Vom Ticken Villingen-Schwenningens (Anita Auer)

Rückblick auf eine ungewöhnliche Ausstellung im Jubiläumsjahr 2017

Die erstmals 2017 gefeierte urkundliche Ersterwähnung von Schwenningen, Villingen und Tannheim (so nicht die alphabetische, sondern Reihenfolge im Urkundentext) stellte nicht nur manchen Bürger und manche Bürgerin, sondern auch das Franziskanermuseum vor eine Herausforderung: Was feiern wir da eigentlich und warum?

Der Urkundentext wurde erstmals 1645 abgedruckt, allerdings in einem nicht öffentlich zugänglichen Werk des Klosters St. Gallen 1, dann erst wieder 1737. Die Daten, die für Villingen bekanntlich geschichtlich relevant(er) waren, sind 999 – Markt, Münz- und Zollrecht – und das legendäre Stadtgründungsdatum 1119. Schwenningen feierte 2007 100 Jahre Stadterhebung. Wen kümmerte die zufällige Erwähnung dreier Orte in einer Urkunde Ludwigs des Frommen, wäre nicht 1972 der Zusammenschluss dieser und weiterer Orte zur Stadt Villingen-Schwenningen erfolgt? Möchte man da nicht eine Rückverlängerung der Tradition dieses noch recht jungen Städtegebildes in „dunkle Vorzeit” vermuten? So ging das Franziskanermuseum, bzw. der wissenschaftliche Beirat der geplanten Ausstellung, auf die Suche nach der gesamtstädtischen Identität: Gibt es eine solche? Worin könnte sie bestehen? Naturräumlich-Geographisches, Klimatisches, Dialektales, Mentalitäts- und Kulturgeschichtliches wurden genauer unter die Lupe genommen.

Nun gibt es seit je Menschen, die wissen wollen, dass, „was nicht zusammengehört”, nie hätte verbunden werden sollen. Vor allem „Außenstehenden” scheint sonnenklar, dass die beiden großen Stadtteile so verschieden sind (badisch – württembergisch, katholisch – protestantisch, Beamten – Arbeiter, und dann noch die Europäische Wasserscheide dazwischen), dass das „Experiment” Städtezusammenschluss von Vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Damit ignorieren sie, dass sich die meisten BürgerInnen in einer Befragung 1972 für den Städtezusammenschluss entschieden hatten, und heute eigentlich niemand, der hier lebt, ernsthaft eine Wiederauflösung von Villingen-Schwenningen in Erwägung zieht. Im Vorfeld der Ausstellung führte die Kulturwissenschaftlerin Sabine Dietzig-Schicht, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat, gemeinsam mit Ehrenamtlichen des Freundeskreises Städtische Museen in Villingen-Schwenningen e.V. eine Straßenumfrage durch. Sie und die übrigen Ausstellungsmacher wollten wissen, wie die Menschen hier ticken, wie sie sich fühlen, als Villinger, Schwenninger, Tannheimer, VS-ler oder etwas ganz Anderes.

Abb. 1: Eine Besucherin beantwortet Fragen zu ihrer Herkunft und Identität.

Die Informanten waren zunächst verblüfft, – vielleicht auch darüber, dass ihnen niemand verordnete, wie sie sich zu fühlen hätten (wie es in früheren Jahrhunderten der Fall war), und es kamen interessante Antworten. In der Ausstellung wurde die Befragung, die nicht repräsentativ war, mit den Ausstellungsbesuchern fortgeführt (Abb. 1). Die Ausstellung stellte natürlich die Urkunde ins Zentrum. Eine zeitgenössische Abschrift aus dem 9. Jahrhundert zeigte nicht nur, dass dieses Rechtsdokument für die Mönche von Sankt Gallen enorm wichtig war. Es wurde insgesamt fünf Mal kopiert, um nicht verloren zu gehen.

Die schönste Abschrift (Abb. 2) – in einem Zustand, der wie „gestern geschrieben” wirkte, ohne Beschädigungen, Verunreinigungen oder schlimme Knicke – kam als Leihgabe nach Villingen.

Abb. 2: Stiftsarchivar Peter Erhart erläutert den Eröffnungsgästen die Urkunde aus karolingischer Zeit.

Ludwig der Fromme, Sohn Kaiser Karls des Großen, regelte darin, dass die Einkünfte bestimmter Mansen (Hofgüter) nicht mehr den Grafen Alemanniens, sondern dem Kloster St. Gallen unter Abt Gozbert zukommen solle. Darüber hinaus verdeutlicht die Urkunde dem heutigen Betrachter, wie fern ihm diese karolingische Zeit ist: Der Text wurde lateinisch abgefasst, eine tote Sprache, die heute der Normalbürger weder lesen noch übersetzen kann, und die schöne Schrift ist kaum zu entziffern. Weitere Exponate aus karolingischer Zeit sollten die Urkunde in den zeitgenössischen Kontext einbetten. Aus dieser „dunklen” Epoche sind uns zwar viele Urkunden, aber wenige andere Objekte überliefert. Eine hochkarätige Auswahl von archäologischen Funden aus ganz Baden- Württemberg füllte diese Lücke. Die nächsten Fundorte von Relikten aus dem 9. Jahrhundert sind Hüfingen (Kreuzfibel) und Rottweil (Gewandnadel). Die Nische, in der diese Kostbarkeiten präsentiert wurden, war daher modisch schwarz gestrichen. Der Setzkasten für die Exponate wies als Zeichen für die spärliche Überlieferung große Lücken auf.

Weitere Highlights der Ausstellung waren neben den karolingischen Exponaten die originalen Grabbeigaben der „Dame von Schwenningen” sowie Fürstenbergkelch und Scheibenkreuz (Abb. 3) aus dem Münsterschatz.

Abb. 3: Eröffnungsbesucher vor der Vitrine mit dem Fürstenbergkelch.

Über die Ausgrabungen „Auf der Lehr” und den sensationellen Fund eines reich begabten Frauengrabes des 6. Jahrhunderts nach Christus berichtete das Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins bereits 1984/85 2. Zufällig prangt auf dem Titel jenes Heftes auch der Fürstenbergkelch, den die damaligen Stadtherren Heinrich und Agnes von Fürstenberg im 13. Jahrhundert an das Münster stifteten. D.h. die Preziosen waren schon einmal vereinigt, wenn auch nur auf dem Papier. Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass diese besonderen Objekte Identität stiften und die Bürger stolz machen auf ihre eigene Geschichte, egal, wie lange sie zurückliegt. Das Thema „Bürgerstolz” scheint in der Ausstellung ebenfalls bei beiden großen Stadtteilen auf, wird jedoch auf interessante Weise hinterfragt.

Abb. 4: Die Kartonwand strukturierte die Ausstellung.

Die Ausstellung strukturierte eine elliptisch gebaute Kartonwand (Abb. 4). Obwohl die Assoziation nahelag, sollte sie nicht die Stadtmauer von Villingen symbolisieren, sondern die Konstruiertheit von Identitäten und Geschichte, also eine „Identitäts- und Geschichts-Baustelle” darstellen. Daher war die Kartonwand an einigen Stellen aufgebrochen, unfertig. Bausteine waren herausgenommen. So entstand für die Ausstellungsdidakik die Möglichkeit unterschiedlicher Textebenen. Auf der Wand waren die erläuternden Texte grün, vor der Kartonwand auf den herausgenommenen Fragmenten rot. Auf der Wand standen die abweichenden Erzählweisen, auf den Fragmenten vor der Wand die allgemeine Interpretation, die ins kollektive Gedächtnis übernommen wurde. Am Beispiel Villingens hießen die Überschriften „Stolze alte Stadt” (rot) und „Das Provinzstädtchen?” (grün) oder „Wehrhafte Stadt” und „Wehrlose Stadt”. Das Verfahren wurde an weiteren zentralen Themen (Stadtheld Romäus…) fortgeführt und durchdekliniert, so dass für den Leser / die Leserin ein spannender Dialog von Sichtweisen entstand. Der Besucher / die Besucherin wurde auf die wichtigen Fragen der Ausstellung gestoßen: Ist nicht jede Identität konstruiert? Von wem und zu welchem Zweck? Ist nicht auch Geschichte ein Konstrukt? Können geschichtliche Ereignisse nicht aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden? Das Gegenüber von sanktionierter Sicht (die auch in den Geschichtsbüchern steht) und Gegen- Narrativ war auch der aktuellen Diskussion über  „fake news?” und „alternative Fakten” geschuldet. Der Ausstellungsbesucher sollte sich eine eigene Meinung bilden. Dafür erhielten Interessierte am Eingang einen Leitfaden zum Ausstellungsbesuch, die „10 Gebote zum Umgang mit Geschichte(n)”. Im Inneren der Ellipse (Abb. 5) wurde die Geschichte von Villingen und Schwenningen chronologisch von 817 bis heute in bedeutsamen Begegnungen erzählt.

 

Abb. 5: Eine Besucherin beschäftigt sich mit den Begegnungen zwischen Villingen und Schwenningen.

Zunächst waren es häufig kriegerische Auseinandersetzungen, Plünderungen nach Belagerungen und Brandschatzungen, die zum Teil bis heute Wunden hinterlassen haben, dann vorsichtige Begegnungen und Annäherungen der Nachbarn (auch zur Fastnacht), bis zur ersten Idee einer Städtefusion in den 1920er Jahren und der Umsetzung 1972 mit dem Städtevereinigungsvertrag. Verglichen mit der Urkunde von 817 ist dieser ein nüchternes 8-seitiges Papier, das vor allem die Gleichberechtigung der Orte betont und die Absicht, die Identitäten der Teilorte zu wahren und zu pflegen. Im Ohr hat der Betrachter dabei immer das unterschiedliche Ticken der beiden großen Stadtteile. Zwei Metronome, versteckt in der Kartonwand, waren in unterschiedlichem Rhythmus getaktet, der aber durchaus auch mal Gleichklang erzeugte.

Fragen der Ausstellung wurden im Begleitprogramm aufgegriffen. Der erste Vortrag des Germanisten und Namensforschers Konrad Kunze beschäftigte sich mit den ortsüblichen Familiennamen. Im 9. Jahrhundert reichten die Vornamen noch aus, um die wenigen Menschen zu identifizieren, die hier siedelten: Liubolt (Schwenningen), Wito und Heimo (Villingen) und Tuato (Tannheim). Für Schwenningen und für Villingen sind bestimmte Namen typisch geworden. In Schwenningen ist eine Besonderheit, dass die Häufigkeit gleichlautender Familiennamen dazu führte, Zusätze zu vergeben, die den Gemeinten eindeutig benannten.

Ein weiterer Vortrag das Archäobotanikers Manfred Rösch beschäftigte sich mit der frühen Besiedlung des Schwarzwalds. Hintergrund war die Frage, ob sich im Topos „Schwarzwald” örtliche Identität kristallisiere, denn immerhin heißt die Bahnstation bis heute „Villingen (Schw.)” und die Stadt in früheren Jahrhunderten Villingen „vor (oder hinter, je nach Sichtweise) dem Wald”.

Ein Erzählcafé, also eine Gesprächsrunde mit Zeitzeugen, beschäftigte sich mit dem Jazz in Villingen und Schwenningen und inwiefern er bis heute Identität stiftet. Der Jazz-Club in Villingen ist einer der ältesten Jazz-Clubs Deutschlands. Er hat heute – wie viele andere Vereine – vor allem „Nachwuchssorgen”. In Schwenningen wurde und wird jedoch auch gejazzt. Eine Schülerband vom Gymnasium am Deutenberg bewies dies praktisch, indem sie das Café musikalisch begleitete. Bekanntlich hatte Fritz Ewald als Schwenninger das Jazz-Festival „VS swingt” für die Gesamtstadt begründet und jahrelang konzipiert. Ein weiteres Erzählcafé (Abb. 6) griff den Ausstellungstitel „Wie tickt Villingen-Schwenningen?” auf und spannte den Bogen – wie die Ausstellung selbst – bis in die Gegenwart.

 

Abb. 6: Erzählcafé „Wie tickt Villingen-Schwenningen?” am 3. August 2017.

Interessanterweise beriefen sich die „Separatisten” – die es hüben wie drüben gab – auf eine eigene und wollten auf keinen Fall eine „gesamtstädtische Identität” übergestülpt bekommen. Der Ton war aber versöhnlich und leise neckend: Mit Humor ließe sich auch eine „Zwangs-Ehe” besser verkraften, meinten nicht nur Peter Ruge, Cartoonist und Podiumsteilnehmer, sondern auch die VS-Kabarettisten Thomas Moser und Michael Schopfer im Publikum. Große Hoffnung setzte man dennoch in die Jugend und die Zeit, die es „in 100 Jahren” vielleicht richten würde. Diese Haltung wurde von den „Zugezogenen” etwas verständnislos zur Kenntnis genommen.

In diese Richtung zielte auch der letzte Raum der Ausstellung (Refektorium): „Spielräume: Wer sind wir? Wer werden wir sein?”. Nachdem der Besucher / die Besucherin während des Erkundens der Ausstellung erkannt hatte, dass geschichtliche Ereignisse („Glockenraub”, Zugehörigkeit zu Baden), Naturräume (Schwarzwald, Schwenninger Moos), Natur- (Hölzlekönig) und Baudenkmale, aber auch starke Persönlichkeiten („Romäus”) Identität stiften, wurden hier drei Themenbereiche herausgegriffen und auf Zukunftsfähigkeit untersucht: Neue Helden, Kunst und – angesichts der großen Entfernungen der Stadtteile voneinander – Mobilität.

Abb. 7: Vitrine mit Exponaten der „neuen Helden”.

Die Helden wurden in Politik, Sport und „Narretei” gefunden mit Exponaten wie dem Regenbogenschal von Christa Lörcher (Schwenninger Familie, in Villingen lebend), dem Torhüterhelm von Matthias Hoppe (aus Aschaffenburg stammender SERC-Spieler, in Schwenningen lebend) und dem Skisprunghelm von Martin Schmitt (Tannheim) (Abb. 7). Diese Beispiele und die Geschichte der doppelstädtischen Fastnachtsfahne von Raphael Rabe, einem jungen und überzeugten Doppelstädter, bestätigen die im Erzählcafé geäußerte Hoffnung, dass die Zukunft eine Chance für eine gesamtstädtische Identität böte.

Die Schwierigkeiten, in der Stadt von A nach B zu kommen, waren um die Jahrhundertwende mit der Hoffnung auf Multi-Mobilität beantwortet worden (Postkarten mit Zukunftsvisionen). Sie sind heute hübsch anzusehende Makulatur: keine Seil-, Straßen- oder U Bahn verbindet die weit auseinanderliegenden Stadtteile, nur eine in großem Bogen durch die „Pampa” fahrende Eisenbahn (der Bus zum Klinikum ist allerdings eine wirkliche Verbesserung). „Mobilität” war u.a. Thema der Unternehmungsberatungsfirma „Urbanista” 2016/17, deren Ergebnisse in Auszügen und Schaubildern in der Ausstellung nachzulesen waren. Bestätigt wurde in der Kunst von Mareike Drobny, was im Erzählcafé „Wie tickt VS?” gefordert wurde: Zuerst müsse einmal der Zentralbereich „zuwachsen”, bevor man von „einer Stadt” rede. Die Berliner Künstlerin Drobny, die innerhalb des Skulpturenprojekts der Städtischen Galerie zum Stadtjubiläum ihre Arbeit „TEILsein” umsetzen konnte, stattete Freiwillige (TEILnehmer) mit GPS-Sendern aus, die

deren Wege dokumentierten. Diese Spuren gaben – keine große Überraschung – den derzeitigen Stadtplan von VS wider – mit einer großen Leere zwischen den StadtTEILen.

Kunst als Seismograph dessen, was auf unszukommt, hatte überhaupt das letzte Wort in der Ausstellung: Kunst als Lebensmittel („Heimwehtaschentuch”) und Kunst als Reflexions- und Erinnerungsort („Stolpersteine”). Wie im humorvollen Zugang (Cartoons, Kabarett, Witze) weitet sich hier der Horizont, alles wird hinterfragt und alles wird möglich. Der Künstler Francis Picabia sagte: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann”. Um dies auch den Besuchern zu ermöglichen, gab es verschiedene Spielstationen, ein VS-Memo-, ein Stadtteil- Ratespiel, Fühl-, Dialekt- und Hörstationen: alles in allem ebenfalls eine runde (oder elliptische?) Sache.

Im Nachgang: neben Auto-Kennzeichen (VSVl), (badischen) Wappen, (blau-weißen) Fahnen und Veranstaltungsreihen (Südwestmesse, VS swingt, Kulturnacht) können auch Straßennamen Identität anzeigen. Im flott geschriebenen Magazin zur Ausstellung wird dieses Thema –  das aktuell wieder Bedeutung gewinnt – unter die spitze Feder genommen, ebenso andere Themen aus dem Umfeld der Ausstellung.

Das Magazin ist für 5,00 “ weiterhin erhältlich. Ein neuer Audioguide zur Dauerausstellung der Stadtgeschichte, der die Ergebnisse der Ausstellungverarbeitet, ist in Vorbereitung.

Anmerkungen:

1 Vgl. Maulhardt, Heinrich: Die Ersterwähnung von Villingen, Schwenningen und Tannheim in ihrer Wirkungsgeschichte, in: 817 – Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen. Alemannien und das Reich in der Zeit Kaiser Ludwigs des Frommen, Ostfildern 2016, S. 18.

2 Huger, Werner: Archäologie auf der Baar: Neue Funde bei den Grabungen auf den alamannischen Friedhöfen von Schwenningen am Neckar und Neudingen an der Donau, Jahresheft IX des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S. 14 – 19.

Bildnachweis:

1 – 5 Roland Sprich

6 Kurt Risle

7 Roland Sprich