Nach mehr als 80 Jahren endlich bekannt:Die Schöpferin der schönen Plastiken im Villinger Stadtpark (Volker G. Scheer)

Am 1. Juli 1934 erhielt die Fayence-Manufaktur Kandern Richard Bampi einen Großauftrag der Stadt Villingen für sieben fast lebensgroße Plastiken. Sie sollten den neu zu schaffenden Kurpark schmücken, der im an das Kneipp-Freibad angrenzenden Gelände im Entstehen war. Im selben Jahr fand Richard Bampi mit Erna Kientz eine aus Freiburg stammende Künstlerin, von deren großem Geschick und Talent er wusste. Einige der Villinger Plastiken tragen die Signatur „EK“, von der in Kandern nicht mehr bekannt war, als dass es das Markenzeichen von Erna Kientz- Vogel, Mitarbeiterin in der Werkstatt des Kanderner Keramikers Richard Bampi, war. Denn lange Zeit stand die falsche Schreibweise des Namens der Künstlerin dem Rechercheerfolg im Wege.

Im zum Standardwerk gewordenen Buch „Richard Bampi – Keramiker der Moderne” von Maria Schüly findet sich bei den biographischen Daten zu Mitarbeitern von Richard Bampi nur „Erna Kinz-Vogel, Malerin, Plastikerin, um 1912 geboren, zunächst in Berlin, seit 1935 in Kandern, Plastikerin und Malerin in Bampis Werkstatt, während des 2. Weltkrieges gestorben”, aber auch ein Zitat nach Wilhelm Gimbel und Hermann Hakenjos „1934 kam Erna Kinz-Vogel hinzu, die bis 1941 die Werkstatt-Produktion wesentlich mitprägte”.

Sollte die Signatur EK auf Keramiken, Plastiken und Gemälden und drei Fotos bei der Arbeit an keramischen Plastiken alles sein, was von einem Menschen bleibt, fragte ich mich seit mehr als 20 Jahren.

Unter den 1934 von Dr. Paul Wolff & Tritschler auch in Kandern gemachten Fotos für das Archiv der „Reichsbahndirektion Karlsruhe” zu touristischen Zwecken sind drei, die Mitarbeiter Bampis in dessen Werkstatt zeigen. Dabei ist immer eine hübsche junge Frau, die an einer keramischen Plastik arbeitet.

Abb. 1: Erna Kientz später Frau Vogel. Im Hintergrund Wilhelm Gimbel, Meister.

Der im Hintergrund zu sehende Wilhelm Gimbel, seinerzeit Meister bei Bampi, konnte nicht mehr gefragt werden, und ein ihm geschenktes Blumen-Still-Leben im Besitz seiner Tochter zeigt auch nur das bekannte Monogramm EK.

Mit der Signatur EK sind im Kanderner Heimat- und Keramik-Museum nur wenige Stücke, im Augustiner-Museum Freiburg eines. Die sehr fragmentarischen Daten wie „während des Zweiten Weltkrieges verstorben…” waren Anlass, bei den Krankenhäusern und Standesämtern von Basel bis über Freiburg hinaus zu recherchieren, was ergebnislos blieb. Vermeintliche Spuren über den Familiennamen „Kinz” bis weit hinein nach Bayern – in Wollbach gab es in den 1930er Jahren eine Haushälterin dieses Namens, die auch in Wollbach verstarb – brachten nicht weiter. Auch mit Namensträgern Kinz um 1912 in Berlin lebend war nicht weiter zu kommen.

Abb. 2: Erna Kientz: Villinger Narro.

Im Bampi-Buch von Maria Schüly sind neben Gefäßen und kleineren Plastiken ihre größten, bis 110 cm hohen, abgebildet, die im Villinger „Kurpark im Kneippschwimmbad” noch heute zu sehen sind. Ein ausführlicher Artikel zu Kurpark und seinen Majolika-Figuren von Folkhard Cremer (Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes) aus dem Jahr 2014 im Jahresheft XXXVII des Geschichts- und Heimatverein Villingen e.V. bringt schöne Fotos der Plastiken, zur Künstlerin aber nicht mehr, als von Maria Schüly bekannt.

Ein Aufruf in der Lokalausgabe Weil/Kandertal der Badischen Zeitung vom 30. April 2014 fand keine Resonanz. Ein letzter Versuch im November 2015 beim Suchdienst des DRK in München wurde mit „nicht vermisst gemeldet” beantwortet. Nun schien also alle Mühe vergebens gewesen zu sein. Einer Eingebung in der Weihnachtszeit 2015 folgend bat ich die Freiburger Stadtredaktion um etwas Ähnliches wie bei der Weiler Redaktion. Sie reagiert prompt und am 2. Januar 2016 kam ein kleiner Text mit Foto unter der Rubrik „Sonst noch was”. Noch am gleichen Tag meldete sich bei der Stadtredaktion ein Verwandter aus dem Dreisamtal, der die abgebildete Person erkannte, den falsch geschriebenen Namen berichtigen konnte und mir einen Hinweis auf den Sohn der Gesuchten in Freiburg gab, mit dem ich am 7. Januar in Verbindung kam.

Ihr richtiger Name ist Erna Kientz und verheiratet schrieb sie sich Erna Kientz-Vogel (dann EK/V signierend) und – wer hätte das gedacht – verbrachte die längste Zeit ihres leider nur kurzen Lebens in Freiburg. Von hier aus war sie oft in Kandern, fertigte aber teilweise auch Stücke in Freiburg, und in Kandern fertiggestellte kamen in Holzkisten verpackt per Transport nach Freiburg, wo sie bei den Eltern lebte. Der aus Scherzheim (heute Stadtteil von Lichtenau im Ortenaukreis) stammende Vater Friedrich Kientz war Lokführer bei der Deutschen Reichsbahn, hatte in Mülhausen im Elsass seine Frau Laura Luise geb. Kunze kennengelernt und dort ist am 16.02.1907 das einzige Kind Erna Luise geboren. Am 30.08.1919 kam die Familie als Elsass-Flüchtlinge nach Freiburg, wo der Vater meistens als Lokführer auf der Höllentalbahn fuhr.

Abb. 3: Erna Kientz: Elefant.

Zunächst wohnte die Familie in der Merzhauser Straße, und 1933 konnte Friedrich Kientz als Bähnler von der Bahn ein günstiges Grundstück im Birkenweg erwerben und dort ein schönes Einfamilienhaus nahe den Gleisen der von ihm befahrenen Bahnstrecke erbauen.

Abb. 4: Erna Kientz: Vase.

Erna besuchte zunächst die Schule in Mülhausen, dann in Freiburg, wo sie anschließend auch eine Haushaltungsschule absolvierte. Ihr Zeichenlehrer Greiner in Mülhausen erkannte schon früh ihr künstlerisches Talent. Ob sie in Freiburg eine Lehre oder sonstige Ausbildung machte ist bis heute leider nicht bekannt, doch 1926 verbrachte sie lungenkrank einige Wochen in Davos. Bekannt und nachgewiesen sind von 1930 – 1933 fünf Semester Studium der Allgemeinen Künste in Berlin an den Vereinigten Staatschulen für freie und angewandte Kunst (Vorgängerin der heutigen Universität der Künste) bei ihrem Landsmann, dem Markgräfler Professor Adolf Strübe. Um 1934 kam es zur Verbindung mit Kandern und 1936 heiratete Erna Luise Kientz in Freiburg den Kunstmaler Alfred Vogel von dem sich im Katalog der „Ausstellung der Stadt Freiburg 1934” vom 15. August bis 1. Oktober die drei Ölbilder Männlicher Kopf, Studienkopf und Landschaft finden.

Wegen der bedrohlichen Grenznähe Freiburgs zu Frankreich ging Erna Vogel mit den beiden Kindern (Peter *1937, †2017 und Hanna *1940) zu Verwandten ihres Mannes nach Trochtelfingen auf der Schwäbischen Alb. Gesundheitlich schwer angeschlagen nach dem Tod des Mannes („wenn sie ihn noch einmal schwerverletzt sehen wollen, so müssen sie schnellstens nach Düsseldorf kommen”, wozu sie aber drei Tage in ungeheizten Zügen unterwegs war, und er bei ihrem Eintreffen dort schon verstorben und begraben war) und hochschwanger kam sie ins Krankenhaus nach Bopfingen, wo sie kurz nach der Geburt der zweiten Tochter (Heidi *1945) am 5. Februar verstarb. Die beiden großen Kinder konnten im Juli 1945 zu den Großeltern nach Freiburg zurück, das kleine Mädchen blieb noch in Trochtelfingen und wurde später von einem Vetter der Mutter in den USA adoptiert.

Nachdem Verwandtschaft bei Freiburg, Kinder in Freiburg, der Schweiz und den USA ausfindig gemacht waren, konnten bei allen sehr schöne Stücke ihres Schaffens bewundert und sowohl Familienfotos wie Aufnahmen ihrer Werke zusammengetragen werden. Auch für die Kinder war es

überraschend, mehr und Unbekanntes von ihrer Mutter zu erfahren, die sie ja so jung verlieren mussten. Beim Besuch in ihrer einstigen Wohnung fanden sich noch fast vergessene Stücke in Form von Plastiken, Vasen und Gipsformen, was wie eine Schatzkammer anmutete. Vielleicht bietet sich einmal die Möglichkeit, mit den vielen schönen von Erna Kientz-Vogel hinterlassenen Stücken eine Ausstellung zu machen.

Der Anregung, ihrer zum 110. Geburtstag zu gedenken, kam die „Badische Zeitung” Freiburg am Samstag, 11. Februar 2017, nach und brachte eine ganze Seite mit Fotos und dem Text „Verrückte Geschichte – Jahrzehnte suchte ein Freiburger überall Infos zu Erna Kientz-Vogel, die nun 110 Jahre alt würde.”

Anmerkungen:

Dank an:

Badische Zeitung Redaktion Weil/Kandertal und Stadtredaktion Freiburg

Herwig Vogel, Stegen-Eschbach

Frau Hafner, Stadtarchiv Freiburg

Stadt Lichtenau für Stadtteil Scherzheim

Dr. Dietmar Schenk, Archiv der Universität der Künste Berlin

Peter Vogel, Hanna Sagiv-Vogel und Heidi Ogletree-Vogel