Widerstand (Erwin Teufel)

Der Ehrenvorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins hat mich gebeten, meine Ansprache aus Anlass der 50. Wiederkehr des 20. Juli 1944 am 19. Juli 1994 im Neuen Schloss in Stuttgart im Rahmen eines Festaktes für die Ausgabe 2018 des Jahresheftes zur Verfügung zu stellen. Ich komme dieser Bitte gerne nach.

Abb. 1: Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Am 20. Juli 1994 jährt sich zum 50. Mal das Attentat Graf Stauffenbergs auf Hitler vom 20. Juli 1944. Es scheiterte ebenso wie alle anderen Attentatspläne zwischen 1935 und 1945.

Über den Unternehmungen der Widerstandskämpfer lag eine ungeheure Tragik. Attentate kamen nicht zur Ausführung, weil die Täter, wie der Stuttgarter jüdische Student Helmut Hirsch, im Dezember 1936 vorzeitig verhaftet wurden. Oder, weil die Anschläge ihr Ziel verfehlten wie im Fall des Bürgerbräukeller-Attentats des Schreinergesellen Johann Georg Elser. Oder, weil militärische und zivile Widerstandsgruppen durch außenpolitische Scheinerfolge wie das Münchener Abkommen desavouiert wurden.

Die Folgen des Scheiterns waren entsetzlich. Die militärischen Anführer, Oberst Graf Stauffenberg und General Beck wurden noch in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli im Hof des Oberkommandos des Heeres in der Berliner Bendler-Straße erschossen. Viele führende Persönlichkeiten aus dem Widerstand wurden in den darauf folgenden Monaten zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sie fehlten beim Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates nach dem Kriege. Viele ihrer Angehörigen wurden in Sippenhaft genommen oder wurden von ihren Kindern gewaltsam getrennt. Viele landeten im KZ und wurden erst bei Kriegsende von den Amerikanern befreit. An die 7.000 Frauen und Männer wurden in direktem oder indirektem Zusammenhang mit dem 20. Juli in den Folgemonaten verhaftet. Der Unrechtsstaat und seine Mordjustiz ließen noch einmal ihre ganze Grausamkeit und Wut spüren. Später und bis in unsere Tage hinein wurde und wird immer wieder gefragt: Hatte das Attentat zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch einen Sinn?

Die militärische Lage war verzweifelt: im Westen, im Osten, im Süden rückten die Kriegsgegner näher. Spätestens seit dem 6. Juni, der erfolgreichen Landung der Alliierten in der Normandie, war die totale Niederlage nicht mehr abwendbar. Die Alliierten wollten, wie Churchill es formulierte, „den Sieg um jeden Preis”. Etwas anderes als die totale Kapitulation kam für sie nicht mehr in Betracht. „Der bedingungslosen Kapitulation setzten Stauffenberg und seine Freunde den bedingungslosen Entschluss zum Handeln entgegen.” So formuliert Joachim Fest.

 

In den Widerstandsgruppen selbst gab es über die Frage nach dem Sinn eines Attentats ein hartes Ringen, aber keine einhellige Meinung. Die Kreisauer waren, anders als die Gruppe um Goerdeler, in dieser Frage gespalten. Das Attentat war nicht ihr Weg, und doch waren sie bereit, das eigene Leben in die Waagschale zu werfen. Ihre Gesinnung ähnelte der von Sophie Scholl: „Es fallen so viele Menschen für dieses Regime, es ist an der Zeit, dass jemand dagegen fällt.”

Henning von Treskow gab die Antwort. „ … Das Attentat muss erfolgen, … es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat.”

General Beck, der 1938 den Kriegstreiber Hitler nicht bremsen konnte, sagte es nicht weniger deutlich: „Es geht nur noch darum, dass aus dem Kreis des deutschen Volkes selbst die Handlung gegen das verbrecherische System erfolgt. Die Konsequenzen müssen nach allem, was geschehen ist und was versäumt wurde, von Deutschland getragen werden.”

Das war die moralische Seite. Das Attentat sollte aller Welt zeigen, dass das Gewissen in Deutschland nicht abgestorben war. Die Attentäter wollten vor der eigenen Bevölkerung die Quelle aller nationalsozialistischen Verbrechen bloßlegen. „Den Totalitätsanspruch des (nationalsozialistischen) Staates gegenüber dem Bürger unter Ausschaltung seiner religiösen und sittlichen Verpflichtungen.”

So hatte es Peter Graf York von Wartenburg formuliert. Sie wollten das Bewusstsein für Recht und Unrecht wieder herstellen. Dafür und für die eigenen wie für die Versäumnisse der anderen waren sie bereit, mit ihrem Leben einzustehen.

Über dem moralischen Motiv darf die politische Wirkung nicht übersehen werden. Erst durch das Attentat vom 20. Juli wurde der Welt klar, dass es Widerstand in Deutschland gab.

Ich möchte eine ganz persönliche Erfahrung auf die Frage nach dem Sinn des Attentats zu jenem Zeitpunkt anfügen. Als Bürgermeister der Stadt Spaichingen habe ich in den 60-iger Jahren ein Gefallenendenkmal errichten lassen. Wir haben die Namen der Toten des Krieges und der Gewalt auf eine Mauer gemeißelt. Tausend Opfer in einer kleinen Stadt. Oft habe ich vor dieser Mauer gestanden. Die Hälfte der Toten stammen aus der Zeit nach dem Juli 1944. Hätte die Hälfte der Toten des Zweiten Weltkrieges noch gerettet werden können?

Die Männer des 20. Juli waren nicht der Widerstand. Sie waren dessen politisch-militärische Spitze. Der Widerstand speiste sich aus vielerlei Quellen. Es wurde leider kein Strom daraus, der das System hätte wegspülen können. Aber er entwickelte individuell oder in kleinen Gruppen organisiert eine beachtliche Kraft. Von all dem drang bis zuletzt wenig nach außen.

Dieses Schweigen oder das absichtliche Nicht zur- Kenntnis-Nehmen war mit dem Attentat vom 20. Juli endlich durchbrochen. Das Attentat vom 20. Juli wurde zum unbestreitbaren Zeichen dafür, „dass es in Deutschland Leute gab, die bereit waren, Hitler zu bekämpfen und ihr Leben dafür einzusetzen” (so Freya von Moltke in einer Rückschau vierzig Jahre später).

Was unter der nationalsozialistischen Herrschaft im Namen Hitlers von Deutschen Millionen Menschen in Deutschland und in Europa an Leid und Tod zugefügt wurde, lastet auf Dauer auf unserem Volk. Und wir müssen uns der geschichtlichen Wahrheit nicht nur stellen, wir müssen sie selbst erinnern und Lehren daraus ziehen, damit nicht jede Generation ihre eigenen blutigen Erfahrungen machen muss.

Was unter der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland an Widerstand geleistet wurde, in einer Zeit, in der jede Regung von Widerstand tödlich war, gehört zum Besten unserer Geschichte. Weil auch das erinnert werden muss und als Beispiel den kommenden Generationen vermittelt werden muss, deshalb diese Gedenkstunde heute.

Der Widerstand hatte nationale Bedeutung und Zielsetzung. Und deshalb verbietet sich jede Begrenzung auf ein Bundesland. Dass aber die Nationalsozialisten in freien Wahlen in weiten Teilen unseres Landes Baden-Württemberg und bis in den März 1933 hinein keine Mehrheiten bekamen, ehrt die Generation unserer Eltern und Großeltern noch heute. Dass kleine und große Zeichen des Widerstandes bis zum Opfer des eigenen Lebens im deutschen Südwesten geleistet wurden, darf nicht vergessen werden, weil es das Fundament ist, auf dem unser freiheitlicher Rechtsstaat in Baden-Württemberg und in Deutschland steht.

Deshalb fördert das Land die „Karlsruher Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten”, die in diesen Tagen zum 20. Juli in Baden und Württemberg bemerkenswerte Porträts herausgegeben hat. Deshalb geht eine Ausstellung des Hauses der Geschichte ins ganze Land und vor allem auch in solche Städte, in denen der Widerstand an Beispielen aufrechter Mitbürger konkret aufgezeigt werden kann. Deshalb habe ich diesen Staatsakt angeregt und den Stuttgarter Karl Dietrich Bracher als Redner gewonnen, den führenden Mann der Totalitarismusforschung und einen der großen Lehrer und Festiger der Demokratie im Nachkriegsdeutschland.

Wir gedenken heute der Frauen und Männer des Widerstands, der Bürger und der Soldaten, die nach dem Attentat des 20. Juli ihr Leben lassen mussten. Wir gedenken ihrer Angehörigen, ihrer Frauen, ihrer Kinder, ihrer Eltern und Geschwister, die der Willkür der Schergen ausgeliefert waren und die ihr schweres Schicksal mit bewundernswerter Tapferkeit getragen haben. Wir gedenken all derer, die sich dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat nicht beugten und dafür Verfolgung und KZ auf sich nahmen. Wir gedenken der vielen Namenlosen, die verfolgte jüdische Mitbürger bei sich versteckt hielten, obwohl sie dabei ihre eigene Freiheit und ihr Leben riskiert haben. Wir gedenken all derer, die als politische Gegner des Nationalsozialismus das Land verlassen mussten, die ihren Beruf verloren oder in Lagern landeten. Wir gedenken der Geschwister Scholl, ihrer Tat und ihres Opfers.

Mit großem Respekt nenne ich heute auch das Haus Bosch, Robert Bosch und Hans Walz und mehrere Vorstandsmitglieder. Das Haus Bosch war eine Anlaufstelle, ja eine Schaltstelle des Widerstands über Jahre hinweg. Im Gegensatz zu vielen Negativbeispielen aus der deutschen Wirtschaft gereicht diese Haltung des Hauses Bosch unserem Land und seiner Wirtschaft zur Ehre.

Wir verneigen uns vor dem Mann, der diese Tat wagte und durchführte, der sein Gewissen über sein Leben stellte. Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Er gehört zu den großen Söhnen unseres Landes.

Wir gedenken insbesondere der Männer hier aus dem Südwesten, die wegen des 20. Juli von den Nazis umgebracht wurden, des württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz, des Karlsruher Rechtsanwalts Reinhold Frank, des großen, im Elsaß geborenen und in Südbaden aufgewachsenen Sozialdemokraten und Gewerkschaftlers Julius Leber. Ich nenne den Kopf des Widerstands Karl Friedrich Goerdeler, der viele Verbindungen in unser Land hatte.

Mit jedem, den man nennt, tut man Hunderten Unrecht, deren Mut, Gesinnung und Gewissen, deren Tat und Opfer genauso beispielhaft war, wie das der hier zu Recht mit Namen genannten.

Aus der beachtlichen Zahl der Ungenannten und zum Teil Unbekannten möchte ich einen – stellvertretend für alle herausgreifen, auf den ich selbst erst vor wenigen Tagen gestoßen bin, den Bauernknecht Richard Reitsamer. Ihn nenne ich auch deshalb, weil 1933 viele sogenannte kleine Leute weiter blickten als viele Akademiker. Richard Reitsamer wurde 1903 in Freiburg geboren. Er arbeitete als Knecht auf einem Bauernhof im Schwarzwald und während des Krieges auf dem Trenkwalderhof bei Meran. Dreimal widersetzte er sich dem Gestellungsbefehl. Als Begründung sagte er vor dem Gericht: „Mit dem Frieden ist alles zu gewinnen, mit dem Krieg ist alles zu verlieren. Als gläubiger Christ kämpfe ich nicht für Hitler.” Er wurde zum Tode verurteilt und am 11. Juli 1944 in Bozen hingerichtet. Sein Grab auf dem Bozener Friedhof ist inzwischen aufgelöst. Niemand hat ihm ein Denkmal gesetzt, aber wir sollten ihm heute für alle Gleichgesinnten ein Denkmal setzen.

Der Blick auf den 20. Juli 1944 und die Frauen und Männer, die ihr Leben gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft riskierten, erspart uns aber auch 50 Jahre später nicht die Frage: Wie konnten die Nazis überhaupt an die Macht kommen? Wie konnten sie so viel Macht über Deutschland gewinnen, dass die Deutschen ihre Freiheit erst in der Katastrophe der totalen Niederlage wiedergewinnen konnten?

Die Frage schwelt wie eine offene Wunde. Sie gehört für immer zu unserer Geschichte. Aber auch der 20. Juli gehört zu unserer Geschichte und ist ein kleiner Lichtstrahl in der Finsternis dieser schrecklichen Zeit. Eine Lehre des Dritten Reichs ist – und darauf hat Professor Bracher immer wieder hingewiesen – Wehret den Anfängen!

Im Ansatz muss totalitärer Gesinnung widerstanden werden. Wenn Radikale durch Revolution oder Wahl die Macht haben, ist es zu spät. Ist ein diktatorisches Regime erst mal etabliert und mit allen Machtmitteln des Terrors ausgestattet, bedarf es eines Volkes von Helden, um es wieder loszuwerden. Heldenvölker aber gibt es in Geschichten, nicht in der Geschichte.

Nein, bei der Frage, wie konnte das alles kommen, müssen wir früher ansetzen – bei der Weimarer Republik und bei den frühen Erfolgen der Hitlerherrschaft. Dass der Spuk bald vorüber sein würde, glaubte damals mancher, erwarteten viele, die keine Parteigänger waren.

Die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz war eine Illusion mit katastrophaler Wirkung. Die Sozialdemokraten widersetzen sich, sie büßten es neben den Kommunisten als erste. Bei anderen herrschte die Meinung vor: Mit Hitler könnte man sich auf der Grundlage national-konservativen Denkens und obrigkeitsstaatlicher Ordnungsmuster arrangieren.

Im Kirchenvolk grummelte es 1933/34: mutige Pfarrer beider Konfessionen warnten früh und mahnten, aber die Kirchenleitungen suchten damals noch die Sicherung des binnen- kirchlichen Lebens.

Und die Nürnberger Rassengesetze von 1935? Sie blieben ohne kollektive öffentliche Antwort aus der Bevölkerung. So war es auch nach der Reichsprogromnacht – obwohl beides Stufen auf dem Weg zum Holocaust waren. Es war wohl so, wie es Heinz Maier-Leibnitz in einem Rückblick einmal formuliert hat: Ein jedes Milieu lebte „in einer Welt für sich”. Gegen Übergriffe wehrte man sich nur, wenn die eigene Welt betroffen war. Es fehlte der Blick für das Ganze, auf den jeweils anderen. Es fehlte insbesondere der Blick für Menschenrechtsverletzungen bei politischen oder ideologischen Gegnern.

Uns Nachgeborenen steht es nicht zu, über die damals Handelnden und Betroffenen zu urteilen, uns steht es nicht zu, die Menschen von damals posthum eines Besseren zu belehren. Uns fehlt die Gleichzeitigkeit der Erfahrung. Aber wir kennen die Erfahrungen, die sie damals erst noch machen mussten. Wir haben die Verpflichtung und Chance, die richtigen Folgen aus den Erfahrungen der Erlebnisgeneration für unsere eigene Zukunft zu ziehen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dies ist der Kern unserer Freiheit”, sagte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Abschiedsrede als Bundespräsident. Daraus ergibt sich als wichtigste Folgerung: Wo zur Gewalt gegriffen wird, in Wort oder Tat, wo Nationalismus am Werk ist, wo Fremde bedroht werden, wo andere Überzeugungen nicht geachtet werden, muss jeder einzelne Widerstand leisten. Wegsehen ist nicht gestattet, Einmischen ist gefordert. Zivilcourage ist keine heroische Haltung einzelner sondern Bürgerpflicht für jeden.

Der badische Pfarrer Max Josef Metzger, der 1944 wegen seiner radikal-pazifistischen Haltung von der Gestapo verhaftet wurde, hat noch in der Todeszelle (6.2.1944) gedichtet:

„Ich muss gesteh’n, ich hab sie nie gelernt, die Kunst, das Krumme krumm zu lassen! Ich konnt‘ im ganzen Leben nicht erfassen, dass man bei Notstand höflich sich entfernt …”

Nein, auch wir dürfen uns nicht bei Notstand höflich entfernen. Was heute von uns gefordert wird, ist zumutbar. Uns droht heute keine Todesstrafe, sondern höchstens der Streit mit Uneinsichtigen. Das sollten uns die Menschenrechte, die Freiheit, der Friede, der Rechtsstaat wert sein.

Und eine zweite Folgerung: Jeder Bürger muss wissen, wem er zuarbeitet, wenn er sich rechts- oder linksextremistischen Parteien anvertraut. Vordemokratische Verhaltensmuster und schlichte Feindbilder sind keine Lösung für schwierige Probleme. Versagten wir heute als Bürger und Demokraten, gäbe es für uns keine mildernden Umstände mehr. Wir kennen ja die Erfahrungen, die die Menschen damals gemacht haben. Das Lernen aus der Geschichte beginnt mit dem Eingestehen der eigenen Verführbarkeit, der eigenen Bequemlichkeit oder Ahnungslosigkeit.

Gedenkstunden wie die heutige können ein

Beitrag zu solchem Lernen sein.

 

Anmerkungen:

Bildunterschriften:

Abb. 1: Claus Schenk Graf von Stauffenberg.