der Gedenkstele in Borzykowo.

Durch die Berichte der Familie Bartkowiak in Polen über ihren Besuch in Villingen-Schwenningen kam es auch dort zu Initiativen. An das Schicksal Marians und seiner Geliebten wird mittlerweile in Schulen, Gedenkstätten und öffentlichen Veranstaltungen erinnert. Die polnische Presse hat die Geschichte in einer Artikelserie verbreitet. Ich habe bei dieser Erinnerungsarbeit und ihren Ergebnissen keine Ressentiments gegenüber den Deutschen verspürt, insbesondere nicht gegenüber meiner Person. Im Gegenteil: jeder, insbesondere die wenigen noch lebenden Zeitzeugen, hatten großes Interesse,

Abb. 7: Gedenkstätte im Gymnasium Nr. 1 in Sroda, von links: Peter Mocek, Jaroslaw Wietlicki, Jadwiga Wieland, Heinrich Maulhardt, Schüler des Gymnasiums.

 

die 70 Jahre alte Geschichte kennenzulernen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit in der polnischen Heimat war und ist in die Zukunft gerichtet, eine Zukunft ohne Rassismus und für Völkerverständigung.

Mein Dank gilt der Familie Bartkowiak für die herzliche Aufnahme, Peter Mocek für seine Übersetzungen sowie allen, die an der bisherigen Erinnerungsarbeit in unserer Stadt und in Polen mitgewirkt haben.

Rassismus und Intoleranz sind, wie wir immer wieder erfahren, auch heute Realität. Selbst durch Rassenhass motivierte Mordserien sind heutzutage offensichtlich in Deutschland, 75 Jahre nach Untergang des Dritten Reiches, möglich. Lassen wir nicht nach, Rassismus und Intoleranz anzuzeigen, an die dadurch bedingten Verbrechen zu erinnern und alle nur möglichen Aktivitäten zu entfalten, um diesen Bestrebungen Einhalt zu gebieten.

Anmerkungen:

1 ITS Schreiben zu Marian Lewicki vom 04.09.2008, ITS-Archiv Nr. 262, SAVS 1.42.72 Nr. 15; ITS Schreiben zu Lina Springmann vom 27.10.2008, SAVS 1.42.72 Nr. 15. Internetadresse: www.its-bad-arolsen.org.

2 Standesamtsregister von Villingen, Auszug vom 5. März 1942, SAVS 1.33.2 Sterbebuch Villingen.

3 Standesamtsregister Borzykowo, Auszug vom 30. April 1918, SAVS 1.42.72 Nr. 15.4.

4 Durch den Versailler Vertrag wurde die Provinz Posen im Januar 1920 aufgelöst. Borzykowo kam dadurch an die neugeschaffene Republik Polen.

5 Vgl. Mein Artikel „Liebe wird mit dem Tode bestraft“, in: Villingen-Schwenningen. Herausgegeben von der Marketing und Tourismus Villingen-Schwenningen GmbH. Ostfildern 2010, S. 50 f.

6 Vgl. auch den Beitrag von Stefan Alexander Aßfalg: Fremdarbeiter in Villingen während des zweiten Weltkrieges, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Villingen-Schwenningen 1998, S. 463-493. Zur Zwangsarbeit während des 2. Weltkriegs vgl. auch: Ulrich P. Ecker: Zwangsarbeit in Freiburg während des Zweiten Weltkriegs, in: Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins „Schau-ins-Land“. 127. Jahresheft 2008 S. 145 ff.

7 Vgl. Benigna Schönhagen: Das Gräberfeld X. Tübingen 1987.

8 Vgl. Aßfalg, S. 479.

9 Dem bei Kienzle in Villingen arbeitenden fast gleichaltrigen holländischen Fremdarbeiter Thijs Jonker (1919-1999) passierte nichts. Er verliebte sich in die Deutsche ebenfalls bei Kienzle beschäftigte Ilse Hedwig Winner. Nach dem 2. Weltkrieg heiratete das Liebespaar. Grund dafür war die NS-Rassentheorie. In der Rassenhierarchie, die wesentlich für die Verwendung und Behandlung sogenannter Fremdarbeiter war, standen die „germanischen Völker“ wie die Holländer, Flamen und Dänen ganz oben. (SAVS 1.10 Nr. 437 sowie SAVS 1.42.0 Nr. 34).

10 Die ITS-Unterlagen verweisen auf das Konzentrationslager Ravensbrück. Mündliche lokale Quellen sprechen vom Konzentrationslager Auschwitz.

11 Marian war im Schwarzwald nicht der einzige Pole, der wegen eines Liebesverhältnisses hingerichtet wurde. Am 13. Januar 1942 wurde in Schiltach der polnische Zwangsarbeiter Bernard Podzynski „wegen verbotenen Geschlechtsverkehrs mit einer deutschen Frau (…) auf Gemarkung Schiltach erhängt“. Quelle: http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.schiltach- grausames-ende-heimlicher-liebe.81213e72-e077-4736-964bbd28eba5fd86.html; Artikel „Grausames Ende heimlicher Liebe“ Schwarzwälder Bote vom 30.01.2012 mit Abbildung der Exekutionsankündigung durch die Gestapo vom 08.01.1942; Michael Hensle: Vom „Heldenkreuz“ zum „Polenstein“. Dokumentation und Plädoyer zum Umgang mit der Erinnerungskultur für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Schiltach 2012. – Ein Exemplar befindet sich im SAVS 1.42.72 Nr. 15.

12 Eine Kopie des Protokolls erhielt ich von einem Angehörigen während der Gedenkveranstaltung am 04.03.2012 ausgehändigt. Die Kopie befindet sich im SAVS 1.42.72 Nr. 15.4.

13 ITS Schreiben zu Marian Lewicki (wie Anmerkung 1).

14 Stadtarchiv Schiltach Signatur Al-706.

15 Vgl. Artikel von Werner Huger: Sühnekreuz im Tannhörnle. Geschichts- und Heimatverein Villingen setzt steinernes Zeichen, in: Jahresheft XIII. Beiträge des Jahres 1988 zur Kultur, Geschichte und Gegenwart. Herausgeber Geschichts- und Heimatverein Villingen e. V. S. 72 – 75.

16 SAVS 1.42.72 Nr. 15.

17 Der Film wurde 2007 gedreht und erhielt im selben Jahr den Hauptpreis des Jugendfilmpreises auf der Filmschau Baden-Württemberg.

18 Beim Massaker von Katyn ermordeten Angehörige des sowjetischen Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) im April/Mai 1940 etwa 4.400 polnische Offiziere im Wald bei dem Dorf Katyn, 20 km westlich von Smolensk.