Der altersschwache Riese lugt wieder über die Wipfel (Hermann Colli)

Villinger Aussichtsturm in großer Rettungsaktion saniert

Die Villinger lieben ihn, auch wenn sie ihn über Jahre hinweg etwas vernachlässigten: Ihren Aussichtsturm auf der Wanne. Es sah schon so aus, als ob nach über hundert Jahren sein letztes Stündlein geschlagen hätte, denn die Stadtverwaltung hatte kein Geld, die notwendige Sanierung für den altersschwach gewordenen, still vor sich hin rostenden stählernen Riesen zu bezahlen. Aber wenn’s Stadtsäckel leer ist, dann ist’s für die Villinger noch lange kein Grund, den geliebten Patienten im (sauren) Regen stehen zu lassen.

Hilfe tat Not! Und die kam auch. Der Ehrenbürger der Doppelstadt, Ewald Merkle, spannte sich vor den Wagen einer Interessengemeinschaft Villinger Bürger – der übrigens auch etliche Schwenninger angehörten – die sich das Motto „Rettet den Aussichtsturm“ auf die Fahne geschrieben hatte. Diesem Ruf verschaffte die Bürgerinitiative über die Grenzen der Stadt hinaus Gehör. Ewald Merkle war allerdings mächtig gefordert, das Signal nicht verstummen zu lassen. Bettelbriefe und Aktionen, persönliche Ansprache von Freunden und Geldgebern aus Handel, Wirtschaft und Industrie, Klinkenputzen bei den Banken gehörten Monate lang zum Alltag des Ehrenbürgers und aktiven Mitglieds des Geschichts- und Heimatvereins. Und auch die Stadt erkannte schließlich an, dass hier die Bürger für etwas kämpften was ihnen sehr am Herzen lag und versagte ihre Unterstützung nicht. Wenn es zum Schluss auch mehr kostete als anfangs kalkuliert, so kam doch das nötige Geld zusammen und die Rettungsaktion konnte – zwar mit einigen unerwarteten Hindernissen – abgeschlossen werden. Der kranke Riese auf der Wanne hat die Operation gut überstanden und kann befriedigt über Baumwipfel hinweg auf die Stadt und in den Schwarzwald lugen. Er steht wieder fest auf seinem Sockel und lädt die Menschen ein, über die stählernen Stufen auf ihm empor zu steigen um einen Blick ins weite Rund zu werfen, so wie es vor ihnen Generationen von Bürgern taten. Aber auch viele Menschen aus der Umgebung und Touristen (früher sagte man respektvoll „Kurgäscht“ – haben dem Eisenkoloss ihre Aufwartung gemacht und von oben die Zähringerstadt kennen gelernt.

 

 

 

 

 

 

So manche Zeitgenossen haben ihn den „Langen Lulatsch“ getauft. Aber der vom Berliner Funkturm entlehnte Name passt überhaupt nicht zu ihm. Es ist ganz schlicht „iser“ Aussichtsturm! Und diesem hat unsere Mundartdichterin Elisabeth Neugart ein Gedicht gewidmet. Es ist zwar nicht ganz neu; es stand schon im Almanach des Schwarzwald-Baar- Kreises und die Neugarte-Lisbeth hat’s auch schon im vertrauten Kreis einige Male vorgetragen. Aber es ist heute noch genau so aktuell – oder gerade wegen der geglückten Rettungsaktion noch aktueller! – wie vor einigen Jahren. Deshalb lassen wir die Heimatdichterin, die den Mitgliedern des Geschichts- und Heimatvereins schon einige liebenswerte Kostproben ihres Könnens geschenkt hat, hier zu Wort kommen.

De Villinger Aussichtsturm

Wit d’Hoemet mol vu obe säeh, wie us de Vogelschau,

no bruchsch dezue ko Flugzeug näeh, kaasch nuff uf d’Wanne gau.

Dert guckt is Land ganz uuscheniert, trotz Rege, Schnee und Sturm,

und word so wenig äschtemiert, de guet, alt Aussichtsturm.

 

Er schtoht so stolz dert ob em Roeh scho über hundert Johr,

frühr amol no als ganz eloe, doch jetzt ischs nimmi wohr.

Frühr hät mer dert de Schoofmischt gschmeckt und d’Sutte uf em Feld;

zmols hond si Gold im Dreck entdeckt, und jetzt stinkts dert noch Geld.

 

De Aussichtsturm, der sait kon Ton, denkt adi guet, alt Ziit;

dert hät mern baut als Sensazion, wos wiit und broet nit giit.

Mit Vatermörder und Korsasch und trotz eme Iitrittsgeld,

sind d’Liit dert nuff, hond mit Kurasch en Blick riskiert i d‘ Welt.

 

Der Blick isch welläeg gwaltig gsi vu oberab ringsrum;

de Schwenninger i d’Karte nii, an suure Wase numm.

Ge Diire und is Brigedal und bis an Kesselberg;

Türm, Tor und Hiiser uni Zahl, und älles wie fer Zwerg.