300 Jahre Villinger Stadthof in Unterkirnach (Stadtarchivar Dr. Heinrich Maulhardt)

Feier am 19. September 2015

Grußwort der Stadt Villingen-Schwenningen

Sehr geehrte Familie Hug, sehr geehrter Herr Bürgermeister Braun, sehr geehrte Festgäste,

ich überbringe Ihnen die Grüße der Stadt Villingen-Schwenningen zum runden Jubiläum eines der traditionsreichsten Gebäude von Unterkirnach, mit dem nicht wenig Ortsgeschichte verbunden ist. Sie werden fragen, was verbindet die Stadt Villingen-Schwenningen mit diesem Jubiläum? Und hier meine Antwort: Der Namensbestandteil ,Stadt‘ des Stadthofes bezieht sich auf die Stadt Villingen, die sich im Jahre 1972 mit Schwenningen zusammenschloss.

Villingen hatte im Mittelalter eine städtische Entwicklung genommen. Ausgehend von der Marktrechtsurkunde im Jahre 999 kam es seit dem 12. Jahrhundert zu einer stürmischen Entwicklung zur Stadt mit all ihren Merkmalen: Bau der Stadtmauer mit Wall und Graben, Entstehung eines Zunftbürgertums, relative Unabhängigkeit vom Landesherrn Habsburg, Markt-, Münz- und Zollort.

Abb. 1: Stadthof Unterkirnach. Foto: Wolfgang Armbruster.

 

Was am Ende des Mittelalters noch fehlte war die Ausdehnung der Stadtherrschaft vor den städtischen Mauern. Ab dem 13. Jahrhundert kaufte Villingen systematisch 1 alle nahe der Stadt gelegenen Höfe und ab 1466 auch die Dörfer in der Nachbarschaft, beginnend mit der Herrschaft Warenburg sowie die Dörfer des Brigachtals, Rietheim, Marbach, Klengen, Überauchen, Grüningen und den Weiler Beckhofen. 1383 wurde die Burg Kirneck mit Teilen des Walddistrikts Langmoos erworben. 1510 kamen dann vom Kloster Tennenbach, das eine große Rolle im Mittelalter in Unterkirnach spielte, die Höfe „in der unteren Kirnach“, das heutige Unterkirnach, hinzu. Der Villinger Einflussbereich wurde abgerundet durch den Erwerb von Nordstetten, Pfaffenweiler sowie der Spitalund Heringshöfe. Am Ende der Einkaufstour vergrößerte sich die Stadtherrschaft um ca. 12.000 ha. Die nun von Villingen abhängigen Orte und Höfe hatten Zinsen zu leisten sowie Fuhrund Frondienste, Einquartierungen und militärische Dienste zu erdulden. Zu dem Tennenbacher Kauf gehörte auch der Roggenbacher Hof, ein Kernstück des Tennenbacher Klosterbesitzes in Unterkirnach. Wolfgang Armbruster bezeichnet den Hof in der vorliegenden Festschrift als den „historischen Mittelpunkt“ von Unterkirnach 2. 1680 gelangte der Hof endgültig in das Eigentum der Stadt. Er brannte 1714 ab. „Im selben Jahr entschließt sich Villingen, unter Verwendung der teilweise behauenen Sandsteine der Brandruine, ein neues Hofgebäude zu erstellen, jedoch etwa 200 m nördlicher(…).“ 3 Unser Jubiläum bezieht sich auf den bereits ein Jahr später fertiggestellten neuen Stadthof von 1715. Damals hieß er noch Roggenbacher Hof. Später änderte sich diese Bezeichnung in Stadthof. Den neuen Hof, in dem eine Gastwirtschaft betrieben werden durfte, verpachtete die Stadt unmittelbar nach der Fertigstellung. 4 Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert muss Villingen den Hof vollständig veräußert haben. Der Name Stadthof blieb trotz des Verkaufs bis zum heutigen Tag erhalten.

Der von der Stadt Villingen vor 300 Jahren gebaute Stadthof mit Gastwirtschaft war und ist ein Mittelpunkt von Unterkirnach, er zog auch viele Villinger an, die hier einkehrten, Feste feierten oder Versammlungen abhielten. Vor 20 Jahren hielt ich anlässlich eines Familientreffens der Sippe Blessing im Stadthof einen Vortrag zur Familiengeschichte. Es war nicht alles gut, was von Villingen aus für Unterkirnach bestimmt war, insbesondere in Kriegszeiten. Die etwa 300 Jahre dauernde Stadtherrschaft war für die Unterkirnacher zweifellos auch eine Last in Gestalt von Abgaben, Fron- und Militärdiensten. Der von Villingen errichtete Stadthof darf dagegen als Wohltat für Unterkirnach betrachtet werden.

Ich wünsche dem Stadthof und seinem Wirt Josef Hug im Namen der Stadt Villingen-Schwenningen alles Gute für die Zukunft. Möge der Stadthof auch in Zukunft ein geschätzter Ort für Freundschaften, Heimat, Dorfleben, Gastlichkeit und Begegnungen sein nicht zuletzt auch für Villinger und Schwenninger.

Anmerkung

1 Vgl. auch im Folgenden: Ulrich Rodenwaldt: Das Leben im alten Villingen. Im Spiegel der Protokolle des 17. und 18. Jahrhunderts. 3. Auflage. Villingen-Schwenningen 1993 (1976), S. 12.

2 Wolfgang Armbruster: 300 Jahre Stadthof Unterkirnach. Herausgeber Verein für Heimatund Orchestriongeschichte Unterkirnach e. V. Unterkirnach 2015.

3 Armbruster, S. 4.

4 Vgl. Klaus Maiwald u. a.: Unterkirnach. Geschichte einer Schwarzwaldgemeinde. Unterkirnach 1994, S. 46 – 50.