Von Bruderschaften in Villingen: Das Antoniter-Huus in der Rietstraße (Wolfgang Bräun)

Abb. 1: Alte Ansicht des „Antoniuskeller“ in der Rietstraße, als dieser auch noch als Café von Hermann Schäfer bewirtet wurde.

Villingen. „Mögen Sie Pommes und sind Sie älter als 45…?“–Dann haben Sie als Villinger der späten 60er Jahre bis 1984 ganz sicher mal die längsten Pommes der Region gegessen…! Denn die gab es nur in der Rietstraße 24, wenn auch nicht aus Riesen-Kartoffeln, dann aber aus Kartoffelmehl, Milch und Wasser und eben aus der Pommes-Presse. Gewirtet wurde im „Antoniuskeller“ von 1912 bis 1984, im Volksmund „AK“ genannt, von Karl und Klaus Faller und zu Anfang mit einem Café und Wein-Restaurant von Hermann Schäfer.

Historisch geht der Name der Wirtschaft zurück auf die einstige Bruderschaft „St. Antoni Eremitae“, gegründet 1457, die von 1503 an bis 1785 nahe dem Franziskaner und dem Riettor hier auch eine Kapelle hatte.

Es war eine Männer-Bruderschaft, wie sie in Villingen gleich mehrfach auftraten und die in religiöser Überzeugung ihrer jeweiligen Gruppe im Franziskaner auch ihre Nebenaltäre pflegten: so die Schmiedeknechte, die Armbrustschützen, die Brüder des Hl. Sebastian und des Hl. Franziskus und die Mannsbilder vom „Leiden Christi“, die sich als Passionsbruderschaft sahen.

Gefahren. Im frühen bis späten Mittelalter eben auch eine St.-Antonius-Bruderschaft zu führen, ergab sich meist aus dem Bewusstsein alltäglicher Risiken bei schwerer und gefährlicher Arbeit im Wald, im Steinbruch oder durch Unfälle beim Kirchen- und Hausbau oder in der Landwirtschaft. In diesem Sinne entstanden viele christliche Bruder- aber auch Schwesternschaften, in denen über Statuten die großen und populären Ordensgemeinschaften nachgeahmt wurden. Meist standen sie unter Aufsicht des lokalen Klerus, hielten Gottesdienste ab, erlegten sich Bußen auf und sorgten sich um Not leidende Brüder, Fremde, Reisende, Schutzlose oder Kranke.

Sittliches Leben. Zweck einer Bruderschaft war also, das religiös-sittliche Leben unter den Mitgliedern zu fördern und sich und andere vor geistigen und körperlichen Übeln durch den besonderen Schutz eines Heiligen zu bewahren. Dabei bedurfte es für eine Bruderschaft an allen Orten immer auch der Zustimmung durch die lokalen Kirchenführer. So stellte man sich in der Rietstraße im strengen Glauben unter den besonderen Schutz des Hl. Antonius.

Schaffner. Es sei der Bruder Anton Lyasside von Tornier gewesen, der um 1450/60 als Praeceptor und als sogenannter „Schaffner“ eines bereits bestehenden Antoniter-Hauses als Gründer der Villinger Bruderschaft gilt. Auf ihn gehe auch zurück, dass er „den Brüdern ex speciali privilegio“ erlaubte, das „Tau“ zu tragen, das griechische T – als ein Bruderschaft- Abzeichen mit silbernem Glöcklein. Grad so, wie zahlreiche Darstellungen den Hl. Antonius zeigen, dessen Wanderstab am oberen Ende zum „T“ geformt war und an dem ein Glöcklein hing.

Antoniusfeuer. Zwischen 1336 und 1360 wird erstmals „der herren hus von sant Antonien“ in Villingen erwähnt. Es diente als „Terminier-Haus“, von wo aus die Beauftragten des Ordens ihre Sammel- und Bettelreisen für ihren caritativen Dienst unternahmen. Es ist wohl anzunehmen, dass in der Rietstraße lange Zeit auch Befallene des „Antonius-Feuers“ * gepflegt wurden, was als eine der Hauptaufgabe des Ordens galt.


Abb. 2: Frühe mittelalterliche Stadtansicht mit nummerierten Standorten wichtiger Gebäude: die No 9, das Antoniterhaus, gleich beim Riettor.

In Villingen starb der letzte Schaffner 1545, der als „Weltpriester“ die Kranken-Gottesdienste versehen und die Antonius-Bruderschaft betreut hatte. In der Folgezeit unterstand das Antoniter- Haus in Villingen als eine von „zwölf Balleien“ im Bistum Konstanz der General-Präzeptorei Freiburg.

Kapelle. Die Antonius-Kapelle mit den weiteren Gebäuden ging schließlich in Besitz und Eigentum der Bruderschaft über und wurde von weltlichen Pflegern verwaltet.

Nach den Zerstörungen durch die Belagerung 1633 und auch 70 Jahre später, als 2.000 Kugeln aus Tallards Kanonen nicht nur das Franziskaner- Kloster trafen, sondern auch das Kloster „wahrlich zu einem Trümmerhaufen“ machten, setzte sich im Juli 1704 jedoch selbst Prinz Eugen vor Ort für einen Wiederaufbau ein.

Es war 1723 als man das Kirchlein „in Ehrenstand gebracht“, was auch der Initiative des Pfarr- Rektors Rieger und einem Cyprian Winterhalter zuzuschreiben war. Den Hochaltar schmückte damals das Standbild des St. Anton, eine Skulptur des Meisters Johann Anton Hops.

Blick zum Tau. Die Bruderschaft wurde jedoch schon 1785 aufgehoben und die Kapelle wurde profaniert.

Abb. 3: Statue des Heiligen Antonius Eremita von Johann Anton Hops: Die Statue trug ursprünglich an seinem Stab in der Linken das Bruderschaftsabzeichen, des griechischen T mit zwei Glöcklein.

Abb. 4: Bruderschaftszeichen im Vorderhaus des früheren „AK“: das „Tau“ aus 1503.

Seit dem Umbau des sog. Antoni-Hauses 1964 ist der ehemalige Scheitelstein des Torbogens Seit dem Umbau des sog. Antoni-Hauses 1964 ist der ehemalige Scheitelstein des Torbogens mit der Jahreszahl „15-T-03“ offenkundig in den Treppenaufgang an der Rietstraße versetzt worden, und, wie bei Revellio 1964 nachzulesen, wurden im Hinterhaus „auf einem Kämpfer ruhende Ansätze eines gotischen Kreuzgewölbes mit Schildbogen und Diagonal-Rippen festgestellt“.

Anmerkungen:

Bildunterschriften:

Abb. 1: Alte Ansicht des „Antoniuskeller“ in der Rietstraße, als dieser auch noch als Café von Hermann Schäfer bewirtet wurde.

Abb. 2: Frühe mittelalterliche Stadtansicht mit nummerierten Standorten wichtiger Gebäude: die No 9, das Antoniterhaus, gleich beim Riettor.

Abb. 3: Statue des Heiligen Antonius Eremita von Johann Anton Hops: Die Statue trug ursprünglich an seinem Stab in der Linken das Bruderschaftsabzeichen, des griechischen T mit zwei Glöcklein.

Abb. 4: Bruderschaftszeichen im Vorderhaus des früheren „AK“: das „Tau“ aus 1503. Bilder/Repros: Bräun

Das Antoniusfeuer, auch Heiliges Feuer genannt, galt bis ins ins 17. Jahrhundert als ansteckende Krankheit. Erst danach erkannte man, dass es sich um die Folgen einer Pilz-Vergiftung handelte, ausgelöst durch einen später als „Mutterkorn“ benannten Pflanzenschädling. Ein Pilz nistete sich in den Roggenähren ein und war besonders kurz vor der Ernte äußerst giftig und bereits in kleine Mengen tödlich. Erst nach drei Monaten erheblicher Beschwerden hat die hochgiftige Wirkung nachgelassen. Eine wahre Epidemie trat besonders nach Hungerperioden auf, wenn frisch geernteter Roggen sofort verzehrt wurde. Besondere Bedeutung erlangte der Heilige Antonius Eremita als „Heiler vom Heiligen Feuer“, der seiner Legende nach auch wegen dieser Krankheit konsultiert wurde. Nach ihm wurde die Krankheit bald Antoniusfeuer genannt.