Die evangelische Gemeinde in Villingen zu Beginn der1930er Jahre, insbesondere die Renovierung der Kirche 1934 (Wolfgang Rüter-Ebel)

Anfang der 30er Jahre hatte die noch recht junge evangelische Gemeinde in Villingen gut 3.000 Gemeindemitglieder. Pfarrer war seit vielen Jahren Adolf Barner. Seit 1896 war er in der vier Jahre zuvor gegründeten Kirchengemeinde Villingen. Im Jahre 1902 wurde die Pfarrstelle errichtet und somit unabhängig von der Kirchengemeinde Mönchweiler. Er begleitete die Gemeinde durch ruhige Zeiten des Wachstums, sowie durch die Umbrüche zu Zeiten des Weltkrieges und der anschließenden Neuorganisation in der Weimarer Republik. Adolf Barner war zeitweise auch (Hornberger) Dekan, Landessynodaler und Kirchenrat. 1926 war es von Villingen aus zur Bildung einer ersten Diasporagemeinde gekommen: Bad Dürrheim mit umliegenden Dörfern im Brigachtal wurde abgetrennt und bekam einen eigenen Pfarrer.

Nachdem Adolf Barner in seinen ersten Jahren noch im „alten Mesnerhaus” an der Kirche gewohnt hatte, war dann das „neue” Pfarrhaus am Benediktinerring gebaut worden, das er fortan mit seiner Familie bewohnte. (1978 – mit dem Ruhestand von Pfarrer Guggolz – wurde es verkauft.)

Seit 1923/24 wurde der ehemalige Chorraum der Kirche, nachdem eine Zwischendecke eingezogen worden war, als Gemeindesaal zur Gemeindearbeit verwendet. Ein weiteres Gemeindehaus stand damals nicht zur Verfügung.

Schon in den 20er Jahren gab es Pläne zu einer grundlegenden Renovierung der Kirche. Doch wurden diese zunächst wegen des Projekts „Kinderschule” zurückgestellt. 1927/28 kaufte die Kirchengemeinde ein Grundstück in der Wehrstraße, auf dem dann der erste evangelische Kindergarten eingerichtet wurde. Im Juli 1929 war dieser eröffnet worden. Die Kinder wurden von Kinderschwestern aus Nonnenweier betreut, die nebenan im Schwesternhaus an der Mönchweilerstraße wohnten. (Nach dem Krieg im Jahre 1947 wurde am Schwedendamm ein zweiter evangelischer Kindergarten eröffnet.)

Zu Beginn der 30er Jahre verfügte die evangelische Kirchengemeinde also neben der Kirche und dem alten Mesnerhaus (samt Garten) in der Gerberstraße über das Pfarrhaus im Benediktinerring und über das Grundstück samt Gebäuden an der Wehrstraße. Die Kirche dürfte in keinem guten Zustand gewesen sein – schon 1911 war ein größerer Betrag zur Renovierung bereitgestellt worden, 1913 hatte man die Orgelempore vergrößert. Finanzielle Probleme gab es dann 1923 mit der Inflation. Doch nachdem der Ankauf des Grundstücks in der Wehrstraße bewältigt war, ging es an die längst fällige Renovierung der Kirche. Diese fiel in die ersten Jahre des National- Sozialismus 1933 und 1934.

Im Dezember 1933 datiert ein Brief der Kirchengemeinde mit dem Antrag auf behördliche Genehmigung. Darin heißt es: „Der Evang. Kirchengemeinderat hat (…) den Beschluss gefasst, (…) das Innere unserer Kirche zu erneuern. Es sind folgende Arbeiten geplant: Erneuerung der schadhaften Emportreppe, der Emporbrüstung, des Fussbodens im Mittelgang, Wandbrüstungstäfer, neue Bestuhlung, Innenputz und Anstricherneuerung, Kamineinbau und Einbau einer Zentralheizungsanlage.”

Unter dem Stichwort „Volksmission” fanden zu jener Zeit monatliche Vortragsabende statt. So etwa im Januar 1934 über „nationale Erziehung”, im Februar über „modernes Schicksalsforschen und christliche Vorsehung” und im März wurde über die Frage gesprochen: „Brauchen wir als Christen noch das Alte Testament.”

Im Sommer 1934 sollte die neu renovierte Kirche dann eingeweiht werden, genauer gesagt am Sonntag, dem 15. Juli. Man dachte daran, „dieselbe ganz einfach und schlicht durch einen Festgottesdienst am Sonntagmorgen und eine geistliche Abendmusik zu begehen.” Als Festprediger nahm man Kontakt mit Pfarrer Bähr auf, der 1886 der erste selbständige Vikar in Villingen gewesen war. Und Pfarrer und Kirchenrat Adolf Barner fragte in Karlsruhe an, ob nicht der Landesbischof selbst zur Feier kommen würde.

Der Landesbischof sagte zunächst zu, war dann aber kurzfristig doch verhindert. Dabei hatte man schon ein Begrüßungsgedicht verfasst:

„Willkommen! jauchzt vom Turme Ein jeder Glockenschlag.

Herr Bischof, mit Dank und Freude Begrüssen wir Sie heute an unserem Fest- und Weihetag. (…)”

Auch auf andere geladene Gäste musste man verzichten: So etwa auf den Direktor des städtischen Verkehrsamtes und der Kurverwaltung, der sich mit deutschem Gruß wegen Veranstaltungen des Schwarzkragentreffens entschuldigen ließ, und ebenso auf die Vertreter der katholischen Gemeinden, nämlich der „Erzbischöflichen Pfarrkuratie St. Fidelis” und des „Münsterpfarramtes”.

Ein besonderer Höhepunkt sollte die Fertigstellung der beiden glasbemalten Fenster im Kirchenschiff sein. Diese waren nicht in der ursprünglichen Bauplanung enthalten gewesen (siehe oben) – dies lässt möglicherweise darauf schließen, dass sich dahinter eine großzügige Spende verbirgt.

Das „Evangelische Stadtpfarramt Villingen” bedankt sich Ende Juni 1934 beim Künstler Vollmer, Offenburg:

„Nun erst, nachdem ich bei voller Beleuchtung die beiden glasbemalten Fenster. „Der gekreuzigte Christus” zum Andenken an die Gefallenen der Gemeinde und „die Himmelfahrt Christi” gesehen habe, kann ich Sie auch zugleich im Namen der Gemeinde von ganzen Herzen zu dieser in jeder Hinsicht wohl gelungenen Arbeit beglückwünschen und Ihnen herzlich danken. Sie haben da etwas geschaffen, etwas so Kraftvolles und Farbenprächtiges, zugleich Herz und Gemüt Erhebendes, das Ihnen als Künstler Ehre macht und der Gemeinde jeden Sonntag ein immer neuer Quell der Freude sein wird. Es wird eben dies Werk, das seinen Meister lobt, Sie allen denen empfehlen, die es zu Gesicht bekommen. Besonders danken wir Ihnen und Ihren Mitarbeitern aber auch dafür, dass Sie mit Anspannung aller Ihrer Kräfte an dem Werk so gearbeitet haben, dass es zur bestimmten Zeit fertig wurde. Mit der Fertigstellung Ihrer Bilder kam auch die Zusage des Herrn Landesbischof D. Kühlewein, dass er unserer Feier am 15. Juli beiwohnen wird, wozu ich auch Sie nochmals herzlich einlade.

Mit deutschem Gruß”

Abb. 1: Kriegsgedächtnisfenster.

Abb. 1: Kriegsgedächtnisfenster.

Der Festgottesdienst fand dann an jenem Sonntag um 9 Uhr statt. Außer dem Landesbischof hatte kurzfristig auch Pfarrer in Ruhe Karl Bähr absagen müssen. Nach der Begrüßungsansprache von Dekan Barner und dem Weiheakt von Dekanstellvertreter Pfarrer Eisinger aus Triberg ergriff der junge Vikar Konrad Barner, der eben aus Villingen stammte, zur Predigt das Wort. Im Bericht heißt es: „Der Festgottesdienst erhielt durch 2 herrliche Chöre des Kirchenchors unter der Leitung von Herrn Direktor Essig seine besondere Weihe.”

Die Festpredigt des jungen Herrn Barner ist überliefert und liegt sogar in gedruckter Form vor. Insgesamt liest sie sich durchaus fromm. Viel ist davon die Rede, dass Christus für die neue Kirche neue Menschen braucht. Nicht alle Zwischentöne sind nach 80 Jahren mehr gut herauszuhören, doch an einer Stelle wird er sehr deutlich:

„Wie war’s denn in der Urgemeinde?” fragt er. „Mit dem Kommen des Heiligen Geistes ging mit den Jüngern eine große Veränderung vor sich. Sie wurden neue, andere, geheiligte Menschen. – So ist’s heute noch. Wo ein Menschenherz sich völlig für den Herrn Jesus öffnet und ER mit seinem Heiligen Geist einziehen kann, da gibt’s Revolution, da findet ein Thronwechsel statt, da gibt’s etwas Neues, anderes, Geheiligtes.

Was eine Revolution ist, wisst ihr. Wir haben ja in unserem geliebten Vaterland erst eine solche erlebt und stehen noch unter dem Eindruck der gewaltigen Tat. Unser Führer, Adolf Hitler, wurde uns dazu von unserem Gott gesandt, und wer bisher es noch nicht erfasst hatte, dass er ein besonders Begnadeter, unter einem besonderen göttlichen Schutz Stehender ist, dem hat hoffentlich der 30. Juni die Augen darüber geöffnet. Adolf Hitler mit seinen treuen, ihm völlig ergebenen, von heißer Liebe zu ihm entbrannten Männern durften das große Werk der völkischen Erneuerung schaffen.”

Im Weiteren spricht Konrad Barner davon, dass Gott noch Größeres schenken will, nämlich eine innere, geistliche Erneuerung. Diese Hitler-Passage scheint ihm so eine Art Gleichnis gewesen zu sein. Zum Verständnis: was war am 30. Juni 1934 gewesen, also zwei Wochen vor der Einweihung der Kirche hier? Der so genannte „Röhm-Putsch”. Unter diesem Namen war die Aktion von der nationalsozialistischen Propaganda veröffentlicht worden. In Wirklichkeit war es eine geplante Säuberungsaktion gegenüber der Hitler zu mächtig gewordenen SA. Die Hitler-Anhänger hatten ein Blutbad angerichtet, einige Dutzend Vertreter der gegnerischen Gruppe wurden umgebracht, dabei eben Ernst Röhm, weitere Führungsmitglieder der SA, und auch Kurt von Schleicher. Er war der Vorgänger von Adolf Hitler im Amt des Reichskanzlers gewesen.

Lokale Zeitungen berichteten von der Einweihungsfeier:

„Im Rahmen des Arbeitsbeschaffungs- Programms der Reichsregierung hat die hiesige evangel. Kirchengemeinde ihre Kirche dieser durchgreifenden Instandsetzung und Verbesserung unterzogen. Ausgehend von der Sicherung und Erhaltung der schönen Stuckdecke, über die Erneuerung des hundertfältig geflickten Wandputzes, der vom Zahn der Zeit stark mitgenommenen Bodenbeläge, Ersatz der hellen Verglasung durch dämpfendes Kathedralglas, durch Einbau neuen Wandtäfers und neuer Bestuhlung, Umbau der Beleuchtung für indirektes Licht, Verlegung der Kanzel an einen akustisch besseren und für die Raumordnung wertvolleren Platz, durch Erstellung eines würdigen, schlichten Altars, überragt vom einfachen Kreuz, Ersatz der unhaltbaren Ofenheizung durch eine saubere und wirtschaftlichere Dampfheizung, alles mit wohlabgewogenen Farben würdig und feinsinnig abgetönt und durch Einbau von zwei vorzüglich gelungenen Glasgemälden: Kreuzigung und Auferstehung, ersteres als Kriegsgedächtnisfenster mit entsprechender Inschrift, ist jetzt ein Gotteshaus entstanden, das dem berechtigten Wunsch der Gemeindemitglieder nach endlicher würdigerer Gestaltung des Kircheninnerns voll und ganz Rechnung trägt. – Wenn jetzt noch der anschließende Gemeindesaal in Farbe und Ausführung glücklich mit dem Hauptraum zusammengestimmt wird, dürfte der Gesamteindruck noch vollkommener, vorzüglicher werden.”

Ganz anders beurteilte man 1983, als die Kirche wiederum renoviert wurde, die Gestaltung von 1934: „Beherrscht (…) war das Innere von einer 1934 geschaffenen, unproportioniert wirkenden, neugotischen Ausstattung, zu der neben Altar, Kanzel und Bänken auch eine sehr dominierende Lambris gehörte. Weiterhin ungünstig auf den Raumeindruck wirkt die 1913 vergrößerte Orgelempore. Die Erhaltung der als störend empfundenen Ausstattung von 1934 stand nicht zur Diskussion, wenngleich man im Hinblick auf die Finanzsituation das Gestühl zunächst im Raum belassen muß: Die Wiedergewinnung des Barockraumes war das erklärte Ziel!”

Auch die Gestaltung der beiden Glasgemälde von 1934 „Kreuz und Auferstehung” sorgte später immer wieder für Diskussionen in der Kirchenge33 meinde. Dies hat seinen Grund in der Beschriftung des einen Fensters als „Kriegsgedächtnisfenster”. So ist unter dem Kreuz mit dem sterbenden Jesus zum einen der Vers aus dem Johannesevangelium zu lesen: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässet für seine Freunde. (Joh 15, 13)”, und daneben ist zum anderen notiert: „Unseren 81 gefallenen Helden in Dankbarkeit die evangelische Kirchengemeinde Villingen – 1914 – 1918”.

Konnte man dieses nationale Gedenken 1934 offenbar ohne Probleme, ja eher sogar mit Begeisterung, in einer evangelischen Kirche anbringen, so entwickelte sich nach dem 2. Weltkrieg nach und nach eine andere Haltung zu solchem Heldengedenken. Wichtige Schritte dabei dürften die deutsch-französische Freundschaft gewesen sein, dann auch in den 80er Jahren die Friedensbewegung. Man lernte, dass dieser Bibelvers zum einen auch auf Kriegsgräbern in England und Frankreich zu lesen ist, und dass die dortigen Familien mit gleichen Gedanken an ihre im Krieg umgekommenen Kinder dachten. Zum anderen lernte man, den Gebrauch dieses Jesus-Verses aus dem Evangelium in solchen Zusammenhängen als Missbrauch zu sehen.

Wie lässt sich dieses Verhalten zu Beginn der Nazi-Diktatur einordnen? Nun, grundsätzlich galt den meisten Christen in der evangelischen Kirche die sogenannte nationalsozialistische Revolution nach innen als „Reinemachen”, nach außen als Rettung vor dem marxistischen Bolschewismus, wurde also mehr oder weniger lebhaft begrüßt. Der von Hitler in den Boden getretenen Demokratie hat kaum jemand in der Kirche eine Träne nachgeweint.

Auch in Baden gab es damals Kirchenparteien. Die stärkste Partei in der Badischen Unionskirche zurzeit der Weimarer Republik war die „Kirchlich- Positive Vereinigung” (KPV). Sie wurzelte in den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts und war der Treue zur Bekenntnistradition verpflichtet. Diese Partei wurde geschickt in ein neues Bündnis „Kirchliche Vereinigung für positives Christentum und evangelisches Volkstum” hineingenommen, und mit der Hitlerschen Bewegung konnte man den verhassten kirchlichen Liberalismus mit dem parlamentarisch-demokratischen System gleich mit abschaffen. (Unser Vikar Konrad Barner im vorderen Teil dieses Aufsatzes dürfte ein treffendes Beispiel dieser Frömmigkeit sein.)

Die Liberalen waren nämlich die zweitstärkste Partei. Die „Kirchlich-Liberale Vereinigung” (KLV) war dem Kulturprotestantismus verpflichtet. Sie hatte ein unrühmliches Ende, als sie im Frühjahr 1933 mit dem Strom schwamm, sich auflöste und den Deutschen Christen anschloss. – Die dritte, deutlich kleinere, Kraft war in Baden der Bund Religiöser Sozialisten (BRS), die eine Versöhnung von Kirche und proletarischer Arbeiterschaft anstrebten. Der BRS war dabei ausdrücklich internationalistisch und pazifistisch.

Als im Jahre 2012 die Johanneskirche erneut renoviert wurde, ließ der Ältestenkreis eine kommentierende Tafel am „Heldenfenster” anbringen. Darauf ist zu lesen:

„Kirchengebäude sind immer auch Zeugen der Zeitgeschichte. Unterschiedliche Zeiten hinterlassen auch ihre jeweiligen Spuren – auch die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Diese beiden Fenster – oben und gegenüber – wurden 1934 gestiftet und eingebaut.

1992 hat der Ältestenkreis der Johannesgemeinde dazu einen kommentierenden Text verfasst. Darin heißt es: „Jesus Christus spricht: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden das Erdreich besitzen (Matthäus-Evangelium 5, 5). Deshalb sagen wir: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Wir gedenken der Toten vergangener und gegenwärtiger Kriege. Den Lebenden zum Nachdenken.”

Villingen 2012 – Der Ältestenkreis der Johannesgemeinde”

 

Anmerkungen:

Quellen:

„Ich habe lieb die Stätte deines Hauses” – Festschrift zur Renovierung der Johanneskirche, 1983

„Ich habe lieb die Stätte, da deine Ehre wohnt” – Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Evangelischen Kirchengemeinde Villingen, 1. Teil – Beiträge zur Geschichte der Kirchengemeinde, 1992

Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Villingen, xx Georg Gottfried Gerner-Wolfhard, Kleine Geschichte des Protestantismus in Baden, Karlsruhe 2013