An der Schwelle zur Universität:der philosophische Kurs in Villingen (Michael Tocha)

Wer im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit an einer Universität studieren wollte, hatte die Wahl zwischen drei Fakultäten: Medizin, Jura und Theologie. Zuvor musste jeder Student die philosophische oder Artistenfakultät durchlaufen. Die Bezeichnung rührt her von den sieben „freien Künsten” (lat. Artes liberales). Sie bestanden in Antike und Mittelalter aus der Dreiergruppe (trivium) der elementaren Fächer Grammatik (d.h. Latein), Rhetorik und Dialektik und der Vierergruppe (quadrivium) der höheren „philosophischen” Fächer Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Im Humanismus verschoben sich die Inhalte, zu den höheren Fächern gehörten jetzt Logik, Dialektik, Mathematik, Physik, Metaphysik und Ethik. Bemerkenswert ist, dass Philosophie nicht nur das Spezialfach war, das wir heute darunter verstehen, sondern Denkmethoden, Sprach- und Debattierfähigkeit sowie Mathematik und Naturwissenschaften einschloss. In dieser Bandbreite lieferte sie das unverzichtbare intellektuelle Rüstzeug für jeden akademisch Gebildeten (man sieht, dass die „Kompetenzorientierung” der heutigen Pädagogik keineswegs neu ist).

Die elementareren Grundlagen für einen Besuch der Universität wurden an Lateinschulen gelegt. Wie der Name aussagt, erwarb der Schüler hier die nötigen Kenntnisse der Bildungssprache Latein, die teilweise bis über das 18. Jahrhunderts hinaus an Schulen, Universitäten und in gelehrten Veröffentlichungen in Gebrauch war. Seit dem 16. Jahrhundert nun ist zu beobachten, dass nicht nur die obere Grammatik, Rhetorik und Poesie, sondern auch der vorbereitende Unterricht in den philosophischen Wissenschaften von der Universität zunehmend auf die Schule übergingen. Die alte Artistenfakultät verschmolz allmählich mit der Lateinschule, so entstand das Gymnasium.

1 Dabei bildete sich eine durchaus unterschiedliche Gymnasiallandschaft heraus. Die meisten Schulen hatten die sprachlich-literarischen Fächer in ihren Lehrplan aufgenommen, aber zunehmend mehr boten im Rahmen eines „philosophischen Kurses” auch Naturwissenschaften, Philosophie und die Anfangsgründe der Theologie an. Solche Schulen hießen später „Lyzeum”. Indem sowohl Universität wie Lyzeum den philosophischen Kurs anboten, wurde dieser zu dem Bereich, in dem sich die beiden Bildungseinrichtungen überschnitten.

Auch in Villingen sind solche Entwicklungen festzustellen. Schon 1669 hatte der Stadtpfarrer Dr. Mötz in seinem Plädoyer für die Schule der Benediktiner die ganze Bandbreite des gymnasialen Unterrichts aufgezählt, nämlich Unterricht „in Latinitet alß auch in der Music”, aber auch die „Sibente Schuel und Philosophia”.

2 Vor allem die letztere Nennung ist in unserem Zusammenhang bemerkenswert – „Schuel” (Schule, schola) bedeutet nämlich Klasse, und die siebente ist diejenige, die nach Abschluss der sprachlichen und musischen Schulfächer in die „philosophia”, also die Stoffe der

Artistenfakultät, einführt. Sie gehörte für Mötz offensichtlich zum Programm einer vollständigen höheren Schule. Allerdings dürfte zu diesem frühen Zeitpunkt in Villingen noch kein Bildungsangebot dieser Art bestanden haben. Dazu kam es erst 1711: Nachdem der Bürgermeister und der Rat der Stadt zwei Jahren lang unter dem Druck der Bürger und der Zünfte beratschlagt hatten, trugen sie den Benediktinern die Einrichtung eines philosophischen Kurses an ihrem Gymnasium an. Abt Michael Glückherr musste jedoch ablehnen, weil er nicht genügend gebildete Lehrkräfte in seinem Kloster fand. Daraufhin wandte sich die Stadt an die Franziskaner; diese trauten sich den philosophischen Kurs zu. Beide Seiten schlossen einen Vertrag, wonach ein qualifizierter Pater mit der Lehre beauftragt werden sollte; in einzelnen Monaten sollten öffentliche Disputationen stattfinden, zu denen auch die Kapuziner und Benediktiner und andere Gebildete aus der Stadt einzuladen seien. 3 Dabei mussten vorformulierte, manchmal sogar im Druck vorgelegte Thesen in lateinischer Sprache von den Schülern erläutert und verteidigt werden. 4 Hier wird deutlich, dass die Disputationen Veranstaltungen mit hohem Prestige waren:

Kloster und Schule konnten nach außen demonstrieren, welches Niveau bei ihnen herrschte und zu welchen Leistungen sie fähig

waren. So brachten sie einen Hauch der weiten akademischen Welt in das meist ja bescheidene Geistesleben der kleinen Stadt.

Die Blamage, dass sie den philosophischen Kurs den Franziskanern hatten überlassen müssen, konnten die Benediktiner ab der Jahrhundertmitte wieder wettmachen. 1749 wurde der Bau ihres Gymnasiums samt Theatersaal vollendet und damit dessen Geltungsanspruch in der Konkurrenz mit den Franziskanern auch im Stadtbild unübersehbar. Der Ton zwischen den beiden Orden und ihren Schulen wurde dadurch noch gereizter, als er ohnehin schon war. Die Benediktiner öffneten sich neuen (wenn auch nicht unbedingt modernen) Inhalten, z.B. setzten sie Griechisch und Hebräisch auf ihren Lehrplan. Auch kann man bei ihnen eine allmähliche Umorientierung weg von mittelalterlichen und jesuitischen Denkweisen hin zu aufgeklärten Ansätzen beobachten. 5 Daher hatten sie die besseren Karten, als die österreichische Regierung 1773/4 mit ihren Reformabsichten Ernst machte und die beiden Gymnasien zusammenlegte. Auch der philosophische Kurs ging nun an die Benediktiner über, ab 1777 hieß ihre Schule offiziell „Lyzeum”. Davon wurden in Vorderösterreich insgesamt vier eingerichtet, neben Villingen noch in Konstanz, Feldkirch und Ehingen.

Die österreichischen Schulbehörden verfolgten mit diesen Maßnahmen den Plan, den Zugang zum eigentlichen Universitätsstudium zu dezentralisieren und zu vereinfachen; ein Ziel war, „den Aeltern die Kosten zu ersparen, daß sie ihre Söhne nicht gleich nach geendeten untern Schulen auf die Universität nach Freyburg schicken müssen.”

So durchliefen nun bis 1806 jährlich rund ein Dutzend Schüler – sie waren zwischen 15 und 17 Jahre alt – das „Philosophiestudium” an der Villinger Benediktinerschule. Es umfasste mit Logik, Ethik und Metaphysik die Philosophie im engeren Sinne, darüber hinaus aber auch Mathematik, Physik und Naturgeschichte, Weltgeschichte und Urkundenlehre sowie Kameralwissenschaft, eine praxisorientierte Mischung aus juristischem, geografischem und wirtschaftskundlichem Einführungsunterricht, zugeschnitten auf die Bedürfnisse des Staates. 7 Die Schule hatte Schülerverzeichnisse und Berichte über die Lehrinhalte an die Universität Freiburg zu schicken, die den Lehrbetrieb in staatlichem Auftrag kontrollierte. 8 Um zum Fachstudium an den drei klassischen Fakultäten zugelassen zu werden, mussten die Schüler vor Freiburger Professoren eine umfassende Abschlussprüfung, das „Rigorosum”, ablegen – eine Vorform des wenige Jahrzehnte später eingeführten Abiturs. 1806 wurden Kloster und Lyzeum der Benediktiner aufgehoben, der Schulbetrieb lief nach wenigen Jahren aus. Rund ein Jahrhundert lang war es nun nicht mehr möglich, in Villingen die Berechtigung zum Studium an einer Universität zu erwerben.

 

Anmerkungen:

* „Die Philosophie ist die Mutter der schönen Künste” (Cicero), Eingangssatz des Franziskaner-Thesenblatts von 1756, vgl. Anm. 4

1 Vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Anfang des Mittelalters bis zur Gegenwart, Bd. I, Berlin u. Leipzig 1919, S. 344

2 SAVS OO10

3 Protocollum Venerabilis conventus FF. Min. S. Francisci Conventus Villingae conceptum Anno 1696, Leopold-Sophien- Bibliothek Überlingen, Ms. CXVI, S. 50 f. Der Verfasser dankt Herrn Johann Dietrich Pechmann, Mönchweiler, für Bereitstellung und Übersetzung dieser Quelle.

4 Das Franziskanermuseum besitzt ein gedrucktes Thesenblatt der Benediktiner von 1695, vgl. Zersägt. Ein Krimi um barocke Theaterkulissen. Katalog zur Ausstellung Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen 30. November 2013 bis 23. Februar 2014, Villingen-Schwenningen 2013, S. 124, sowie ein Thesenblatt der Franziskaner von 1750, vgl. ebd., S. 119. Die Staatliche Bibliothek Regensburg bewahrt eine in Rottweil gedruckte Zusammenstellung von Thesen aus der universalen Philosophie auf, die 1756 in einer großen Disputation in Villingen von vier Ordensangehörigen verteidigt wurden (als Digitalisat der Bayerischen Staatsbiliothek unter http://reader.digitalesammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11301991_00001.html, Aufruf 30. 1. 2017). Den beiden Franziskanerdokumenten liegt das philosophische System des mittelalterlichen Scholastikers Johannes Duns Scotus (1266- 1308) zugrunde, der sogar noch im Zeitalter der Aufklärung die Leitfigur franziskanischer Geistigkeit darstellte.

5 Vgl. Michael Tocha: Grundkurs in katholischer Aufklärung: Andreas Benedikt Feilmoser, seine Lehrer und die Bildungswelt der Benediktiner in Villingen, in: FDA 136, 2016, S. 133 – 157

6 Franz Quarthal: Die Behördenorganisation Vorderösterreichs von 1753 bis 1805 und die Beamten in Verwaltung, Justiz und Unterrichtswesen (= Veröffentlichung des Alemannischen Instituts Freiburg 43), Bühl 1977, S. 182 Nr. 97, zit. Nach Karl-Heinz Braun: „Wo die Fackel der Aufklärung leuchtet!” Zu Freiburger Traditionen, in: Jahres- und Tagungsbericht der Görres-Gesellschaft 2010, http://www.goerresgesellschaft. de/fileadmin/userupload/Ordner_mit_Dateien_von _alter_Seite/ archiv/Jahresbericht_2010 (Aufruf 21. 6. 2017), S. 25

7 Vgl. Peter Stachel: Das österreichische Bildungssystem zwischen 1749 und 1918, http://www.kakanienrevisited. at/beitr/ fallstudie/PStachel2.pdf (Aufruf 21. 6. 2017), S. 3 f.

8 Vgl. GLAK 100, 726-728; Universitätsarchiv der Albert- Ludwigs-Universität Freiburg, Bestand A 77, bearb. v. Dieter Speck, Freiburg 2000, S. 18, https://www.uniarchiv. uni-freiburg.de/bestaende/Pertinenzprinzip/altbestaende/ Gymnasien/a0077 (Aufruf 18. 7. 2017).