„In mannigfacher Beziehung merkwürdig” Die erste Ausgrabung des Magdalenenberges im Jahr 1890 (von Peter Graßmann)

Als in den 1970er-Jahren der Magdalenenberg von einem Grabungsteam unter Leitung Konrad Spindlers untersucht wurde, fanden die Archäologen nicht nur jahrtausendealte Grabbeigaben der Kelten, sondern auch eine etwa 80 Jahre alte Eisenschaufel – ein heute archaisch anmutendes, von Rost zerfressenes Werkzeug, das die Erstausgräber des Jahres 1890 zurückgelassen hatten. Deren eigene Spuren waren zu archäologischem Fundgut, ihre Arbeit zu einem Teil der Geschichte geworden (Abb. 1).

Abb. 1: Der geöffnete Grabhügel 1890. Bei den drei Personen dürfte es sich um Roder, Schumacher und Ganter handeln.

 

Da mit dem „Keltenpfad“ und der zugehörigen App jüngst Versuche unternommen wurden, den größten eisenzeitlichen Grabhügel Mitteleuropas stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, und da für die nähere Zukunft mit weiteren Vorhaben zu diesem Zweck zu rechnen ist, soll an dieser Stelle ein kurzer Blick ins vorletzte Jahrhundert geworfen werden. Dabei soll vor allem der Versuch unternommen werden, die Erstausgrabung des Magdalenenberges in ihrem geistesgeschichtlichen Kontext zu erläutern.

Grabende Amateure – amateurhafte Grabungen? Der fast kreisrunde, auf der Anhöhe des Warenberges gelegene Hügel galt schon seit jeher als wirkmächtiger Ort. Aus dem 17. Jahrhundert stammt das Protokoll eines „peinlichen Verhörs“, in dem die Delinquentin gestand, auf seiner Spitze mit dem Teufel getanzt zu haben.

Abb. 2: Ernst Wagner (1832 – 1920), eine der treibenden Kräfte hinter der Erstausgrabung.

 

Dass es im Laufe der Frühneuzeit vereinzelt zu Funden von prähistorischen Gegenständen in der Umgebung des Hügels gekommen sein könnte, legen zwei lokale Sagen nahe. 1 Auch Gerüchte über eine verschwundene Burg hielten sich hartnäckig. 2 Die eigentliche Erforschungsgeschichte des Magdalenenberges beginnt jedoch im Jahr 1887. Heinrich Könige, der 1879 Amtsrichter in Villingen geworden und 1886 nach Mosbach gegangen war, wies den Direktor der Großherzoglichen Altertumshalle in Karlsruhe, Ernst Wagner (Abb. 2), darauf hin, dass sich „auf dem Magdalenenhügel beim Läuble auf der Höhe […] ein Grabhügel“ befände. Er war jedoch nicht der Einzige, der im Hügel eine Fundstätte erwartete. „Die hiesige Einwohnerschaft vermutete von jeher, dass das sogenannte ‚Magdalenenbergle‘ kein natürlicher Berg, sondern von Menschenhänden aufgebaut sei und dass sein Inneres irgendeine historische Merkwürdigkeit aus uralter Zeit berge“, 3 berichtete „Der Schwarzwälder“ zu Beginn der Grabungen. Auch Professor Christian Roder hielt sich zugute, schon früh geahnt zu haben, „dass es ein künstliches Gebilde und zwar ein alter Grabhügel“ 4 sei. Überhaupt gehörten Grabhügel zu den ersten Zielen der heimatlichen archäologischen Forschung, waren sie doch deutlich im Gelände zu erkennen und oftmals auch in der lokalen Überlieferung als „Ahnen-“ oder „Heidengräber“ bekannt. 1887 reiste Wagner nach Villingen, um einen etwa 35 Meter langen Grabungsschnitt von Ost nach West anzulegen, 5 der ihn schließlich von der künstlichen Anlage des Hügels überzeugte. Als potenzielles Kulturdenkmal wurde er daraufhin das erste Mal im zweiten Band der „Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden“ verzeichnet. 6 Der Befund motivierte die Heimatforscher Christian Roder und Hubert Ganter, die Villinger Stadtverwaltung zu einer ordentlichen Grabung zu drängen, die diese schließlich für das Jahr 1890 genehmigte und mit einem Betrag von 400 Mark finanzierte. Oberförster Hubert Ganter wurde die Leitung der Ausgrabungen übertragen (Abb. 3), während die wissenschaftliche Interpretation der Befunde vor allem in den Händen von Wagners Assistent Karl Schumacher lag, der in den letzten Tagen der Grabung vor Ort weilte.

Abb. 3: Gräber im Schacht. Bei der Person rechts dürfte es sich um Oberförster Hubert Ganter handeln.

 

Dass es gerade ein Förster war, dem man die Ausgrabungen am Magdalenenberg übertrug, muss nicht verwundern. Fraglos ist Ganter eine Villinger Ausnahmegestalt, doch steht er mit seiner Beteiligung an archäologischer Forschung in seiner Zeit nicht alleine da. Obwohl die ur- und frühgeschichtliche Archäologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits akademisch Fuß gefasst hatte, blieben es weiterhin meist Laien und Autodidakten, die Ausgrabungen durchführten. Forstbeamte waren dabei besonders zahlreich vertreten. Aufgrund ihrer berufsbedingten Vertrautheit mit der Topologie und Ökologie des Waldes sowie Techniken zu dessen Nutzbarmachung waren sie dazu prädestiniert, archäologische Strukturen nicht nur als solche im Gelände zu erkennen, sondern auch mit den nötigen Kenntnissen zu ihrer Ergrabung aufzuwarten. Förster ohne bürgerlichantiquarisches Interesse betrachteten Grabhügel jedoch in erster Linie als willkommene Steinbrüche zur Befestigung von Wegen und richteten damit nicht selten großen Schaden für die Denkmalpflege an. 7

Auch Könige, Roder und Wagner sind in diesem Sinne als archäologische Laien zu werten, denn keiner von ihnen besaß eine entsprechende Ausbildung. Um die südwestdeutsche Archäologie hat sich nichtsdestotrotz insbesondere Wagner verdient gemacht. 1832 in Karlsruhe geboren, studierte der spätere Erzieher von Erbgroßherzog Friedrich von Baden zunächst Theologie und Philologie. Seit 1875 stand er den Vereinigten Großherzoglichen Sammlungen für Altertums- und Völkerkunde vor, 1881 wurde er zum Mitbegründer des Karlsruher Altertumsvereins, der lokal denkmalpflegerisch tätig war und Mittel für Ausgrabungen zur Verfügung stellte. Karl Schumacher hingegen, Wagners Assistent, hatte Klassische Archäologie studiert und wurde später Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz. Seine Generation sollte im Verlauf des 20. Jahrhunderts schließlich die Autodidakten ablösen und den Weg in die wissenschaftliche Emanzipation der Spatenforschung ebnen.

Davon war 1890 noch nicht viel zu spüren. Von Theodor Mommsen soll die despektierliche Bemerkung stammen, die prähistorische Forschung sei eine „Wissenschaft der Analphabeten“ und „Arbeitsgebiet für Landpastoren und pensionierte Offiziere“ 8 – man könnte hinzufügen: und Oberförster. Der Begeisterung für vorgeschichtliche Funde stand häufig eine Ausgrabungspraxis gegenüber, die aus heutiger Sicht als unsachgemäß bezeichnet werden muss. Bei der Erforschung von Grabhügeln galt alle Aufmerksamkeit der Zentralgrabkammer, in die möglichst schnell vorgedrungen werden sollte. Das Interesse an den Befunden war primär antiquarisch motiviert und zielte auf die Beschaffung seltener Antiquitäten für die lokalen Museen und Sammlungen ab. Eine häufig angewandte Grabungstechnik bestand in der sog. „Trichtermethode“, bei der ein senkrechter Grabungstrichter in den Hügel hinein getrieben wurde (Abb. 4). Dieser Trichter wurde in der Regel nicht wieder verfüllt, weshalb sich Spuren der Grabungen in Form eingedellter Kuppeln und Vertiefungen noch heute an manchen Grabhügeln ablesen lassen. Daneben wurden zum Teil auch Tunnelgrabungen mit Methoden aus dem Bergbau durchgeführt. 9 Die mangelhafte Dokumentation der Funde sorgte meist dafür, dass diese in ihrer Aussagekraft erheblich geschmälert wurden und „häufig genug gerade noch Einzelfundcharakter“ 10 besitzen.

Auch beim Magdalenenberg wandte man die Trichtermethode an, doch zunächst wurde das Gelände geodätisch vermessen und ein Koordinatennetz über die Grabungsfläche gelegt, mit dessen Hilfe der Hügel zweidimensional auf eine Karte projiziert werden konnte. Mit diesem planmäßigen Vorgehen grenzte man sich deutlich von den „wilderen“ Grabungen vergangener Jahrzehnte ab. Anschließend begann man „am 30. September […] damit, von Westen her einen 1,50 m breiten Schacht gegen die Mitte des Hügels einzutreiben. […] Der Erfund zeigte sich in mannigfacher Beziehung merkwürdig; dass man es mit einem bedeutenden Grabhügel zu tun hatte, wurde bald vollauf bestätigt“ 11 (Abb. 5). Die Ausgrabungen erregten schnell das Interesse der Öffentlichkeit, die sicherlich auf einen Schatzfund hoffte.

Abb. 4: Skizze des Grabungsschachtes mit Blick auf die Zentralgrabkammer.

 

Abb. 5: Der Magdalenenberg während der Ausgrabungen.

 

Abb. 6: Die Ausgrabungen stießen in der Öffentlichkeit auf großes Interesse und fanden unter regem Besuch statt.

 

Immerhin hatte man erst 10 Jahre zuvor reichen Goldschmuck aus einem Großgrabhügel bei Kappel am Rhein geborgen. „Das Interesse, welches man allgemein den Ausgrabungen an dem ‚Magdalenenbergle‘ entgegenbringt, war gestern aus dem zahlreichen Besuch zu erleben, der dem Bergle gemacht wurde. Wohl seit Jahrhunderten wurde die Anhöhe nicht von so vielen Leuten bestiegen wie am gestrigen Sonntag“, 12 vermeldeten die Zeitungen am 7. Oktober (Abb. 6). Da der Verlauf der Grabungen mehrfach in zeitgenössischen Berichten dokumentiert und von Spindler im Wortlaut reproduziert wurde, 13 soll an dieser Stelle auf eine nähere Beschreibung verzichtet werden.

Interessanter ist die Frage, inwiefern Befunde bereits zu Beginn der Grabungen zerstört wurden, denn daran lässt sich die wissenschaftliche Ambivalenz der Erstausgrabung exemplifizieren. Einerseits wurde aufmerksam auf archäologische Spuren in der Hügelschüttung geachtet, wovon die Berichte der Ausgräber einen guten Eindruck vermitteln. So wurden etwa „in der Nähe des Mittelpunkts in ca. 1 m Tiefe rote Scherben von römischen Terra-Sigillata-Gefäßen“ 14 gefunden, die zunächst zu der Vermutung Anlass gaben, dass es sich um ein römisches Grab handle. „Der Schwarzwälder“ verkündete am 11. Oktober: „Die Nachgrabungen am ‚Magdalenenbergle‘ werden immer rätselhafter und interessanter. […] Nach den vorgefundenen Topfscherben aus feinem, roten Ton (Terra Sigillata) zu schließen, ist das Magdalenenbergle mutmaßlich eine römische Grabstätte und kann als solche in die Zeit von Christi Geburt bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung gesetzt werden“. 15 Zuvor hatte man über ein Alter zwischen 1000 und 2000 Jahren spekuliert. 16 Außergewöhnlich für archäologische Forschungen in dieser Zeit war, dass trotz der Konzentration auf ur- und frühgeschichtliche Befunde sogar mittelalterliche und neuzeitliche Scherben gemeinsam mit dem restlichen Fundmaterial verwahrt wurden. Bei der Dokumentation der Funde aus dem Zentralgrab zeigte man sich schließlich völlig auf der Höhe der Zeit, denn jeder Einzelfund wurde mit seiner Position präzise in einem Plan vermerkt und in einem Register erfasst.

Andererseits besitzen die Funde aus der Hügelschüttung heute tatsächlich nur noch antiquarischen Wert, denn die aus heutiger Sicht groben Methoden führten zur Zerstörung wichtiger Kontexte, die Aufschluss über deren Bedeutung hätten geben können. Spindler befürchtete, dass mindestens zwei nachhallstattzeitliche Bestattungen, eine römische und eine oder mehrere latènezeitliche, bei der Ausgrabung unerkannt zerstört wurden. Auch weitere hallstattzeitliche Nachbestattungen wurden offenbar übersehen. 17 Eine Glasperle wurde noch in den 70er-Jahren im alten Aushub entdeckt und zeigt, dass den Forschern einige Objekte entgangen waren. 18 Für die Geschichte des Magdalenenberges wären Kenntnisse über eine mögliche nachhallstattzeitliche Weiternutzung des Grabhügels von größtem Wert, sie sind jedoch unwiederbringlich verloren. Dass man womöglich nicht einmal vor einer Beschädigung der Grabkammer selbst zurückschreckte, bezeugt ein noch heute gut sichtbares, rechteckiges Loch im Kammerboden, das offenbar modern ausgesägt wurde (Abb. 7). Spindler mutmaßte, dass die Forscher unter dem Kammerboden weitergruben, doch in der Grabungsdokumentation finden sich darauf keine Hinweise. Es ist nicht auszuschließen, dass die Manipulationen an einem anderen Zeitpunkt zwischen 1890 und 1970 vorgenommen wurden. In einem Bericht der Römisch-Germanischen Kommission von 1911 heißt es, dass „die neueren Grabungen am Magdalenenberg […] keine Funde“ 19 ergaben. Über eine mögliche weitere Grabung um die Jahrhundertwende kann jedoch mangels Quellen nichts Konkretes gesagt werden.

Abb. 7: Zentralgrabkammer im Franziskanermuseum Villingen. Deutlich zu sehen ist das rechteckige Loch im Kammerboden.

Die durch die Trichtermethode verursachten Probleme endeten nicht mit der Grabungstätigkeit. Nachdem die Ausgrabungen am 30. Oktober abgebrochen wurden, da Schneefall eingesetzt hatte und die Kammer schnell ausgeräumt werden musste, wurde der Grabungstrichter nicht wieder verfüllt, sondern blieb offen liegen. Als Schumacher im Oktober des darauffolgenden Jahres wieder nach Villingen reiste, zeigte er sich entsetzt:

„Ich fand die Grabkammer in einem Zustand, der betreffs ihrer künftigen Erhaltung zu der größten Besorgnis Veranlassung gibt. Die ganze Kammer steht unter Wasser […], die Holzwände haben bisher unter dem Druck der darüberund der dahinterliegenden Erdmassen etwas nachgegeben“. Die Probleme machten die Errichtung eines Entwässerungsgrabens notwendig, der 1891 in Auftrag gegeben wurde 20 und bei seiner Verlegung durch die Hügelschüttung nur knapp die Nachbestattungen verfehlte. 21 Dennoch drang weitere 80 Jahre lang Wasser in die Grabkammer ein, was dem an sich hervorragenden Erhaltungszustand des Holzes stark zusetzte und zur Beschädigung weiterer Befunde führte. 22 Bis zum Ende der Spindler-Grabung in den 70er-Jahren prägte ein teilzerstörter Magdalenenberg die Anhöhe auf dem Warenberg.

Vorgeschichtsromantik als Forschungsparadigma Die Funde gelangten nach der Ausgrabung in die Großherzogliche Altertumshalle, wo sie restauriert wurden. Außerdem wurden Grabungsberichte und Register für die Karlsruher Fundakten angefertigt. Das öffentliche Interesse am Magdalenenberg ebbte offenbar schnell ab, nachdem sich das Zentralgrab als antik geplündert erwiesen hatte. Auch Wagner, methodisch durch eine antiquarische, auf die Dokumentation der Funde konzentrierte Archäologie geprägt, zeigte sich enttäuscht („was an Beigaben vorhanden war, blieb hinter den Erwartungen […] zurück“) 23, doch blieb den Forschern der wissenschaftliche Wert des Grabes nicht verborgen. Anhand typologischer Vergleiche wurde der Magdalenenberg in die späte Hallstattzeit datiert, wobei man sich einer noch jungen Binnendifferenzierung zwischen Hallstatt- und La-Tène-Zeit bediente, die Wagner selbst als einer der Ersten propagiert hatte. 24 Außerdem wurde das Monument in die Reihe der badischen „Fürstengräber“ gestellt, zu denen man Ende des 19. Jahrhunderts auch das „Bürgle“ bei Buchheim, den Heiligenbuck bei Hügelsheim und den bereits erwähnten Grabhügel bei Kappel zählte. 25 Nach Ansicht Karl Schumachers besaßen „diese ‚Fürstengräber‘ […] siedelungsgeschichtlich ein besonderes Interesse. Denn sie verraten uns die Mittelpunkte dichtbewohnter Gegenden, da die Stammessitze der Fürsten und Häuptlinge jedenfalls in der Nähe ihrer imposanten Grabmäler angenommen werden müssen“. 26

Besonders in Deutschland war die archäologische Forschung an der Schwelle zum 20. Jahrhundert gekennzeichnet durch den Versuch der Identifizierung geschlossener Kulturgruppen und ihrer Gleichsetzung mit Ethnien. Die philosophischen Grundlagen dieses Kulturessentialismus wurden bereits im 18. und frühen 19. Jahrhundert von Herder durch sein Kugelmodell der Kultur und Hegels Idee des „objektiven Volksgeistes“ gelegt, doch deutet sich in diesem Zusammenhang ein Bruch zwischen dem älteren Wagner und seinem jüngeren Kollegen Schumacher an. In seinen beiden Standardwerken „Hügelgräber und Urnenfriedhöfe in Baden“ sowie „Fundstätten und Funde im Großherzogtum Baden“ zeigte sich Wagner, ganz in der Tradition der älteren Archäologie, in erster Linie an einer Typologie der Funde interessiert und diskutierte ethnokulturelle Fragen, wenn überhaupt, vor allem unter engem Bezug zur klassischen Philologie. 27 In Schumachers nach der Jahrhundertwende veröffentlichten Werken nehmen siedlungs- und ethnokulturelle Aspekte hingegen deutlich breiteren Raum ein. Der Umbruch von einer antiquarisch zur ethnisch orientierten Vorgeschichtsforschung korreliert mit der zunehmenden Popularität des „Rasse“-Gedankens. 28 So heißt es bei Schumacher: „Die kurzköpfige, kleine, dunkle, nordalpine Rasse, welche schon in den mesolithischen Kulturschichten […] auftritt, bewohnte den ganzen nördlichen Alpenbogen von Frankreich bis Niederösterreich sowie das ganze Alpenvorland. […] Im Ganzen behauptete sich der alte Rassentypus durch die Bronze bis in die Hallstattzeit hinein. […] Auf dem Boden der Schweiz und der unmittelbar angrenzenden Zone des Oberrheins, Oberschwabens usw. ist in der vorgallischen Periode sicherlich bereits ein bestimmter Nationalverband anzunehmen […], doch ist eine sichere Namensbezeichnung dieses Volkes zur Zeit kaum möglich“. 29

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass die Identifikation eisenzeitlicher Grabhügel mit den Kelten um die Jahrhundertwende noch nicht üblich war. Auch der Magdalenenberg wurde bis weit ins 20. Jahrhundert nicht als keltisches Monument bezeichnet. Wagner und Schumacher trennten aus ethnokultureller Perspektive noch strikt zwischen den „Hallstattleuten“ und den „Kelten“ bzw. „Galliern“. 30 Für Schumacher ließ sich dies deutlich an der Schädelform der Bestatteten zeigen. 31 Erst im späteren 20. Jahrhundert begann sich das nicht unproblematische Kelten-Ethnonym in Zusammenhang mit hallstattzeitlichen Fundplätzen zunehmender Beliebtheit zu erfreuen.

In einem Nachtrag zu seinem Grabungsbericht erwähnte Schumacher die „interessante“ Beobachtung, „dass man die in der Grabkammer gefundenen scheibenförmigen Bronzeknöpfe mit spitzer Erhöhung […] noch vor nicht allzu langer Zeit in jener Gegend des Schwarzwaldes auf Lederhosen als Zierscheiben gewahren konnte“ 32. In Anbetracht der Tatsache, dass gerade die Tracht landläufig – neben der Sprache – als authentischster Ausdruck des Volkstümlichen angesehen wird, muss man in dieser beiläufigen Bemerkung wohl den Versuch sehen, die lokale kulturelle Identität anhand eines Stilvergleichs über drei Jahrtausende in die Vergangenheit rückzuprojizieren – was aus heutiger geschichtswissenschaftlicher Sicht natürlich unzulässig ist.

Aus solchen Kontinuitätsgedanken lässt sich womöglich auch die damalige Rekonstruktion der Zentralgrabkammer erklären. Obwohl die vorhandenen Spuren dagegen sprachen, wurde deren ursprüngliche Gestalt als Totenhaus mit Satteldach („nach den zwei Langseiten in schiefen Flächen herablaufend“) imaginiert. Basierend auf diesen Vorstellungen wurde vom Villinger Bildhauer und Zeichenlehrer Anton Engler ein Modell „genau nach den Originalmaßen aus dem Balkenholz“ 33 gefertigt (Abb. 8). Bereits Siegwalt Schiek wies 1956 in seiner unpublizierten Dissertation darauf hin, dass eine Flachdecke als wahrscheinlicher anzusehen sei, und Spindler nannte Englers Modell „in allen wesentlichen Einzelheiten falsch“ 34. Nicht nur das Satteldach, für das sich Reste der Giebelwände hätten finden lassen müssen, sei inkorrekt, sondern auch die dargestellte Technik des Kammerwandverbundes. Sowohl die Interpretation der Grabkammerform, als auch die Tatsache, dass es mehr als ein halbes Jahrhundert dauern sollte, bis die Totenhaus-Vorstellung erstmals hinterfragt wurde, lassen sich jedoch durch die Zeitumstände erklären.

Abb. 8: Zeichnung des Grabkammermodells von Anton Engler, das gemäß damaliger Vorstellungen als Totenhaus mit Satteldach gestaltet ist.

 

Der aufsehenerregende Fund einer als Totenhaus gedeuteten Grablege mit Satteldach war dem Prähistoriker Friedrich Klopfleisch 1877, also nur kurz vor der Erforschung des Magdalenenberges, im Grabhügel von Leubingen, einem sogenannten „Fürstengrab“ der Aunjetitzer Kultur (2300

1600 v. Chr.), gelungen. Vereinzelt liegen heute auch Befunde für Grabkammern mit Satteldächern oder Totenhäuser als oberirdische Aufbauten aus anderen Gegenden und Epochen vor. Für den südwestdeutschen Raum ist die Existenz schräger Dachkonstruktionen in hallstattzeitlichen Gräbern jedoch unbelegt. 35 Klopfleischs Fund prägte die Vorstellungen, die man sich von vorgeschichtlichen Grabhügeln machte, und bestimmte somit, im Sinne Thomas Kuhns, paradigmatisch die Interpretation nachfolgender Befunde. Die Idee hatte jedenfalls Bestand: bis in die 70er-Jahre wurde die Zentralgrabkammer im Magdalenenberg immer wieder als Totenhaus bezeichnet. 36 In den 30ern wurde „der Gedanke des Grabes als Totenhaus“ als Merkmal der „religiösen Vorstellungen der Kelten“ 37 interpretiert, und nicht selten wurde ein Satteldach als Deckenkonstruktion noch jahrzehntelang bei Grabkammerfunden apriori vorausgesetzt. 38

Um das Interesse der Öffentlichkeit zu steigern, wurden Fotos der Grabkammer „bei Photograph Michelis in Villingen“ zum Kauf angeboten – ein früher Fall archäologischer Publicity (Abb. 9). Außerdem wurde Schumachers Grabungsbericht neben dem eher an Experten gerichteten Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst auch in der Karlsruher Zeitung abgedruckt.

Abb. 9: Michelis in Villingen verkaufte Aufnahmen der Grabung, darunter der vielfach reproduzierte Blick in die geöffnete Grabkammer.

 

Grabkammer und Funde sollten erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Villingen befand sich zu dieser Zeit, wie zahlreiche andere Städte des Deutschen Reiches, in einem Prozess der Selbst(er)findung, in dem lokale und regionale Identität gegenüber dem nationalstaatlichen Denken ausgehandelt wurden. Wie die Fastnacht, die Tracht, das mittelalterliche Stadtbild, die lokalen Sagen oder Personifikationen wie Romäus hätte daher auch der Magdalenenberg in diesen Konstruktionsprozess integriert werden können. Die erwartbare Popularität des Monumentes blieb jedoch aus, stattdessen war seine Rezeption sowohl in der Tourismusindustrie als auch in der archäologischen Forschung eher bescheiden. Der geringe Wert, den man dem Grabhügel beimaß, zeigt sich am stärksten in der Weigerung der Stadt Villingen, eine erneute Grabung zu finanzieren, obwohl Ganter und Schumacher in den Folgejahren mehrmals darauf drängten. Die für das Jahr 1892 geplante Fortsetzung der Grabungen musste daher ausbleiben.

Als in den 70er-Jahren schließlich 136 Nachbestattungen entdeckt wurden, erlebte der Magdalenenberg den Beginn einer neuen Blütezeit. Heute ist er ebenso selbstverständlicher Teil der lokalen Identität wie archäologisches Denkmal erster Güte. Die Erstausgrabung des Jahres 1890 stellt dabei im Rückblick trotz aller Probleme eine Pionierleistung dar, die den Grundstein zur Erforschung eines bedeutenden eisenzeitlichen Monumentes legte – eine Aufgabe, die bis heute andauert.

Anmerkungen:

1 „Heu und Häckerling in Geld verwandelt“ und „Geld im Warenbach“, vgl. Bernhard Baader: Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden, Karlsruhe 1851, Nr. 83 und Nr. 84.

2 Vgl. Konrad Spindler: Magdalenenberg. Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 1. Band, Villingen 1971, S. 30.

3 Der Schwarzwälder, 2. Oktober 1890.

4 Christian Roder: Geschichte der Stadt Villingen, Manuskript, um 1910, zitiert nach: Spindler 1971, S. 22.

5 Vgl. Spindler, MB VI, Beilage 6.

6 Vgl. Franz Xaver Kraus (Hg.): Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden, Band 2: Die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen, S. 792.

7 Vgl. Allgemeine Forstzeitschrift, Band 30, 1975, S. 490.

8 Zitiert nach: Sebastian Brather: Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie, Berlin 2004, S. 2.

9 So etwa am Kleinaspergle 1879.

10 Siegfried Kurz: Bestattungsbrauch in der westlichen Hallstattkultur, Münster 1997, S. 16.

11 Ernst Wagner: Fundstätten und Funde aus vorgeschichtlicher, römischer und alamannisch-fränkischer Zeit im Großherzogtum Baden, Tübingen 1908, S. 109 f.

12 Der Schwarzwälder, 7. Oktober 1890.

13 Vgl. Spindler, MB I, S. 11 ff.

14 Wagner 1908, S. 110.

15 Der Schwarzwälder, 11. Oktober 1890.

16 „Der Hügel kann 1000, er kann aber auch 2000 Jahre alt sein“, Der Schwarzwälder, 7. Oktober 1890.

17 Vgl. Spindler, MB I, S. 30 ff.

18 Vgl. ebd.

19 Josef Baer (Hg.): Bericht über die Fortschritte der RömischGermanischen Forschung, 1911, S. 143, Abschnitt „Villingen“.

20 Vgl. Badische Landeszeitung Nr. 233, 3. Oktober 1891.

21 Vgl. Spindler, MB VI, S. 127.

22 Für eine genaue Dokumentation der Schäden vgl. Spindler, MB VI, S. 148 ff.

23 Zitiert nach: Gabriele Weber-Jenisch: Das keltische Fürstengrab Magdalenenberg im Franziskanermuseum in Villingen, in: Der Magdalenenberg bei Villingen, Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg, Band 5, S. 16.

24 In: Ernst Wagner: Hügelgräber und Urnenfriedhöfe in Baden, Karlsruhe 1885, vgl. Kurt Bittel: Die Kelten und wir, in: Kurt Bittel et al. (Hg.): Die Kelten in Baden-Württemberg, Stuttgart 1981, S. 32.

25 Vgl. Neue Heidelberger Jahrbücher, Band 2, Heidelberg 1892, S. 125.

26 Karl Schumacher: Siedelungsund Kulturgeschichte der Rheinlande von der Urzeit bis in das Mittelalter, Band 1: Die vorrömische Zeit, Mainz 1921, S. 100.

27 Siehe z.B. die Einleitung zu Wagner 1908, S. VII ff.

28 Vgl. Brather 2004, S. 77 ff.

29 Schumacher 1921, S. 221.

30 Vgl. ebd., S. 222 f.

31 „Da diese ‚illyrischen‘ Schädel mit denen der keltischen La-Tène-Periode keine Gemeinsamkeit zeigen, wäre damit die so viel verfochtene Anschauung, dass die Träger unserer ganzen süddeutschen Hallstattkultur bereits Kelten seien, widerlegt“, in: Schumacher 1921, S. 110.

32 Karl Schumacher: Ein Hügelgrab bei Villingen, Karlsruher Zeitung vom 3. Dezember 1890, zitiert nach: Spindler, MB I, S. 17.

33 Wagner 1908, S. 110.

34 Spindler, MB I, S. 24.

35 Vgl. Kurz 1997, S. 83.

36 So z.B. in: Paul Revellio: Die Baar in vorund frühgeschichtlicher Zeit, in: Badische Heimat, Band 25, Freiburg 1938, S. 64.

37 Mannus, Band 20, Seite 438

38 Der Heimatforscher und Archäologe Oscar Paret mutmaßte etwa 1928 nach der Ausgrabung eines Hügels bei StuttgartWeilimdorf ohne Angabe näherer Gründe, dass die dortige Grabkammer ein Satteldach besaß, „also die Gestalt eines Hauses nachahmte“, vgl. Kurz 1997, S. 83. Selbiges gilt für die bereits von Spindler erwähnte Rekonstruktion der Krensdorfer Grabkammer von Josef Tomschik, vgl. MB VI S. 137.

Bildunterschriften

Abb. 1 Der geöffnete Grabhügel 1890. Bei den drei Personen dürfte es sich um Roder, Schumacher und Ganter handeln.

Abb. 2 Ernst Wagner (1832 – 1920), eine der treibenden Kräfte hinter der Erstausgrabung.

Abb. 3 Gräber im Schacht. Bei der Person rechts dürfte es sich um Oberförster Hubert Ganter handeln.

Abb. 4 Skizze des Grabungsschachtes mit Blick auf die Zentralgrabkammer.

Abb. 5 Der Magdalenenberg während der Ausgrabungen.

Abb. 6 Die Ausgrabungen stießen in der Öffentlichkeit auf großes Interesse und fanden unter regem Besuch statt.

Abb. 7 Zentralgrabkammer im Franziskanermuseum Villingen. Deutlich zu sehen ist das rechteckige Loch im Kammerboden.

Abb. 8 Zeichnung des Grabkammermodells von Anton Engler, das gemäß damaliger Vorstellungen als Totenhaus mit Satteldach gestaltet ist.

Abb. 9 Michelis in Villingen verkaufte Aufnahmen der Grabung, darunter der vielfach reproduzierte Blick in die geöffnete Grabkammer.