Erinnerung an Klaus Ringwald (Erwin Teufel)

Der Geschichts- und Heimatverein hält die Erinnerung an Klaus Ringwald wach. Unter der Leitung von Altdekan Kurt Müller besuchte der Verein auf einer Tagesfahrt mehrere Stätten mit Kunstwerken von Klaus Ringwald, unter anderen das Städtchen Kork bei Kehl mit dem „Stier von Kork“. Bei der Einweihung dieses Werkes am 8. August 2009 hielt unser Mitglied, Ministerpräsident a. D. Erwin Teufel, die Einweihungsrede, die wir nachstehend abdrucken.

Abb. 1: Prof. Klaus Ringwald.

 

Zuerst beglückwünsche ich Klaus Ringwald zu seinem 70. Geburtstag, den er vor zwei Tagen feiern konnte. Ich beglückwünsche Sie, lieber Herr Ringwald, zu Ihrem seitherigen Lebenswerk. Ich wünsche Ihnen Lebensfreude, Schaffenskraft und eine gute Gesundheit für die Zukunft.

Klaus Ringwald ist in Schonach im Schwarzwald geboren. Er ist ein Wälder, bodenständig, heimatverbunden, dickköpfig, mit eigener Meinung, nicht leicht davon abzubringen, keine Untertanenmentalität, skeptisch gegenüber jeder Obrigkeit.

Schonach liegt in eintausend Meter Höhe. Das schafft ihm einen Überblick, gibt ihm Weitblick. Auf die Landschaft am Rhein schaut er herunter.

Klaus Ringwald ist als Kind einfacher Leute geboren, von Menschen, die sich durchschlagen müssen gegen vielfältige Widrigkeiten der Natur, die Standfestigkeit zeigen müssen, wenn der Wind ins Gesicht bläst, in den Worten von Klaus Ringwald: „Es scheint, dass es in die Wiege gelegt ist, welchen Weg Gott für einen Menschen ausersehen hat.“

Klaus Ringwald hat vielfältige Talente und Begabungen mitbekommen. Er hat sie genutzt. Er hat Ideen, eine geistige Kraft, einen Willen zur Durchsetzung, eine Kunst zur Darstellung, eine große Gestaltungskraft. Das kann man nicht lernen, das ist einem geschenkt. „Was bist Du, das Du nicht empfangen hättest“, steht im Korintherbrief 4,7.

Das Werk

Das Werk eines Künstlers entsteht zunächst im Kopf. Es entspringt seiner Vorstellungskraft und Ausdruckskraft, seiner Beobachtungsgabe und Einordnung in ein Ganzes.

Die Aufnahme der Wesensmerkmale einer Person oder auch eines Stiers, wie hier, oder einer gegebenen Situation für die Wahrnehmung einer Gestaltungschance ist eine große Stärke von Klaus Ringwald. Das gilt für die Aufnahme der Lücke über dem Portal der Kathedrale von Canterbury, wie für die ausdrucksvollen Köpfe und Tiere. Eine Meisterleistung ist der porträtierte und in Bronze gegossene Charakterkopf von Carlo Schmid in der Residenz der deutschen Botschaft in Paris.

Abb. 2: Carlos Kopf II (Prof. Carlo Schmid).

 

Ein weiteres Beispiel sind die Figuren und Ereignisse auf den Bronzeportalen des Villinger Münsters und später auch des singulären Münsterbrunnens in Villingen. Seit den Portalen von Sant Zeno in Verona kenne ich nichts Vergleichbares bis zu den Münsterportalen in Villingen. All dieses Schaffen waren Stationen auf dem Weg zum Gipfel. Der Gipfel, der absolute Höhepunkt war der Auftrag an einen Deutschen zur Neuschaffung der großen Christus Auferstehungsfigur in der von den Deutschen im II. Weltkrieg bombardierten Stadt Canterbury. „In jedem steht ein Bild, des, was er werden soll: solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll“, sagt der Dichter Friedrich Rückert.

Wer es erreicht, für den entsteht der Kairos: für die Griechen die erfüllte Zeit, der große Augenblick, die Synthese von Wollen und Vollbringen.

Für Klaus Ringwald kam dieser Augenblick, als er mit 70 anderen Künstlern aufgefordert wurde, für das Portal der Kathedrale von Canterbury einen Vorschlag einzureichen und er den Gestaltungsauftrag erhielt.

Abb. 3: Christusfigur am Christ Church Gate in Canterbury.

 

Canterbury ist die Mitte der anglikanischen Kirche, Sitz des Erzbischofs und Kathedralkirche von England, Mutter aller britischen Kathedralen. 1643, in den Zeiten der Religionskriege, traten Ritterorden des Commonwealth in die Kathedrale ein und zerstörten sie. Zuerst holten sie die große Christusstatue des Pantokrates herunter, stürzten sie zu Boden und zerstörten sie. 347 Jahre war die Torfassung leer. Die Christuskirche war ohne ihre Hauptfigur.

Die letzten 50 Jahre stritt man, ob eine alte gotische Figur im alten Stil oder eine moderne Plastik an ihre Stelle treten solle, dann ob eine Steinfigur wie früher oder eine große Bronzeplastik.

Der interne Wettbewerb von 70 Künstlern verjüngte sich auf vier, zwei Briten, einen Franzosen und einen Deutschen: Prof. Klaus Ringwald.

Abb. 4: Der Stier von Kork.

Er bekam den Auftrag, weil er erkannte, dass in die Vertikale dieser großen gotischen Fassade eine Horizontale gehört. Er schuf einen großen Christus, der thront ohne Thron, der sitzt und dennoch in Bewegung ist, auf die Menschen zugeht mit weit geöffneten Armen und einer Gesichtshaltung, die nichts von einem Herrscher an sich hat, sondern einen Ausdruck von Güte und Liebe und Entgegenkommen. Jeder, der ihn sieht, denkt sofort an die Bibelstelle: „Kommt alle zu mir, die ihr müheselig und beladen seid. Ich werde euch aufatmen lassen.“ (Matth. 11,28).

Ein Jahrhundertauftrag für Klaus Ringwald, eine große Gestaltungsaufgabe, die Realisierung einer grandiosen Idee, das Sich-Versenken in die Person des Gott – Menschen Jesus Christus, unseres Erlösers.

Ein Auftrag, 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem deutsche Bomben auf die Stadt Canterbury fielen. Ein Symbol der Versöhnung von zwei Völkern, die sich als Feinde in vielen Kriegen gegenüberstanden.

Klaus Ringwald wurde mit einem Schlag ein Künstler und Bildhauer von internationalem Rang. Ich durfte ihn als Ministerpräsident aus Überzeugung zum Professor ernennen. Diesen Künstler von Rang haben Bürger von Kork für einen großen Auftrag gewonnen. Die Geschichte und Sage des Korker Stiers wurde geschildert und sie kennen sie besser als ich. Sie hat sich über Jahrhunderte gehalten und wurde zum Teil der Identität der Korker Bürgerschaft. Eine Gemeinde wie Kork, eine Stadt wie Kehl kann sich glücklich schätzen über solche aktive Bürger und Mäzene, über Kenntnis und Liebe zur Kunst und zur künstlerischen Gestaltung des öffentlichen Raumes und der Mitte einer Gemeinde. Ich möchte allen Förderern und Stiftern ein herzliches Wort der Anerkennung sagen.

Das Kunstwerk ist gelungen.

Der Stier, seit der Zeit der alten Sagen und Mythen der Völker Symbol der Kraft und der Stärke, wird diesem Ruf im Werk des Bildhauers Klaus Ringwald gerecht. Er strotzt vor Kraft, er hat die richtigen Proportionen, er ist auch als Guß hervorragend gelungen.

Nicht nur der Künstler, auch die Meister des Gießens und der Bronzekunst in München verdienen unsere ganze Anerkennung.

Der Stier ist aber auch Symbol für ein Tier, mit dem die Menschen seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden eng zusammenleben, den sie sich dienstbar gemacht haben, der seine Kraft den Menschen zur Verfügung stellte, der half, dass aus einer Urwald- und Naturlandschaft eine Kulturlandschaft wurde. Ein großer Tag für Kork, ein großer Tag für Prof. Klaus Ringwald.

Herzlichen Glückwunsch an den Künstler und an die Meister des Gießens und herzlichen Glückwunsch an alle Bürgerinnen und Bürger von Kork und von Kehl.

Anmerkung der Redaktion:

Die Bronzeskulptur ist inspiriert von der Korker Stierlaufsage, die in einer Urkunde von 1476 erwähnt wird. Ein blinder fünfjähriger Stierbulle sollte den strittigen Grenzverlauf im Korker Wald klären, um den es ständig Zwist gab. Sein Lauf sollte die Grenze künftig unanfechtbar darlegen. Vom „Korker Bühl“, dem heute mit Fachwerkgiebeln umsäumten Zentrum des Kehler Ortsteils, wurde er nach der Sage losgeschickt, dorthin kehrte er zurück und stieß sich sein eigenes Horn ins Herz. Die Blindheit, wie Helmut Schneider ( Historiker aus Kork) erläuterte, sei Symbol der Unbestechlichkeit – auch die Justitia hat verbundene Augen -, der Selbstmord Symbol für das Opfer, das der Allgemeinheit gebracht werde.