Menschen und Landschaften. Kunst aus Villingen (Michael Hütt)

Vom 14. Februar bis zum 18. April 2004 wurde im Franziskanermuseum die Ausstellung „Menschen und Landschaften. Kunst aus Villingen“ gezeigt. Höhepunkte des lokalen Kunstgeschehens des 17. bis 20. Jahrhunderts aus Museumsbeständen – darunter eine Reihe von Neuerwerbungen der vergangenen Jahre, die erstmals zu sehen waren – bildeten den Grundstock der Ausstellung. Doch erst großzügige Leihgaben aus Privatbesitz machten es möglich, bewusst Schwerpunkte zu bilden. Oberstes Kriterium für die Auswahl der Exponate war künstlerische Qualität. Das ist eine sehr ungenaue Größe und in einem kulturgeschichtlich ausgerichteten Museum wird sie nur selten benutzt. Doch je besser ein Bild ist, desto aussagekräftiger ist es auch als Zeichen seiner Zeit und des kulturellen Umfeldes, in dem es entstand, desto mehr Zeugniswert für die Geschichte vor Ort hat es. Die Ausstellung hat in einem Querschnitt durch das Kunstschaffen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert gezeigt, dass der Beitrag Villingens zur Geschichte der Kunst zwar ganz sicher klein und unspektakulär war, aber nichts desto trotz spezifisch und deshalb unbedingt auch präsentationswürdig.

Die Stadt Villingen beherbergte immer eine Reihe von Künstlern. Der Kunstbetrieb war jedoch im 17. und 18. Jahrhundert anders geregelt als im 19. oder 20. Jahrhundert.

Der frühneuzeitliche Künstler studierte nicht an Akademien und war nach der Ausbildung auch nicht freiberuflich tätig, sondern in Zünften organisiert. Auch für Villingen ist eine Zunftordnung der Maler und Bildhauer aus dem Jahr 1603 erhalten. Die Maler beanspruchten darin alle Arbeiten mit Pinsel und Farbe für sich, auch solche, die wir heute einem Anstreicher übertragen würden. Einen Unterschied zwischen dem Handwerker und dem Künstler gab es noch nicht.

Im 19. Jahrhundert änderte sich die Situation grundlegend, aber für Villingen nicht zum Besseren. Nun gingen die Talente tatsächlich auf die Kunstakademien, bekamen eine auch in kunsttheoretischen Fragen umfassende Bildung, wurden als Künstler und nicht mehr nur als Handwerker hochgeschätzt – und kamen meist nie mehr nach Villingen zurück.

Vor diesem Hintergrund ist die lebendige Kunstszene des frühen 20. Jahrhunderts erstaunlich und erfreulich. Die Buch- und Kunsthandlung von Josef Liebermann in der Rietstraße war hierbei eine Institution, die sich erfolgreich um die Vermittlung zwischen Künstlern und Publikum bemühte. Reich ist aber keiner der Künstler des 20. Jahrhunderts geworden. Auch das städtische Museum hat die Werke nicht von den lebenden Künstlern gekauft.

 

Abb. 1: Wilhelm Dürr, Porträt der Mutter Elisabetha Dürr, 1836, Öl auf Leinwand, Franziskanermuseum, Inv.Nr. 12506

 

 

Abb. 2: Ludwig Engler, Ach du lieber Augustin, Öl auf Karton, Privatbesitz

 

Erst weit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Kunst des 20. Jahrhunderts allgemein museumswürdig geworden war, kamen die Arbeiten in die städtischen Sammlungen.

Die Ausstellungspräsentation war klassisch chronologisch. Ein Raum zeigte vormoderne Kunst des 17. bis 18. Jahrhunderts. Hier waren unter anderem zwei große Bilder aus der Wandvertäferung des Alten Rathauses zu sehen, die wegen der Sanierung des Rathauses bereits seit Jahren im Museumsdepot hängen. In der Ausstellung kamen die etwas blutrünstige Darstellung von Samson, der mit einem Eselskinnbacken tausend Philister erschlägt, und die Schilderung der Opfer Kains und Abels zum ersten Mal als Kunstwerke zur Geltung.

Die nächste kleine Abteilung war dem 19. Jahrhundert gewidmet. An einem Beispiel lässt sich hier zeigen, wie spezifisch der allgemeine Zeitgeist in konkreten Bilderfindungen vor Ort seinen Niederschlag fand. Wilhelm Dürr (Villingen 1815–1890 München) hat auswärts – in Rom, Freiburg und München – von sich reden gemacht. Sein spät-nazarenisch-akademisches Œuvre mit religiösen Themen ist heute in den großen Zentren der Kunst vergessen. Betrachtet man aber das Porträt seiner Mutter (Abb. 1), so fällt auf, dass er die zur bürgerlichen Frauenkleidung der ersten Jahrhunderthälfte noch selbstverständlich dazugehörende schwarze Haube mutig vom Bildrand überschneiden lässt. Dadurch kommt anders als in typisch standesgemäßen Porträts von Bürgersfrauen, wie sie im Depot noch in großer Zahl hängen, der individuelle Gesichtsausdruck der Elisabetha Dürr viel stärker zur Geltung. So kann man in diesem Detail weit über den privaten Charakter des Bildes hinaus die Umbruchstimmung zwischen biedermeierlichverhocktem Traditionalismus und moderner Bürgerlichkeit erkennen.

Der bei weitem größte Teil der Ausstellung zeigte Kunst der Moderne von etwa 1915 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Hier wurde stärker als in den anderen Abteilungen versucht, thematische Gruppen zu bilden. Deren größte haben der Ausstellung den Titel gegeben: Menschen – also Porträts und Genreszenen – und Landschaften. Dass darüber hinaus religiöse Malerei auch bei den „Modernen“ nach wie vor eine Rolle spielte, ist eine für die kulturelle und wirtschaftliche Situation vor Ort mit Sicherheit aussagekräftige Tatsache.

Auch für das 20. Jahrhundert lässt sich an einem Beispiel der Beleg führen für den spezifischen Beitrag der hier lebenden Künstler zu allgemeinen Themen der Zeit- und Kulturgeschichte: Ludwig Engler (Villingen 1875–1922 Bechtenstein) hat sich in seiner Kunst immer wieder mit den gesellschaftlichen und kulturellen Spannungen innerhalb der modernen Industriegesellschaft beschäftigt. In „Ach du lieber Augustin“ (Abb. 2) zeigt er eine bizarre Kombination aus heimatlicher Schwarzwaldkulisse und roter Fahne, Volksfest und Demonstration. Das erregte Getümmel aus Liebes- und Kampfszenen ergibt ein Gesellschaftsbild, wie es widersprüchlicher nicht ausfallen könnte – und wie es wahrscheinlich auch nicht ausgefallen wäre, wenn der Künstler nicht Zeit seines Lebens zwischen der politisch und künstlerisch im Zentrum stehenden Großstadt München und seiner Schwarzwälder Heimat hin und her gependelt wäre.

Ein Künstler wurde in dieser Ausstellung besonders gewürdigt – vor allem durch Leihgaben aus Privatbesitz: Paul Hirt (Villingen 1898–1951). Sein facettenreiches Œuvre reicht von naturalistischen Landschaftsdarstellungen bis zu experimentellen Arbeiten, mit denen er sich neueste Tendenzen der internationalen Moderne aneignete. Ein gutes Beispiel dafür ist das Bild „Reifende Felder“ von 1930 (Abb. 3).

 

Abb. 3: Paul Hirt, Reifende Felder, 1930, Öl auf Karton, Privatbesitz

 

Die Landchaft mit ihren geometrisch komponierten Farbflächen wäre ohne genaue Naturbeobachtung genauso wenig möglich wie ohne die profunde Auseinandersetzung mit den Werken Paul Klees oder Lyonel Feiningers. Besonders bemerkenswert ist, dass Paul Hirt auch während der Zeit des Nationalsozialismus nie in seiner Aufgeschlossenheit gegenüber den neuen richtungsweisenden Sehweisen erlahmte.

Ausstellungen wie diese plant das Franziskanermuseum künftig öfter einzurichten. So lassen sich die Schätze aus dem Depot unter verschiedenen Aspekten stets neu ausloten, so sind immer neue Kombinationen möglich. Die positive Resonanz hat gezeigt, dass das Konzept angenommen wird.