Moden”. Eine Ausstellung und mehr (Anita Auer)

Die Ausstellung „Moden. Schwarzwälder und andere Hüte“, welche die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojekts einer breiten Öffentlichkeit vermittelte, wurde 2015 vier Monate lang, von April bis August, im Franziskanermuseum Villingen gezeigt. Insgesamt haben 3334 Besucherinnen und Besucher die Ausstellung gesehen. Ein breit gefächertes Begleitprogramm beleuchtete zusätzliche Aspekte. Besonders gelobt wurden die anhaltende Präsenz des Themas in den Medien, die professionelle, ästhetisch ansprechende Gestaltung der Ausstellung und der Werbemedien, das gute Marketing und die interessante und vergnügliche Umsetzung der Inhalte. Der Riesenbollenhut auf dem Osianderplatz war ein Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen und wurde gern als Fotokulisse genutzt. Die Ausstellung so zum Tagesgespräch zu machen, wie es in diesem Fall geschehen ist, war eine der Visionen der Macherinnen. Damit ist eine wesentliche Aufgabe eines kulturgeschichtlichen Regionalmuseums erfüllt: den Menschen vor Ort ihre eigene Kultur wieder zugänglich zu machen.

Lange hatte sich das Ausstellungsteam überlegt, welcher Teil der Schwarzwaldsammlung Oskar Spiegelhalders (1864 – 1925) sich für die abschliessende Präsentation besonders eignet. Schließlich einigte man sich auf die Strohflechterei und deren Produkte, die Schwarzwälder Strohhüte. Denn der Schwarzwälder Bollenhut ist das am meisten verbreitete Symbol für die Region. Die Entstehung dieser Bilder und Klischees und die Rolle der Museen und deren Sammlungen dabei war Thema des Forschungsprojekts, das von der Volkswagen-Stiftung gefördert wurde.

Mit Vorurteilen hatte die Ausstellung zunächst selbst zu kämpfen. So wurde bezweifelt, dass das Thema Hüte aktuell ist, da Hüte seit den 60er Jahren immer weniger getragen werden. Außerdem wurde geunkt, die Ausstellung würde nur die Hälfte der Bevölkerung erreichen, da kein Mann sich in eine Modeausstellung verirre. Die wissenschaftlichen Aspekte seien zu abstrakt, um sie populär zu vermitteln.

Abb. 1: Tanz mit dem Hanagasa

 

All diese Einwände erwiesen sich als unbegründet: Das SWR-Fernsehen kam für die Sendung „Kunscht“ bereits zur Eröffnung und filmte den Auftritt von vier Japanerinnen aus Stuttgart, die den Tanz mit dem Hanagasa vorführten (Abb. 1). Dieser japanische Blütenhut sieht dem Bollenhut verblüffend ähnlich. Zahlreiche Trachtenträger und Besucher mit teils skurrilen Kopfbedeckungen (Abb. 2) boten zudem einen reizvollen Anblick. Die Schwarzwald Tourismus GmbH, die den Bollenhut im Logo führt, bewarb die Ausstellung von Anfang an auf ihrer Homepage und via Facebook. Die Verbindung von Mode und Tracht bzw. Heimat erwies sich insgesamt als „en vogue“. „Artwood“ ein Künstlerduo aus Gütenbach irritierte und begeisterte mit seinen großformatigen Fotos im Foyer des Franziskaners (Abb. 3). Auch männliche Besucher gab es von Anfang an. Die meisten Teilnehmer an Führungen waren überrascht, wie viel das Thema Hüte „hergab“. Sie interessierten sich für die wissenschaftlichen Inhalte und die kulturgeschichtlichen Querbezüge, nutzten aber auch begeistert die Probier- und Selfiestation.

Abb. 2: Besucher mit skurrilen Kopfbedeckungen

Die Ausstellung stellte den Besuchern zunächst die Frage nach ihrer Identität, denn es gab zwei Eintrittskarten für zwei verschiedene Eingänge: einen für „Schwarzwälder“ und einen für „Andere“.

Der grüne Vorhang, der den Schwarzwald darstellen sollte, trennte die beiden Zielgruppen. Die „Schwarzwälder“ betraten die Ausstellung durch eine Holztüre. Die „Anderen“ wurden von einem Videoclip angezogen und traten über einen roten Teppich in die Glitzerwelt der Haute Couture mit 53 Hüten ein. Neben dieser „Hutversammlung“ gab es drei weitere Abteilungen in der Ausstellung: die drei Schwarzwaldhüte – Bollenhut, Zylinder und Schnotz – wurden vor- und in ihren jeweiligen kulturgeschichtlichen Zusammenhang gestellt. Die Strohflechterei wurde anhand der Sammlungsobjekte der Spiegelhaldersammlung erläutert. Die Person Oskar Spiegelhalders, des Menschen hinter dieser Sammlung, wurde in einem eigenen Part dargestellt.

Abb. 3: Artwood – Großformatige Fotos im Foyer des Franziskaners

 

Wurde mit dem Gutacher Bollenhut begonnen, lernte der Besucher, dass dieser nicht etwa im ganzen Schwarzwald, sondern nur in den drei protestantischen Gemeinden Gutach, Kirnbach und Reichenbach getragen wurde. Die Anordnung und Anzahl der Bollen sowie die Entwicklung von 1800 bis um 1900 wurden erläutert, auch, dass die roten Bollen eigentlich Rosen symbolisierten. Rosenhüte ähnlicher Form gab es überall im Schwarzwald, in Sankt Georgen, Lehengericht und sogar in der benachbarten Schweiz. Während der Bollenhut der berühmteste Hut aus dem Schwarzwald ist, stellt der Zylinder den am weitesten verbreiteten dar. Im Gegensatz zu den beiden anderen Schwarzwälder Strohhüten wird er nicht in reiner Handarbeit hergestellt, sondern arbeitsteilig und halbindustriell. Von den 30.000 Strohhüten, die der Schwarzwald in den besten Zeiten produzierte, war sicherlich der größere Teil Zylinder. Die höheren Stückzahlen, mit denen er hergestellt werden konnte, führten dazu, dass die Obrigkeit den Trachtenträgerinnen eine solche Kopfbedeckung „nahelegte“. Fast zu jeder Tracht im Schwarzwald konnte ein Strohzylinder, ob naturbelassen, gelb oder orange gefärbt, getragen werden. Am unbekanntesten ist sicher der Schnotz (Abb. 4).

Abb. 4: Der Schnotz, Kopfbedeckung aus dem Hauensteiner Land

 

Sein Name soll sich etymologisch auf „Schnauze“ oder „Schnorre“ zurückführen lassen. Der Hut zeigt eine auffällige Form mit seiner vierfach stark aufgebogenen Krempe, deren Einzelform einer Tierschnauze ähnelt. Er ist die älteste Hutform der drei und wurde ursprünglich in der Grafschaft Hauenstein getragen. Ihre Bewohner, die Hotzenwälder, galten im 18. Jahrhundert als die Schwarzwälder. Ihr Engagement für eine demokratische Selbstverwaltung, die sie auch gegen die jeweiligen Landesherrn durchsetzten, brachte ihnen den Ruf von wortkargen Eigenbrötlern ein, welche Eigenschaft in der Folge auf alle Bewohner des Schwarzwaldes übertragen wurde. Ihre eigenwillige Kleidung trugen sie mit Stolz und als Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Der Schnotz galt einst als der Schwarzwaldhut schlechthin.

In der Abteilung zur Strohflechterei waren nicht nur die von Oskar Spiegelhalder gesammelten Werkzeuge und Produkte dieser Handwerkskunst zu bestaunen, sondern auch Strohflechtproben zum Anfassen. Barbara Ruf aus Schonach, welche die alte Handwerkstechnik wieder eingeübt hat, fertigte sie eigens für die Ausstellung. Der Lenzkircher Uhrenfabrikant Spiegelhalder war im Bereich der Volkskunde ein begabter Autodidakt. Angeregt von den neu entstandenen Volkskundemuseen in den europäischen Großstädten, die er auf seinen Handlungsreisen besuchte, sammelte er als einer der ersten im Schwarzwald Trachten, Möbel und Zeugnisse ländlichen Arbeitens. Durch ein erfolgreiches System von Zuträgern aus dem bäuerlichen Milieu, von Anund Verkäufen, gelang es ihm drei Sammlungen ähnlichen Zuschnitts für Freiburg, Karlsruhe und Villingen zusammenzustellen. Nachlässe kaufte er günstig als Konvolut, wusste aber beim Wiederverkauf durchaus, was seine „Ware“ wert war. Spätestens dann, kam jenen, die ihn vorher für etwas verrückt gehalten hatten, die Einsicht, welch cleveren Geschäftsmann sie vor sich hatten. Zu seinen persönlichen Eigenheiten zählte, dass er akribisch dokumentierte, nicht nur sein Sammlungsgut und das Sammeln selbst, sondern auch seine Reisen, Kontakte zu zeitgenössischen Sammlern etc. Der Nachlass, der diese Informationen enthält, befindet sich heute im Besitz des Stadtarchivs Villingen-Schwenningen. Viele Dokumente daraus wurden erstmals in der Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Schön leserlich geschrieben vermitteln sie dem heutigen Betrachter das Bild eines wissbegierigen, gut vernetzten Sammlers, der auch notierte, welche geselligen Formen er mit seinen Sammlerkollegen, z.B. Dr. Kling in Frankfurt, pflegte: „Thee, Abendbrot bei ihm“.

Abb. 5: Die Hutversammlung

 

In der „Hutversammlung“ (Abb. 5), der letzten (bzw. für die „anderen“ Besucher ersten) Abteilung, wurden Varianten der drei Hutformen des Schwarzwalds – Bollenhut, Zylinder, Schnotz – in der Haute Couture und in anderen Kulturen gezeigt. Hier fanden auch ein Morion, eine Helmform des 16. Jahrhunderts, als Variante des Hutes mit stark gebogener Krempe Eingang oder der Schuttig, eine fastnächtliche Kopfbedeckung aus Elzach, die einen Dreispitz aus Stroh als Grundform und drei dicke rote Pompons an seinen Spitzen aufweist. Eine wahrhafte Farben- und Formenpracht bot sich dem Auge, so dass den Erstbesuchern beim Betreten des Raumes meist ein erstauntes „Oh, wie schön“ über die Lippen kam. Die Hutversammlung machte auch deutlich, dass sich Mode immer Inspirationen aus der Vergangenheit holt, und in einem ewigen Kreislauf Formen und Materialien wieder aufgenommen oder an die Gegenwart und neue Bedürfnisse angepasst werden. Andererseits wurde bei den historischen Kopfbeckungen der Tracht klar, wie sehr diese in modische Entwicklungen eingebunden waren und nicht etwa starr und festgeschrieben.

Viele Nebenthemen wurden in der Ausstellung mit behandelt, etwa warum es heutzutage keinen Schnotz mehr gibt oder wie der Strohhut, ursprünglich ein Arbeitshut, in Mode (Schäferspiele) kam und dann wieder in der Tracht aufgenommen wurde oder was Mode und Tracht verbindet. Beide Kleidungsformen gründen in der adligen Kultur des Rokoko mit ihrer Farbenund Dekorfreude, mit aufwändigen Stoffen und Herstellungstechniken. Dass die Strohflechterei nicht aus dem Schwarzwald kommt, sondern eine von der Obrigkeit verordnete Maßnahme zur Armutsbekämpfung war und dass viele Abbildungen der Strohflechterei eine romantische Idylle, nicht die Wirklichkeit darstellen, war manchem Besucher neu. Die Hinterfragbarkeit der „Bilder“, ob nun tatsächliche oder im Kopf, konnte vermittelt werden, ebenso dass Kleidung ein Kommunikationssystem darstellt, das sich vielfältig einsetzen lässt, z.B. innerhalb der Brautwerbung (roter und schwarzer Bollen = unverheiratet und verheiratet).

Die Ausstellung war jedoch nur ein Ergebnis des Forschungsprojekts. Im Fokus stand die weitere Erforschung der Spiegelhaldersammlungen in Villingen, aber auch in Freiburg und Karlsruhe. Dabei wurden über 300 Objekte nachinventarisiert, die Uhrenkataloge der Spiegelhalderbibliothek digitalisiert und online gestellt, der Nachlass des Sammlers auf seine Kontakte zur zeitgenössischen Wissenschaftsgemeinde hin neu ausgewertet, eine Dissertation zum Thema Schneflerei angeregt und diverse Verkäufe Spiegelhalders an weitere Museen in Berlin, Nürnberg und München nachrecherchiert. So entdeckte das Deutsche Museum in München jetzt erst wieder, dass seine Schwarzwälder Uhrmacherwerkstatt größtenteils aus Spiegelhalders Hand stammt. Manche Erkenntnisse waren auch schmerzlich, so jene, dass die „ältest datierbaren Schwarzwalduhren“ in der Villinger Spiegelhaldersammlung aus der Schweiz stammen und jünger sind. Der Kunsthandel stellte offenbar zur Verfügung, was gesucht wurde. Andere Entdeckungen blieben rätselhaft: Wie kam eine Filzkappe osmanischen Ursprungs zur Uracher Tracht in der Spiegelhaldersammlung des Badischen Landesmuseums?

Abb. 6: Strohzylinderträgerin vor Vitrine Strohflechterei

 

Verblüffend war auch die Lücke, die Spiegelhalder mit seiner Rettung des Nachlasses der letzten Schonacher Geflechtlehrerin Bertha Nock (Abb. 6) in die Lokalgeschichte riss: Keine andere Spur ist bis heute von dieser Strohflechtschule übrig geblieben. Diese und weitere Ergebnisse sind im Band „Die Leidenschaften des Sammlers. Oskar Spiegelhalder als Wissenschaftsamateur“ publiziert, der zur Ausstellung erschien und noch immer zu erwerben ist (20,00 ¡). Eine Kollegin aus Berlin bezeichnete den aufwändig gestalteten Katalog im Rückblick als „eines der schönsten Bücher, die in den letzten Monaten im Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität in Berlin angekommen“ sind.

Viele Kontakte zu den Museen der Umgebung wurden durch das Forschungsprojekt oder bei der Leihgabenrecherche für die Ausstellung neu geknüpft oder intensiviert, sei es der zum Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen oder zum Basler Museum der Kulturen. Die Zusammenarbeit mit der TU Dortmund, Kooperationspartner im Forschungsprojekt, mündete nicht nur in konkrete Beiträge zu Katalog und Ausstellung, wie die „Hutsteckbriefe“ im Begleitprogramm oder die Filmschleife in der Ausstellung. Die Kooperation vernetzte das Franziskanermuseum mit Wissenschaftler-Innen in Berlin, Nürnberg und Wien, und ermöglichte neue Perspektiven auf den Forschungsgegenstand. Die Studierenden aus Dortmund bekamen im Gegenzug Einblick in die hiesige Museumsarbeit. Ihre Beschäftigung mit den Schwarzwaldhüten war möglicherweise von ähnlichen Fremdheitserfahrungen geprägt wie im 19. Jahrhundert die des Malers Wilhelm Hasemann, der dem Bollenhut zu seiner ersten Popularität verhalf. Hasemann stammte auch nicht aus dem Schwarzwald, sondern aus Mühlberg an der Elbe. Für die Besucher der Dauerausstellung sind die Ergebnisse des Forschungsprojekts nicht nur im Katalog nachvollziehbar. Anfang August wurde der Audioguide zur Schwarzwaldsammlung der Öffentlichkeit vorgestellt, der mit neuen Informationen die Dauerausstellung aktualisiert. Das neue Medium wird in Deutsch und Englisch angeboten und erzählt in 30 Stationen Wissenswertes über die Exponate, das bisher nicht vermittelt wurde. Die Schwarzwälder Streichinstrumente werden hörbar gemacht und zuletzt kommt sogar der Sammler Spiegelhalder selbst zu Wort.

Abbildungen:

Abb. 1: Tanz mit dem Hanagasa, Japanische Tanzgruppe aus Stuttgart bei der Eröffnung (Bildnachweis: Michael Kienzler)

Abb. 2: Besucher mit skurrilen Kopfbedeckungen, Leihgeber aus Basel Dominik Wunderlin und Frau (Bildnachweis: Michael Kienzler)

Abb. 3: Artwood – Großformatige Fotos von Sebastian Wehrle und Jochen Scherzinger (Bildnachweis: Michael Kienzler)

Abb. 4: Der Schnotz, eine Kopfbedeckung aus dem Hauensteiner Land (Bildnachweis: visual artwork – Lutz Hugel)

Abb. 5: Die Hutversammlung (Bildnachweis: visual artwork – Lutz Hugel)

Abb. 6: Strohzylinderträgerin vor Vitrine Strohflechterei (Bildnachweis: Michael Kienzler)