Der wilde Mann vom Germanswald (Peter Graßmann)

In Villingens Wäldern hauste einst ein merkwürdiges Geschöpf: ein wilder Mann, der mit den Tieren lebte und vor den Menschen floh. So jedenfalls berichtet es der Basler Humanist Sebastian Münster in seiner Weltbeschreibung „Cosmographia“, die seit der zweiten Ausgabe von 1545 einen Abschnitt zu Villingen enthielt. Der wilde Mann vom Germanswald ist heute relativ unbekannt und hat es in kein modernes Sagenbuch geschafft, doch für Münster war er erzählenswert genug, um einen Gutteil der knappen Ortsbeschreibung einzunehmen. Was hat es mit diesem Wesen auf sich? Wörtlich heißt es bei Münster:

„Es ist in vergangenen jahren bey diser Statt in S. Germans Wald gewesen ein wilder vnd gantz viehischer Mann / der ist Sommer vnd Winter gantz nackend gelauffen / sich des Grases vnd Wurzlen beholffen / zu Nacht bey dem Viehe auff Thannenreiß vnd nackend gelegen / hat auß keinem Brunnen sondern auß Mistlachen getruncken. Er hat die Menschen geflohen wie ein wild Thier / ist zu letst an der Pestilentz gestorben.“

Abb. 1: Cosmographia, Abschnitt „Villingen“.

Seit der Ausgabe von 1628 wird der wilde Mann auch bildlich dargestellt. (Abb. 1) Wir sehen ihn mit Blattkrone und -schurz, einem langen Bart und dichter Fellbehaarung am ansonsten nackten Körper. Mit der Linken stützt er sich auf eine riesige Keule, die Rechte ruht an der Hüfte. Von diesen Attributen ist im Text gar nicht die Rede; dort ist seine hervorstechendste Eigenschaft einfach nur, viehisch zu sein, also tierhaft im Verhalten. Die Darstellung musste auch nicht explizit für ihn angefertigt werden, denn man konnte auf den etablierten kulturhistorischen Topos des Wald- oder Wildmenschen zurückgreifen, der in zahllosen Variationen die europäische Imagination des Mittelalters und der Frühneuzeit bevölkert.

Als „außerhalb oder an der Grenze der Zivilisation lebende[s] Wesen“1, das zwischen Mensch und Tier eingeordnet wurde, kann der Wildmensch als Vorläufer von populären Kryptiden wie Yeti und Bigfoot gelten – Wesen, die allein durch ihre Existenz die Frage nach den Grundbedingungen des Menschseins aufwerfen. Wie ihre modernen Pendants wurden solche Gestalten vor allem in Gegenden verortet, die als entlegen, gefährlich und unbewohnt galten. In der Cosmographia finden sich dem Mann vom Germanswald gleichende Darstellungen in den Abschnitten zu Afrika und Indien, wo man seit der Antike zahlreiche übernatürliche und fremdartige Wesen vermutete. Gestützt auf Berichte von Plinius beschreibt Münsteretwa eine Rasse der Ichthyophagen (Fischesser) am Ganges und zeigt dazu einen offenbar nahen Verwandten unseres Wildmannes in Begleitung einer wilden Frau. (Abb. 2) Das Attribut „viehisch“ verleiht Münster auch einem Stamm von Menschenfressern, die es auf der Insel Java geben soll.

Aber auch mitten in Europa ist der Wilde vom Germanswald kein Sonderfall, wie unzählige Beispiele aus Sagen Abb. 1: Cosmographia, Abschnitt „Villingen“. und Märchen zeigen.2

Abb. 2: Cosmographey, Ichthyophagen.

Vor allem in wald- und gebirgsreichen Gebieten tauchen die Kreaturen auf, deren Verhalten sie als „Negativpol im Dualismus von Wildheit und Zivilisation, Triebhaftigkeit und Affektkontrolle, Laster und Tugend“3 kennzeichnet. Auch der Villinger Wilde ist in seinem Verhalten das genaue Gegenteil des höfischen Ideals: Er kennt keine Tischmanieren, ist unbekleidet und der Konversation unfähig. Entsprechend lebt er außerhalb der Stadt und damit außerhalb der geordneten, zivilisierten Gesellschaft, am Rande eines der letzten geschlossenen Waldgebiete Mitteleuropas.

Häufig sind die in der europäischen Kulturgeschichte tradierten Wildmänner als Naturgeister oder -dämonen anzusprechen, die sich durch besondere, unmenschliche Kräfte auszeichnen. Im alemannischen Sprachraum kennt man etwa die Fanggen oder Fänggen, die als riesengroß, behaart und mit Fellen oder Baumrinden bekleidet beschrieben werden. Sie sollen nachtschwarze Augen haben, die manchmal zu glühen beginnen und Blitze schleudern. Ein ähnlicher und berühmterer Vertreter der Naturgeister ist die im Siebengebirge beheimatete Sagengestalt Rübezahl. Als vergleichbar, aber einer anderen Erzähltradition zugehörig, kann der „Wolfbach-Rolli“ von Pfaffenweiler gelten, ein katzenähnliches Wesen, „halb Mensch, halb Tier“, das die Kühe und Ziegen der Bauern verzaubert. Tannheim kennt den „Osemali“, einen Moorgeist, den die Fastnacht als urtümliches Waldwesen imaginiert, und ebenfalls am Rande des Schwarzwaldes haust der „groaß Hoad“ (der große Heide) von Erdmannsweiler, der unschuldige Mädchen verschleppt. 4

Unserem Wilden vom Germanswald fehlen übernatürliche Eigenschaften ebenso wie Riesenkräfte. Von ihm ging offenbar weder eine Gefahr aus, noch besaß er besondere Fähigkeiten. Im Gegensatz zu vielen Sagenfiguren kennen wir auch sein Ende: Er ist „zuletzt an der Pestilenz gestorben“. Könnte der Erzählung gar eine reale Person zugrunde liegen? Zumindest klingt nichts an diesem Bericht so merkwürdig, dass man ihm jeden Wahrheitsgehalt absprechen müsste. Für mittelalterliche Stadtgesellschaften war es nicht untypisch, dass Geisteskranke, Behinderte oder Aussätzige in die Wildnis verstoßen wurden, wo sie auf sich allein gestellt waren. Gerade den Villinger Arzt Georg Pictorius, von dem Münster den größten Teil seiner Villingen-Beschreibung übernahm, dürften solche Fälle unter medizinischen Aspekten interessiert haben. Eine Quelle für die Erzählung ließ sich jedenfalls bislang nicht entdecken.

Ob ein Zusammenhang mit dem Gasthaus zum Wilden Mann besteht, das sich mindestens seit dem 14. Jahrhundert in der Oberen Straße befand, ist ungewiss. Eine Verbindung herzustellen ist verlockend, kann aber in die Irre führen. Derartige Gasthäuser gibt es viele, und meist spielen sie ohne besonderen Lokalbezug mit der Figur als Sinnbild des Lasterhaften. Aus demselben Grund finden wir wilde Leute auch immer wieder als Fastnachtsfiguren im schwäbisch-alemannischen Raum. Typisch ist in beiden Fällen eine Nähe zum griechischen Weingott Bacchus, wie nicht zuletzt das noch erhaltene Wirtshausschild vom „Wilden Mann“ im Franziskanermuseum zeigt. (Abb. 3)

Die Beschreibung des Wilden vom Germanswald muss in Verbindung mit der Darstellung bei den Zeitgenossen jedenfalls den Eindruck erweckt haben, Villingen liege am Rande der bewohnten Welt, wo Kreaturen hausen, wie man sie eher bei den „Erdrandbewohnern“ vermuten würde.

Abb. 3: Wirtshausschild „Wilden Mann“.

Kein Wunder, dass sich die Erzählung von Münster ausgehend unter den Autoren des 17. Jahrhunderts verbreitete und beispielsweise auch im „Rosetum Historiarum“ von Matthäus Hammer unter der Überschrift „Wilder Mann lässt sich bei Villingen blicken“ zwischen allerlei historischen und wundersamen Anekdoten auftaucht. Es mag nicht Wenigen schlüssig erschienen sein, dass hier, am Rande des Schwarzwaldes, an der österreichischen, später badischen Peripherie, wo man sich nie recht gegen den Vorwurf erwehren konnte, Provinz zu sein, so mancher tatsächlich noch wie ein Urmensch hauste.

Anmerkungen:

1 Enzyklopädie des Märchens, Band 14, Berlin 2014, S. 810, Abschnitt „Wildmenschen“.

2 Vgl. Mot. F 567 (Motiv-Index).

3 EM 14, S. 810.

4 Vgl. Anton Birlinger: Sagen, Märchen und Aberglauben (Volksthümliches aus Schwaben 1), Freiburg 1861, Nr. 398: „Der große Heide“.

Bildbeschreibung:

Abb. 1: Abschnitt „Villingen“, aus: Sebastian Münster: Cosmographia, Basel 1628, Franziskanermuseum.

Abb. 2: Ichthyophagen, aus: Sebastian Münster: Cosmographey, Basel 1567, Universitätsbibliothek Freiburg.

Abb. 3: Wirtshausschild „Wilder Mann“, 18. Jahrhundert, Franziskanermuseum, Abteilung Stadtgeschichte, Inv.-Nr. 11812.