Bauarchäologische Untersuchungen in einem Haus des 13. Jahrhunderts in Villingen (Landesdenkmalamt)

Das Haus Zinsergasse 12 ist ein zwei- bis dreigeschossiger, traufständiger Massivbau ohne Keller. Das 7,5 m breite und 1 m lange Haus steht mit der Schmalseite an der Straße. Das im Südwesten der Altstadt gelegene Eckgrundstück reicht bis zur Bogengasse.

Vor Baubeginn sind die Hausbereiche, in die Eingriffe geplant waren, punktuell archäologisch und bauhistorisch untersucht worden. Bei diesen Untersuchungen stellte sich heraus, dass sich hinter der Fassade des 19. Jahrhunderts ein Haus von 1255 (d) verbarg, das um 1476 (d) sein noch heute vorhandenes Dach erhielt (Dendrochronologie Bleyer/ Lohrum).

Archäologische Befunde zur Binnenstruktur des Hauses Zinsergasse 12

Der heutige Flur liegt im nördlichen Teil des Gebäudes (Abb.1). Der Verlauf der inneren Längsmauer ist geprägt durch einen etwa in der Mitte gelegenen Rücksprung um etwa 20 cm. Diese Binnenstruktur basiert Wahrscheinlich auf dem auf 1255 (d) datierten Kernbau der Phase I. Unter dem heutigen Fundament trat ein weiteres zutage, welches um bis zu ca. 30 cm unter jenem hervorsprang. Zwar stellt der Befund die älteste stratigrafische Binnenstruktur dar, da jedoch nur punktuelle Beobachtungen vorliegen, fehlen sichere Ansatzpunkte zur Datierung. Sicher dem Kernbau zugehörig ist ein Fundament, welches mit dessen südlicher Außenwand verzahnt war und unter der Ostfassade aus dem 19. Jahrhundert um 40 cm hervortrat. Im südlichen Bereich war das Mauerwerk durch einen Kanal durchbrochen, welcher zur Brauchwasserentsorgung gedient haben könnte. Innerhalb der in der Nordwestecke des Gebäudes sitzenden Nische wurde bereits vor den Untersuchungen ein kastenartiger Abort aus Holz freigelegt, der durch eine rezente Betonplatte abgedichtet war. Die Anlage zog unter die Rückwand. Das Alter dieser Abortnische ist unbekannt. In Phase II wurde die innere Längsmauer abgebrochen und in gleicher Flucht erneuert. Wohl ebenfalls aus dieser Zeit stammt ein Nord-Süd orientiertes Spannfundament im westlichen Teil des Flurs, welches stumpf sowohl gegen die Außenals auch gegen die Binnenmauer des Kernbaus stieß. Das etwa 55 cm breite Fundament teilte den Flur in zwei Hälften. In Phase III erfolgte im Zuge der Hoftürverschiebung (s. unten, Beitrag Löbbecke) ein Teilabbruch des westlichen Längsfundamentes.

In der frühen Neuzeit (Phase IV) wurde die Trennwand zwischen dem mittleren und dem hofseitigen Erdgeschossraum eingezogen. Zapflöcher in deren nördlichstem Ständer belegen eine Weiterführung in den Flur. Dies setzt natürlich einen Abriss der massiven mittelalterlichen Binnenstruktur voraus, der sich aber zeitlich nicht näher bestimmen lässt.

Auffallend ist die im straßenseitigen Raum archäologisch nachgewiesene, etwa 50 cm breite und schräg verlaufende Mauer. In deren nördlichem Teil lag eine Tür, von der noch Reste einer hölzernen Türschwelle erhalten waren. Aufgrund weniger Keramikfunde lässt sich die Mauer ungefähr in das 17./18. Jahrhundert datieren. Mit der wohl noch im 18. Jahrhundert eingezogenen Westwand des Raumes wurde diese außergewöhnliche Raumaufteilung wieder aufgegeben.

Im 19. Jahrhundert (Phase V) wurde die heutige Flurwand aus Fachwerk auf dem Fundament der Phase II eingezogen. Für das folgende Jahrhundert (Phase VI) sind lediglich Modernisierungsmaßnahmen, wie die Verlegung einer Kanalisation im Flur oder die Kaminsetzung im mittleren Raum, belegbar.

Martin Strotz

Villingen, Zinsergasse 12. Grundriss des Erdgeschosses mit baulichen Befunden und Phasenkennzeichnungen.

Baugeschichte des Hauses Zinsergasse 12 Von dem Gebäude des 13. Jahrhunderts (Phase I) haben sich die Außenmauern einschließlich des ersten Obergeschosses erhalten; lediglich die Straßenfassade wurde später erneuert. Auch die Deckenbalken über dem Erdgeschoss sind, in Zweitverwendung, noch vorhanden. In der Südmauer hat sich eine ehemals rundbogige Seitentür erhalten. Neben ihr in der Außenwand lag eine kleine Nische. Eine zweite Tür in der Südwest-Ecke führte in den rückseitigen Hof. Eine verspringende Längswand teilte vermutlich schon im 13. Jahrhundert das Erdgeschoss. Der schmalere, nördliche Bereich war der ausgang, in dem hofseitig wohl die Treppe zum Obergeschoss lag. Hier verspringt die Innenwand, so dass sich der Gang erweitert und man bequem an der Treppe vorbeikommt. Unter der Treppe in der Nordwest Ecke lag, zumindest in späterer Zeit, ein Abort(s. oben, Beitrag Strotz). Der Flur konnte wohl von der Straße aus betreten werden. Fenster ließen sich im Erdgeschoss nicht mehr nachweisen, zur Straße und zum Hof dürften aber zumindest kleine Lichtöffnungen gelegen haben. Das 2,30 m hohe Erdgeschoss diente als Lagerraum und für Handwerk oder Hauswirtschaft (Abwasserkanal).

Im ersten Obergeschoss fand sich hofseitig ein wiederverwendetes, zweiteiliges Fenster mit abgeschrägtem Steingewände und Bankgesims. Vermutlich saß es ursprünglich in der Straßenfassade. Das gotische Fenster ist ein Hinweis auf den Wohncharakter dieses Geschosses. Vom Dach haben sich keine Spuren erhalten; die südliche und westliche Außenmauer enden in sechs Meter Höhe mit einem waagerechten Abschluss. Möglicherweise folgte noch ein hölzernes Stockwerk. Um 1476 folgte ein weitgehender Umbau (Phase III). Die Straßenfassade wurde modernisiert, die Hoftür in die Mittelachse verschoben und die gesamte Hoffassade um 2,60 m erhöht. Entsprechend den unterschiedlichen Draufhöhen ist das erste Dachgeschoss hofseitig als Vollgeschoss ausgebildet. Der vergrößerte Dachraum diente wohl Lagerzwecken.

Im Norden und Süden wurden nun steinerne Giebel mit Lichtöffnungen aufgemauert. Das Pfettendach wird durch einen stehenden Stuhl verstärkt.

Auch das Innere wurde umgestaltet. Die neue Hoftür bedingte einen teilweisen Abbruch der inneren Längsmauer im Erdgeschoss. Das erste Obergeschoss wurde neu gegliedert und erhielt eine profilierte Bohlen-Balken-Decke.

Im Haus Zinsergasse 12 konnte erstmals in einem Villinger Haus des 13. Jahrhunderts eine seitliche Erschließung mit Lichtnische freigelegt werden (ähnlich Haus Bogengasse 2). Möglicherweise führte hier ein Hofzugang vorbei und ein weiteres Gebäude stand jenseits des Gangs an der Ecke Zinser-/Bogengasse. Auch die Längsteilung des Erdgeschosses mit verbreitertem Hausflur im Treppenbereich, wie sie für Villinger Häuser typisch ist, tritt in diesem Haus schon früh auf.

Frank Löbbecke

Literaturhinweise:

B. Lohrum, Der mittelalterliche Baubestand als Quelle der städtebaulichen Entwicklung Villingens. In: B.Jenisch, Die Entstehung der Stadt Villingen. Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter Baden-Württemberg 22 (Stuttgart 1999) 361-363.

Haus Zinsergasse 12 nach dem Umbau.