Rückblick auf das Benediktinergymnasium:das Treffen der Ehemaligen 1840 (Michael Tocha)

Der Anstoß kam Jahrzehnte später, und aus der Ferne: Im Februar 1840 schlug der königlich württembergische Regierungsregistrator Zacharias Huber in Reutlingen seinem früheren Villinger Mitschüler, dem Oberamtspfleger Frueth in Oberndorf, „eine Zusammenkunft der noch lebenden ehemaligen Benediktiner-Studenten” vor. 1 Dieser gewann den Villinger Münsterchordirigenten Fidelis Dürr dafür, die Vorbereitungen in die Hand zu nehmen. Aufschlussreich für die Kommunikationswege des 19. Jahrhunderts ist, wie Dürr den Plan bekannt machte: Er setzte Einladungen in die „Karlsruher Zeitung” und den „Schwäbischen Merkur” sowie das „Villinger Wochenblatt”, das zusätzlich von den Villinger Handelsleuten Lukas und Benedikt Ummenhofer und dem Offenburger Amtsrevisor Killy in ihrem Bekanntenkreis verbreitet wurde. Ausdrücklich eingeladen wurde Franz Sales Wocheler, der Dekan von Überlingen, der einzige noch lebende frühere Mönch von St. Georgen und Professor am Klostergymnasium.

So kamen am 11. Juni 1840, dem Tag des Villinger Stadtpatrons Barnabas, 65 Herren in Villingen zusammen, „Greise mit grauen Haaren und Männer noch in vollster Kraft.” Für alle lag die Schulzeit bei den Benediktinern schon mindestens 25, für manche bis zu 50 Jahre zurück. Senior war Dr. Thaddäus Handtmann, zu österreichischer Zeit Amtmann in Villingen. Wocheler (62) hatte nicht anreisen können, vermutlich aus gesundheitlichen Gründen. Von den Gästen waren 40 ehemalige Benediktinerschüler, die übrigen städtische Honoratioren einschließlich des Bürgermeisters Wittum. Obgleich die anwesenden Benediktinerschüler nur eine Zufallsauswahl darstellen, zeigen sie doch, auf welche Berufe und Stellungen im Leben das Gymnasium vorbereitet hatte. Die größte Gruppe hatte kommunale und staatliche Ämter und Verwaltungsposten inne, fast ebenso viele waren Geistliche, viele aber auch Händler, Handwerker und Gastwirte.

Das Festprogramm begann um 9 Uhr mit einem feierlichen Hochamt in der Benediktinerkirche. Ihr Zustand war beklagenswert, aber Dürr hatte erreicht, dass ihm die städtischen Werkleute zugewiesen wurden, „um den Tempel zu reinigen und herzurichten.” Am Portal wurde die bezeichnende Inschrift „Sic transit gloria mundi”, so vergeht der Ruhm der Welt, angebracht. Viele der Gäste sangen im Chor mit, so wie sie das schon als Schüler getan hatten. Nach dem Hochamt besichtigte man das Schulgebäude. Um 12 Uhr ging es dann zu einem „Männer-Gastmahl” in den Postsaal, wo der Wirt und Postmeister Kammerer „durch gute und prompte Bedienung” das Seine dazu beitrug, dass Rührung und Wehmut der Rückblicke übergingen in heitere Studentenlieder und donnernd jubelnde Toasts auf die alte Schule und die Stadt Villingen.

Nach dem Treffen ließ Dürr in Villingen ein „Gedenkbüchlein” drucken. Die Verklärung der alten Zeiten spricht darin fast aus jeder Zeile. Mit Stolz denkt man an grammatische Wettkämpfe, mit frommem Sinn an die morgendlichen Gottesdienste, man sieht sich im Kreis mit einem Lehrer im Schatten der Linden an der Lorettokapelle Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (10) sitzen. Das gegenwärtige Zeitalter hingegen sei barbarisch; was wertvoll war, wurde „hinweggefegt vom Sturmwind der Revolution von Westen” her. Dass die Kirche in Ruinen, die Mönchszellen verödet, die Bücher verschleudert sind, löst Trauer aus. „Kein harmonisches Geläute ertönte von dem herrlichen Thurme. Vergeblich wurde Silbermanns Orgel auf dem Chore gesucht. Längst waren ihre Töne verklungen.” Geblieben aber sind Verehrung und Dankbarkeit für die Lehrer, die den Schülern Schätze an Weisheit und Religion hinterlassen hätten. Denn diese empfingen damit das Rüstzeug, ihre jeweilige Stellung im Leben zu meistern, aber auch eine Hoffnung über die Vergänglichkeit hinaus. Zacharias Huber, der Initiator des Treffens, lässt zum Abschied anstoßen auf ein „Wiedersehen in lichten Himmelshöhen” und leitet daraus den Rat ab, heiter auf der Bahn des Lebens zu wandeln, „denn arm ist der, den unsere Erde / nimmermehr erfreuen kann.” Diese Worte deuten an, dass die „Georgier”, wie die Texte sie nennen, nicht nur Wissenschaft und Bildung hochhielten, sondern auch zuversichtliche Lebensbejahung vermittelten. Von solchen Verdiensten konnte man im Villingen des Jahres 1840 vielleicht wirklich nur noch träumen.

Anmerkungen:

1 Alle Zitate aus Fidelis Dürr: Gedenkbüchlein oder Congress der alten Benediktiner-Studenten zu Villingen am Barnabastage den 11. Juni 1840, Villingen 1840, passim. Das Schriftband über diesem Text ist aus dem Titelblatt kollagiert.

Mit diesem Beitrag endet die Serie der „Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen”