Zum Gedenken an die Ermordungdes polnischen Zwangsarbeiters Marian Lewicki vor 75 Jahren, am 5. März 1942

Vor 75 Jahren wurde hier in Villingen im Tannhörnle der polnische Zwangsarbeiter Marian Lewicki an einer Eiche erhängt. Er war von einem Gericht zum Tode verurteilt worden, nachdem er und eine junge deutsche Frau wegen einer Liebesbeziehung denunziert worden waren. Zu einer Stunde des Gedenkens versammelten sich am 5. März 2017 zahlreiche Bürger unserer Stadt um das Sühnekreuz ( Abb. 1). Oberbürgermeister Rupert Kubon gedachte in einer Ansprache des furchtbaren Ereignisses, Altdekan Pfarrer Kurt Müller sprach abschliessend ein Gebet.

Abb. 1: Sühnekreuz am Villinger Tannhörnle, März 2017.

Rupert Kubon:

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Marian Lewicki wurde 1918 in Borzykowo, das damals zur preußischen Provinz Posen gehörte, geboren. Beim Angriff Deutschlands auf Polen Anfang 1939 meldete er sich als 21-jähriger freiwillig zum Militärdienst und wurde bereits am 22. September 1939 von der deutschen Wehrmacht in Warschau gefangengenommen. Er war groß und kräftig und hatte vom Vater das Handwerk des Schmieds gelernt. Diese Qualifikation war in Deutschland gefragt, wo viele Männer zum Militär eingezogen worden waren und ein akuter Arbeitskräftemangel herrschte. Im Sommer 1940 befand sich Marian im Villinger Kriegsgefangenenlager und Ende November 1940 taucht Marian in den Quellen als polnischer ziviler Zwangsarbeiter in Villingen auf, der in der Oberen Straße 19 wohnte und ein Zimmer im Hinterhaus hatte. Er musste bei der Firma Görlacher in der Oberen Straße 16 arbeiten, nicht weit von seinem Wohnhaus entfernt. Marian war nicht der einzige Ausländer, der als Kriegsgefangener, Zwangsverschleppter und Arbeiter damals in Villingen tätig war. Am Ende des 2. Weltkrieges lebten 2.384 Ausländer in Villingen, das waren rund 15 Prozent der Bevölkerung, darunter befanden sich 236 Polen. Marian und seine Schicksalsgenossen hielten mit ihrer Arbeit die deutsche Wirtschaft und vor allem die Produktion von Waffen für den Krieg in den Villinger Betrieben aufrecht. In der Oberen Straße 19 befand sich das Hutmachergeschäft Anton Schweiner, in dem auch die 19 Jahre alte Modistin Lina Hildegard Springmann arbeitete. Sie wohnte ganz in der Nähe in der Bärengasse 8. Ihre Wege kreuzten sich zwangsläufig aufgrund der Nähe ihres Wohn- und Arbeitsplatzes, und eines Tages verliebten sie sich. Eine solche Beziehung war unter den damaligen Rassegesetzen der Nationalsozialisten verboten. Einem polnischen „Ostarbeiter” drohte die Todesstrafeund einer Deutschen mindestens eine Zuchthausstrafe.

Das in Villingen erscheinende „Schwarzwälder Tagblatt” schrieb im Januar 1941 über die ausländischen Arbeitskräfte und Kriegsgefangenen: „Besonders haben wir die sogenannten Zivilpersonen im Auge, die durch ein aufgenähtes P (= Pole) an jedem Kleidungsstück kenntlich gemacht worden sind. Die nationale Würde verbietet uns hier jede Annäherung, die über das Maß hinausgeht, das der Fertigstellung der Arbeit dient ‚Feind bleibt Feind! Volksgenosse! Behandelt die Kriegsgefangenen mit völliger Mißachtung’”. Die Liebesbeziehung fiel, je länger sie anhielt, Menschen auf, mit denen die beiden täglich zu tun hatten. Eine Person aus dem Umfeld zeigte das Verhältnis den örtlichen Nationalsozialisten an. Dadurch wurde eine erbarmungslose Bürokratie in Gang gesetzt, deren Treibstoff der nationalsozialistische Rassenwahn war. Am 9. September 1941 wurde das Liebespaar verhaftet. Es war der letzte Tag, an dem sie sich sahen. Das Mädchen kam wenige Tage später nach Konstanz ins Gefängnis und anschließend am 5. Februar 1942 in das Konzentrationslager Ravensbrück, wurde jedoch später wieder entlassen. Marian wurde nach einem verbrecherischen Verfahren der Staatsanwaltschaft Konstanz zum Tode verurteilt.

Am 5. März 1942, vor genau 75 Jahren, wurde er an einem Ast der Eiche, vor der wir stehen, mit dem Strang hingerichtet. Die Nationalsozialisten pflegten wie auch in diesem Fall bei solchen Hinrichtungen andere Zwangsarbeiter als Zuschauer zum Zwecke der „Abschreckung” zur Teilnahme zu verpflichten.

Am 16. März 1988, 46 Jahre nach dem aus heutiger Sicht unfassbaren Geschehen, und von heute aus gesehen vor 29 Jahren, setzten Vertreter des Vorstandes des Geschichts- und Heimatvereins Villingen am Ort der Hinrichtung, unter der Eiche das Sühnekreuz aus Buntsandstein zum Gedenken an den wegen seiner Liebe zu einer Villingerin ermordeten Marian. Pfarrer Kurt Müller, der anschließend sprechen wird, hat damals mit einem Landsmann des Hingerichteten, Pater Roman, das Kreuz geweiht. Villinger Schülerinnen und Schüler begleiteten die Zeremonie und sangen ein Friedenslied.

Sehr geehrte Angehörige von Marian Lewicki und Lina Hildegard Springmann, meine sehr geehrten Damen und Herren, unsere heutige Gedenkveranstaltung soll ein Zeichen sein, dass alle in der schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus in unsrer Stadt Verfolgten und Ermordeten nicht vergessen sind. Wir möchten verdeutlichen, dass das heutige Villingen – Schwenningen auch zu dem dunkelsten Kapitel seiner Geschichte steht und es im Sinne einer humanen Gestaltung unserer Zukunft nutzt.

Rassismus und Intoleranz sind, wie wir immer wieder schmerzlich erfahren, auch heute Realität. Selbst durch Rassenhass motivierte Mordserien sind heutzutage, viele Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches, möglich. Lassen wir nicht nach, Rassismus und Intoleranz anzuzeigen, an die dadurch bedingten Verbrechen zu erinnern und alle nur möglichen Aktivitäten zu entfalten, um diesen Bestrebungen Einhalt zu gebieten.

Pfarrer Kurt Müller:

Nach dem Musikstück „Das Lied von der Liebe” sprach Altdekan Pfarrer Kurt Müller ein Gebet: „Allmächtiger Gott!

Du bist der Schöpfer der Welt, der Lenker der Geschichte und der Weltenrichter in Gerechtigkeit und Güte. Wir empfehlen Deiner Vatergüte Marian Lewicki und alle, die damals und heute an ihn denken, um ihn trauern. Seine Suche nach ein bisschen Menschlichkeit und Liebe hat ihn damals das Leben gekostet. Lass ihn nun leben bei Dir!

Wir Heutige haben keine Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter bei uns, aber wir hören in der Stadt viele Sprachen, wir begegnen Männern, Frauen, Jugendlichen und Kindern aus vielen Ländern. Sie suchen bei uns Sicherheit, eine neue Chance zum Leben und eine gute Zukunft.

Gib uns die Größe des Herzens, menschliche Offenheit, Würde und Toleranz, dass das Zusammenleben mit gegenseitigem Respekt und Mitmenschlichkeit gelingen kann. Dieses steinerne Kreuz am Weg soll an Marian Lewicki erinnern und uns bewusst machen, dass wir Menschen alle Dir Gott gehören, und dass wir alle auf dem Weg sind, Dir am Ende zu begegnen, denn Dein ist die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.”