Geschichte der nephrologischen Versorgungim Schwarzwald-Baar-Kreis (Olaf Hergesell)

Die Nephrologie, die sich mit der Diagnostik, Therapie und Prävention von Nieren- und Hochdruckkrankheiten befasst, ist eine relativ junge Disziplin innerhalb der Inneren Medizin. Zu den Aufgaben der Nephrologie gehört insbesondere die Durchführung extrakorporaler Blutreinigungsverfahren (Dialyse), um den Verlust der Organfunktion bei chronischem und akutem Nierenversagen ersetzen zu können. Der erste Dialyseversuch am Menschen wurde bereits 1924 von Georg Haas in Gießen durchgeführt. Allerdings war die Behandlungsdauer nur sehr kurz und der Patient überlebte nicht lange. Es dauerte viele weitere Jahre bis sich durch technische Weiterentwicklungen der künstlichen Niere (Dialysemembran), Etablierung von OP-Techniken für Gefäßzugänge („Shunt“) und Optimierung der Dialysemaschinentechnik die Hämodialyse als etabliertes, routinemäßiges Verfahren in der Therapie von Patienten mit Nierenversagen durchsetzen konnte. Eine weitere Verbreitung fand die Dialysetherapie in Deutschland erst Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Vorher war die Behandlung von Dialysepatienten nur in ganz wenigen universitären Zentren in Einzelfällen möglich. 1969 wurde die Hämodialyse erstmals von den Krankenkassen als Kassenleistung anerkannt. Die Patienten mussten zu diesem Zeitpunkt teilweise sehr weite und zeitintensive Anfahrten zur Dialyse in Kauf nehmen. Die Sterblichkeit an Dialyse und die Komplikationen des Verfahrens waren auch zu diesem Zeitpunkt noch sehr hoch.

1970 gründete Dr. med. Karl-Heinrich Schmidt in Bad Dürrheim eine der ersten privaten Dialyseeinrichtungen in Deutschland und legte somit den Grundstein der Dialyseversorgung im Raum Schwarzwald-Baar. Dies war sozusagen die Geburtsstunde des Nephrologischen Zentrums Villingen-Schwenningen. Da zu diesem Zeitpunkt eine flächendeckende Versorgung mit Dialysepraxen in Baden-Württemberg noch lange nicht gegeben war, kamen die Patienten auch aus weiter entfernten Bereichen der Region, um in Bad Dürrheim dialysiert werden zu können. Rasch wurde eine Erweiterung des Dialyseangebotes nötig, da die Zahl der Dialysepatienten kontinuierlich anstieg.

Abb. 1: Bild der ersten Dialyseeinrichtung im Schwarzwald-Baar Kreis, Bad Dürrheim 1970.

Um ein höheres Platzangebot und eine engmaschigere Verzahnung mit dem Klinikum garantieren zu können, wurde das Dialyseinstitut in der Schramberger Straße in Schwenningen gebaut und am 15.4.1974 bezogen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 3 Nierenspezialisten in der Praxis tätig. Die enge räumliche Nähe zum Krankenhaus in Schwenningen, war ein wichtiger Schritt zur engen Kooperation mit den Krankenhäusern der neu geschaffenen Doppelstadt Villingen-Schwenningen.

Die konsilarische Mitbetreuung und Mitbehandlung von Klinikpatienten mit Nierenversagen gehörte bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zu einer wesentlichen Aufgabe des nephrologischen Zentrums und sicherte die nephrologische Versorgung der Patienten im Schwarzwald-Baar-Kreis.

Abb. 2: Ursprüngliches Dialyseinstitut in der Schramberger Straße in Schwenningen, Eröffnung April 1974.

Im Laufe der Jahre wurde der Standort in der Schramberger Straße ausgebaut und bei wachsenden Patientenzahlen auch eine Erweiterung der Mitarbeiterzahl notwendig. Eine weitere qualitative Verbesserung der Patientenversorgung wurde mit der Ansiedelung kooperierender Facharztpraxen anderer Fachdisziplinen erreicht, die im räumlich angegliederten Ärztehaus ihre Praxen unter einem gemeinsamen Dach betrieben. Insbesondere die häufig gleichzeitig an verschiedenen Krankheiten leidenden Dialysepatienten benötigen eine interdisziplinäre Versorgung durch verschieden Fachgebiete der Medizin, um eine gute und umfängliche Behandlung gewährleisten zu können. Auch die Anwesenheit einer Apotheke und eines Bistros verbesserte das Serviceangebot für die Patienten wesentlich und wurde von den Patienten häufig in Anspruch genommen.

Im Zuge der Verbesserung der wohnortnahen Versorgung von Dialysepatienten und Patienten mit anderen nephrologischen Krankheitsbildern wurden im Laufe der letzten 4 Jahrzehnte neben dem Standort Villingen-Schwenningen weitere nephrologische Praxen bzw. Dialyseeinrichtungen in den umliegenden Kreisen (Rottweil, Tuttlingen, Donaueschingen, Freudenstadt, Wolfach, Sulz, Hechingen, Rottenburg, Albstadt und Titisee- Neustadt) gegründet, die alle der überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaft Nephrologisches Zentrum Villingen-Schwenningen angehören. Die Tätigkeitsfelder der nephrologischen Versorgung aller Patienten dieses Einzugsbereiches liegen nicht nur in der Durchführung der chronischen Hämodialyse, sondern sind im Laufe der Jahre immer umfangreicher geworden. Zum Beispiel stellt die konsiliarische Betreuung und Durchführung von Akutdialysen bei Patienten aller kooperierenden Kliniken einen wichtigen Teil unserer Arbeit dar. Desweiteren werden andere extrakorporale Therapieverfahren wie Plasmapherese, Lipidapherese und Immunadsorption angeboten. Die Betreuung und Nachsorge nierentransplantierter Patienten und von Patienten, die eine Bauchfelldialyse durchführen, stellt einen weiteren wichtigen Teil der Tätigkeit im Nephrologischen Zentrum dar. Die ambulante Versorgung von Patienten mit Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen, ist ein zusätzlicher wesentlicher Teil unserer Arbeit in den verschiedenen Praxen, in denen eine Nierensprechstunde angeboten wird. Die Prävention des Fortschreitens einer Nierenerkrankung bis zur Dialysepflichtigkeit ist hierbei eine zentrale Aufgabe unserer Versorgung. Im Jahre 2005 wurde mit der Eröffnung einer diabetologischen Praxis innerhalb des Nephrologischen Zentrums ein weiterer, wichtiger Aspekt der Patientenversorgung etabliert.

Abb. 3: Nephrologisches Zentrum Villingen-Schwenningen mit Ärztehaus am alten Standort Schramberger Straße, Schwenningen.

Nachdem im Jahre 2004 der Gemeinderat der Stadt Villingen-Schwenningen und der Kreistag den Beschluss einer künftigen Zusammenlegung der beiden Krankenhausstandorte Villingen und Schwenningen und damit den Bau eines Zentralklinikums beschlossen hatten, wurde auch für das Nephrologische Zentrum Villingen-Schwenningen eine langfristig tragfähige Standortentscheidung notwendig. Die Gesellschafter entschlossen sich schließlich, einen Neubau des Nephrologischen Zentrums in unmittelbarer Nähe des neuen Zentralklinikums zu planen. Der Neubau, der durch den Architekten Herrn Herbert Pleithner entworfen wurde, konnte innerhalb eines Bauzeitraumes von ca. 20 Monaten verwirklicht werden und der Umzug in die neuen Räume erfolgte zum 15.4.2013, noch 3 Monate vor Eröffnung des Zentralklinikums. Durch den Neubau direkt neben dem Klinikum mit direkter Verbindung über einen eigens errichteten Gang zwischen den Häusern, ist eine noch bessere und patientenfreundlichere Versorgung der Dialysepatienten möglich geworden. Die enge Kooperation zwischen Klinikum und Nephrologischem Zentrum stellt gleichzeitig eine direkte, zeitnahe und kompetente Versorgung unserer gemeinsamen Patienten sicher. Die Zusammenarbeit mit dem Zentralklinikum sichert eine enge Verzahnung und Kontinuität zwischen ambulanter und stationärer Behandlung und stellt einen wesentlichen Baustein der Versorgung der häufig schwerkranken Dialysepatienten dar.

Das „neue“ Nephrologische Zentrum bietet auf einer Fläche von etwa 5.500 Quadratmetern Platz für 2 Dialysestationen (insgesamt 68 Plätze), eine Bauchfelldialyseabteilung (CAPD) und mehrere Sprech- und Behandlungszimmer für die Therapie von Nieren-, Bluthochruck- und Diabeteserkrankungen.

Zusätzlich sind noch 2 weitere Facharztpraxen (Urologie und Schmerztherapie), eine podologische Praxis, ein Sanitätshaus, der betriebsmedizinische Dienst des Schwarzwald Baar-Klinikums und eine Mammographie-Screening–Einheit im Gebäude beheimatet.

Abb. 4: Blick auf das Nephrologische Zentrum Villingen- Schwenningen in der Albert-Schweitzer-Straße in unmittelbarer Nähe zum Zentralklinikum SBK.

Der Umzug in das neue Gebäude mit Klinikumsanbindung ist aus unserer Sicht ein wichtiger Schritt für die Sicherstellung einer langfristigen, modernen, patientenorientierten und qualitativ hochwertigen nephrologischen Versorgung der Patienten der Region gewesen. Wahrscheinlich hatte der Neubau des Nephrologischen Zentrums auch eine gewisse Schrittmacher- und Katalysatorfunktion für andere Bauprojekte in diesem Areal. Durch die weitere Ansiedlung von Ärztehäusern, Apotheken und Facharztpraxen am Standort in unmittelbarer Nähe, ist ein zentraler Medizinstandort der Stadt entstanden, der eine interdisziplinäre Versorgung der nierenerkrankten Patienten deutlich erleichtert. Die Zahl der betreuenden Nephrologinnen und Nephrologen in der Berufsausübungsgemeinschaft Nephrologisches Zentrum ist mittlerweile auf 16 angewachsen. Die Zahl der Mitarbeiter in Pflege, Dialysetechnik, Verwaltung und Betriebsorganisation ist ebenfalls kontinuierlich gestiegen und dokumentiert den Bedarf an nephrologischen Versorgungsstrukturen.

Wir glauben, dass der Standort Villingen-Schwenningen und die enge und kooperative Einbindung in die medizinische Infrastruktur der Region auch langfristig Garant für eine erfolgreiche und patientenorientierte Zukunft der nephrologischen Versorgung ist.