„’s Male vu de Breite Milli“ (Lambert Hermle)

Gedichte erinnern noch heute daran

Geht man noch heute dem Fluss der Brigach entlang, so begegnet man des öfteren Gebäuden alter Mühlen und Wasserkraftwerke. Einst waren es an die 36 solcher Werke, die auf hiesiger Gemarkung standen, von denen das eine oder andere heute nicht mehr steht. Viele sind verändert und umgebaut und dienen heute als Erholungsstätte, für gewerbliche Zwecke, als Wohnhäuser sowie als Verwaltungsgebäude. An Stelle eines solchen Verwaltungs- und Wohngebäudes stand bis Anfang der 1970er Jahre die „Breiten Mühle“. Sie wird schon im Jahre 1630 in einer Urkunde des Villinger Spitalarchivs als „Breiten Mühle am Gewerbekanal“ erwähnt und war seit dem Jahre 1815 im Besitz des Müllers Johann Nepomuk Riegger, der aus dem alten Müllergeschlecht der Riegger stammte. Johanna Riegger, die letzte Besitzerin verkaufte das Anwesen der Baugenossenschaft „Neue Heimat“, heute Familienwohnheim.

Das Wahrzeichen der „Breiten Mühle“ war jedoch „’s Breit Milli Mali“. Das aus Holz gefertigte Male saß oben im Giebelspalt auf der Westseite der Mühle in Blickrichtung des ankommenden „Oberen Wasser“ des Gewerbekanals. Seine Gliedmaßen waren beweglich und mittels eines Warnsystems konnte das Male bei vorkommenden Unwegsamkeiten den Müller unmittelbar in Kenntnis setzen. Wie auch ’s Male die fragende Villinger Jugend in Kenntnis setzte, wenn es immer wieder gefragt wurde:

„Male, wa häsch gesse“ So antwortete es „Nint“.

Die „Breiten Mühle“ aus alter Zeit.

 

Eines der Gedichte von E. Hall, vum „Halledick“ erzählt:

’s Male

So hundert Johr, gar nit so knapp,

isch’s Müllers Male alt.

Trait uffem Kopf ä Zipfelkapp

und sitzt im Giebelspalt.

Gar viele gond am Hus vebei

und döset vor sich na!

Des Male denkt, was des au sei,

mich guckt mer kum me a.

I früere Ziet rieft älles ruff:

„Du, Male, wa häsch gesse?“

„Bloß Zucker – Kaffee“, sag i druff,

„’s isch halt mi Mittagesse“.

Do sind hitt d’Liet au nimmi so

wie hundert Johr vorher.

Ich guck i d’Wieti, lach halt froh,

als ob ’s no hitt so wär.

Drum rief nu äbbi nuff i d’Höh:

„Du, Male, wa häsch gesse?“

„Bloß Zucker“ sag i, „und Kaffee“,

no’s selbig Mittagesse!“

 

Der Name „Breiten Mühle“ rührt wohl von dem mächtigen, breit anmutenden Giebel zur Stadtseite hin her. Mehrere Geschäfte waren dort auch untergebracht, wie der Milchladen Allgeier, das Musik- instrumentengeschäft Ebner zur Stadtseite hin und ander Längsseite der Waldstraße entlang, „’s Reuterädele“.

Ein weiteres Gedicht, von einem unbekannten Verfasser, gibt wiederum vom Male kund:

’s Villinger Breite Milli Male

Am Bach stoht e Milli, mit eme Giebel so spitz, dert hät e Male hoch obe, inere Nische sin Sitz.

Des Male moss mer lobe, es haltet guet Wacht,

es isch en richtige Müller, wo uf d’Milli giet acht.

Kon Rege duets fürchte, es achtet kon Schnee, des Male isch glücklich uf sim Juchhee.

Es hinderts ko Kälte, es hinderts ko Hitz,

es frogt noch kom Dunder, kom Hagel, kom Blitz.

Es sitzt do vum Morge, bis Obed ganz spot, es aber trotzdem nit vum Plätzli goht.

Es bliebt do obe, Johr us und Johr ie,

ob Krieg oder Friede, des machts nit schie.

Es hät überlebt scho so manche Generation,

so alt isch des Male und hockt no uff sim Thron.

Älli Kinder hond Freud, sie jublet ihm zue, Große und Kleine, Maidle und Bue.

Und rieft mol en Fremde, e‘ Alt’s oder e‘ Kind,

„Male wa häsch gesse“, so sait’s halt nint.

Rieft aber mol en Villinger zum Mali nuff i d’Höh,

„Male wa häsch gesse“ no sait’s „Zucker und Kaffee“!

 

Auch am jetzigen Verwaltungs- und Wohnhaus hat das „Breit Milli Male“ seinen festen Platz eingenommen. Es sitzt im Gegensatz zu früher heute auf der Ostseite zur Stadtseite hin. Restauriert und in neuer Fassung schaut es dem Treiben an der viel befahrenen Waldstraße zu und macht sich so seine Gedanken.

„’s Male“ restauriert in neuer Fassung.

 

Heute kaum noch nach seinem Mittagessen gefragt, stellt der Verfasser Lambert Hermle mit einem neuen

Gedicht, dem Mali folgende Frage:

Male, wa monsch au?

 

So froegt sich doch en Manche,

„du Male, wa monsch au?“.

D’Milli, die giet’s nimmi,

wa häsch jetz du au z’dau?

De Bach, der isch vudoolet, vuwase grad de Wäeg, vuschwunde selle Giebel, vuschittet au de Stäeg.

Statt isrer „Broete Milli“ stoht dert jetz e nei Hus, vuwege hintersche z’gucke, guckt s’Male vorne nus.

So hockt es uf eme Sockel, us Beton isch der g’richt, frih’r nu uf d’Wettersiite, hät’s hit e andere Sicht.

Wo ’s Schwimmbad war, isch Bolizei,

au hersch kon Hammerschlag vum Laun,

statt em Taxämeter – Neubauwohnunge,

e ’s Male glaubt’s schier kaum.

Am Schiffleweier isch’s still und einsam, im Stadtgarte hockt ko Päärle meh,

au ’s Gämperlefahre, dert bim Beha, des äll’s isch hitsedag – passee.

„Doch ’s Lebe goht witer“, mont ’s Male,

guck i hindersche, fürsche, nab oder i d’Höh,

wi’e schnell isch doch manchs vugange,

wi’e de Zucker im Kaffee“.

Und wo „’s Male räecht hät, do hät’s räecht“.

Vieles hat „das Zeitliche“ gesegnet und ist dennoch

– noch nicht – vergessen.

Die Breite Mühle heute: Über dem Eingangsbereich thront wieder das „Male“. In diesem Anwesen ist die Geschäftsstelle der Baugenossenschaft Familienheim zu Hause und im Untergeschoss ist das Arbeitsgericht untergebracht. Weiter gibt es Wohnungen, Büros und Arztpraxen.