Die Bahnhofstraße 8 in Villingen (Andreas Flöß)

Historie und Städtebau

In der Blütezeit des deutschen Kaiserreichs (1871 – 1918) entstanden zahlreiche Villen und Häuser im sogenannten historistischen Stil mit dem bewussten Rückgriff auf Schmuckelemente der deutschen Vergangenheit. Diese Formensprache verflocht sich dann mit dem floralen Jugendstil und brachte besonders filigrane und großzügige Bauten hervor. In Villingen entstanden so neue Quartiere außerhalb der Stadtmauer wie das Romäus-Gymnasium und das Villinger Krankenhaus in der Herdstraße, (Friedrichkrankenhaus). Weitere bedeutende Stadt-erweiterungen in dieser Zeit fanden auch in der Mönchweiler Straße, Vöhrenbacher Straße, Schillerstraße, Benediktinerring, Luisenstraße und, direkt angrenzend, in der Bahnhofstraße statt.

Das Haus Bahnhofstraße 8

Auch die Bahnhofstraße, an der Brigach gelegen und in nächster Nähe zum Bahnhof, ist trotz einiger kriegsbedingter Verluste noch immer vom Stil dieser Zeit geprägt. Das Haus in der Bahnhofstraße 8 wurde in der Hochzeit des Villinger Jugendstils, im Jahr 1900 errichtet. Für die sich um die Jahrhundertwende merklich erweiternde Stadt, war diese Lage eine bevorzugte Wohngegend geworden, nahe beim Bahnhof und vor den Toren der mittelalterlichen Umfassungsmauern. Der Formenschatz des ausgehenden Historismus wie auch Stilelemente aus dem Jugendstil werden am Gebäude augenfällig, wenngleich in spürbarer Zurückhaltung. Das Haus ist ein anschauliches Belegstück für die baugeschichtliche Entwicklung der Stadt und ihrer Erweiterung, sowie für die architektonische Formensprache dieser Zeit.

Im Jahre 2012 hat Andreas Flöß das Gebäude von der Familie Preiser erworben und ein Aufnahmeverfahren in die Liste der Kulturgüter angestrebt. Das Landesdenkmalamt hat diesem Wunsch entsprochen und, mit Datum vom 01.10.2013, nachfolgende Denkmaleigenschaft festgestellt:

„Fabrikantenvilla. Historistischer traufständiger Klinkerbau, zweigeschossig mit Gliederungen in Werkstein und Schmuckdetails in Fachwerk. Nach Plänen des Villinger Architekten Naegele für den Fabrikanten C. Kaiser errichtet. Am Erker der Straßenfront bez. 1900. Hofseitig originaler verglaster Wintergartenvorbau.“ (Dr. F. Cremer LDA RP FR)

Im Innern des Hauses ist, vom Erdgeschoss bis ins Dachgeschoss, weitgehend die historische Raumaufteilung mit großen Teilen der bauzeitlichen ortsfesten Ausstattung erhalten. So zum Beispiel das Treppenhaus mit einer eichenen Holztreppe und gedrechseltem Geländer, sowie die Zwischenwände mit Oberlichtern und Türen, die Terrazzo- und Holzfußböden bzw. Bodenfliesen in Flur- und Küche. Die originalen Haus- und Zimmertüren mit originalen Türklinken, runden ein stimmiges Bild von einem nahezu „unverbauten“ Gebäude ab. Von der Einfriedung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist der eiserne Zaun mit Eingangspforte zum Gehsteig noch erhalten.

Abb. 1: Bahnhofstraße 8 mit rückwärtig angebautem Fabrikationsgebäudeund aufgemaltem Firmenlogo. „Archiv Preiser“.

Das rückwärtig angeschlossene Fabrikationsgebäude stammt vermutlich aus den 1920er Jahren. Es wurde später sowohl nach Süden als auch nach Norden bis nahe an die Grundstücksgrenzen erweitert. Anschaulich wird dies im Innern an der Nordseite der ursprünglichen Außenwand, wo sich noch die Werbeinschrift der Spirituosen und Aromen Herstellerfirma Preiser KG, die ab 1906 das Anwesen übernommen hat, befindet. Nach mehreren Jahren Suche, für eine geeignete Nutzung, wurde ab dem Jahr 2016 eine aufwendige Sanierung für beide Gebäude angestoßen. Während im rückwärtigen Fabrikationsgebäude große Loftwohnungen entstanden, war für die nun denkmalgeschützte Villa die weitere Bestimmung, ein Hotel zu werden.

Abb. 2: Bahnhofstraße 8 mit Info Stele Hotel Villa8.

Möglich wurde dies durch Brigitte Hiermaier, welche das Gebäude erwarb und seit April 2017 dort ein kleines Hotel mit Frühstück betreibt. Unter großem Einsatz aller beteiligten Handwerksfirmen der Region, wurde Stück für Stück der ursprüngliche Charakter des Gebäudes wieder herausgeschält. Hierbei galt es, die bestehenden historischen Bauteile zu reparieren und zu ergänzen, gleichzeitig aber auch mit den neuen und baurechtlich nötigen Bestimmungen in Einklang zu bringen.

Abb. 3: Architekt Andreas Flöß und Hotelbetreiberin Brigitte Hiermaier.

Die schmucklosen und neuzeitlichen Fenster, wurden komplett durch fein ausprofilierte Rahmen und Flügel ersetzt. Die vorhandenen Bodenbeläge wurden entfernt und die bestehenden Dielenböden entsprechend repariert, geschliffen und geölt. Ebenso wurden die bestehenden Holztüren mit Überblattungen und Holzfüllungen erhalten und für eine Hotelnutzung überarbeitet und aufgerüstet.

Abb. 4: Bahnhofstraße 8, Gesamtansicht von der Bahnhofstraße aus gesehen.

In Küche und Diele wurden die historischen Fliesen ergänzt und, wo es nötig war, repariert. Aus dem Muster der Fliesen hat sich das Hotel Villa8 auch sein Logo abgeleitet, um auch formal einen optimalen Bezug zum Gebäude herzustellen. Die bestehenden Wände und Decken wurden nach Abnahme der Tapeten, entsprechend gespachtelt und mit glattem Putz sowie Anstrich versehen. Lamperien wurden, wo es notwendig war, ersetzt.

Abb. 5: Ursprüngliche glasierte Fliesenkeramik im Eingangsbereich und stilgebend für das neue Hotel Logo.

Die haustechnischen Anlagen wie Elektro, Heizung und Sanitär, wurden durch behutsamen Eingriff in die bestehende Bausubstanz, eingebaut. Die Raumstrukturen wurden übernommen, um die ursprüngliche Ablesbarkeit der Wohnungen, zu erhalten.

Abb. 6: Bahnhofstraße 8, mit neuem Hotel Logo und Hausnummer in der Eingangspforte.

Außergewöhnlich für ein Hotel sind die Holzdielenböden und die natürliche Belichtung in den Bädern. Im Außenbereich wurde die Fassade überarbeitet und die Dachhaut mit ihren Gaupen und Wiederkehr komplett erneuert.

Abb. 7: Hotelzimmer im Obergeschoss mit vorgelagertem und erhöhtem Flur.

Der Außenbereich wurde mit dem dahinterliegendem Fabrikgebäude gemeinsam gestaltet und bildet fortan ein schönes vis à vis zum Villinger Bahnhof. Städtebaulich wertet die Sanierung den Bereich um die Bahnhofsgegend insgesamt auf, welche in den vergangen Jahren selbst schon einige Veränderungen erfahren hat.

Anmerkungen:

Bildunterschriften:

Abb. 1 Bahnhofstraße 8 mit rückwärtig angebautem Fabrikationsgebäude und aufgemaltem Firmenlogo. Das Bild wurde von Norden aufgenommen, auf dem jetzigen Standort des Postgebäudes. Aus dem „Archiv Preiser“.

Abb. 2 Bahnhofstraße 8 mit Info Stele Hotel Villa8.

Abb. 3 Architekt Andreas Flöß und Hotelbetreiberin Brigitte Hiermaier.

Abb. 4 Bahnhofstraße 8, Gesamtansicht von der Bahnhofstraße aus gesehen.

Abb. 5 Ursprüngliche glasierte Fliesenkeramik im Eingangsbereich und Stilgebend für das neue Hotel Logo.

Abb. 6 Bahnhofstraße 8, mit neuem Hotel Logo und Hausnummer in der Eingangspforte.

Abb. 7 Hotelzimmer im Obergeschoss mit vorgelagertem und erhöhtem Flur.