Mehr Platz für die Musik (Kurt Müller)

Die Erweiterung der Empore während der Münsterrenovation 1905 bis 1909

Abb. 1: Orgelempore im Villinger Münster.

 

Das war der Zustand der Orgelempore im Villinger Münster von 1818 bis 1905. Die da aufgestellte Orgel von Johann Michael Bieler stammt aus der säkularisierten Johanniterkirche und wurde mit vertauschten Gehäuseteilen im Münster aufgestellt (vgl. Orgelgeschichte der Münsterpfarrei von Prof. Hans Musch in der Festschrift zur Einweihung der Sandtner Orgel 1983). Auf dem Bild sind noch an den Schiffwänden die 14 von Josef Schupp 1720 geschaffenen Apostelfiguren zu sehen (12 Apostel ergänzt durch den Völkerapostel Paulus und den Villinger Stadtpatron Barnabas). Die ab 1905 begonnenen Neugestaltung der Kirchen-schiffwände beinhaltete den Auftrag an Theodor Baierl aus München, nach Norden 7 Bilder der Schmerzen Mariens und nach Süden 7 Bilder der Freuden Mariens zwischen die Figuren zu malen. Die verzierenden Stuckrahmen und ein langes barockes Fries darüber schufen Weißburger und Kubanek aus Freiburg. Im Verlauf dieser Arbeiten stellte sich heraus, dass die Wiederverwendung der alten Orgel nicht möglich war. Also plante man mit der Orgelbaufirma Schwarz und Sohn aus Überlingen eine, größere Orgel, und man wollte auch mehr Platz schaffen für den Münsterchor. Daher wurde die Orgelempore um ein Bogenfeld nach vorn vergrößert. Die beiden hinteren Apostel hatten somit keinen Platz mehr, sie stehen jetzt in der Dauerausstellung des Franziskanermuseums in ihrer ursprünglichen Farbigkeit. Die beiden hinteren Bilder der Freuden und Schmerzen Mariens hängen jetzt in der Benediktinerkirche.

Der neu eingebaute und der alte Bogen unter der Empore sollten nicht schmucklos bleiben. Felix Baumhuber (1876 bis 1960 aus München) wurde beauftragt, die Bogenfelder auszumalen. Als Hauptmotiv unter der Empore wählte er ein Engelskonzert. Wir kennen aus der Heiligen Schrift die Instrumente der Engel. Den Psalm 150, dem großen Halleluja wird gesungen: Lobt Gott in seinem Heiligtum, lobt ihn in seiner mächtigen Feste, lobt ihn für seine großen Taten. Lobt ihn mit dem Schall der Hörner, lobt in mit Harfe und Zither, lobt ihn mit Pauken und Tanz, lobt ihn mit Flöten und Saitenspiel, lobt ihn mit hellen Zimbeln, lobt ihn mit klingenden Zimbeln. Alles was atmet lobe den Herrn.

Abb. 2: Engel mit Flöte.

 

Abb. 3: Engel mit Viola.

 

Abb. 4: Engel mit Tamborin
Abb. 5: Engel mit Laute.

 

Abb. 6: König David auf der Harfe spielend.

 

Abb. 7: Die Heilige Cäcilia, Patronin der Kirchenmusik.

 

Im Matthäus Evangelium (Mt 24, 31) heißt es vom Weltgericht: Er wird seine Engel aussenden mit lautem Posaunenschall. Wir kennen aus der Präfation zu Beginn des Hochgebetes in jeder Eucharistiefeier die Musik der Engel: „Auch wir preisen dich mit den Chören der Engel und singen vereint mit ihnen: Heilig…“.

Bei unserem Engelskonzert unter der Empore spielen die Engel auf Flöte, Viola, Tamborin und Laute.

Die Außenseite der Bogen schmücken 4 Personen, die viel aussagen über den Wert und die Wurzeln der geistlichen Musik.

Auf der Harfe spielend sehen wir den alttestamentlichen König David (geboren um 1000 v. Chr.). Ihn kennen wir als Besieger von Goliath. Wir wissen um sein Harfenspiel vor König Saul. Er war ein Kriegsheld und zugleich wegen Bazeba und Urija ein bußfertiger Sünder. Er hat die Bundeslade nach Jerusalem gebracht und den Tempelbau vorbereitet. Er ist der große Sänger und Psalmendichter Israels. Über 70 Beispiele im Buch der Psalmen stammen von ihm. Er gilt für Israel und für die Kirche als Stammvater und Patron des Psalmengesanges, der Sänger und Musiker.

Ihm gegenüber sitzt am Orgelpositiv die Heilige Cäcilia. Sie stammt aus dem römischen Geschlecht der Cäcilier. Um 200 ist sie als Märtyrerin gestorben. In der Kirche St. Cäcilia in Trastevere in Rom ist sie von Stefano Maderna als liegende Figur lebensgroß aus Marmor gehauen dargestellt. 1595 wurde ihr Leichnam in dieser Form auf der Seite liegend aufgefunden. Die Cäcilienlegende gehört zu ergreifendsten Dichtungen des christlichen Altertums. Darin heißt es von ihrer Hochzeit: „Während die Musikinstrumente erklangen sang Cäcilia in ihrem Herzen nur zu Gott gewandt“ Daher gilt sie als Patronin der Kirchenmusik, des Chorgesangs und der vielen Kirchenchöre. Ihr Grab und ihr Denkmal in Rom werden überaus stark besucht.

Abb. 8: Der Heilige Ambrosius, Vater des lateinischen Kirchengesangs.

 

Auf dem hinteren Bogen auf der rechten Seite ist der Heilige Ambrosius dargestellt. Er ist 339 in Trier geboren als Sohn des römischen Präfekten in Gallien. Nach dessen Tod kam er nach Rom und wurde dann Konsul in Mailand. Noch als Taufbewerber wurde er zum Bischof von Mailand gewählt und dann 374 geweiht. Dass er ein großer Prediger war, bezeugt der Heilige Augustinus, der ihn in Mailand oft gehört hat. Er dichtete und komponierte Hymnen und Gesänge, er gilt als Vater des lateinischen Kirchengesangs. Der ambrosianische Lobgesang, das Te Deum, Großer Gott wir loben dich, geht auf ihn zurück. Das Attribut der Bienenkorb belegt seinen Bienenfleiß bei der pastoralen Arbeit. Er ist 397 in Mailand gestorben und gilt als einer der Patrone der geistlichen Musik.

Abb. 9: Papst Gregor der Große, ein wichtiger Patron der geistlichen Musik.

 

Auf der linken Seite sehen wir den Papst und Kirchenlehrer Gregor den Großen. Er war ein hervorragender Papst. Aus dem Andreaskloster in Rom, aus dem er selber kam, schickte er 40 Mönche unter Führung von Augustinus nach England und legte damit den Grundstein für die Christianisierung Britanniens: Er war ein großer Theologe und Seelsorger und Mann der Caritas. Sein Attribut, die Taube des Heiligen Geistes, inspiriert ihn bei seiner Arbeit. Er war ein großer Sammler und Förderer des einstimmigen lateinischen Kirchengesanges, der seither den Namen gregorianischer Choral trägt. Somit ist er ein wichtiger Patron der geistlichen Musik in der katholischen Kirche.

Die künstlerische Gestaltung der Flächen unter der Orgel und der Empore stellt nicht nur eine malerische Verschönerung dar. Das Bildprogramm mit dem Engelskonzert und den 4 um die geistliche Musik hochverdienten Persönlichkeiten soll den spirituellen, liturgischen und musikalischen Anspruch belegen, mit dem das Orgelspiel und der Chorgesang auf der Empore in Vergangenheit und Gegenwart gepflegt sein wollen.

Anmerkungen:

Bildunterschriften:

Abb. 1: Orgelempore im Villinger Münster.

Abb. 2: Engel mit Flöte.

Abb. 3: Engel mit Viola.

Abb. 4: Engel mit Tamborin.

Abb. 5: Engel mit Laute.

Abb. 6: König David auf der Harfe spielend.

Abb. 7: Die Heilige Cäcilia, Patronin der Kirchenmusik.

Abb. 8: Der Heilige Ambrosius, Vater des lateinischen Kirchengesangs.

Abb. 9: Papst Gregor der Große, ein wichtiger Patron der geistlichen Musik.