Pater Gottfried Lumper,ein strenger Lehrer und aufgeklärter Autor (Michael Tocha)

Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (8)

Die geschichtliche Überlieferung kann einseitig sein. Nicht jeder Lehrer am Benediktinergymnasium, der mit den Ideen seiner Zeit vertraut war und seinen Schülern etwas mitgeben konnte, hat auch eine Spur aus Texten hinterlassen. Das Wirken und Denken von Pater Gottfried Lumper jedoch wird in zahlreichen Briefen und tausenden Seiten aus seiner Feder greifbar. So erscheint er in der Rückschau als der bedeutendste Lehrer und Gelehrte, den das Villinger Kloster hervorgebracht hat.

Lumper wurde am 9. Februar 1747 in Füssen geboren und trat nach ersten Studien in Ochsen-hausen 1764 bei den Villinger Benediktinern ein. 1770 – 1771 wurde er nach St. Gallen geschickt, um dort die französische Sprache zu lernen. 1 Nach seiner Priesterweihe 1771 verließ er die Klausur nur noch, um die dem Kloster anvertraute Pfarrei in Pfaffenweiler zu betreuen. 2 Er lehrte als Professor am Klostergymnasium und stieg zu dessen Präfekten und zum Prior der Mönchsgemeinschaft auf. Er starb am 8. März 1800, „vita longiore dignissimus“, eines längeren Lebens würdig, wie ihm der Freiburger Professor Engelbert Klüpfel ins Grab nachruft. 3

Klüpfel hebt hervor, dass P. Gottfried sich Tag und Nacht dafür eingesetzt habe, das akademische Niveau, aber auch den Lebenswandel seiner Schüler zu heben; deshalb sorgte er streng für Disziplin. Dabei lässt sich Klüpfel zu einem wahren Ausbruch von Skepsis über den Menschen an sich hinreißen: Wenn Disziplinlosigkeit ungestraft durchgehe, würden Künste und Wissenschaften besudelt und die Sitten am Ende unmenschlich. 4 Eine ähnlich pessimistische Annahme von der Natur der Jugend liegt schon der Disziplinarordnung des Abts Cölestin Wahl von 1766 für das Benediktinergymnasium 5 zugrunde, die während Lumpers Noviziat erlassen wurde und während seiner eigenen Lehrtätigkeit galt. Solche Stellungnahmen mögen zeittypischer Pädagogenrhetorik geschuldet sein, vielleicht blitzt in ihnen aber auch ein jansenistisch grundiertes Menschenbild auf. Nach dieser von der Kirche verurteilten Auffassung kann der zutiefst sündige Mensch aus freiem Willen nichts zu seiner Erlösung beitragen, sondern ist ganz auf Gottes Gnade angewiesen. Der Teufel besitze die Seele des Kindes vom Mutterleib an, so 1642 Jean Duvergier de Hauranne, einer der Begründer des Jansenismus; um die Taufgnade zu bewahren, müsse daher die Erziehung in höchstem Maße disziplinierend und autoritär sein; die erzieherische Kontrolle muss den Zögling in vollem Umfang erfassen, behütende Aufsicht, strenge Zucht und harte Strafen sind notwendige Mittel der Erziehung. 6 Pädagogische Härte gehört also zu jener religiösen Strömung, der im Österreich des 18. Jahrhunderts führende Persönlichkeiten und auch viele Benediktiner trotz des kirchlichen Verbots anhingen. Um auch bei Lumper in seiner Rolle als gestrenger Vorsteher des Gymnasiums einen Einfluss des Jansenismus auszumachen, ist zwar die Textbasis zu schmal; ganz von der Hand zu weisen ist die Vermutung aber nicht. Wie immer seine Strenge auch zu erklären ist, feststehen dürfte, dass die Schüler gefordert wurden und gerade dies zum guten Ruf des Villinger Gymnasiums beitrug.

Die Widmungen der von ihm geschriebenen Bücher umreißen Lumpers geistigen Horizont; sie zeigen ein Netzwerk aus Persönlichkeiten, an denen er sich ideell ausrichtete oder mit denen er in direktem Austausch stand. Dazu gehören die Geistlichen des Villinger Landkapitels, sein früherer Abt Romuald von Ochsenhausen ebenso wie sein derzeitiger Abt Anselm Schababerle, Joseph Theophil Schubart aus Villingen, Doktor der Theologie und Kanoniker an St. Stephan in Konstanz, ein besonderer Förderer des Klosters, aber auch der Benediktinerbischof Morosini in Verona. Von besonderem Interesse sind die Widmungen im ersten, vierten, fünften und siebten Band seines patristischen Hauptwerks (s. u.). Den ersten Band hat Lumper Franz Stephan Rautenstrauch, dem Abt der Benediktinerabtei Brˇevnov/ Braunau bei Prag, gewidmet und diesen damit besonders herausgehoben. Als Mitglied der Studienhofkommission, der obersten Erziehungsbehörde der Habsburgermonarchie, hatte Rautenstrauch 1774 eine nachhaltige Reform des Theologiestudiums durchgesetzt, die Bibelstudien, Patristik (d.h. Studium der Schriften der „patres“, der Kirchenväter der Spätantike), Kirchengeschichte und Pastoral in den Mittelpunkt stellte. Er befürwortete die Unterordnung der Kirche unter den Staat und war enger Berater Maria Theresias und Josephs II. Der vierte Band nennt Engelbert Klüpfel mit besonderer Ehrerbietung. Lumper war ein enger Mitarbeiter und Freund dieses bedeutenden Freiburger Aufklärungstheologen. Er schrieb 1775 – 1783 für dessen Nova Bibliotheca Ecclesiastica Friburgensis, die erste literarische Rundschau des katholischen Deutschland. Außerdem standen die beiden Männer fast zwanzig Jahre lang in einem intensiven Briefwechsel. 7 Den fünften Band hat Lumper Nikolaus Will zugeeignet, Professor an der Universität Freiburg und 1783 – 1790 Direktor des dortigen josephinischen Generalseminars für die Theologenausbildung. Der siebente Band schließlich widmet Lumper dem Donauwörther Benediktiner Beda Mayr. Dieser setzte sich für die Verwendung der deutschen Sprache in der Liturgie ein und ist mit seinen Plänen zur Vereinigung von Katholiken und Protestanten einer der bekanntesten Theologen der Epoche. All diese Persönlichkeiten stehen für eine katholisch-aufgeklärte Ideenwelt, nämlich Reform der Theologie durch historisch-kritischen Rückgriff auf Bibel und Kirchenväter, Reform der Liturgie durch Verwendung der Muttersprache, Offenheit gegenüber Protestanten und die führende Rolle des Staates auch in kirchlichen Angelegenheiten.

Abb. 1: Widmung für Joseph Theophil Schubart aus Villingen.

Dass sich Lumper theologisch und kirchenpolitisch auf dieser Linie bewegte, bestätigt sich in den Werken, die er seit den 80er Jahren veröffentlichte. 1784 erschien in Ulm „Die römisch-katholische Messe in teutscher Sprache nebst angehängten verschiedenen Gebeten“. Mit dieser Schrift leistet er seinen Beitrag zu dem Anliegen der kirchlichen Reformer in Österreich und Süddeutschland, der katholische Christ solle, statt Rosenkranz betend dem unverständlichen Gemurmel der Priester am Altar beizuwohnen, zu mehr innerer Beteiligung und einem bewussteren Mitvollzug der Messe angeleitet werden. – Vier Jahre später legte er seine Überarbeitung der Religions- und Kirchengeschichte des Wittenberger protestantischen Historikers Johann Martin Schröckh vor, die zwei Auflagen erlebte. 8 Mangels katholischer Alternativen war dessen ursprüngliches Lehrbuch 1786 von Joseph II. an den erbländischen Universitäten mit der Weisung eingeführt worden, dass der Lehrer der Kirchengeschichte „die in dem Schröckhischen Werke vorkommenden von der katholischen Lehre abweichenden Sätze durch überzeugende Beweise zu widerlegen habe.“ 9 Darüber gab es Unmut, so dass Schröckhs Lehrbuch 1788 durch das des Freiburger Professors Dannenmayer ersetzt wurde. Wenn Lumper im selben Jahr seine Überarbeitung vorlegte, kann man vermuten, dass er mit dem Konzept seines Freiburger Glaubensgenossen nicht völlig einverstanden war und den Ansatz des Wittenberger Protestanten nach wie vor für geeigneter hielt. 10 1796 brachte Lumper in Ulm ein weiteres Werk zur praktischen Seelsorge heraus, Der Christ in der Fasten, das ist: die Fastenevangelien nach dem buchstäblichen und sittlichen Sinn, eine Erbauungsschrift für den „gemeinen Mann“. Sie enthält für jeden Tag der Fastenzeit das Evangelium der Messe mit einer Texterklärung und einem abschließenden Gebet. Einem Rezensenten in Jena gefiel „die überall sichtbare Tendenz, schädlichem Aberglauben entgegen zu arbeiten“, und dass „in der Auseinandersetzung des sogenannten sittlichen Sinnes nicht die geringste Spur einer schwärmerischen Mystik, wie es bey katholischen Erbauungsschriften gewöhnlich der Fall ist“, anzutreffen sei. 11 Parallel zur Abfassung dieser Bücher arbeitete Lumper an seinem Hauptwerk, einer dreizehnbändigen Darstellung der Schriften der Kirchenväter. 12 Die Universitätsbibliothek Freiburg besitzt aus den Beständen St. Georgens ein patrologisches Lehrbuch des Brˇzevnover Benediktiners und Prager Professors Bonifacius Schleichert von 1778, das an den Wiener Universität eingeführt war. 13 Es trägt den handschriftlichen Vermerk Lumpers, dass er es 1779 aus Messgebühren angeschafft habe; 14 offensichtlich diente es ihm zur Orientierung für sein eigenes geplantes Werk. Lumper konnte seine Patrologie nicht zu Ende führen, hat aber zur Einbürgerung patristischer Studien im katholischen Deutschland einen wichtigen Beitrag geleistet, was selbst ein kritischer protestantischer Rezensent zugestand. 15 So trug ein einzelner Mönch dazu bei, dass aus Villingen wichtige Impulse zur Weiterentwicklung der theologischen Wissenschaft kamen.Dass Gottfried Lumper solche Werke verfassen konnte, ohne die Klausur verlassen zu müssen, hängt wesentlich mit der gut ausgestatteten Klosterbibliothek zusammen. Sie umfasste am Ende rund 20.000 Bände, mehr als die berühmte Bibliothek von Wiblingen. Die beiden letzten Äbte Cölestin Wahl und Anselm Schababerle sorgten dafür, dass sie gezielt erweitert wurde. Lumper preist 1783 Abt Anselm als Mäzen, weil er Maurinerausgaben der Kirchenväter ebenso wie Bücher vieler Fachrichtungen angeschafft habe eingedenk des Ausspruchs „unseres großen Mabillon“, dass die Klosterzucht zu allen Zeiten dort blühe, wo die Wissenschaften gepflegt werden. 16 Fünf Jahre später allerdings klagt er, dass wegen der Religionsfonds- und der Türkensteuer kaum noch Geld für den Kauf von Büchern übrig sei. Wenn dennoch Geld zur Verfügung stand, setzte er sich dafür ein, dass Bücher von Protestanten angeschafft wurden, an deren Mangel die Klosterbibliothek bislang gelitten habe, wie er 1789 in einem Brief an Klüpfel schreibt. 17

Abb. 2: „Dispellit Tenebras“ – es zerstreut die Finsternis: Das Emblem auf der Titelseite von Lumpers Patrologie verbindet die Vorstellung von Christus als dem Licht der Welt mit der Lichtmetaphorik der Aufklärung.

 

Gottfried Lumper war weniger der originelle Forscher, der Quellen neu erschloss und aus ihnen neue Ansätze entwickelte, als der Didaktiker, der das vorhandene Material für die Praxis des Lehrens und Studierens aufbereitete und damit dazu beitrug, dass neue Auffassungen in die Breite wirken konnten. In allen seinen Schriften lässt sich ein gemeinsamer Grund ausmachen: der Christ soll seinen Glauben auch im Verstande begreifen. Dafür müssen die Glaubenswahrheiten anhand der Väter, die am nahesten am Christusgeschehen und der Entstehung der Heiligen Schrift standen, überprüft und bestätigt werden. In der Praxis sollen der bloß äußerliche Vollzug von Riten sowie magische und abergläubische Vorstellungen überwunden werden, stattdessen erwächst aus einem von innen heraus begriffenen Christentum sittliche Vervollkommnung. In diesem Punkt trifft sich Lumper mit dem Josephinismus, der ähnliche Anliegen verfolgte. Bei der Erneuerung und Weiterentwicklung der Theologie haben die Protestanten einen Vorsprung, so dass auch Katholiken von ihnen lernen können. Es hat sich eingebürgert, die reformbereite, nüchterne, historisch-kritische, auf moralische Besserung abzielende und gegenüber Protestanten aufgeschlossene Form des Katholizismus im 18. Jahrhundert als „katholische Aufklärung“ zu bezeichnen. Gottfried Lumper kann neben seinem Abt und seinem Mitbruder Georg Maurer als ihr führender Vertreter im Villinger Benediktinerkloster gelten.

Verweise

* „Gottfried Lumper kaufte [dieses Buch] aus Messgebühren 1779.“ Handschriftliche Notiz in Lumpers Exemplar von Schleicherts Patrologie, s. Anm. 13 u. 14, bearbeitet.

1 Vgl. Pirmin Lindner: Die Schriftsteller und Gelehrten der ehemaligen Benediktiner-Abteien im jetzigen Großherzogthum Baden vom Jahre 1750 bis zur Säcularisation, in: FDA 20, 1889, S. 128

2 Vgl. Werner: Lumper, Gottfried, in: Allgemeine Deutsche Biographie (1884), Onlinefassung, URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd117316032.html (Aufruf 15. Okt. 2015)

3 Engelbert Klüpfel: Necrologium Sodalium et Amicorum litterariorum qui autore superst. d. s. obierunt, Freiburg 1809,

S. 253, http://bsb3.bsb.lrz.de/~db/1007/bsb10070392Ämages/ index.html (Aufruf 24. 1. 2016)

4 Vgl. ebd., S. 251 f.

5 Leges Scholasticae Pro studiosa Juventute in gymnasio Benedictino Villingano, Generallandesarchiv Karlsruhe (GLAK) 184, Nr. 715. Vgl. auch Michael Tocha: Wer baden geht, fliegt!, in: Villingen im Wandel der Zeit XXXVII/2014, S. 31 f.

6 Vgl. Gerald Grimm : Die Schulreform Maria Theresias 1747 – 1775. Das österreichische Gymnasium zwischen Standes-schule und allgemeinbildender Lehranstalt im Spannungsfeld von Ordensschulwesen, theresianischem Reformabsolutismus und Aufklärungspädagogik, Frankfurt/M. 1987, S. 207; Winfried Böhm: Entwürfe zu einer Pädagogik der Person: gesammelte Aufsätze, Bad Heilbrunn 1997, S. 216 f. (Google Books)

7 Georg Pfeilschifter: Ein Briefwechsel zwischen dem Freiburger Dogmatikprofessor Klüpfel und dem Villinger Patristiker Lumper aus den Jahren 1780-1798. In: Festschrift Sebastian Merkle: zu seinem 60. Geburtstag gewidmet von Schülern und Freunden, hrsg. unter Mitw. von Wilhelm Schellberg, Düsseldorf 1922, S. 217 – 242

8 Jo. Mart. Schroeckhii historia religionis et ecclesiae christianae. In usus praelectionum catholicarum reformata et aucta, Augsburg 1788; Institutiones historiae ecclesiasticae methodo Schroeckhii publicis praelectionibus accomodatae, Augsburg 1790

9 G. Frank: „Schröckh, Johann Matthias“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 32 (1891), S. 498 – 501, Onlinefassung, URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118761803.html? anchor=adb (Aufruf 19. Nov. 2015)

10 Vgl. Erwin Keller: Der Freiburger Theologe Engelbert Klüpfel in seiner Zeitschrift Nova Bibliotheca Ecclesiastica Friburgensis, in: FDA 103, 1983, S. 79

11 Allgemeine Literatur-Zeitung (ALZ), Ergänzungsblätter, Jg. III, Nr. 28, Jena und Leipzig 1803, S. 224 (Google Books)

12 Historia theologico-critica de vita, scriptis atque doctrina sanctorum patrum, 13 Bände, Augsburg 1783 – 1799. Das Stadtarchiv VS hat dieses Werk 1999 ersteigert und damit an seinen Ursprungsort zurückgeholt.

13 P. Bonifacii Schleichert … Institutiones Historiae Litterariae Theologiae, Prag 1778

14 Vgl. http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/prn_lumper_gottfried/ 0001 (Aufruf 23. 1. 2016), s. Schriftband über diesem Aufsatz.

15 Vgl. ALZ, Nr. 98, 3. April 1795, S. 17 – 20

16 Vgl. Historia theologico-critica, Bd. 2, S. 4 f. Lumper schrieb diese Sätze genau 100 Jahre nach Mabillons Besuch in Villingen.

17 Vgl. G. Pfeilschifter: Briefwechsel, S. 235