Die Metalltuchfabrik Brachertund die Uhr vom Niederen Tor (Ute Schulze)

Im Jahr 1847 wurde das Niedere Tor abgebrochen und das „Bezirksstrafgericht“ mit angeschlossenem Gefängnis als das erste größere Bauvorhaben, seit die Stadt 1806 an Baden gefallen war, begonnen. Am 15. Dezember 1846 wurde ein Vertrag zwischen dem badischen Justizministerium und der Stadt Villingen über die Bauplatzabtretung nach Abriss des Niederen Tores geschlossen. Am 25. Juli 1847 fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Die Arbeiten gerieten dann ins Stocken. Erst 1857 wurde das neue Gebäude vom Amtsgericht bezogen, nachdem der große Saal zwischenzeitlich von der evangelischen Kirchengemeinde alle 14 Tage zu Gottesdienstzwecken genutzt worden war. Am 1. Oktober wurde wiederum mit einer großen Feier der Einzug des Kreisgerichts begrüßt. Was jedoch fehlte war die Uhr des ehemaligen Torturmes, die für die Bewohner der Gegend die Zeit anzeigte.

Bereits 1862 kamen die Bürger der Niederen Straße beim Gemeinderat mit der Bitte ein, die Turmuhr, die sich bis 1847 auf dem Niederen Tor befand, wieder in Betrieb zu nehmen. 48 Personen unterzeichneten die Schrift. Mit Auftrag des Gemeinderats untersuchten Gemeinderat Held und der Uhrmacher Stocker die Uhr und befanden diese für noch brauchbar. Der ursprüngliche Vorschlag sah als Standort das Bezirksstrafgericht (heute Amtsgericht) vor. Dies hätte bauliche Maßnahmen erfordert, da das Dachgeschoss des Gebäudes nicht geeignet war, und ein Turm zum Einbau der Uhr hätte errichtet werden müssen. Der Gemeinderat lehnte wegen der hohen Kosten daher die mehrfach wiederholte Bitte ab.

Durch Privatinitiative des Metalltuchfabrikanten Jakob Bracher kam das Projekt dennoch voran. Seine Firma, die durchschnittlich 25 Mann beschäftigte, stellte hauptsächlich Siebe für die Papierindustrie sowie Filter und Pressenablaufsiebe verschiedener Art sowie Maschinenteile her. Sie wurde 1845 als Metalltuchfabrik Schlosser & Bracher gegründet. 1 Man reichte bei den Gewerbeausstellungen 1858 in Villingen und 1861 in Karlsruhe Produkte ein, die jeweils mit Silbermedaillen prämiert wurden.

Mit Datum vom 16. Mai 1865 bot Bracher, ein Mitunterzeichner der ersten Petition, an, auf seinem Wohn- und Fabrikgebäude ein Türmchen für die Uhr zu errichten, da das Haus von der Niederen Straße gut sichtbar war. Bracher wollte das Türmchen auf seine Kosten errichten, wenn die Stadt ihm einen Zuschuss von 100 Gulden sowie vier Eichenpfosten zum Bau bewilligen würde. Darüber hinaus wollte Bracher weitere Pflichten übernehmen: Jeder Besitzer des Gebäudes sollte auch künftig die Uhr auf dem Gebäude dulden, die Uhr aufziehen, im Falle eines Brandes die Glocke läuten und das Türmchen auf eigene Kosten in Stand halten. Zur Sicherheit von Uhr und Turm wollte Bracher noch einen Blitzableiter montieren lassen. Auf die Stadt kämen nur Kosten in Höhe von 100 Gulden für eine Glocke zu, die nach Angabe des Glockengießers Grüninger einen Zentner wiegen würde. Daraufhin wurde nun erneut die Uhr auf ihren Zustand überprüft. Am 14. August 1865 wandten sich dann 96 Bürgerinnen und Bürger an den Rat, er möge auf das Angebot Brachers eingehen. Am 24. August 1865 beschloss der Gemeinderat, die Offerte Brachers anzunehmen, und beauftragte den Uhrmacher Georg Fidel Hirt mit der Instandsetzung der Uhr. Der Akte liegt ein Vertragsentwurf zwischen der Stadt und der Firma Bergmann und Bracher bei, der die Vorschläge Brachers aufnahm und eine Frist von 3 Monaten zum Bau des Turms festschrieb. Die Reparatur der Uhr kostete schließlich 90 Gulden. Am 25. November 1865 teilte Bracher dem Gemeinderat mit, dass der Bau erfolgt sei, aufgrund der Witterung der Anstrich jedoch nicht erfolgen könnte. Die Uhr war mittlerweile auch aufgestellt und in Gang, jedoch fehlte noch die Glocke. Diesbezüglich gab es wieder eine Eingabe von diesmal elf Bürgern, die der Gemeinderat jedoch ablehnte. 2 Die Stadt blieb Eigentümerin der Uhr.

Das Gebäude, später Großherzog-Karl-Straße 1, selbst war um 1855 errichtet worden. Bis 1878 behebergte es die Firma Bracher, auf die die Metalltuchfabrik Gustav Höld folgte. Zwischen 1889 und 1898 war hier das Domizil des Druckereibesitzers Karl Görlacher. Anschließnd folgte die Uhrenfabrik Lauer & Kuhn. Ab 1912 gehörte das Gebäude der Firma Kurz & Gaiser. Von dieser kaufte die Stadt Villingen-Schwennignen das Objekt und nutzte es als Obdachlosenheim. 1997 erfolgte der Abriss mit samt dem Türmchen. Das Uhrwerk jedoch befindet sich heute im Franziskanermuseum.

Abb. 1: Uhrwerk, Franziskanermuseum Inv. Nr. 12799.

Anmerkungen:

1 Ralf Ketterer: Exposé zur Einrichtung des Franziskanermuseums Villingen-Schwenningen. „Industriegeschichte“, unveröff. Typoskript, Villingen-Schwenningen 1995, S. 3.

2 SAVS Best. 2.2 Nr. 2166. Abb. 1: Uhrwerk, Franziskanermuseum Inv.Nr. 12799.