Das andere Alphabet Das französische Militär in Villingen 1945 – 2015 Eine kleine Geschichte der französischen Präsenz in Villingen (Pascale Loreau)

Abb. 1: Villinger Kasernen im Winter 1971.

 

Die Idee dieses bescheidenen Artikels ist nicht, die Geschichte nochmal zu schreiben. Es wurde und wird schon reichlich getan, insbesondere anlässlich zahlreicher Jubiläen und historisch geprägten Zeremonien. Dieser Beitrag versteht sich mehr als ein Versuch, die Entwicklung der deutschfranzösischen Beziehungen in Villingen „unhistorisch“ vorzustellen mit Schwerpunkt auf die „kleine Geschichte“, alphabetisch dekliniert.

A

Anmarsch der französischen Truppen in Villingen. In den Abend- und Nachtstunden des 20.04.1945 drangen französische Kampfeinheiten in Villingen ein. Diese Truppen gehörten dem 27. französischen Infanterieregiment an.

B

Besetzung der Stadt Villingen bis 1955. Villingenals französische Garnison gehörte zur französischen 3. Panzerdivision und zum Stationierungsgebiet Süd, zusammen mit Achern, Breisach, Donaueschingen, Kehl, Freiburg, Friedrichshafen, Müllheim, Offenburg und Stetten. Nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO, nach dem Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag von 1963 sprach man von Stationierung. Das französische 19. Jägerregiment, die „Chasseurs“, zog in die Kasernen ein.

C

Casernes. Welvert-Kaserne, die damalige Boelcke-Kaserne, wurde vom französischen Militär in Caserne Welvert umbenannt. Der General Welvert (1884 – 1944) war ein französischer Offizier, der meistens in den französischen Kolonien stationiert war. 1967 wurde ein Grundstück von der Welvert-Kaserne abgegeben, um die Kirnacher Strasse zu erweitern. Bis in die 1990er Jahre wurde die Kaserne immer weiter nachgerüstet: Raketenrampen, Garagen, Hallen. 1997 wurde die Kaserne geräumt, im November 2001 definitiv abgegeben. Die Richthofenkaserne, an der Vöhrenbacher Strasse entlang, ist jetzt eher als Lyautey-Kaserne bekannt. In den 80er Jahren haben mehrere pazifistische Demonstrationen von der Innenstadt zu den Kasernen stattgefunden. Die letzte Aktion war Mitte 1995. Im August 1997 wurde die LyauteyKaserne zurückgegeben.

Die Mangin-Kaserne wurde ab 1998 gemein sam von der Bundeswehr und der französischen Armee benutzt, anlässlich einer Grundsanierung der Unterkünfte, zuerst in Immendingen, dann in Donaueschingen. Die Mangin-Kaserne wurde 2014 zurückgegeben. Cités. Die „Cités“ waren die Wohnsiedlungen des Zivil- und Militärpersonals und deren Familien. Es waren die Cité Erbsenlachen in der Schleicherstraße und die Cité Pictorius in der Dattenbergstraße, Förderestraße und Pictoriusstraße. Die Villa des Kommandeurs in der Trudpert-Neugartstraße wurde im Dezember 1953 vom Bund an die französischen Streitkräfte gegeben und im August 1998 zurückgegeben. Dazu kamen Wohngebäude in der Alban Doldstraße, in der Schertlestraße und in der Freiburger Straße. 2015 übergaben die französischen Streitkräfte 272 Wohnungen in Villingen und kündigten 31 Pachtwohnungen.

 

 

 

 

 

 

D

Deutsch-Französische Gesellschaft/Cercle Franco-Allemand. Die DFG in Villingen wurde im Jahre 1966 gegründet, mit dem Ziel, die Verhältnisse zwischen Garnison und Bevölkerung in Villingen zu verbessern. Sie fördert Veranstaltungen, bei denen sich Deutsche und Franzosen begegnen: Ausflüge, Stammtische, Besichtigungen, Wanderungen, usw. Der Anteil der Deutschen in der DFG betrug bis 6,5 % der Villinger Bevölkerung (1992). Es sind nicht nur militärische sondern auch zivile Personen. Fast 100 Franzosen arbeiten in Villinger Betrieben. Die ca. 1000 „militärischen“ Franzosen verließen Villlingen im Sommer 2015. Das deutsch-französische Leben geht aber weiter mit Gastronomie, Partnerschaften, Vereinen und Treffen.

E

Ecoles. Die Anwesenheit der französischen Soldaten hat dazu geführt, dass verschiedene Schulen eröffnet wurden. In Villingen waren zwei französischen Schulen: die Ecole élémentaire (Grundschule) Pierre de Ronsard in der Bärengasse, Klosterring 21, wurde am 02.11.1945 eröffnet und zog später in die Dattenbergstrasse 24, Ecole Romäus umgenannt; die Ecole Maternelle (etwa Kindergarten) P. Kergomard in der Schleicher-strasse. In der Elementarschule in der Dattenbergstraße wurde bis Juni 2014 unterrichtet.

F

Französische Streitkräfte. 1945 kamen die Franzosen nach Villingen als Besatzungstruppen. Ab dem 05.05.1955 wurden die Besatzungstruppen „Stationierungstruppen“ genannt.

G

Garnison. 1991 wurde die Deutsch-Französische Brigade gegründet. Die französischen Einheiten, sowie sie in Deutschland schon stationiert waren, lagen in den Baden-württembergischen Standorten Müllheim, Donaueschingen, Immendingen und Villingen.

H I

Infanterie. Das 110. Infanterie-Regiment war das letzte französische Regiment in der Garnison Donaueschingen-Villingen auf deutschem Boden, im Rahmen der Deutsch-Französischen Brigade. Die Auflösung des Regiments wurde offiziell am 30.10.2013 bekanntgegeben. Der Auflösungsapell fand am 24.06.2014 statt. Der Abschied von der Garnison Villingen fand einige Tage später statt.

J K

Kindergärten. 1953 besuchten 10 französische Kinder deutsche Kindergärten. Dagegen gingen 50 französische Kinder in französische Kindergarten. 30 deutsche Kinder besuchten damals französische Kindergärten. Der letzte französische Kindergarten in Villingen, La souris verte (die grüne Maus) Ecke Kirnacher Straße – Pontarlier Straße, schloss seine Türen im Mai 2014. Kirche. Das Villinger Münster wurde in den 50iger Jahren jeden Sonntag um 11.00 Uhr für die Franzosen reserviert. Der Gottesdienst wurde in Latein gesprochen, die Ministranten waren Deutsche.

Abb. 2: Französische Schule.

 

Kino. Ab 1952 wurde das Theater am Ring für die französischen Soldaten als Kino benutzt. Im Jahre 1955 wurde ein Grundstück in der damaligen Lessingstrasse (heute Pontarlierstrasse) beschlagnahmt, um ein Kino, ein Offizierskasino und eine Post zu bauen.

L

Logistik. Villingen war für die französische Armee ein Verbindungszentrum für militärische Transporte. Material und Güter wurden bis/von Tuttlingen, Reutlingen, Offenburg, Lindau transportiert. Die Hauptlinie war die Schwarzwaldlinie von Friedrichshafen nach Straßburg via Immendingen, Donaueschingen, Villingen, Offenburg, Kehl mit militärischen Zügen.

M

Mess de garnison und Maison de France. Le Mess de garnison wurde in der jetzigen Pontarlier Straße (damals Lessingstraße) 1955 neben dem ehemaligen französischen Kino gebaut, 1997 aufgelöst. Maison de France. Damals hießen die Maisons de France „Foyer du Soldat“ (Soldatenheim) und waren nur für die Truppe gedacht, meistens in der Nähe des Bahnhofs. Das erste Villinger Soldatenheim „Louis Jouvet“ befand sich in der Gerwigstraße, Baujahr 1953, und wurde im September 2002 übergegeben. Im Maison de France konnte man eine Boutique mit französischen Parfums, Kleidung, Getränke und Zigaretten, eine Bar und ein Restaurant finden. Das Maison de France ist seit dem Frühjahr 2007 geschlossen.

N

Nummer. Die privaten Autos des französischen Militärs haben ein Sonderkennzeichen, die blausilbernen Autonummern. Diese Nummern sind nicht mehr auf den Straßen der Stadt zu sehen. Seltener werden auch die normalen französischen Kennzeichnen, da Verwandte oder Freunde nicht mehr zu Besuch kommen werden.

O

Offene Tür. Einmal im Jahr wurde ein Tag der offenen Tür in den Kasernen veranstaltet. Drei Tage lang konnte die Bevölkerung in die Kaserne eintreten. Es waren Stände mit französischen Produkten, Spiele, Essen. Man konnte Brot und Wein kaufen.

Ordnung. Am Anfang der Besetzung sind französische Soldaten als Patrouille abends durch die Stadt gegangen, um für Ordnung zu sorgen. Manchmal waren die Einsätze heftig.

P

Pfaffenweiler. Bei Pfaffenweiler hatten die französischen Soldaten einen Übungsplatz mit Schießstand. Dieses Grundstück wurde genauso wie das Munitionslager Weißwald bei Überauchen zurückgegeben.

Q

R

Requisition. Im November 1945 wurden in Villingen 24 Häuser, 187 Wohnungen von 2 bis 7 Zimmern, 154 Schlafzimmer und 80 Schlafzimmer für Deportierte angefordert. Es waren 647 Familien und 80 Ledige. Die Stadt Villingen hatte damals 20 000 Einwohner. 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland proklamiert. Das war das Ende der Requisitionen.

S

Schwimmbad. Die französischen Streitkräfte in Villingen hatten im August 1952 ein Schwimmbad in der Waldstraße 43 von der Wehrmacht übernommen (jetziges Gebäude der Polizei). Im Jahre 1959 wurde dieses mittlerweile desolat gewordene Schwimmbad zurückgegeben. SABA. Im Oktober 1950 wollten die französischen Behörden ein Grundstück der Firma SABA beschlagnehmen. Nach einem Gespräch mit Ministerpräsident Wohleb und der Firma SABA, bekamen die französischen Streitkräfte das Grundstück und die Firma SABA vom Land Baden ein Darlehen in Höhe von ca. 500.000 DM.

T

Truppen. Die französischen Truppen besetzten zuerst Wohnungen und die in Villingen seit 1936 existierenden Kasernen. Folgende Einheiten waren in den Kasernen untergebracht: 27. Infanterieregiment, 6. Marokkanisches Schützenregiment,

53. Artillerieregiment in der Welvert-Kaserne bis 1975 und das 19. Jägerregiment ab 1963 in die Lyautey-Kaserne. In den 70er Jahre betrug die Stärke der französischen Truppen in Villingen ca. 3.000 Mann, danach nur noch ca. 1.500. 1990 hatte der damalige französische Staatspräsident François Mitterand den Rückzug aller französischer Truppen aus der Bundesrepublik angekündigt. Das „19° GC“ blieb bis zu seiner Auflösung 1997 in Villingen. 1999 wurde in Frankreich die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft. Seit 2000 wurden die französischen Streitkräfte zur reinen Berufsarmee.

U

Urbanismus à la française. Als die französische Armee nach Deutschland kam, brauchte sie für Ihre Soldaten aber auch für das zahlreiche Zivilpersonal und die Familienangehörigen Unterkünfte. So entstehen diese mittlerweile typischen Wohngebäude, die übrigens auch in anderen französischen Garnisonen in Deutschland zu sehen sind, der sogenannte militärische Urbanismus, wie in der Kirnacher Straße oder in Erbenlachen. Das letzte Wohngebäude der französischen Streitkräfte Fördererstraße/Pictoriusstraße wurde im Sommer 2015 dem Bund zurückgegeben.

V

Villingen als französische Garnison. Es scheint, dass es weder ein politischer noch ein strategischer Plan für eine Ansiedlung der französischen Truppen im Voraus gewesen war. Tatsache ist, dass die beiden Länder Baden und Württemberg an Frankreich (Elsass) grenzen. Ziel des 1. französischen Armeekorps zwischen 15. April und 7. Mai 1945 war, von Frankreich aus in Richtung Österreich und Italien zu marschieren, um gegen das 18. SSAK zu kämpfen. 1945 war Villingen ein Rekrutierungszentrum für die Fremdenlegion. Die Légion étrangère hatte über 9.000 Mann im Krieg verloren und hat dann ehemalige deutsche Soldaten oder Kriegsgefangene rekrutiert.

Im Juni 1997 verließ das letzte französische Regiment, das 19. Jägerregiment, die Stadt Villingen. Es blieben nur noch Wohnungen als Ergänzung zur Garnison Donaueschingen, ein Kindergarten und ein Maison de France im ehemaligen Offizierskasino.

W

Weihnachten. Ab Weihnachten 1953 wurden französischen Soldaten in deutschen Familien, Vereinen bzw. Firmen zum Weihnachtsfest eingeladen. Diese Tradition hat sich jahrzehntelang fortgesetzt.

X

Y Z

Zahlen. 1992: 2.500 Franzosen in Villingen. 2007: die französischen Streitkräfte in Deutschland sind 3.730 Soldaten, 220 Zivilpersonal und 2.800 Familienangehörige stark, davon 1.000 in Villingen. 34.000 französischen Soldaten haben in Villingen ihren Militärdienst geleistet. 11% der französischen Soldaten haben eine deutsche Frau geheiratet. Die Deutschlandpolitik Frankreichs der frühen Nachkriegszeit galt als Streben nach Revanche und Repressalien. Die Villinger Bevölkerung hat es auch gespürt. Allmählich doch entwickelte sich eine zukunftsorientierte Politik, deren Ziel es war, das deutsch-französische Verhältnis auf neue Grundlagen zu stellen. Beide Länder haben sich bemüht, die deutsch-französische Verständigung anzustreben. Frankreich und Deutschland haben drei großen Kriege gebraucht (Deutsch-Französischer Krieg 1870 – 1871, Erster und Zweiter Weltkrieg), um die „deutsch-französische Erbfeindschaft“ überwinden zu können. Europa hat damit beigetragen, neue Kriege innerhalb ihrer Grenze für unnötig und unmöglich zu machen. Heute bezeichnet man Frankreich und Deutschland sogar als „deutsch-französischer Motor“ Europas. Villingen hat zwar seine „Kasernenfranzosen“ verloren, bleibt aber durch Schüleraustausche, Partnerschaften aller Art grenznah an Frankreich. Gerne möchte ich an dieser Stelle Dr. Berweck zitieren (2014): „Inzwischen ist aus dem zarten Pflänzlein Deutsch/Französischer Freundschaft ein starker Baum entstanden, in dessen Ästen sich Monsieur Hollande und Madame Merkel tummeln mögen und wenn die beiden sich auch nicht immer gut verstehen, ändert das nichts daran, dass Frankreich und Deutschland heute eine stabile Völkerfreundschaft verbindet.“

Bibliographie:

Archiv Verteidigungsministerium Frankreichs, Vincennes Archiv Auswärtiges Amt Frankreichs, Paris

Villingen 1945, Hermann Riedel Heft XVII, GHV

Heft XXII, GHV Heft XXXIII, GHV

Frankreichs „doppelte Deutschlandpolitik“, Dietmar Hüser Französische Besatzung in Deutschland, Rainer Hudemann

La présence militaire française en Allemagne de 1945 à 1993, Hélène Perrein-Engels

Direction de l’enseignement français en Allemagne, Pierre Grange Die Welvert-Kaserne, Bernd Schenkel

Jahrbuch für Westdeutsche Landesgeschichte, Karl-Heinz Rothenberger und Wolfgang Hentschel