Verborgene Schätze aus dem 14. Jahrhundert (Edith Boewe-Koob)

Bei der Auflösung des Lehrinstituts St. Ursula im Jahr 2015 wurden unter anderem auch hochinteressante Fragmente gefunden. Es sind Blätter ehemaliger liturgischer Handschriften, die hauptsächlich zu Brevieren 1 gehörten, und die im 14. Jahrhundert auf Pergament in einer gotischen Textura geschrieben wurden. Wie die späteren Eintragungen der Konventschreiberinnen des Villinger Klarissenklosters zeigen, waren die Fragmente als Einbände von Rechnungsbüchern der Klarissen vorgesehen. Dazu wurden die Handschriften aufgelöst, nachdem sie obsolet geworden waren, um als Einzel – oder auch Doppelblätter für Einbände der Rechnungsbücher benutzt zu werden. Obwohl es einen Handel mit abgelösten Fragmenten gab, wäre es möglich, dass die kompletten Handschriften im Villinger Kloster benutzt wurden. Heute sind die als Einbände vorgesehenen Fragmente von größerer Bedeutung als der geplante Inhalt. Da die Einbindung unterblieb, kamen die Fragmente in das kleine Klostermuseum, wo sie einige Jahrhunderte keinerlei Beachtung mehr fanden.

Das Besondere an diesen liturgischen Fragmenten ist, dass zwischen den fortlaufenden lateinischen Texten sogenannte Einsprengsel eingetragen wurden, die Angaben zu dem Ablauf der jeweiligen Stundengebete in mittelhochdeutsch anzeigen. Diese Einsprengsel sind keine Nachträge, sondern gehören zur Anlage der Handschrift. Diese besondere Form der Aufzeichnungen wurde in Frauenklöstern, oder für diese geschrieben 2 und gehören in diesem Fall zu einem franziskanischen Frauenorden (Klarissen).

Von den gefundenen Fragmenten werden drei der interessantesten handschriftlichen Blätter abgebildet und erläutert. Da die Fragmente keine Signatur besitzen, wurden zum besseren Verständnis vorläufig Signaturen vergeben. Fragment aus dem Klarissenkloster zu Villingen (A.B. Fr.1)

„Anno 1607 das 17 bmoch Appolonia Moßerin angefangen den 6 augusti gehertt zuo verechnen den 6 Augusti Anno 1608.” (Apollonia Moser war von 1591 – 1612 Äbtissin des Villinger Klarissenklosters).

Abb. 1: Fr. 1, folio 1r, ganze Seite.

Das Fragment besteht aus einem Pergament- Doppelblatt und beinhaltet Lektionen aus den Büchern der Propheten Daniel, Osea, Joel und Amos. Die Lektionen wurden ab dem 3. Sonntag im November gelesen. Auch in den späteren Brevieren stehen diese Texte 3. Nach der zweiten Lektion wurde ein Einsprengsel eingefügt.

…Div vierde divoche Des manodes novembris vahet man an div buoch der zwels wissagen. Vnde list mans vnz an den advent von den selben an dem woe`chteiglichem ampte.”

„Die vierte Woche des Monats November beginnt man mit dem Buch der 12 Weissagungen (12 Propheten), die man bis zum Advent liest. Davon auch beim wöchentlichen Amt.”

Das zweite Fragmentblatt bildet keine Fortsetzung des ersten Blattes. Auch hat eine andere Hand den Text geschrieben, der fragmentarisch ohne Angabe mit einem Vers beginnt. Es folgen die Laudes-Antiphonen des Offiziums von Trinitatis.

Das Dreifaltigkeitsfest wurde erst 1334 in den römischen Kalender durch Papst Johannes XXII aufgenommen. Es gab bereits Ende des 8. Jahrhunderts Votivmessen zu Ehren der Dreifaltigkeit, die aber noch kein offizielles Fest bedeuteten 4. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde die Verehrung der Dreifaltigkeit als Fest um die erste Jahrtausendwende von dem Benediktinerorden eingeführt 5.

Es erstaunt, dass bereits in den frühen Antiphonarien das Fest Trinitatis in den Offizien aufgenommen wurde. Die auf dem Fragment aufgezeichneten Laudes-Antiphonen sind teilweise, auch in der Reihenfolge, identisch mit den untersuchten Quellen 6, die hauptsächlich zu dem „Cursus Monasticus” gehören.

 

(In Festo Sanctissimae Trinitatis)

Ad Laudes

A = O beata et benedicta et gloriosa trinitas… (H, R, D, S)

A Tibi laus tibi gloria tibi graciarum… (E, M, F, L)

A O beata et benedicta et gloriosa trinitas… (H, R, D, S)

V Tibi laus tibi gloria tibi graciarum… (E, M, F, L)

A O uera summa sempiterna trinitas… (H, R, D, S)

V Miserere, miserer, miserere nobis… (E, M,)

A Te iure laudant te adorant te glorificant… (H, R, D, S)

V Tibi laus tibi gloria tibi graciarum… (E, M)

 

Ad Benedictus

A Benedicta sit sancta trinitas… (H)

Abb. 3: Fr. 1, folio 2r, linke Spalte.

„Div capitel spricht man ze den ziten als andem svnnintage.”

„Die Kapitel werden zu den Stundengebeten, wie am Sonntag gebetet”

Einige Hymnen, Gesänge und Gebete, die sich alle auf Trinitatis beziehen, bilden den Abschluss des Fragments.

Fragment aus dem Klarissenkloster (A.B Fr. 2) Auf dem Pergament – Doppelblatt des Brevier – wurde auf der Rückseite in Gegenrichtung folgender Eintrag handschriftlich aufgezeichnet.

„Anno 1609 das 19 buoch Appolonia Moßerin angefangen den 6 augusti gehörttt zuo verechne de(n) 6 augusti 1610”

(Apollonia Moser war von 1591-1612 Äbtissin des Villinger Klarissenklosters).

Abb. 4: Fr. 2, folio 1r, ganze Seite.

Dieses Fragment ist Teil eines ehemaligen Breviers,zu dem einige der gefundenen Fragmente gehörten. Der Inhalt des Pergament-Doppelblattes besteht aus Texten, die dem ersten Buch der Machabäer entnommen wurden. Zu Beginn, auf folio 1, steht eine fragmentarische Lectio aus dem Buch Esther (Hesther) 7. Die Texte der nachfolgenden Lektionen und Gesänge gehören zum 1. Buch der Machabäer 8, Aus den Büchern der Propheten und auch der Machabäer wurden die Texte hauptsächlich in mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Handschriften aufgezeichnet, ebenfalls sind die Texte in den Brevieren des 17. und 20. Jahrhunderts 9 zu finden.

Abb. 5: Frag. 2, folio 1r, linke Spalte.

Nach der Lectio aus dem Buch Esther wurde das erste Einsprengsel aufgezeichnet.

„Merke singet man die vor gescriben Ystorie an dem ffinften sonnentage daz da gebristet daz er vollet man von der Ystorie Adonay domine. An dem ersten samztage kalendns octobris.”

„Merke: Singt man die vorgeschriebenen Gesänge (Responsorten un Antiphonen) am fünften Sonntag, falls sie nicht vollständig sind, singt man das Responsorium „Adonay Domine” an dem ersten Samstag in den Kalenden des Oktobers.”

Nach einer Antiphon zum Magnifikat folgt das nächste Einsprengsel.

„In dem ersten svnnentage octobris singet man disiv nvitatoria Venite exultemus Preocupemus Suoch div Invitatoria bi den andern nah dem xwelftentage an dem man div singet man hie nah ein andr vnz an den. advent also daz man d´lengeste wirt singet ob es not ist. Ymnus Primo dierum o(mnium) Hinaht vahet man an div Buoch machabeorum. daz erste leset nwn dvrch zwo wochen. daz and´ bmoch macinhabeoram dvrch die anderen zwo.”

„An dem ersten Oktobersonntag singt man die Invitatorien „Venite exultemus” und „Preoccupemus”. Benutze die Invitatorien an den zwölf Tagen, die man nacheinander bis zum Advent singt. Das längste wird, wenn nötig, zweimal gesungen. Es folgt der Hymnus des ersten Tages. Anschließend beginnt man mit den Büchern der Machabäer. Das erste Buch wird innerhalb von zwei Wochen gelesen, das andere Buch (das zweite) die beiden letzten Wochen.”

Die folgenden Texte wurden den Büchern der Machabäer entnommen, aufgeteilt in Lektionen, Responsorien und Antiphonen. Bei den angegebenen Gesängen zeigt sich im Vergleich mit den Quellen des CAO und anderen Quellen eine eventuelle Beziehung zu der Handschrift aus Ivrea (E).

(Alle 13 Responsorien des Fragments sind ebenfalls in E, von den 11 Antiphonen sind 8 in der selben Handschrift aus Ivrea. Die 13 Responsorien des Fragments sind auch identisch mit den Angaben in den Handschriften von St Gallen (H) und Rheinau (R). wie auch in Benevent (L). Von den 11 Antiphonen des Fragments ist nur jeweils 1 Antiphon in St. Gallen (H) und Benevent (L) vorhanden).

Vor dem letzten Einsprengsel wurde noch der Hymnus „Aeterne rerum” gesungen.

Abb. 6: Fr. 2, folio 2r, ganze Seite.

„Die vnder gescribene antphone spricht man zedem Mag. an dem werchtagelichen ampte vnz an die kaldàs nonembris.”

„Die anschließenden Antiphonen singt man zum Magnifikat im Amt an den Wochentagen in den Kalenden des Novembers.”

Die Eintragungen auf dem Fragment enden nach den elf angegebenen Antiphonen und den zwei Lektionen, deren Texte dem ersten Buch der Machabäer für die folgenden Wochentage entnommen wurde.

 

Fragment aus dem Klarissenkloster (A.B. Fr. 3)

Über den eigentlichen Text des Fragmentes wurden von der Konventschreiberin des Villinger Klarissenklosters die Angaben für den Einband eines vorgesehenen Rechnungsbuches eingetragen.

Anno 1615 Jar das dritt Buoch maria Cleopha Duocherin Angefangen den 6 Augusti gehert zuo verechnen den 6 August Anno 1616.

(Maria Cleopha Durcher war von 1612 – 1624 Äbtissin des Klarissenklosters zu Villingen).

Abb. 7: Fr. 3, folio 1r, ganze Seite.

Dieses Fragment, das ebenfalls Teil eines Breviers ist, besitzt neun Lektionen, drei Responsorien und sieben Antiphone, deren Texte aus dem Buch Job entnommen wurden. Die Lektionen wurden nach den aufgezeichneten Antiphonen gelesen. In einigen der verglichenen Quellen wurden die Texte Jobs „In Kalendris Septembris” und „In Kalendris Octobris” eingesetzt. Auf dem Fragment wurde für die Leseordnung keine Angabe gemacht. Fest steht, dass die Texte Jobs im Herbst gelesen wurden. Nach den drei Responsorien steht ein Einsprengsel.

Abb. 8: Fr. 3, folio 1r, linke Spalte.

„Die vndern gescribene antiphe siget man ze dem Mag. durch zwo wochin.”

„Die anschließenden Antiphonen werden zum Magnifikat innerhalb zwei Wochen gesungen.”

Der Text auf folio „1r” beginnt mit dem fragmentarischen Vers eines Responsoriums. Es folgen drei Responsorien mit Versen und sieben Antiphonen. Beim Vergleich mit den Quellen aus CAO und anderen Handschriften, konnte festgestellt werden, dass die drei Responsorien, in Ivrea (E), und von den sieben Antiphonen des Fragments sechs in der Handschrift aus Ivrea vorhanden sind. In den Handschriften von St. Gallen (H) und Rheinau (R) sind die Responsorien ebenfalls mit den Eintragungen auf dem Fragment identisch, während bei den Antiphonen nur drei mit den Angaben des Fragments übereinstimmen.

 

Zusammenfassung:

Die untersuchten Pergamentfragmente gehören zu Brevieren des 14. Jahrhunderts, die in gotischer Textura geschrieben wurden. Die Schrift wurde von geübten Händen ausgeführt, sie ist gut lesbar und ihr Erscheinungsbild homogen. Die Texte der ehemaligen Handschriften wurden in zwei Spalten geschrieben, und die Initialen über zwei bis sieben Zeilen dekorativ in rot und blau gezeichnet und oft mit der anderen Farbe (rot mit blau, blau mit rot) ausgeschmückt. Von großer Bedeutung sind die Einsprengsel, die meistens rot unterstrichen wurden, und in den liturgischen Handschriften einiger Frauenklöster als Anlage, die zum liturgischen Ablauf der Stundengebete gehören, eingesetzt wurden.

Die wichtigsten Übereinstimmungen mit den Quellen des CAO:

Fragment 2 von 13 Responsorien im Fragment, davon 13 Responsorien in Ivrea (E), St. Gallen (H), Rheinau (R) und Benevent(L). Von 11 Antiphonen des Fragments davon 8 Antiphonen in Ivrea (E), 1 A. in St. Gallen (H), Rheinau (R) und Benevent (L).

Fragment 3 von 3 Responsorien des Fragments ebenfalls 3 in Ivrea, St. Gallen und Rheinau und 2 R. in Benevent(L). von 7 Antiphonen des Fragments, davon 6 in Ivrea (E), 3 in St. Gallen (H), Rheinau (R)und 2 in Benevent (L).

Es wäre durchaus möglich, dass die kompletten Handschriften im Klarissenkloster Villingens in den Offizien benutzt wurden. Denn als Ursula Haider mit ihren Mitschwestern aus Valduna im Vorarlberg nach Villingen kam, um die dortige Sammlung im Jahr 1480 in ein Klarissenkloster umzuwandeln, waren für Messfeier und Stundengebete liturgische Bücher notwendig. Dadurch wäre es denkbar, dass Ursula Haider die Handschriften aus Valduna mitbrachte um gleich bei ihrer Ankunft in Villingen mit ihren Mitschwestern die vorgeschriebenen Offizien feiern zu können, denn in der Villinger Sammlung am Bickentor befanden sich keine Handschriften für den strengen Klarissenorden. (Der Klarissenorden ist der zweite franziskanische Orden, mit der Regel der hl. Clara von Assisi). Falls diese Hypothese stimmen könnte, müsste noch erforscht werden, woher die liturgischen Bücher nach Valduna kamen.

Nicht nur für Villingen, sondern allgemein für die Liturgiewissenschaft sind diese Fragmente mit den Einsprengseln von großer Wichtigkeit, und es ist eine besondere Fügung, dass diese Fragmente gefunden wurden.

 

Anmerkungen: 

1 Brevier = Sammlung der Gebete und Gesänge der täglichen Stundengebete der Ordensgemeinschaften und Welt-geistliche der kath. Kirche.

2 Herrn Prof. Dr. Felix Heinzer, der wertvolle Anregungen gab, sei herzlich gedankt.

3 Breviarium Romanum, Pars Autumnalis, Antverpiae M. DC. XCVIII. Breviarium Romanum, Pars Autumnalis, Ratisbonae et Romae MCMXV.

4 Dürig, Walter: Dreifaltigkeitsfest (VII), Bd. 3, Herder-Verlag Freiburg, 1959, Sp. 562.

5 Beritz, Karl-Heinrich: Das Kirchenjahr, H.Beck-Verlag München, 1994, S. 142.

6 E = Ivrea (Ivree, Chapitre 106, 11. Jh.). M = Monza (Monza Chapitre c. 12.75, 11. Jh.). H = Hartker (St. Gallen, 390 – 391, 10./11.Jh.). R = Rheinau (Zürich, Zentralbibliothek, Rh. 28, 13. Jh.). D = Saint Denis (Paris, Bibl. Nat. lat. 17296, 12. Jh.) F = Saint- Maur les Fossès, (Paris, Bibl. Nat. lat. 84, 12. Jh.). S = Silos (London, Brit. Museum, add. 30850, 11. Jh.). L = Saint Loup de Bénevént, Chapitre V. 21, 12. Jh).

7 Die Texte von Esther wurden im September gelesen.

8 Die Texte des 1. Buches der Machabäer wurden ab dem ersten Sonntag im Oktober, die Texte des zweiten Buches ab 4. Oktobersonntag eingesetzt.

9 Siehe Endnote 3.

 

Quelle:

  1. B Klosterarchiv St. Clara / St. Ursula