Kardinal der Einheit und Blick in Bürgerbücher

Vortragsveranstaltungen sind fester Bestandteil im GHV-Programm

Zum festen Bestandteil des Geschichts- und Heimatvereins Villingen gehören die Vortragsabende, die in der Regel sehr gut besucht sind. Aber manchmal würde sich der Veranstalter – vor allem im Hinlick auf die eingeladenen Referenten – ein paar Besucher mehr wünschen. Zwei der Vorträge, die auch in der Presse die entsprechende Würdigung gefunden haben, sind hier noch einmal in den Blickpunkt gerückt.

Als eine Gestalt unserer Heimat, deren Leben und Wirken wie ein Licht bis in unsere Zeit hineinstrahlt, bezeichnet Professor Alfons Deissler den „Kardinal der Einheit“ Augustin Bea, dem der Geschichts- und Heimatverein Villingen (GHV) einen Vortragsabend widmete. Dr. Johannes Werner gelang es in einem ausgezeichneten Referat, Person und Werk des weltweit geschätzten Kirchenmannes dem aufmerksamen Publikum näher zu bringen.

In einer Zeit, in der sich in den Kirchen auf dem Gebiet der Ökumene nicht gerade viel bewegt, sah es der GHV als lohnenswerte Aufgabe an, mit Kardinal Bea einen Mann in den Blickpunkt zu rücken, der in aller Welt als einer der Väter für die Verständigung unter den Religionsgemeinschaften anerkannt und geschätzt wird.

Das viel beachtete Treffen von Vertretern der Weltreligionen Anfang des Jahres 2002 in Assisi, sei ohne Beas Initiative kaum möglich gewesen, erklärte Ehrenmitglied Werner Huger, der in Vertretung des beruflich verhinderten Vorsitzenden Günter Rath die Gäste begrüßte. Er nannte den 1881 in Riedböhrigen geborenen Jesuiten „ein Kind unserer Landschaft und unseres Sprachraumes.“ Er habe sich immer seiner Heimat verbunden gefühlt und seine Letzte Ruhestätte dort gefunden, wo seine Wurzel waren.

Vortragsveranstaltung beim GHV: Dr. Johannes Werner mit der Mitra von Kardinal Bea.

 

Johannes Werner, Rastatt, hat sich – wie seine zahlreichen Publikationen beweisen – über viele Jahre hinweg mit bedeutenden Gestalten der Kirchengeschichte befasst und dabei besonders Augustin Bea im Auge gehabt. Er zeichnete ein Bild des „Bauernbüblein von der Baar“, das es in einem langen arbeitsreichen Leben bis zu einem der bedeutendsten Kirchenfürsten unserer Zeit gebracht hat.

Bea selbst zitierte er mit dem Bekenntnis: „Gott hat mich ganz andere Wege geführt, als ich sie mir gedacht hatte, und was aus mir gemacht, was ich mir nie auch nur in der Phantasie vorgestellt habe.“ Der Riedböhriger Theologe, der schon in seiner Jugend die Notwendigkeit des Dialogs zwischen den Religionen erkannte, habe sein Leben voll und ganz der Fügung Gottes anvertraut.

Werner beschrieb anschaulich die wichtigsten Stationen von Beas Lebensweg: Als Jesuit für seinen Orden und den Vatikan, als Bibelwissenschaftler und Liturgiker, als persönlicher Berater und Beichtvater von Papst Pius XII. und seine Mitarbeit bei der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils an der Seite von Papst Johannes XXIII., der den 78-jährigen 1959 zum Kardinal ernannte.

 

Eine besondere Bedeutung für ihn hatte die Berufung zum ersten Präsidenten des Sekretariates für die Einheit der Christen. In dieser Rolle war er bis zum Lebensende unermüdlich in der ganzen Welt unterwegs, traf mit wichtigen Institutionen und Persönlichkeiten aus Politik, Bildung, Religion zusammen.

Seine Erfolge bei der Annäherung der getrennten christlichen Gemeinschaften und nichtchristlichen Religionen habe er vor allem einer unermesslichen Geduld, seiner menschlichen Wärme, dem brüderlichen Ton bei den Begegnungen und seiner Bereitschaft, weite Wege zu gehen zu verdanken. Johannes Werner, der Beas Fähigkeit besonders hervorhob, mit großer Ausdauer dicke Bretter bohren zu können, sah in dessen Lebenswerk einen der wesentlichsten Beiträge zum Weltfrieden in unserer Zeit. Dass Menschen wie er heute fehlen, kam in der sehr lebhaften Diskussion zum Ausdruck.

Fundgrube für Ahnenforscher

Man nennt sie „Bürgerbücher“, und aus der Sicht der Historiker oder Ahnenforscher gelten sie als ergiebige Informationsquelle zur soziologischen, demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung, die die Stadt Villingen von 1336 bis 1791 genommen hat. Beim Geschichts- und Heimatverein referierten Stadtarchivar Heinrich Maulhardt und Andreas Nutz über das Ergebnis einer jahrzehntelangen Arbeit, die originalen Bürgerbücher aus frühen Jahrhunderten als „Quellen- Edition in Volltextabschrift“ auf 600 Seiten vorzustellen.

Andreas Nutz, der in mehreren befristeten Verträgen im Villinger Archiv tätig war, hatte die Abschrift der Bürgerbücher fortgesetzt, die vor mehr als 30 Jahren hier begonnen wurde. Inzwischen promovierte der Historiker Nutz über „Handelsakten der frühen Neuzeit“ und ist heute für das Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein tätig. Heinrich Maulhardt betonte, dass die Bürgerbücher nicht nur abgeschrieben worden seien, sondern dass auch die Restaurierung der Originale eine verpflichtende Aufgabe war, die der Lions-Club finanziell unterstützt habe. Längst ist bekannt, dass die Entwicklung zur Stadt Villingen nicht in wenigen Monaten und auf Anhieb mit der Verleihung der Stadtrechte im Jahre 999 einsetzte. Um 1200 dürfte die Entscheidung zum Bau der Stadt rechts der Brigach gefallen sein, was schließlich auch zum Bau des Spitals, des Franziskaners und zur Zunftverfassung von 1324 geführt habe.

Bürgerbücher waren nun kein Selbstzweck, sondern dienten als erste Amtsbücher, in denen nicht die Einwohner, sondern nur „die“ Bürger erfasst wurden. Daran war geknüpft, dass eine Person frei geboren war, einen ehrlichen Beruf in einer der Zünfte hatte, eine Liegenschaft sein eigen nannte und auch den Bürgerpflichten wie Wachdienst und Steuerzahlung nachkam. Dafür bot ihm die Stadt den Schutz der „Polizeigüter“ wie Schutz des Lebens, der Freiheit und des Eigentums. Hintersassen, also Einwohner in sozialer Abhängigkeit und oft auch Leibeigene ihrer Herrschaften, wurden im Bürgerbuch nicht erfasst. So waren die Bürgerbücher auch Ausdruck eines selbstbewussten Bürgertums in dessen Positionierung zu Patriziern und Adelsfamilien, die bislang Stadt und Land beherrschten.

Was nun macht das Interesse an solchen Bürgerbüchern aus, in denen besonders die Neubürger der Stadt des 14. Jahrhunderts und vieler weiterer Dezennien später durch den Stadtschreiber gegen Entgelt aufgenommen wurden? Laut Maulhardt waren die Daten wichtig für den „Bestand der Stadt“ an Familien, an Berufen, in welchen Ämtern und in deren Grundbesitz. Bemerkenswert und auffällig auch, dass ansässige Juden in jenen Zeiten der mittelalterlichen Judenverfolgung auf die Pestjahre um 1348 nicht zu den Bürgern Villingens zählten, weil ihr Wirken als nicht ehrlich galt, und auch in der Nachbarschaftsbeziehung im Bürgerbuch nach 1350 kein jüdischer Name mehr erwähnt ist. Kamen nun Neubürger aus anderen Städten, fügte man ihren Vornamen ihre geographische Herkunft an, weshalb es im frühen Villingen einst auch zahlreiche „Schwenninger“ gab. Ein Werk für engagierte Ahnenforscher sind die Bücher, in denen auch die Namen der damaligen Gasthöfe gelistet sind, die Stadtquartiere und die Straßen und Gässchen bereits ihren heutigen oder auch längst vergessene Namen haben.