Schmiedemeister mit vielen Begabungen (Hermann Colli)

Hans Stern blickt auf drei Generationen erlebter Villinger Handwerksgeschichte zurück

Als vor dreizehn Jahren die Esse in der Werkstatt an der Voltastraße erlosch und der Hans Stern seinen Lederschurz an den berühmten Nagel hängte, ging ein gutes Stück Villinger Handwerkstradition zu Ende: Die Ära der bekannten und geschätzten Hufund Wagenschmiede Stern! Der Schritt in den Ruhestand ist dem stets umtriebigen  Handwerksmeister, der mit großer Liebe an seinen Beruf hing, nicht leicht gefallen. Aber er ließ sich nicht vermeiden, denn die Baupläne des Arbeitsamtes an der Landwattenstraße vereinnahmten 1988 auch das Grundstück des ehemaligen Villinger Gaswerkes, in dessen Übergabestation Hans Stern, nach zwei Umzügen, seine letzte Schmiedewerkstatt betrieb.
Wenn es so etwas wie Schmiedeblut gibt, dann hatte Hans Stern eine Menge davon in den Adern. Geerbt von den Vorfahren. In der Rietstraße 23, einem rund 400 Jahre alten Bürgerhaus, das heute mit seinem bunten blumengeschmückten Erker zu den schönsten in der Fußgängerzone gehört, hatte im Januar 1888 der Großvater, Johann Stern, die Hufund Wagenschmiede gegründet. Er und seine Frau Agnes hatten sicher keinen leichten Stand, denn in Villingen gab es auf diesem Gebiet jede Menge Konkurrenz.
Der Enkel Hans, kann heute noch aus dem Stand heraus vier Betriebe aufzählen, die sich in seiner Jugendzeit allein innerhalb der Stadtmauern befanden. In der Oberen Straße 19 betrieb Eugen Kress eine Hufund Wagenschmiede und in der Gerberstraße 34 „residierte“ Schmiedemeister Hofsäß; Richard Fleig hatte seine Werkstatt in der Bickenstraße 14 und dann loderte in der Rietstraße 23 ja die Esse von Hans’ Großvater Johann. Dieser war übrigens nicht nur ein tüchtiger Handwerksmeister sondern auch ein weitsichtiger Mann, der frühzeitig die Weichen für eine Berufsvereinigung stellte.

Gründer der Schmiedeinnung
Das ist einem Schreiben zu entnehmen, das Hans
Stern bei seinen zahlreichen gesammelten Dokumenten aus der Familienhistorie fand. Darin wendet sich der „provisorische Vorstand“ Johann Stern am 24. Mai 1910 mit „kollegialem Gruße“ an seine Kollegen und lädt auf Sonntag, den 29. Mai, zur Gründung einer Schmiede-Innung ins Gasthaus Löwen ein. In dem Brief heißt es unter anderem: „Nachdem sich unsere Kollegen im Oberland, sowie im Nachbarbezirk Donaueschingen aufgerafft haben, Schmiede-Innungen zu gründen, haben sich einige Kollegen  unseres Bezirks entschlossen, die Gründung einer Schmiede-Innung für unseren Bezirk zu beraten.“ Damit werden die Schmiede aus Villingen und Umgebung zur Gründungsversammlung eingeladen. Johann Stern, der

sich zum Wortführer der Kollegen machte und somit wohl als einer der Gründerväter der Innung bezeichnet werden kann, war diese Sache eine Herzensangelegenheit. Das geht aus seinem mahnenden Aufruf hervor: „Ich richte hiermit an die verehrten Herren Kollegen, in Anbetracht der Notwenigkeit einer Schmiede-Vereinigung und in Anbetracht der Lage unseres Handwerkes, das dringende Ersuchen, bestimmt zu erscheinen…“ Das Schreiben ist in gestochener Sütterlinschrift verfasst und man kann sich nur wundern, wie eine Hand, die schwere glühende Eisenstücke mit dem Schmiedehammer auf dem Amboss in die gewünschte Form bringt, solche filigrane Buchstaben auf das Papier malen kann. Oder hat am Ende seine Frau Agnes – die Maidle waren in der Schule bekanntlich im Schönschreiben den Buben immer etwas überlegen – den Brief geschrieben und der Meister hat nur seine Unterschrift darunter gesetzt? Spekuliert werden darf jedenfalls. Und die Historie wird dadurch sicher nicht verfälscht. Dieser Brief ist jedenfalls ein wertvolles Dokument für die Handwerksgeschichte in Villingen. Wie aus späteren Schriften, die Hans Stern gesammelt hat, hervorgeht, entstand eine lebendige und schlagkräftige Schmiedevereinigung, der sich alle Betriebe im Kreis – und damals gab es in jedem noch so kleinen Dorf einen Schmied! – anschlossen um gemeinsam ihre beruflichen Interessen durchsetzen zu können.

Auf Johann folgte Fritz Stern
Johann Stern übergab 1927 die Schmiede in der
Rietstraße seinem Sohn Fritz, der den inzwischen renommierten Betrieb im Sinne des Firmengründers weiterführte und ausbaute. So wurde er Vertragspartner der Landmaschinenfabrik Fahr in Gottmadingen. Die Mechanisierung der bäuerlichen Betriebe bescherte den Schmieden eine neues Aufgabengebiet. Die Landwirte kamen zu ihnen, wenn an der Mähmaschine oder dem Getreidebinder etwas kaputt war. Und das war damals, als die Landwirtschaft hier noch eine bedeutende Rolle spielte, recht oft der Fall. Der Spruch: „Geh’ zum Schmied und nicht zum Schmiedle“ wurde von den Bauern recht oft beherzigt.

Die Huf- und Wagenschmiede Stern in der Rietstraße 23 im Jahre 1923. Der 2. von links auf dem Bild ist Firmengründer Johann Stern, rechts und links neben ihm zwei stämmige Schmiedegesellen und ganz rechts Fritz Stern, der Vater von Hans Stern. Aus dem Fenster des Erkers, der mit dem Zeichen der Schmiedezunft geziert ist, blickt die Großmutter des letzten Schmiedemeisters, Agnes Stern.
Die Huf- und Wagenschmiede Stern in der Rietstraße 23 im Jahre 1923. Der 2. von links auf dem Bild ist Firmengründer Johann Stern, rechts und links neben ihm zwei stämmige Schmiedegesellen und ganz rechts Fritz Stern, der Vater von Hans Stern. Aus dem Fenster des Erkers, der mit dem Zeichen der Schmiedezunft geziert ist, blickt die Großmutter des letzten Schmiedemeisters, Agnes Stern.

Leider verstarb Fritz Stern, der einige Jahre Obermeister der Schmiedeinnung war, schon mit 44 Jahren. Das war 1939. Sein Sohn Hans, 1925 geboren, ging noch zur Schule. Die Mutter, Emma Stern, geborene Distel, führte den Betrieb, in dem Hans 1940 seine Lehre begann, weiter. Als der ausbildende Geselle den Soldatenrock anziehen musste, konnte der „Schmiede-Stift“ seine Lehre bei Matthias Müller in Mönchweiler beenden. 1942 machte er die Gesellenprüfung, zu der er – kriegsbedingt – früher zugelassen wurde.
Mit der weiteren beruflichen Karriere war es aber zunächst vorbei. Er musste zum Arbeitsdienst und danach zur Wehrmacht. Auch hier kamen ihm seine beruflichen Kenntnisse zugute, denn er kam zur Bespannten Artillerie, bei der ein Geschütz noch von sechs Pferden gezogen wurde. Da war man froh, wenn man einen Fachmann dabei hatte, der mit Rössern umgehen konnte. Als Soldat wurde er bei der Invasion der Alliierten in der Normandie verletzt, kam in ein Lazarett der Amerikaner und landete schließlich als Gefangener in den USA. Nach seinem eineinhalbjährigen unfreiwilligen Besuch in den Staaten kehrte er 1946 nach Hause zurück.

Neuaufbau und Weiterbildung
Jetzt erst begann praktisch seine berufliche Lauf-
bahn. Mit einer Sondergenehmigung durfte er den elterlichen Betrieb weiterführen. Neben dem Neuaufbau, der auf Grund des völligen Zusammenbruchs der deutschen Wirtschaft äußerst schwierig war und viel Kraft, persönliche Initiative und Mut zum Risiko erforderte, kam jetzt die Weiterbildung. Kurse, Lehrgänge und Schulungen vervollständigten das Berufsbild. Am 31. Mai 1949 machte er in Konstanz seine Meisterprüfung. Danach gingen zwölf Lehrlinge durch seine Schule. Einige von ihnen haben sich inzwischen schon einen eigenen Betrieb aufgebaut. 1989 wurde er mit dem Goldenen Meisterbrief ausgezeichnet.
Blicken wir noch einmal zurück auf die Ausbildungszeit. Da ist zum Beispiel ein Lehrgang an der Hufbeschlagschule in Emmendingen Dort lernen die Absolventen nicht nur wie man Pferden, Ochsen und Kühen fachgerecht neue Hufeisen verpasst, sondern sie müssen eine ganze Menge über die Anatomie der Tiere wissen. Da heißt es neben der praktischen Arbeit, die Nase in die Fachbücher zu stecken und ganz schön büffeln.

Hans Stern schnupperte schon früh Schmiedeluft. Hier stellt er sich als Zweijähriger mit zwei strammen Gesellen und einem, auf neuen Hufbeschlag wartenden Ross vor.
Hans Stern schnupperte schon früh Schmiedeluft. Hier stellt er sich als Zweijähriger mit zwei strammen Gesellen und einem, auf neuen Hufbeschlag wartenden Ross vor.

Offensichtlich hat das der Sterne-Hans, wie ihn seine vielen Freunde nennen, auch getan und es hat sich herumgesprochen. Als in den 60er Jahren einmal ein Zirkus in Villingen gastierte und eine Elefantendame Probleme mit ihren Hufen bekam, wurde der Villinger Handwerksmeister zur Behandlung ins Elefantenzelt geholt. Und da war keine Manioder Pediküre gefragt, sondern fachliches Wissen und Können.
Ein einschneidendes Ereignis vollzog sich 1974, als er wegen der Einrichtung der Fußgängerzone seinen Betrieb aus der Rietstraße verlegen musste. In der Kanzleigasse, im Gebäude in dem sich früher die Villinger Milchzentrale befand und wo zuvor Hermann Ummenhofer seine Kupferschmiede betrieb, richtete er sich neu ein. Doch als der Umbau der Karl-Brachat-Realschule begann, musste er auch hier seine Zelte wieder abbrechen. In Nachbarschaft des Schlachthofes ging dann – wie anfangs berichtet – das letzte Kapitel der Ära Schmied Stern über die Bühne. Nach genau hundert wechselvollen Jahren – von 1888 bis 1988 – verschwand der Name des angesehenen  Handwerksbetriebes  aus der Villinger Unternehmenskartei.

Rentner mit vielfältigen Interessen
Doch Hans Stern ist kein Mensch, der als Rentner
die Hände in den Schoß legt. Seine vielen Interessen sorgen schon dafür, dass es ihm im Ruhestand nicht langweilig wird. Er hat sich immer Aufgaben der Gesellschaft gestellt. Als Schriftführer führte er elf Jahre lang die Bücher der Schmiedeinnung. Bei der Feuerwehr ist er seit 1948 aktiv. Wenn heute auch nicht mehr als Oberbrandmeister und Zugführer des ersten Löschzuges, so doch als Leiter der Altersabteilung, der dafür sorgt, dass die FloriansSenioren die Verbindung zur aktiven Truppe nicht verlieren.
Ein ganzes Kapitel wäre auch über den Narro Hans Stern zu schreiben, der schon 1947 in den Rat der Villinger Narrozunft berufen wurde und seit 1990 deren Ehrenmitglied ist. Im gleichen Jahr wurden seine Verdienste um das heimische Brauchtum auch mit der Verleihung  des Narrenbechers gewürdigt.

Es wären noch einige andere Vereine anzuführen, in denen der jetzt 76jährige Schmiedemeister aktiv war und ist. Dazu zählt auch der Geschichtsund Heimatverein Villingen. Er gehört zu den fleißigsten Versammlungsbesuchern, nimmt, so weit es ihm möglich ist, an den geschichtlichen Exkursionen teil und hat sich besonders als Austräger der Vereinspost über viele Jahre hinweg  große Verdienste erworben. Durch seine „Botengänge“ hat er – wie auch viele andere Mitglieder dieses Kreises – dem GHV eine Menge Portogeld gespart.

Auch als Modellbauer ein Meister
Auch als Modellbauer ein Meister

Zum Schluss sei noch eine andere Leidenschaft
von Hans Stern angesprochen: Der Modellbau. Was in vielen Jahren in der Freizeit unter seinen geschickten Händen an maßstabgerechten Nachbauten von Oldtimern und anderen interessanten Dingen entstanden ist, könnte ein kleines Museum füllen. Seit 1989 darf sich das Franziskanermuseum auch über eine Arbeit des Villinger Bastlers freuen. Im Maßstab 1:10 hat er den legendären Schwanzhammer  des ehemaligen Hammerwerkes Laun nachgebaut. Das voll funktionsfähige Modell

steht in der Abteilung für Villinger Handwerksund Industriegeschichte neben dem großen Original und zeigt anschaulich, wie der „große Bruder“ einst funktionierte.
Jetzt hat der Handwerksmeister im Ruhestand ein weiteres Schmuckstück fertiggestellt: Die Sägemühle vom früheren Behlishof in Unterkirnach, die heute im Freilichtmuseum in Neuhausen ob Eck steht und jährlich tausenden von Besuchern Einblick in die Arbeitsweise der Schwarzwälder Holzsäger früherer Generationen vermittelt.

Hans Stern hat in vierjähriger mühevoller Arbeit die wassergetriebene Anlage im Maßstab 1:17 detailgetreu nachgebaut und kann an diesem 130 mal 85 Zentimeter großen Modell demonstrieren, wie der Alltag in der Unterkirnacher Säge bis vor rund 50 Jahren ablief. Wen wundert es, dass sich das Franziskanermuseum auch für dieses „SternWerk“ interessiert und es gerne in seinen historischen Mauern der Öffentlichkeit präsentieren würde? Am Museumstag 2001 durften die Besucher das Modell schon einmal unter die Lupe nehmen.