Aufbruch aus einer schweren Zeit (Erwin Teufel)

Von meinem Freund Günter Rath wurde ich gebeten, einige Schwerpunkte meiner Arbeit als Landtagsabgeordneter von Villingen-Schwenningen darzustellen.

Dies mache ich gerne, wenngleich ich nur einige Beispiele nennen kann, weil alle anderen den Rahmen eines Beitrags für das Jahresheft des Geschichts- und Heimatverein sprengen würden.

Karl Brachat, der im Landkreis Villingen-Wolfach seit Gründung des Landes Baden-Württemberg 5 Legislaturperioden im Landtag vertrat, ließ mich Anfang 1971 an sein Totenbett kommen und bat mich nachdrücklich darum, sein Nachfolger zu werden. Nach seinem Tod sprach sich der Kreisvorstand der CDU Villingen unter Vorsitz von Walter Späth für meine Kandidatur aus. Dem folgte dann auch der Kreisvorstand von Wolfach. Ich stamme aus dem Kreis Rottweil, war Bürgermeister von Spaichingen und Kreisrat in Tuttlingen und kam neu in den Kreis Villingen-Wolfach. Hier kannten mich keine 10 Bürger.

Ich hatte also einen großen Vertrauensvorschuss, als mich die Bürgerinnen und Bürger aus Villingen-Wolfach im März 1972 zu ihrem Abgeordneten wählten. Die Stadt Villingen-Schwenningen kam erst 1976 zu meinem Wahlkreis. Ich kannte sie aber gut, weil Schwenningen zu meinem Heimatkreis Rottweil gehörte.

Die neue Stadt Villingen-Schwenningen wurde auf den 1.1.1972 gegründet. Der Beschluss liegt also vor meiner Abgeordnetenzeit.

Ich habe die Städte Villingen und Schwenningen immer beneidet wegen ihrer starken Industrie, die attraktive Arbeitsplätze für die eigenen Bürgerinnen und Bürger schuf und für viele Menschen in einem Einzugsgebiet von 50 Kilometern. Aber kurz nach meiner Wahl kam eine Strukturkrise der Wirtschaft in der neuen Doppelstadt und im Schwarzwald-Baar-Kreis, die niemand für möglich gehalten hat. Sie beschäftigte mich als Problem Nr. 1 über viele Jahre meiner Abgeordnetenzeit, obwohl der Staat nicht direkt Arbeitsplätze erhalten und schaffen konnte. Aber die Sorgen der Menschen sind auch die Sorgen des Abgeordneten.

Ich habe den Niedergang von 40 Uhrenfabriken und auch von verwandten Branchen und der Phonoindustrie erlebt. Ich war in den meisten dieser Betriebe und habe mich in Sprechstunden für viele einzelne Bürger eingesetzt, die in Not waren.

Die zentrale Aufgabe für mich sah ich über die Hilfe im Einzelfall hinaus in einer Strukturverbesserung der Doppelstadt und unseres Kreises. Den Schwerpunkt sah ich in der Bildung, in Schulen und Hochschule und in der Anbindung unserer Region an das nationale Autobahnnetz.

Das war nicht einfach, denn die Zeit der Hochschulgründungen in Baden-Württemberg mit der Neugründung von Universitäten in Konstanz, Ulm und Mannheim war seit zehn Jahren vorbei.

Im Regionalplan Schwarzwald-Baar-Heuberg stand zwar unter meiner Mitwirkung, dass das Städtedreieck Villingen, Schwenningen und Donaueschingen zu einem Oberzentrum ausgebaut werden soll, zu dem auch Hochschuleinrichtungen gehören. Aber weit und breit war nichts zu sehen.

Als ich 1972 in den Landtag einzog, wurde ich gleichzeitig Staatssekretär und Mitglied der Landesregierung. Da habe ich das Gras wachsen hören. Das Innenministerium war für die Polizei und die Ausbildung der jungen Polizeibeamten zuständig. Ihre Ausbildung sollte verbessert werden. Die Führungskräfte sollten in einer Fachhochschule ausgebildet werden. Um den Sitz dieser Fachhochschule bewarben sich beim Innenministerium und bei der Landesregierung 14 Städte, darunter klassische Polizeiausbildungsstädte wie Freiburg und Göppingen. Aber es gelang mir, meinen Minister Karl Schieß und die Landesregierung in vielen Gesprächen für den Standort Villingen-Schwenningen zu gewinnen. In die neue Doppelstadt kam ein großer Neubau zwischen Schwenningen und Villingen und eine Fachhochschule für den Führungsnachwuchs der Polizei.

1974 trug der herausragende baden-württembergische Kultusminister Prof. Wilhelm Hahn dem Kabinett einen genialen Plan vor. Er wollte das bewährte duale Ausbildungssystem in Betrieb und der Berufsschule als eine große Stärke unseres Landes für die Wirtschaft und für die junge Generation in den dualen Hochschulbereich übertragen und dafür Berufsakademien gründen. An den Berufsakademien sollten in 3 Jahren junge Abiturienten je ein Vierteljahr im Ausbildungsbetrieb und dann im Wechsel je ein Vierteljahr an der Berufsakademie studieren. Nach 3 Jahren sollten sie einen Hochschulabschluss bekommen.

Unmittelbar nach der Kabinettssitzung, in der Kultusminister Hahn erstmals seine Gedanken vortrug, habe ich mit ihm gesprochen und ihn gebeten, Villingen-Schwenningen als einen Standort für eine Berufsakademie vorzusehen. Er sagte mir, dass die Wirtschaft keine Vorstellung von diesem neuen Studiengang habe, und nicht wisse, ob er im Hochschulbereich anzusiedeln sei. Er brauche aber die Unternehmen, weil man mit der Berufsakademie nur studieren könne, wenn man einen Ausbildungsplatz in einem Betrieb vorweisen könne. Deshalb müsse er die ersten Berufsakademien in auch in den großen Städten unseres Landes in Stuttgart und Mannheim gründen. Aber er könne sich vorstellen, dass die dritte Berufsakademie im Land nach Villingen-Schwenningen kommen könne.

Ich blieb am Ball und habe zahlreiche Gespräche im Kultusministerium und in Firmen unserer Region geführt. Schon 1975 waren wir so weit: Die Berufsakademie Villingen-Schwenningen wurde in provisorischen ehemaligen Fabrikgebäuden gegründet.

Sie wurde zum Renner. Derzeit hat sie mit 2.500 Studierenden in den Bereichen Wirtschaft und Soziales und Steuerberater mehrere Tausend junge Leute, vor allem aus unserer Region und aus benachbarten Regionen, die eine Hochschulausbildung erhalten. Viele Unternehmen und Dienstleistungsbetriebe haben guten Führungsnachwuchs und junge Menschen aus unserer Region haben Zukunftschancen und bleiben in ihrer Heimat.

Ein drittes Anliegen war eine Filiale der Fachhochschule Furtwangen in Villingen-Schwenningen. Das durfte natürlich nicht zu Lasten des Standorts Furtwangen gehen, für den ich als Abgeordneter auch Verantwortung trug. Es mussten neue Studiengänge in Villingen-Schwenningen geschaffen werden. Der Standort Furtwangen durfte nicht nur eine Bestandsgarantie erhalten, sondern musste auch weiter ausgebaut werden.

Trotzdem war mein Vorschlag in Furtwangen sehr strittig, weil nicht nur im Gemeinderat von Furtwangen sondern auch im Senat der Fachhochschule große Skepsis und Besorgnis zu hören war. Ich bin in eine Senatssitzung gegangen und habe Stunden zugebracht und nur eine Mehrheit überzeugen können. Aber es kam zur Außenstelle Villingen-Schwenningen und zum weiteren Ausbau von Fächern und zu neuen Gebäuden in Furtwangen. Tausende junger Ingenieure machten so in beiden Städten ihr Studium und ihr Examen.

Mein viertes Anliegen war: Die großen Unternehmen im Land haben große eigene Forschungs-und Entwicklungsabteilungen für neue Erfindungen und Produkte. Sie sorgen für die Wettbewerbsfähigkeit von morgen. Aber ein kleinerer mittelständischer Betrieb kann sich keine eigene Forschungsabteilung leisten. Er ist aber genauso auf neue Erfindungen und Weiterentwicklungen angewiesen, wenn er Erfolg haben soll. Sie kommen zwar auch aus dem Betrieb selbst, müssen aber auch von außen kommen.

Das Land Baden-Württemberg hat auf meine Initiative ein Forschungszentrum für angewandte Forschung in Villingen-Schwenningen gegründet und mit 50 Millionen DM finanziert. Für das Institut wurden hervorragende Forscher gewonnen. Sie stehen jedem mittelständischen Betrieb für die Beratung und Entwicklung zur Verfügung. Das war mein Gesamtkonzept für die Hochschulgründungen in Villingen-Schwenningen. Über 5.000 junge Menschen studieren in unserer Stadt und beleben sie. Sie schaffen das Fundament für ihre eigenen Zukunftschancen und für eine weitere gute Entwicklung unserer Wirtschaft.

Das zweite zentrale Anliegen war der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Die Autobahn von Stuttgart nach Singen verbindet uns mit der Landeshauptstadt, mit dem deutschen Autobahnnetz und mit der Schweiz.

Ich habe mich um den Anschluss des Oberzentrums an die Autobahn bemüht. Zuerst mit dem Südzubringer von Tuningen nach Schwenningen, Bad Dürrheim und Villingen. Dann erreichten wir den Bau eines Nordzubringers von der Autobahnauffahrt Deißlingen nach Schwenningen. Die Planung und Finanzierung gingen bis zur Bundesstraße 33 in Richtung St. Georgen und Offenburg. Die Mittel mussten mehrfach verlängert werden, weil die Stadt Villingen-Schwenningen mit ihrer Stellungnahme zur Planung zögerte und sie schließlich nur bis zum neuen Industriegebiet akzeptierte. Sie blieb also ein Torso und die Finanzierung für den weiteren Abschnitt verfiel.

Jahrelang standen die Mittel für die Ortsumfahrung Schwenningen im Zuge der B 27 zur Verfügung, wurden aber nicht abgerufen. Schließlichentstand mit dieser Umfahrungsstraße eine hervorragende Anbindung an den Autobahnanschluss Deißlingen.

Für Villingen-Schwenningen, aber auch für Triberg und St. Georgen ist der Ausbau der B 33 von großer Bedeutung. Es gelangen Tunnellösungen für die Umfahrung Hausach und Hornberg und eine Teilumfahrung Haslachs, sowie eine Dreispurigkeit im Bereich Gengenbach. Auch an anderen Teilstücken gab es Verbesserungen. Für eine Ortsumfahrung Triberg und Schönwald im Zuge der B 500 habe ich mich ebenfalls eingesetzt. Aus verschiedenen Gründen kamen wir damit nicht voran.

Eine gute Verbindung auf der B 31 nach Freiburg ist für das Oberzentrum und den ganzen Schwarz-wald-Baar-Kreis von großer Bedeutung. Nach der Ortsumfahrung Freiburg wurden Teilstücke dreispurig gebaut. Aus meiner Sicht ist aber eine vierspurige West-Ost-Verbindung von Freiburg über Donaueschingen bis Ulm unerlässlich.

Ich bleibe Villingen, der Stadt Villingen-Schwenningen und dem ganzen Schwarzwald-Baar-Kreis und den Menschen unserer Region von Herzen verbunden.