Bahnhofstraße 8 – Das Preiser Haus (Werner Preiser)

Villingen um 1900. Das einstige Ratzennest hat sich zu einem Gewerbestandort mit Ausstrahlung in den süddeutschen Raum entwickelt. Einheimische Firmengründungen wie Zuzüge aus anderen Regionen haben sich etabliert. Die Stadt zeigt auch ihre Prosperität: neben der räumlichen Ausdehnung entstanden an vielen Stellen stilvolle Gebäude, z.B. im Bahnhofsviertel. Aus Mauchen bei Stühlingen zog in jungen Jahren Adolf Preiser, geb. 1877, nach Villingen, um ab 1906 im Haus der früheren Gießerei Grüninger, Kronengasse 7, heute Feuerwehr Villingen, seine Geschäftsidee zu verwirklichen: die Herstellung von Limonadengrundstoffen und Mostextrakten zur Bereitung von Hausgetränken für die Bevölkerung. Die Stadt bot ihm eine geeignete Infrastruktur, insbesondere bessere Verkehrsverbindungen in den süddeutschen Raum hinein.

Abb. 1: Briefkopf der Fa. Preiser.

Bereits 1912 konnte Adolf Preiser nach aussichtsreichem Anfangserfolg ein für die Zukunft geeignetes Anwesen erwerben, das erst 1900 erbaute Wohnhaus mit dahinter liegenden Betriebsräumlichkeiten der ehemaligen Zigarrenfabrik Kaiser in der Bahnhofstraße 8. Das Haus im Gründerzeit-Stil mit seinem stiltypischen Vorgarten war bald darauf Heimat für eine Familie mit drei Söhnen und einer Tochter. Im Erdgeschoss gab es genügend Geschäftsräume für das aufstrebende Unternehmen.

Abb. 2: „Villa Preiser“ vor der Sanierung, Abbildung ca. um das Jahr 2000.

Mit dem Tod des Firmengründers an Kriegsfolgen nach der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg führte die Ehefrau, Josefine Preiser, geb. 1876, die Geschäfte weiter. Der älteste Sohn, Hermann Preiser, geb. 1908, trat 1926 in die Firma ein. (Hermann Preiser war in späteren Jahren als Heimatforscher, Zweiter Vorstand des Geschichtsund Heimatvereins und in verschiedenen Vereinen als engagiertes Mitglied und Förderer bekannt geworden). Das Haus Bahnhofstraße 8 erlebte dann nach ruhigeren und zunehmend besseren Jahren seine schlimmste Zeit. Im Zweiten Weltkrieg war Mangelwirtschaft die Regel. Reparaturen mussten improvisiert erfolgen. Fachleute und Handwerker waren wie Hermann Preiser zur Wehrmacht eingezogen worden.

Abb. 3 bis 8: Haus Bahnhofstraße 8 und Umgebung mit Kriegstreffern.

Der Betrieb überlebte durch Zwangsaufträge zur Lebensmittelversorgung, Spirituosenherstellung für Soldaten, Parfüm für Rotkreuzschwestern (letztere Produkte waren durch die spezielle Ausrüstung des Betriebes – Destillation und Mazeration – möglich). Kurz vor Kriegsende nahmen die Fliegerangriffe an Häufigkeit und Intensität zu, bis dann der Bombenhagel am 22.02.1945, welcher das Bahnhofsviertel mit den herrlichen Bauten weitgehend zerstörte, so auch das Haus Preiser. Im Gebäude hielt sich als „Stallwache“ nur der langjährige, sehr engagierte und zuverlässige Mitgeschäftsführer, Otto Zimmermann, auf. Er überlebte unverletzt in den massiven Kellerräumen. (In den Nachbargebäuden dagegen gab es mehrere Opfer zu beklagen). Die zuletzt wenigen Beschäftigten der Firma Preiser waren nur noch sporadisch und am späten Abend, wenn weniger Fliegerangriffe erwartet wurden, tätig und von daher bei der Bombardierung in sicherer Entfernung zum Bahnhofsviertel. (Die Vorgänge um die Bombardierung wurden ausführlich von Werner Huger im Jahresheft XIX, 1994/95 dargestellt). Nach dem Kriegsende konnte die Brennerei notdürftig in der Hans-Kraut-Gasse eingerichtet werden, während alle Kräfte dem Wiederaufbau des Hauses im ursprünglichen Baustil gewidmet waren. Dieser Kraftakt dauerte über 2 Jahre, da Baumaterial in ganz Deutschland knapp war. So musste z.B. das Dach teilweise mit Holzschindeln aus der Ortenau provisorisch abgedichtet werden, da Schieferplatten und Tonziegel zuerst gar nicht erhältlich waren. Auf Grund solcher Notlage weist die Gebäudefront zum heutigen Postgebäude hin eine andere Struktur auf als das übrige Gebäude.

Abb. 9: Brennblase im Produktionsgebäude.

Der wunderschöne historische Treppenaufgang, in massiver Eiche gefertigt und mit Schnitzarbei- ten verziert, hat glücklicherweise im Schutt der Gebäudeschäden überlebt, genauso wie ursprüngliche Dekor-Fliesenböden. Dank eines Vorrats an Spirituosen als Tauschmittel, dank des hart erkämpften Geschäftserfolges in der Nachkriegszeit und dank eiserner Sparsamkeit, konnten die Belastungen nach und nach abgetragen werden.

Nachdem schon in den 50er Jahren die Produktionsflächen zu beengt waren, erfolgten Aufstockung und Anbau des Betriebsgebäudes sowie die Erweiterung durch ein zusätzliches Anwesen in der Marbacher Straße (Saftpresserei, Brennerei und Küferei). Hermann Preiser war inzwischen mit Vera, geb. Braun, verheiratet; der Ehe entsprangen drei Söhne (Werner, Lothar, Siegfried) und zwei Töchter (Roswitha und Ulrike).

Das Büro- und Wohnhaus blieb für Familie und Beschäftigte eine sehr beliebte, angenehme Unterkunft und wurde bei Besuchen stets bewundert. Allerdings musste man in späteren Jahrzehnten wegen Nachwirkungen der Kriegsschäden zunehmend mit Kompromissen leben. Eine der neueren Zeit entsprechende Modernisierung wurde bewusst eingeschränkt, um die historische Substanz des Hauses im Hinblick auf eine stilbewusste Sanierung zu erhalten. Dies war möglich, als Werner Preiser, der älteste Sohn Hermann Preisers und geschäftlicher Nachfolger, ein neues Firmengebäude bezogen hatte. (Hermann Preiser war Ende 2001 nach einem sorgenvollen, dann aber erfüllten Leben verstorben). Die Familienmitglieder waren sich stets einig – und es war auch der ausdrückliche Wunsch Hermann Preisers gewesen – dass das Gründerzeit-Haus unbedingt erhalten werden sollte. 2013 nun entschieden sich Werner und Ulrike Preiser, das Anwesen mit dem historischen Haus an den Architekten und Sanierungsfachmann Andreas Flöß, Villingen, abzugeben.

Bildunterschriften:

Abb. 1 Briefkopf der Fa. Preiser mit Abbildung des Gebäudes (Foto: Archiv Preiser).

Abb. 2 „Villa Preiserç“ vor der Sanierung, Abbildung ca. um das Jahr 2000 (Foto: Archiv Preiser). von links oben nach rechts unten

Abb. 3 Haus Bahnhofstraße 8 und Umgebung mit Kriegstreffern.

Abb. 4 Blick vom Haus Bahnhofstraße 8 mit Kriegstreffern Richtung Bahnhof.

Abb. 5 Haustüre Bahnhofstraße 8 mit beschädigter Treppenanlage.

Abb. 6 Haus Bahnhofstraße 8 mit westlich angeschlossenem Fabrikgebäude.

Abb. 7 Haus Luisenstraße 4 mit Beschädigung durch Kriegstreffer

Abb. 8 Haus Bahnhofstraße 8 mit Zugangssituation (Fotos: Archiv Preiser).
Abb. 9 Brennblase im Produktionsgebäude (Foto: Archiv Preiser).