Anzeigeblatt 1926/27: Der Villinger Bott (Wolfgang Bräun)

Wie Handel und Gewerbe vor 90 Jahren inserierten – Hauptstraßen 1926 mit großstädtischem Aussehen – OB’s Lehmann und Braunagel wirkten nachhaltig

Sommer 1926 – drei stadtbekannte Villinger sitzen im Café Central in der Niederen Straße, an den Nebentischen wird Schach gespielt. Und auch für Karl Hertenstein, Josef Honold und Albert Wetzel geht es um eine Strategie, nämlich um die, wie man in Villingen ein Anzeigenblatt etabliert. Heraus kam „Der Villinger Bott – ein Blatt für Wirtschaft, Verkehr und Heimatkunde im Bereich des östlichen Schwarzwalds“.

Abb. 1: Anzeigenblatt „Der Villinger Bott“.

 

In zwangloser Reihenfolge sollte es erscheinen, mit möglichst viel Inseraten, begleitet von einer Beilagengebühr, und alles im Verbreitungsgebiet zwischen Villingen, Schwenningen, St. Georgen und Triberg, aber auch bis Vöhrenbach, Bad Dürrheim und Donaueschingen – mit schließlich 15.000 Exemplaren für noch 35 weitere Ortschaften.

Heimatkunde. Zum damaligen Marketing gehörte auch der Hinweis, dass die Nummern der jeweiligen Ausgaben auch über sämtliche Hotels, Gasthäuser, Kaffees und Frisöre an folgenden Plätzen verteilt werden: Schramberg, Rottweil, Trossingen und Hornberg.

Die beiden Herausgeber und Redakteure Hertenstein und Honold – beide Kaufleute mit Blick über den örtlichen Tellerrand – hatten sich mit dem Buchdrucker Wetzel in der Zähringerstraße also viel vorgenommen, so dass die Quartalsausgaben des 1. Jahrgangs wohl die Kaufleute, die Handwerker und die industriellen Betrieb nicht nur vor Ort verblüfften. Im Verlauf des zweiten Jahrgangs wurde dann deutlich, was sie für ihr Anzeigenblatt auch mit „Heimatkunde“ meinten.

Es folgten Titelgeschichten wie „Der Rathausumbau in Villingen“ von Honold, der sich seit jener Zeit zum populären Lokalhistoriker entwickelte: Als Mitarbeiter trat auch der damalige Stadtbaurat Seibert auf, und das mit einem überaus massiven Artikel „Rückblick auf die bauliche Entwicklung der Stadt Villingen seit 1900“. Und schließlich war da auch ein Dr. Karl Jordan, Syndicus der Schwarzwälder Handelskammer Villingen, der sich breit über „Das industrielle Villingen“ ausließ.

Und viele, viele Zeilen schrieb auch der Autor J. Ludwig zu „Gaswerk und Gasfernversorgung“. Und schließlich war da noch der Buchhändler Josef Liebermann, der sich der lokalen Kunst des Lyrischen annahm und vier Verse zum „Villinger Bott“ dichtete (s. Kasten).

De Villinger Bott

Ich bin de Villinger Bott

un sag der nu: Grüeß Gott!

Ich druck dr d‘ Hand und frog, wie’s goht,

halt di nit uf, bis z‘ Obed spoht.

Un wer no ebbis bruuche ma,

dem zoag i, woner ’s kaufe ka.

Ich bin de Villinger Bott

un kon Husierer Spott,

vor dem di Sach verschließe moscht.

Der nimme goht, bis de bigoscht

no bschdellscht, wo gar nint nötig ischt

un au no woascht, dass bschisse bischt.

Ich bin de Villinger Bott,

en Krämer, wieä ner sott.

I guck nit schäps bloß a dr rum

un werf dr au ko Holzbieg um,

nu, well de saischt, de bruuscht ko Ding:

es goht au ohne Schletterling.

Ich bin de Villinger Bott,
un guck nit wischt und hott.
Verlang en Pris, der ehrli giht,
verkauf defir ko Lumpezieg.
Un wer jetz‘ no im Zwiefel ischt,
dem gunnis, wenn er Krm verwischt.

(Josef Liebermann, Buchhändler, 1928)

Steinernes Haus. Zum Stadtmarketing von einst gehörte dann auch, dass man nicht nur andere lobte, sondern auch sich selbst mit heimatkundlicher „Identity“ äußerte. Und das gelang Stadtbaurat Seibert in besondere Weise für den Handelsbetrieb des Thomas Honold, Vater des Mit-Herausgebers Josef Honold.

Seibert markiert, dass Villingen durch zahlreiche Umbauten entlang der vier Hauptstraßen immer mehr „großstädtisches Aussehen erfahre“. Damit meinte er für den „Brennpunkt des Stadtverkehrs“ insbesondere das Geschäftshaus des Thomas Honold am Marktplatz.

Architektur und Farbe gaben gleich zwei Häusern die „moderne und zweckmäßige Richtung“. Markant und somit überaus auffällig war und blieb das „steinerne Haus“, das schon 1688 / 89 in der Stilperiode der Renaissance einen „breitspurigen und doppel-geschossigen Erker“ erhalten hatte.

Abb. 2: Das Steinerne Haus mit dem großen Erker aus dem 17. Jahrhundert.

Verbaute Aussicht. Die reiche Profilierung der Fenstergewänder und Gesimse leistete sich damals der F. F. Obervogt Franz Kegel, wodurch es für lange Zeit als das bemerkenswerteste Bürgerhaus der Stadt galt. Den Plan eines herausragenden Erker als sogenannten doppelten Ausstoß war den Nachbarn zwar nicht genehm, weil ihnen wohl Aussicht verbaut wurde, doch nach einem vor Ort-Termin, so die Ratsprotokolle, wurde der Einspruch zurückgenommen.

Abb. 3: „Dämon“ unterm breiten Erker.

 

So kamen um 1800 auch die späteren Eigentümer der Hutmacher-Familie Schleicher für drei Generationen in den Genuss dieser baulichen Besonderheit. Dort, wo „das Gewerbe der Hutmacherei selbstgewalkte, hasenhärene Filzhüte zum Verschleiß“ (Verkauf) brachte. „Ein lebhaftes Geschäft entwickelte sich jeweils stets an den Fruchtmarktagen, wenn die Bauern aus weiter Umgebung herbeiströmten und sich als Kundschaft für großrandige Hüte einstellten“.

Und auch die Revolutionsjahre 1848 / 49 waren gute und modische Jahrgänge, weil Hecker und seine oft wilden Freischärler besonders großrandige Hüte modisch machten.

Schließlich war es der Schwiegersohn der Schleichers, Thomas Honold, der mit seinem Namen ein Hut- und Wäschegeschäft gründete und er 1895 auch das Eckhaus (heute Sparkasse) von Kaufmann Gustav Killy kaufte, der seine Eisenhandlung in die Räume des ehemaligen Gasthauses Adler (1308 – 1927; Wirtshaus und Herberge, einst nach früherer Nummerierung Niedere Straße 3, seit 1873 Niedere Straße 60) verlegte.

Beste Beschaffenheit. Laden, Kontor und Keller des Killyschen Hauses wurden nach einem Giebeldurchbruch mit dem „Steinernen Haus“ des Ober-vogts, dem Hutgeschäft vereinigt, jedoch noch ohne dass auch große Schaufenster ein aktuelles Bedürfnis waren. Für den Handel mit „Textil-Modewaren“ war die Lage günstig und dabei galt der Grundsatz von Honold: Nur Ware bester Beschaffenheit.

Abb. 4: Grafik Honold 1926/27 nachträglich koloriert.

 

Auf den Tod des Vaters Thomas 1926 übernahm Sohn Josef die Geschäfte. Gemeinsam mit Architekt Nägele wurde erneut umgebaut, denn es sollten neuzeitliche, große Schaufenster gewonnen werden und zwei Ladenteile sollten zu einem einheitlichen Geschäftsraum werden. Und auch die Warengruppen wurden „zweckmäßig eingeteilt“: Hüte, Mützen, Herrenwäsche und Schirme im ehemaligen Hutgeschäft; Damenwäsche, Strick-und Wollwaren, Strümpfe und Schürzen nach der Rietstraße. Farbe und stilvolle Beleuchtung vollendeten die Innenausstattung.

Abb. 5: Thomas Honold vor seinem Laden in der Niederen Straße.

 

Stadtbaurat Seibert betonte im „Villinger Bott“ zur Neueröffnung noch einmal die „für die Stadt wertvolle Bereicherung des gesamten Stadtbildes“ – ein Gesamtergebnis der Gewerke von Maurer Adalbert Briegel, Zimmerer Flöß, Glaser Kornwachs, Möbel Gebrüder Riesterer, Schreiner Willibald Armbruster, Heizungsbauer August Bott, Installateur Fischer, Gipser Franz Bregenzer, Kunststeinleger Johann Kistenfeger, Dekorationsmaler Bär, Parkett Otto Burger, Eisenhandlung Ignaz Görlacher und den Schlossern Schleicher und Häberle.

Seiberts Fazit: das Gedeihen einer Firma wurzle in dem Bestand einer treuen und langjährigen Kundschaft aus Villingen und Umgebung. Ein Anspruch, der wohl bis heute Geltung hat.

Anmerkungen:

Bildunterschriften:

Abb. 1: Anzeigenblatt „Der Villinger Bott“.

Abb. 2: Das Steinerne Haus des einstigen Obervogts Kegel, mit dem großen Erker aus dem 17. Jahrhundert, später Hut-macherei Schleicher und schließlich Modegeschäft der Honolds.

Abb. 3: Lief dem „Dämon“ unterm breiten Erker mit seinen Spei-Öffnungen einst tatsächlich das Wasser im Munde zusammen.

Abb. 4: Grafik Honold 1926/27 nachträglich koloriert. Honold am Marktplatz – einst nach 1926 eine attraktive Handelsadresse für die Vilinger und die Umgebung.

Abb. 5: Thomas Honold vor seinem Laden in der Niederen Straße,wo es Hüte, Schirme, Wäsche und Schürzen gab. Bilder/Repros: Archiv wob.