Der Pädagoge und Lokalhistoriker Hans Brüstle (Wolfgang Bräun)

Manchmal muss man Jahrtage etwas „zueinander hin biegen“, damit sie in eine Retrospektive passen. Das gilt für Hans Brüstles populäre Veröffentlichung in 1971, also vor 45 Jahren, aber auch für die Dezember-Jährung 2017 zu seinem 110. Geburtsjahr und schließlich dem 40ten Todestag 1976. Ein einst populärer Zeitgenosse (1907 – 1976), den es insgesamt zu würdigen gilt als Lehrer, Lyriker, Schriftsteller, Lokalhistoriker und GHV-Mitbegründer.

Viele Villinger, die heute in ihren 6oer Altersjahren und auch weit älter stehen, dürften sich als ehemalige Schüler der damaligen Realschule noch an ihn erinnern: Lehrer und Rektor an der später nach Karl Brachat benannten Realschule.

Geboren 1907 bei Oberkirch im Schwarzwald kam er mit seinen Eltern 1908 nach Villingen, wo sein Vater als Baumeister wirkte. Der hatte „ein hübsches Bauernmädchen aus dem Unterland“ als Frau und Mutter seiner Kinder erwählt, so eine sympathische Erinnerung.

Sohn Hans machte zunächst seine mittlere Reife, musste jedoch seine Schulzeit auf den Tod des Vaters im ersten Weltkrieg unterbrechen und absolvierte eine Banklehre. Während seiner Berufsausbildung strebte er lehr- und lern-pädagogisch begleitet zum Volksschullehrer in Seminaren in Lahr, Karlsruhe und Heidelberg.

Lehramt. Hans Brüstle ließ sich nach Hans Hausers (1907 – 1991) Erinnerung in erster Anstellung auf die Leitung der deutschen Schule in Turin ein, worauf er später einem Lehramt nach Ober-kirnach und in Villingen folgte, bis Hans Brüstle zum Mittelschullehrer avancierte und er später die Realschule in Villingen bis 1973 leitete.

Doch auch die Pensionierung stoppte seine Passion nicht: Brüstle widmete sich engagiert der Abendrealschule.

Abb. 1: aus: GHV Heft III 1977.

Aus der Ehe 1937, seine Frau holte er aus dem Bergischen Land hierher in den Schwarzwald, wurde er Vater zweier Söhne und einer Tochter.

Hans Brüstle war für viele Zeitgenossen nicht nur Villinger geworden, er wurde auch zu einem lokalen Typen, den viele an seinem leicht wiegendem Gang erkannten und daran, wie er Kopf und Körper neigte, stets so, als ob ihn nachhaltig Gedanken bewegten, so Hans Hauser in einem Nachruf auf Brüstle.

Hans Brüstle galt als überaus fleißig, nichts wurde auf- oder weggeschoben. Stets war er allem aufgeschlossen und bereit, vieles aufzunehmen. Es sei ihm jedoch ein Gräuel gewesen, in der Öffentlichkeit auftreten zu sollen. Alles populär geltende Getue war im suspekt. Viel eher war er bescheiden und anspruchslos, den Formalismen verständnislos abgeneigt.

Abb. 2: Mit eher wenig Lust zu großem Auftritt: Hans Brüstle mit seinem Hauptschul-Abschlussjahrgang 1952/53 – mit im Bild die Villinger Buben von einst: Hermann Schuhbauer und Gerhard Schubnell.

Standpunkte. Brüstle erweckte gar den Eindruck, als schirme er sich ab, weil er andere nicht brauche, ohne aber Hilfsbereitschaft zu verweigern.

Drum ließ er sich auch nie beeinflussen, was er jedoch durch Lektüre seiner Bücher immer zuließ. Brüstles Standpunkte galten als klar und unumstößlich, ohne beeinflussen zu wollen.

Stets galt Hans Brüstle als skeptisch mit meist raschem Urteil über andere, oft auch wohl ein wenig ruppig aber doch leise, so Hans Hauser.

Brüstles Art war trotz aller Eigenarten nie schroff oder unhöflich, viel eher habe er den Konflikt gescheut und suchte auszugleichen. Oft zum eigenen Nachteil, ohne jedoch seine Haltung aufzugeben.

Heimatgeschichte. Diesem Wesen war seine Liebe zum Klavier- und Orgelspiel passend zugeordnet, dem er sich stundenlang allein hingeben konnte.

Brüstle arbeitete mit an vielen Schulbüchern und liebte die Beschäftigung mit der Heimatgeschichte im Schwarzwald und auf der Baar. Grund genug, auch Mitgründer und Vorstand im Geschichts-und Heimatverein Villingen und gleichzeitig Museumsbeirat wie auch Mitglied und im Vorstand des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen zu werden.

Fasnet und Schemen. Als geradezu reich gilt die Ernte seines Schaffens ab 1960 an heimatkundlichen Schriften. Lokal herausragend: Villingen – aus der Geschichte der Stadt (1971); begeisternd „Das wilde Heer mit einigen hundert Sagen aus dem Schwarzwald (1977)“, erschienen bei Rombach in Freiburg. Und auch die Fasnet blieb ihm nicht fremd, wobei es ihm oft die Schemen und deren Tradition angetan hatten. Es folgen auch „lyrische Versuche“ in schmalen Bändchen „Variationen I und II“.

Reiche Vergangenheit. Interessant dann auch Brüstles Vorwort 1971, sah er sich doch in der Riege all derer, die sich der Villinger Geschichte und deren Chronik widmeten: Johann G. Baptist Käfer (1744 – 1833); J. N. Schleicher (1807 – 1875),

Ch.    Roder (1845 – 1921) und Paul Revellio
(1886 – 1966): „Die kurze Geschichte der Stadt – mit ihrer Kunstgeschichte“ des Co-Autors Josef Fuchs – gilt als berechtigt, weil sie das Bedürfnis einer breiten Leserschaft nach einer geschlossenen Stadtgeschichte befriedigt. Gleichzeitig aber auch unsere heranwachsende Jugend an das geschichtliche Leben einer reichen und bewegten Vergangenheit heranführen möchte.

Abb. 3: Titel von Brüstles Villinger Stadtgeschichte.