Die biblische Botschaft der Fenster im Villinger Münster (Kurt Müller)

Bei der letzten Renovation des Münsters 1978 – 1982 stellte man sich auch der Aufgabe, eine Neugestaltung aller Kirchenfenster im Hauptschiff zu wagen. Der Kölner Künstler Elmar Hillebrand wurde mit der Arbeit betraut. Sein Thema lautete: die Machttaten Jesu und seiner Jünger. Die Grundfläche aller Fenster bekam eine ann barocker Formensprache orientierte gleichmäßige Gestaltung. In jedem Fenster erzählt ein Medaillon eine biblische Begebenheit zum Thema. Die Bilderreihe auf den Fenstern schildert nun eine Fülle biblischer Begebenheiten, und sie stellt eine Einladung für die Besucher dar, bei einem meditativen Gang entlang der Fenster, sich zahlreiche biblische Themen bewusst zu machen. Wir beginnen den Rundgang auf der Südseite hinten:

Abb. 1: Der Prophet Elia auf der Flucht, 1 Kg 19,1.

„Der Engel Jahwes rührte ihn an und sprach: Steh auf, iss, denn sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte in der Kraft jener Speise 40 Tage und 40 Nächte bis zum Gottesberg, dem Horeb”.

Wer aus der Hektik oder der Hast des Alltags heraus ins Münster tritt, fühlt sich vielleicht durch dieses Bild eingeladen, eine geistliche Pause einzulegen und durch die Begegnung mit Gottes Wort neue Kraft für den Lebensweg und die Aufgaben des Alltags zu finden. Iss und trink, sonst ist der Weg zu weit für dich, ist eine gute Einladung zu einer meditativen Pause entlang der Münsterfenster.

Abb. 2: Die Berufung der ersten Jünger, Mk 3, 16.

„Er sah Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die Netze auswerfen. Sie waren nämlich Fischer. Da sprach Jesus zu ihnen: Kommt mir nach. Ich will euch zu Menschenfischern machen. Sofort verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.”

Eine Einladung zur Nachfolge prägt das öffentliche Wirken Jesu von Anfang an. Nicht das neugierige Beobachten seines Wirkens, nicht die kritische Auseinandersetzung seiner Botschaft ist die Erwartung Jesu an einen Menschen. Er erwartet den Aufbruch zur Nachfolge und in seiner Nähe das immer tiefer Vertrautwerden mit dem Sinn und dem Heilswert seiner messianischen Sendung.

Abb. 3: Petrus der Fels, Mt 16,18.

„Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben.”

Die Einladung zur Nachfolge ist adressiert an viele Menschen. Aus Zuhörern werden Sympathisanten, Jünger, Apostel und eine große Zahl von Menschen. Von Anfang hat Jesus eine geordnete Struktur seiner Gemeinde beabsichtigt. Er hat Verantwortung übertragen, Ämter eingesetzt und dem Petrus das Felsenamt übertragen.

Abb. 4: Die Heilung des Gelähmten, Apg 3,1.

Petrus sprach: „Silber und Gold besitze ich nicht. Was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi des Nazoräers wandle! Und er fasste ihn bei der Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Gelenke fest. Er sprang auf und konnte gehen.”

Petrus und Johannes machen die Erfahrung, dass sie nicht nur viel Aufmerksamkeit erleben bei der Verkündigung der Botschaft Jesu. Sie erfahren, dass ihnen in der Nachfolge Jesu auch viel Kraft und Mut geschenkt wird, ja dass sie sogar an der Wunderkraft Jesu teilnehmen dürfen. „In Gottes Namen“ sagen wir selber auch oft und wir dürfen darauf vertrauen, dass sich darin auch für uns eine Kraftquelle erschließt.

Abb. 5: Der Sünderin wird vergeben, Lk 7,36.

„Sie trat weinend von rückwärts an die Füße Jesu heran und begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes, küsste seine Füße und salbte sie mit dem Salböl.”

Eine dramatische Szene. Im Haus eines vornehmen Pharisäers, der Jesu Verhalten genauer beobachten wollte, hat eine in der Stadt bekannte Sünderin mit dieser provozierenden Geste Jesu und den Pharisäer herausgefordert. Der stolz auf seine Rechtgläubigkeit vertrauende Pharisäer wird belehrt: Ihre vielen Sünden sind vergeben, darum hat sie viel geliebt, wem aber wenig vergeben wird, liebt wenig. Zur Frau sagt Jesus: Dein Glaube hat dich gerettet, geh hin in Frieden.

Abb. 6 Petrus schreitet übers Wasser, Mt 14,22.

„Sogleich streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt.”

Nach der wunderbaren Brotvermehrung verließ Jesus die Jünger und das Volk und stieg auf einen Berg um zu beten. Die Jünger wies er an, das Boot zu besteigen und voraus zu fahren trotz starkem Wind und Wellengang. Mitten auf dem See meinten die Jünger ein Gespenst zu sehen, weil Jesus auf den Wellen schreitend ihnen erschien. Er rief dem Petrus zu: Komm! Der stieg aus dem Boot und schritt auf Jesus zu. Aber in Angst begann er zu sinken, da fasste ihn Jesus rettend an der Hand. Die Einladung: Komm kann uns Menschen in vielerlei Weise zur Nachfolge Jesu einladen. Wir dürfen vertrauen, dass seine Hand uns nicht loslässt, wenn wir beherzt seiner Einladung folgen.

Abb. 7: Die Ostergeschichte von Emaus, Lk 24,13.

„Sie sprachen zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg mit uns redete und die Schrift aufschloss?”

Diese einprägsame Ostergeschichte wird auf dem Fenster erzählt, das sich ganz nah am Altar befindet. Dort wo die Menschen das eucharistische Brot empfangen ist allen zu wünschen, dass ihnen die Frucht der Feier, die österliche Gewissheit geschenkt wird: Er ist wahrhaft auferstanden und uns wie den Seinen erschienen.

Abb. 8: die Verklärung auf dem Berg Tabor, Mt 17,1.

„Herr es ist gut, dass wir hier sind. Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, und Mose und Elia eine.”

Dieses Bild von der Verklärung Jesu und des Erscheinens von Mose und Elia ist gut geplant in der Mitte des Münsters in der Nähe des Altars. Hüttenbauen heißt so viel wie: Hier ist es gut, hier wollen wir bleiben, sicher und daheim sein. Im Münster sitzen oder knien, das bedeutet für viel Gläubige: sicher und daheim sein, gern und oft dahin zurück zu kommen. Daher schätzen und lieben viele Menschen ihre Pfarrkirche, in der sie getauft, getraut und in der sie sonntags beim Gottesdienst ihren Lieblingsplatz aufsuchen.

Abb. 9: Die Frau am Jakobsbrunnen, Jh 4,5.

„Jeder, der von diesem Wasser trinkt wird wieder Durst bekommen. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird in Ewigkeit nicht mehr dürsten, sondern das Wasser, das ich geben werde, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das ins ewige Leben sprudelt.”

Der Samariterin öffnet Jesus die Augen, dass sie ihren fragwürdigen Lebenswandel erkennt, und er beschenkt sie mit dem Wasser des Lebens, also mit Wort und Sakrament des Messias. Unser Gottesdienst soll eine solche Gelegenheit sein, bei der wir neue Klarheit über unser Leben finden und bei der wir beschenkt werden mit Wort und Sakrament des Messias.

Abb. 10: Paulus in Athen, Apg 17,16.

„Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten einige, andere sagten: Darüber wollen wir dich ein anderes Mal hören.”

Paulus, der jüdische Gesetzeskenner und Prediger, wagt den Auftritt in Athen, der Hochburg antiker Philosophie und Weisheit. Das Bild zeigt die Akropolis mit den stolzen antiken Heiligtümern. Im Vordergrund sehen wir Männer, die aussehen wie Sokrates oder einer der Philosophen. Paulus scheut sich ich und hat keine Angst, vor den Großen seiner Zeit zu predigen. Jeder Christ braucht keine Angst zu haben vor der Weisheit und Lehre der Menschen heute. Jesus sagt: Wer sich zu mir bekennt zu dem werde ich mich bekennen vor meinem Vater.

Abb. 11: Die Heilung des blinden Bartimäus, Mk 10,46

„Jesus wandte sich ihm zu und sprach: Was willst du, das ich dir tun soll? Der Blinde antworte: Rabuni, dass ich wieder sehen kann. Da sprach Jesus zu ihm: Geh, dein Glaube hat dir Heilung gebracht. Und sogleich sah er wieder und folgte Jesus nach.”

Es gibt die leidvolle Erfahrung der leiblichen Blindheit. Es gibt auch, was die Wahrheit des Glaubens und die Wirklichkeit Gottes angeht, eine oft nicht leidvoll sondern keck und mutig vorgetragene Blindheit des Herzens und der Seele. Wer gegen die Blindheit des Herzens angeht, der ist ein Gottsucher und am rechten Platz bei der nachdenklichen Betrachtung der Bilder in unserem Münster.

Abb. 12: Die Auferweckung des Lazarus, Jh 11.

„Und nach diesen Worten rief er mit lauter Stimme: Lazarus komm heraus! Da kam der Tote heraus, Füße und Hände in Binden gewickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umbunden. Jesus sagte zu ihnen: Bindet ihn los und lasst ihn gehen.”

Wo es ernst ist, da geht es um Leben und Tod und darum geht es auf diesem Bild von der Erweckung des Lazarus, also ist hier der ernste Schwerpunkt der Bilderreihe auf den Fenstern. Der Stein ist schon vom Grab weggenommen, man sieht den toten Lazarus. Jesus steht im Kreis seiner Apostel, über ihm eine fahle Sonne und in der Mitte des Bildes trauernd die Schwester des Lazarus. Sie steht für alle Menschen, die um einen teuren Angehörigen trauern. Sie bezeugt in alle Trauer hinein: Jesus lebt und alle die an ihn glauben werden in Ewigkeit nicht sterben.

Abb. 13: Die Steinigung des Stephanus, Apg 7,55.

„Siehe ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Er rief: Herr Jesus nimm meinen Geist auf, Herr rechne ihnen diese Sünde nicht an.”

In letzter Konsequenz führ das Zeugnis für Jesus zum Martyrium. Wir sehen rechts im Bild von einem blauen Agitator aufgehetzt eine johlende Menge. Stephanus ist schon getroffen auf die Knie gesunken. Einer hebt einen großen Stein wuchtig über seinen Kopf, es regiert die nackte Gewalt. Die Rohheit und Härte ist scheinbar stärker als der Zeuge, aber in Wahrheit steht der Himmel offen für den Martyrer, das zeigt auch das Wolkenbild über der Szene.

 

Abb. 14: Jesus segnet die Kinder, Mk 10,13.

„Lasst die Kinder zu mir kommen, wehret ihnen nicht, denn für solche ist das Reich Gottes.”

Im Zusammenhang mit Kindern wird heute vornehmlich von Betreuungsplätzen, Bildungseinrichtungen und Zukunftschancen gesprochen. Die Notwendigkeit, in der Pfarrkirche eigens klein gestaltete Kinderbänke für den Gottesdienst vorzuhalten, ist nirgendwo mehr notwendig. Das Bild zeigt deutlich: Die Mütter stehen in einer Gruppe beieinander und unterhalten sich. Die Kinder drängen sich ganz selbstverständlich zu Jesus hin. Kinder haben eine natürliche Offenheit für Beziehung und Freundschaft, eben auch für Beziehung und Freundschaft mit Jesus. Das sollten wir fördern und nicht behindern.

 

Abb. 16: Der Prophet Jona Mt, 12,38.

„Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Seeungeheuers war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.”

Das mit reichlich Legenden ausgestattete Büchlein des Propheten Jona wird im Matthäus Evangelium verwendet. Drei Tage im Bauch des Seeungeheuers stehen für drei Tage Jesu im Schoss der Erde. Dann aber, und das gilt jetzt für alle Gräber, wird der Schoss der Erde sich öffnen. Die Auferstehung Jesu und aller die an ihn glauben, das ist das Schlussbild unserer Reihe durchs Villinger Münster.

 

Bildnachweis:

Bilder Jochen Hahne